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Alexei Konstantinowitsch Tolstoi: Der silberne Fürst - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorAlexej K. Tolstoi
titleDer silberne Fürst
publisherC. Dressler Verlag
illustratorWilhelm M. Busch (1908 - 1987)
yearo.J.
translatorWulfhild von Hartmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160419
projectid78c9c2be
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Im Kloster

Als Maxim, der Sohn Maljutas, in jener stürmischen Gewitternacht das väterliche Haus verließ, hatte er sich kein bestimmtes Ziel gesteckt. Er wollte sich vor allem erst einmal von dem verhaßten Leben im Kreise der Günstlinge des Zaren losreißen, um nicht wieder und immer wieder Zeuge ihrer gemeinen Vergnügungen und der täglichen Hinrichtungen zu sein. Nun, da er die Schreckenssloboda hinter sich hatte, vertraute er sich ganz seinem Geschick an. Zuerst trieb er wohl noch das Pferd zur Eile an, aus Furcht, die Späher des Vaters könnten ihn einholen. Bald aber schlug er versteckte Seitenwege ein und ließ sein Pferd im Schritt gehen.

Gegen Morgen hatte sich das Gewitter verzogen, der Sturm nachgelassen. Im Osten begann sich der Himmel zu röten, so daß Maxim deutlicher die Gegenstände seiner Umgebung erkennen konnte. Zu beiden Seiten des Weges standen knorrige Eichen, dazwischen hie und da Haselgesträuch. Die Luft war frisch, die Regentropfen fielen noch von den Bäumen und rannen träge von Blatt zu Blatt. Bald fingen auch die kleinen Waldvögel an, sich zu regen und im dichten Grün ihre Stimmen erschallen zu lassen. An einem morschen Baum klopfte ein Specht. Die Gipfel der Eichen waren von der aufgehenden Sonne wie in Gold getaucht. Die Natur belebte sich immer mehr; das Pferd trabte munter dahin. Es war Maxim, als ob das ganze Rußland sich in seiner unendlichen Weite vor seinen Augen ausbreitete. Wie froh hätte er in seinem großen Raum untertauchen können – aber sein Herz war von Traurigkeit erfüllt, von tiefer russischer Traurigkeit. Er mußte an die verlassene Mutter denken, an seine Einsamkeit und an vieles andere mehr, worüber er sich kaum Rechenschaft ablegen konnte; in tiefem Sinnen stimmte er ein schwermütiges Lied an ... Von wunderbarem Zauber sind diese russischen Lieder! Mögen auch die Worte oft belanglos sein; sie geben ja auch nicht das eigenste Wesen des Liedes wieder, denn nicht in Worten, sondern in Tönen drücken sich die tiefsten, unfaßbarsten Gefühle aus.

Bald das saftige Grün betrachtend, bald den Himmel oder die ganze weite Gotteswelt in sich aufnehmend, ritt Maxim dahin und sang bald von seinem kummervollen Geschick, von der goldenen Freiheit und dem ewig mütterlichen, feuchten Wald, bald raunte er dem Winde einen innigen Gruß an die geliebte Mutter zu. Er fing bei dem ersten Gegenstand an, der ihm ins Auge fiel und sang sich alles von der Seele herunter, was ihn bedrückte.

Endlich, als ihn die Schwermut zu überwältigen drohte, raffte er sich jäh zusammen, zog die Zügel fester an, setzte sich die Mütze zurecht, pfiff sich eins und feuerte das Pferd an, das ihn nun in raschem Galopp dahintrug.

Nach kurzer Zeit tauchten die leuchtend weißen Mauern eines Klosters, das am Fuße eines mit dichten Eichen bestandenen Hügels lag, vor seinen Augen auf. Die goldenen Kuppeln und geschnitzten und buntgemalten Kreuze hoben sich deutlich aus dem dichten Grün der Bäume und von dem tiefen Blau des Firmamentes ab. Ein Zug von bewaffneten Laienbrüdern kam Maxim entgegen. Sie ritten im Schritt und sangen den Psalm: ›Herzlich lieb habe ich dich, Herr, meine Stärke.‹ Als Maxim die heiligen Worte hörte, hielt er ehrerbietig sein Pferd an, entblößte sein Haupt und bekreuzigte sich mehrmals.

›Hier möchte ich ausruhen‹, dachte Maxim. ›Hinter diesen Mauern will ich einige Tage verbringen, bis der Vater es aufgegeben hat, nach mir zu forschen. Ich will dem Abt in der Beichte mein Herz ausschütten, vielleicht gewährt er mir für einige Zeit Schutz.‹

Maxim hatte sich nicht getäuscht. Der greise Abt mit einem langen, weißen Bart und einem unendlich gütigen Blick nahm ihn freundlich auf. Zwei Laienbrüder führten sein müdes Roß fort, ein dritter brachte Brot und Milch für den Hund Bujan herbei; alle waren emsig um den Gast bemüht. Der Abt forderte ihn zum Mittagsmahl auf, Maxim aber wollte vor allem zur Beichte gehen. Der Greis führte ihn schweigend über einen geräumigen Hof zu der niedrigen Kapelle. Der Weg ging an vielen Gräbern und einer langen Reihe von blumengeschmückten Klosterzellen vorbei. Die Mönche, an denen sie vorüberkamen, verneigten sich schweigend. Die Grabplatten tönten von Maxims Schritten wider. Hohes Gras wuchs zwischen den Steinen und hatte die frommen Inschriften darauf teilweise überwuchert. Alles mahnte an die Vergänglichkeit des Erdenlebens, alles rief zu ernster Sammlung und zu innigem Gebet. Die Kapelle, in die der Abt Maxim führte, war von uralten Eichen umgeben, deren Äste die engen Fenster fast ganz umklammert hatten. Grabesgeruch und Dunkelheit strömten ihnen entgegen. Nur durch ein einziges Fenster, das weniger als die anderen zugewachsen war, fielen schwache Lichtstrahlen auf ein Wandgemälde, das das Jüngste Gericht darstellte. Die übrigen Teile der Kapelle erschienen dadurch um so finsterer. Nur hie und da leuchteten die silbernen Kugeln der mächtigen Kronleuchter, die Kränze vor den Heiligenbildern und die silbergestickten Kreuze und Lobsprüche auf tiefschwarzem Sammet, der über die Grabplatten der Fürsten Worotyinskij, der Gründer des Klosters, gebreitet war.

Maxim sank vor dem Abt in die Knie.

»Ehrwürdiger Vater!« sprach er, »ich muß wohl ein großer Sünder sein!«

»Bete!« antwortete der Greis milde, »groß ist Gottes Barmherzigkeit, und viel vermag die aufrichtige Reue, mein Sohn!«

Maxim nahm alle Kraft zusammen.

»Schwer ist mein Vergehen«, begann er mit zitternder Stimme. »Höre mich an, ehrwürdiger Vater, schrecklich ist es, das auszusprechen. Meine Liebe zum Zaren ist erloschen, mein Herz hat sich von ihm gewandt.«

Der Abt blickte Maxim erstaunt an.

»Stoße mich nicht von dir, ehrwürdiger Vater, höre mich erst an. Lange habe ich mit mir gerungen, lange vor den Heiligenbildern zu Gott gefleht. Ich suchte und suchte in meinem Herzen nach der Liebe zu meinem Zaren und fand sie nicht.«

»Mein Sohn«, sprach der Abt, Maxim voll inniger Teilnahme betrachtend, »eine Versuchung des Teufels muß deinen Geist umnebelt haben; du verleumdest dich selbst. Es kann nicht sein, daß du den Zaren verabscheust. Gar mancher schwere Sünder hat hier in der Kapelle seine Beichte vor mir abgelegt, Kirchenschänder und Mörder; aber es war kein einziger unter ihnen, der sich des Hasses gegenüber dem Herrscher angeklagt hätte!«

Maxim erbleichte.

»So ist meine Seele noch verworfener als die eines Kirchenschänders oder Mörders?« stieß er gequält hervor. »Was soll ich tun, ehrwürdiger Vater? Belehre mich, erleuchte meinen Geist, das Herz will mir brechen!«

Der Greis blickte ihn erneut voller Verwunderung an. Maxims offenes und reines Gesicht zeigte keinen einzigen verworfenen oder heimtückischen Zug.

»Mein Sohn«, fuhr er fort, »ich kann es dir nicht glauben! Du verleumdest dich selbst. Es ist nicht möglich, daß dein Herz sich vom Zaren gewandt haben sollte, nein, das kann doch nicht sein. Bedenke doch, was du damit sagst. Ist uns der Zar doch mehr noch als der leibhaftige Vater! Das fünfte Gebot aber befiehlt uns, den Vater zu ehren. Sage, mein Sohn, du befolgst doch die heiligen Gebote?«

Maxim schwieg.

»Mein Sohn, du ehrst doch deinen Vater?«

»Nein!« brachte Maxim kaum hörbar hervor.

»Nein?« wiederholte der Abt zurückweichend und das Kreuzeszeichen schlagend. »Du liebst den Zaren nicht? Du ehrst den Vater nicht? Wer bist du denn?«

»Ich«, sagte der junge Opritschnik mit zitternder Stimme, »ich bin Maxim Skuratoff, der Sohn des Skuratoff-Bjelskij.«

»Der Sohn Maljutas?«

»Ja!« stöhnte Maxim und brach in fassungsloses Schluchzen aus. Der Abt antwortete nicht. Er stand tief bekümmert vor Maxim. Regungslos blickten die Gesichter der Heiligen auf sie nieder; jammernd streckten die Verdammten auf dem Bilde des Jüngsten Gerichtes die Arme gen Himmel. Alles blieb totenstill. Die tiefe Ruhe der Kapelle wurde nur unterbrochen durch Maxims Schluchzen, das Zwitschern der Schwalben im Gewölbe und einige halblaut gesprochene Worte des stillen Gebetes, das der Abt für sich flüsterte.

»Mein Sohn«, sprach endlich der Greis, »beichte mir alles, verbirg mir nichts. Wie ist es gekommen, daß du den Zaren hassen lerntest?«

Maxim erzählte von seinem Leben in der Sloboda, von seiner letzten Unterredung mit dem Vater und seiner nächtlichen Flucht. Er sprach langsam und stockend und mußte sich oft besinnen, um nichts zu vergessen und nichts vor seinem Beichtvater zu verheimlichen. Als er sein Bekenntnis beendet hatte, ließ er scheu die Augen sinken, ohne zu wagen, den Blick zum Abt zu erheben, und harrte demütig seines Urteils.

»Hast du mir auch alles bekannt«, fragte der Abt, »oder bedrückt noch irgend etwas deine Seele? Hast du dich keines Anschlages gegen den Zaren schuldig gemacht, oder gegen das heilige Rußland Verrat gehegt?«

Maxims Augen blitzten auf.

»Ehrwürdiger Vater, eher würde ich mein Leben hergeben, als einen einzigen bösen Gedanken gegen die Heimat zu hegen. Wohl bin ich der Abneigung gegen den Zaren schuldig, nicht aber des Verrates, nein, nie und nimmer.«

Der Abt legte ihm das heilige Kreuz aufs Haupt. »Möge Gottes Diener geläutert werden«, sprach er, »mögen ihm all seine bewußten und unbewußten Sünden vergeben sein!«

Eine selige Freude kam über Maxim.

»Mein Sohn«, sprach der Abt, »dein Bekenntnis hat dich gereinigt. Die heilige Kirche wird es dir nicht als Sünde anrechnen, daß du die Sloboda verlassen hast. Die Versuchung zu fliehen, ist das Recht, ja sogar die Pflicht eines ernsten Christen. Der allgütige Gott«, fuhr der Greis seufzend fort, »hat uns um unserer Sünden willen eine schwere Zeit auferlegt. Uns steht es nicht an, mit unserem geringen menschlichen Verstande seine unerforschlichen Ratschläge zu deuten. Wenn der Herr Hungersnot und Krankheit über uns hereinbrechen läßt, so bleibt uns nichts anderes übrig, als zu beten und uns seinem heiligen Willen zu fügen. So ist auch ein Zar über uns gesetzt, unbarmherzig und grausam. Wir begreifen es nicht, weshalb er unser so viele hinrichten und morden läßt. Aber wir wissen das eine, daß er von Gott eingesetzt ist und beugen demütig unser Haupt, – nicht vor Iwan Wassiljewitsch, sondern vor dem Willen dessen, der ihn gesandt. – Bleib bei uns, mein Sohn; lebe unser Leben. Wenn es Zeit für dich ist, weiterzuziehen, so will ich mit all meinen Brüdern für dich zu Gott beten, auf daß, wohin auch immer dein Weg dich führen möge, er dich in seinen besonderen Schutz nimmt. Und jetzt«, fügte er freundlich hinzu, das Kreuz, das noch immer auf Maxims Haupt lag, abnehmend, »jetzt komm, laß uns zu Tisch gehn! Nach der geistigen Erquickung wollen wir auch die körperliche nicht verschmähen. Labe dich an unsern Speisen und trinke mit uns auf das Wohl des Zaren und des heiligen Metropoliten.«

Und unter freundschaftlichem Gespräch führte der Greis Maxim in den Speisesaal der Mönche.

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