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Alexei Konstantinowitsch Tolstoi: Der silberne Fürst - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorAlexej K. Tolstoi
titleDer silberne Fürst
publisherC. Dressler Verlag
illustratorWilhelm M. Busch (1908 - 1987)
yearo.J.
translatorWulfhild von Hartmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160419
projectid78c9c2be
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Lustiges Volk

Auf der Straße, die nach Wladimir führte, zogen langsam zwei Blinde einher, der eine mittlerer Jahre, der andere ein Greis mit huschigem grauen Haar und einem langen Bart. Ihre ganze Kleidung bestand aus schäbigen Hemden, denn ihre Kaftans hatten sie der großen Hitze wegen ausgezogen und sich an die Seite geschnallt. Jeder trug auf dem Rücken einen Sack zum Sammeln von Almosen. Alles, was sie sonst noch mit sich führten, Guslas, Balalaikas und einen Beutel mit Brot, hatten sie auf einen stämmigen jungen Burschen gepackt, der ihnen als Führer zu dienen schien. Zuerst hielt sich der jüngere der beiden Blinden an der Schulter des Führers fest und schleppte selbst den Alten hinter sich drein.

Plötzlich blieb der junge Bursche, der hilflosen beiden Blinden ganz vergessend, wie angewurzelt stehen und starrte mit großen Augen auf eine weite Jagdwiese, die eine scharfe Biegung des Weges soeben vor ihm aufgetan hatte. Opritschniks in goldglänzenden Gewändern, hoch zu Roß, Falkenjäger in roten Sammetkaftans, mit verkappten weißen Jagd- und Geierfalken auf den buntgestickten Handschuhen, Falken, die pfeilschnell durch die Luft strichen, um sich auf die Beute zu stürzen und von ihren Herren mit Lockvögeln und bunten Bändern zurückgerufen wurden, angstvoll durch die Luft schwirrende Enten und Auerhähne und andere Vögel, die mit langen Stöcken aus dem Gebüsch und Rohr aufgestöbert worden waren, – das alles wogte bunt durcheinander.

Zar Iwan selbst, der ein besonderer Freund der Vogeljagd war, ritt auf der Wiese hin und her, einen prachtvollen schneeweißen Geierfalken auf dem mit kostbaren allegorischen Figuren bestickten Fausthandschuh.

Der junge Bursche schien sich nicht satt sehen zu können an dem Schauspiel, das sich ihm bot. Die beiden Blinden aber tasteten sich, ihres Führers beraubt, einer an den anderen geklammert, mit ihren langen Stöcken mühsam vorwärts. Des öfteren stolperten und strauchelten sie auf dem unebenen Wege.

Als Iwan sie gewahrte, konnte er sich des Lachens nicht erwehren. Er ritt näher an sie heran. In diesem Augenblick stolperte gerade der eine von ihnen, fiel dabei in eine große Pfütze und zog den andern mit sich. Beide richteten sich mühsam wieder auf, von oben bis unten mit Schmutz bedeckt, prustend und auf ihren Führer schimpfend, der noch immer mit offenem Munde die glänzenden Opritschniks angaffte. Der Zar brach in lautes Gelächter aus.

»Wer seid ihr, gute Leute?« fragte er. »Woher des Wegs, und wohin geht die Reise?«

»Scher' dich zum Teufel!« erwiderte der jüngere der beiden Blinden. »Wer viel fragt, wird vor der Zeit alt.«

»Du Dummkopf!« schrie einer der Opritschniks, »siehst du nicht, wer mit dir spricht?«

»Bist selbst ein Dummkopf!« entgegnete mürrisch der Blinde, dem Opritschnik das Weiße seiner Augen zukehrend. »Wie soll ich denn sehen, wenn ich keine Augen im Kopfe habe. Bei dir ist das ganz etwas anderes, du hast davon ja ganze vier weniger zwei und kannst nah und weit damit gucken, gerade wie es dir paßt. Sage mir lieber, wer vor mir steht, dann wer' ich's ja wissen!«

Der Zar aber gebot dem Opritschnik zu schweigen und wiederholte freundlich seine Frage.

»Wir sind lustige Leute«, antwortete der Blinde. »Wir kommen aus Murom, ziehen in den Dörfern und Städten umher und wollen jetzt nach der Sloboda, um den guten Leuten dort die Zeit zu vertreiben und den einen in den Sattel zu heben, den anderen abzuwerfen!«

»Ach so!« sagte der Zar, dem die schnurrigen Reden gefielen. »So kommt ihr also aus Murom. Sagt, ihr listigen Gesellen, gibt es dort Murom ist die Vaterstadt des Ilja Murometz, eines Haupthelden der russischen Sage. immer noch so große Helden wie ehedem?«

»Warum nicht!« antwortete der Blinde ohne zu zaudern. »Diese Ware geht bei uns gar nicht erst aus. Da haben wir zum Beispiel jetzt den Onkel Michej, der hebt sich selbst wohl einen ganzen Zoll an den Haaren empor; dann weiter die Tante Uljana, die ganz allein mutig auf jeden Tarakan losgeht!«

Die Opritschniks brachen in lautes Lachen aus.

Der Zar aber war nachdenklich geworden. ›Das ist mir wirklich ein lustiges Völkchen‹, dachte er, ›man merkt doch gleich, daß es nicht Hiesige sind. Meine Märchenerzähler sind mir schon längst über, immer leiern sie dasselbe Zeug herunter. Auch die ganze Gauklerbande ödet mich nachgerade an. Seitdem ich mit einem von ihnen etwas unvorsichtig scherzte, haben sie alle entsetzliche Angst vor mir. Man bringt auch nicht ein einziges witziges Wort aus ihnen heraus. Als wenn es meine Schuld war, daß jenem Dummkopf die Seele nicht fester im Leibe saß.‹

»Höre mal, wackerer Gesell! Kannst du auch Märchen und Geschichten erzählen?«

»Geschichten erzählen – ja weißt du, das kommt sehr darauf an, wem. Da haben wir zum Beispiel neulich dem Wojewoden von Staritza das Märchen von der zottigen Ziege erzählt, das hätte uns um ein Haar den Kopf gekostet, denn diese Ziege war ja gerade ein verwunschener Wojewode. Da hat uns der Alte mit Schimpf und Schande vom Hofe jagen lassen und uns noch ein paar kräftige Rippenstöße mit auf den Weg gegeben. Seitdem nehmen wir uns mit dem Erzählen lieber in acht.«

Die Opritschniks waren erneut in schallendes Gelächter ausgebrochen. Der Wojewode von Staritza war nicht gerade besonders gut beim Zaren angeschrieben, so daß der Scherz des Blinden auf besonders guten Boden fiel.

»Hört mal, ihr Leute«, sagte der Zar, »geht nach der Sloboda, direkt zum Palast und wartet dort, bis ich zurückkomme. Sagt, der Zar hätte euch geschickt, laßt euch inzwischen reichlich zu essen und zu trinken geben, und wenn ich zurück bin, sollt ihr mir Märchen erzählen.«

Als die Blinden das Wort »Zar« vernahmen, wichen sie erschreckt zurück.

»Um Gottes willen, Väterchen Zar!« riefen sie, in die Knie sinkend, »trage uns unsere groben, bäuerischen Reden nicht nach! Laß uns unsere armen Köpfe! Wir haben ja aus Unwissenheit so vor dir gesündigt.«

Der Zar mußte über die komische Verzweiflung der Blinden lachen und ritt nun wieder auf seine Wiese zurück, auf der die Falkenjagd inzwischen munter weiter gegangen war. Die Blinden aber schlugen mit ihrem Führer den Weg nach der Sloboda ein.

 

Solange die Schar der Opritschniks sie beobachten konnte, klammerten sich die Blinden einer an den anderen fest und stolperten einmal über das andere. Kaum aber hatte sie eine scharfe Biegung des Weges den neugierigen Blicken entzogen, blieb der jüngere von ihnen stehen, blickte sich nach allen Seiten um und sagte zu seinem Gefährten:

»Nun, Onkel Korschun? Bist du des langen Stolperns müde? Bis jetzt geht die Sache ausgezeichnet; hoffentlich haben wir weiter Glück. Was runzelst du so die Stirn, Onkelchen? Tut dir's leid, daß du mitgekommen bist?«

»Das nicht!« erwiderte der alte Räuber. »Wenn ich schon einmal mitgegangen bin, so will ich mich nicht viel umsehen. Aber ich weiß selbst nicht, weshalb, mir ist schwer ums Herz wie noch nie zuvor. Und woran ich auch zu denken versuche, immer geht mir wieder die eine Sache im Kopfe herum.«

»Welche Sache denn?«

»Höre, Ataman! Es ist zwanzig Jahre her, daß sich der Kummer zu mir gesellt hat, und kein Mensch hat etwas davon gewußt, weder an der Wolga, noch hier in Moskau; ich habe nie ein Wort gesagt, habe den Kummer in mir vergraben und mit mir herumgeschleppt wie einen schweren Mühlstein am Halse, all die zwanzig Jahre lang. Ich wollte wohl zum großen Fasten zur Beichte gehen und alles gestehen, aber ich konnte nicht beten, und da habe ich das Beichten sein lassen. Jetzt aber peinigt und würgt es mich von neuem, und ich glaube, es würde mir leichter ums Herz, wenn ich es einem Menschen anvertrauen könnte. Auch ist es nicht so schwer, es dir zu beichten wie einem Priester. Bist du doch auch ein sündiger Mensch wie ich!«

Tiefe Traurigkeit lag in Korschuns Zügen.

»Mitjka«, rief Perstenj dem Blindenführer zu, »setz' dich etwas weiter abseits und halte gut Ausschau nach allen Seiten; wenn du einen Menschen siehst, so gib uns ein Zeichen, aber vergiß ja nicht, daß du stumm und taub bist, daß du mir auch kein einziges Wort über die Lippen bringst!«

»Gut«, erwiderte Mitjka, »das wollen wir schon alles besorgen.«

»Daß sich dir doch der Pips auf die Zunge setzen möchte! Muckse dich nicht, auch uns gegenüber halt den Mund, gewöhn' dich ans Schweigen, sonst verplapperst du dich noch vor anderen, und dann ist es um uns alle drei geschehen!«

Mitjka entfernte sich etwa hundert Schritt, legte sich platt auf den Bauch, stemmte den Ellenbogen auf die Erde und das Kinn in die Hand.

»Er ist wirklich ein guter Junge«, meinte Perstenj, ihm mit den Augen folgend, »allerdings strohdumm! Du kriegst auch nicht mit Gewalt etwas in diesen Schädel hinein. Sich selbst überlassen, verplappert sich der bei der ersten besten Gelegenheit. Wenigstens sind wir bei ihm sicher, daß er uns nicht absichtlich verrät und für uns einsteht, wenn es uns schlecht ergehen sollte, was Gott verhüten möge! Und nun, Onkel, stört uns keiner mehr, erzähle, was hast du auf dem Herzen! Freilich, nicht zur rechten Zeit hat dich der Kummer besucht.«

Der alte Räuber ließ sein zottiges Haupt sinken und strich sich mit der Hand über die Stirn. Er wollte sprechen, aber es wurde ihm schwer, anzufangen.

»Siehst du, Ataman«, begann er endlich, »ich habe mein Leben lang viele Menschen beiseite geschafft. Schon von Jugend auf hat mir das blutige Hemd besonders gut gefallen. War ein Kaufmann widerhaarig, quietschte ein altes Weib mir zu lang, so hatten sie beide eins mit dem Messer, und weg waren sie! Auch jetzt noch zittert mir nicht die Hand, wenn ich einen niedermachen soll. Aber das brauche ich dir nicht weiter zu versichern, auch du hast ja genug Leute ins Jenseits befördert, das ist uns beiden kein ungewohntes Handwerk, nicht wahr?«

»Gewiß. Aber was willst du damit sagen?« erwiderte Perstenj verstimmt.

»Ich will damit sagen, daß wir wohl alle beide nicht wie alte Waschweiber oder wie schüchterne Mädchen sind. Aber eins möchte ich gerne wissen, Ataman: Ist es dir schon so ergangen, daß dir bei der Erinnerung an eine deiner Taten zumute wird, als ob dein Herz mit Zangen gezwickt wird und es dir bald glühend heiß, bald eiskalt von Kopf bis zu Fuß wird, dir der Angstschweiß von der Stirne läuft, so daß du nur sehnlich wünscht, du wärest nie geboren?«

»Nun, nun, genug davon, Onkel! Was du auch für seltsame Fragen stellst. Als wenn wir jetzt Zeit und Muße hätten zu solchen Dingen!«

»Ja«, fuhr Korschun unbeirrt fort, »viele meiner Taten habe ich längst vergessen, eine aber kann und kann ich nicht verwinden; Tag und Nacht steht sie vor mir. Es mögen schon an die zwanzig Jahre her sein, da lebten wir auf der Wolga in neun Barken; unser Ataman war damals Danilo Kott. Von dir war noch nicht die Rede, mich aber nannte schon die ganze Bande Korschun (Geier). Wir beraubten Schiffe mit wertvoller Ladung, plünderten ganze Lagerplätze aus, und was wir erbeuteten, wurde gleichmäßig unter uns verteilt; Danilo Kott duldete keinerlei Streit unter uns. Wir hatten alle reichliche Nahrung und gute Kleidung. Ja, wenn wir so in unseren buntfarbigen Kaftans, die Mütze keck aufs Ohr gestülpt, die Ruder führten und ein frohes Lied schmetterten, dann lief aus den Städten und Dörfern das Volk an den Ufern zusammen, um die wagemutigen Gesellen, die lichten Falken, zu bewundern. Wir aber ruderten singend dahin, gaben Schüsse in die Luft ab vor Lebenslust und Übermut, und warfen den schönen Mägdlein am Ufer bedeutungsvolle Blicke zu. Und manchmal wieder, dann zogen wir mit langen Pieken und Spießen aus, wahrlich ein stattlich und gefährlich Heer!

Ein gutes Leben hatten wir. Aber der Teufel mußte mich versuchen. Ich denke so bei mir: Was? Ich arbeite mehr als alle andern, und die Beute wird gleichmäßig unter uns verteilt? Und ich beschließe, auf eigene Faust auf Abenteuer zu gehen, um die Beute für mich allein zu behalten. Ich verkleide mich als Bettler, genau so wie heute; hänge mir den Bettelsack um den Hals; stecke das Messer in den Stiefelschaft und schleiche mich die Landstraße entlang, die zu einem kleinen Flecken führt. Ich warte und warte, ob nicht einer des Weges kommt. Weder ein Fuhrwerk noch ein Kaufmann weit und breit! Keine lebende Seele läßt sich blicken. Ich verliere allmählich die Geduld und sage mir: ›Wenn Gott mir schon keine gute Beute vergönnt, so will ich jeden, der jetzt des Weges kommt, berauben und wär's mein leiblicher Vater!‹ Eben habe ich mir das gelobt, kommt ein armes altes Weiblein daher, das einen mit einem Leinentuch zugedeckten Korb trägt. Kaum ist sie heran, da springe ich auch schon aus dem Gebüsch hervor. ›Halt, Alte!‹ rufe ich. ›Gib sofort den Korb her.‹ Sie aber fällt mir zu Füßen: ›Nimm, was du willst, aber rühre mir den Korb nicht an.‹ ›Aha‹, denke ich, ›da hast du wohl einen Schatz bei dir‹ und will mit der Hand nach dem Korbe greifen. Das Weib aber jammerte und zeterte und biß mir in die Hand. Ich war ohnehin verärgert, weil ich den ganzen Tag lang vergebens auf der Lauer gelegen hatte, nun packte mich die Wut noch stärker, der Teufel setzte mir zu, so daß ich mein Messer zog und der Alten die Kehle durchschnitt. Kaum aber war sie tot vor mir zusammengebrochen, da packte mich eine namenlose Angst. Ich wollte fort, aber da fiel mir der Korb ein, und ich dachte bei mir, wenn ich schon die Alte getötet habe, soll es doch nicht ganz umsonst geschehen sein; ergriff den Korb und eilte, ohne ihn zu öffnen, damit in den Wald hinein. Nach einer Weile begannen mir die Knie zu wanken. Ich dachte bei mir: ›Du willst dich jetzt setzen und zusehen, was für einen kostbaren Schatz du nun eigentlich ergattert hast.‹ Ich öffne den Korb und sehe, ein kleines Kindlein, ein winziges Würmchen, das kaum lebt und atmet, liegt darin. ›Ach du kleiner Teufel!‹ dachte ich, ›deshalb wollte die Alte den Korb nicht hergeben; deinetwegen mußte ich solch einen Fluch auf meine Seele laden!‹«

Korschun wollte fortfahren, verstummte aber plötzlich und versank in tiefes Sinnen.

»Und was hast du mit dem Säugling angefangen?« fragte Perstenj.

»Sollte ich ihn etwa warten? Was ich damit angefangen habe? Nun, das ist wohl nicht schwer zu erraten!«

Der Greis verstummte abermals.

»Ataman«, sagte er dann plötzlich wieder, »wenn ich daran denke, schnürt sich mir das Herz zusammen, und besonders heute, wo ich wieder als Bettler verkleidet bin, tritt mir erneut alles so deutlich vor Augen, als wäre es erst gestern gewesen. Und nicht nur dieses eine, sondern vieles andere mehr, woran ich schon lange, lange nicht mehr gedacht hatte. Man sagt, daß es keine gute Vorbedeutung sei, wenn einem so mir nichts, dir nichts alles wieder einfällt, was man schon vergessen geglaubt hatte!«

Der Alte seufzte tief auf.

Beide Räuber saßen eine ganze Weile stumm da.

Plötzlich hörten sie ein Rauschen von Flügeln über sich, und ein wilder Geier stürzte sich überschlagend, dem Alten zu Füßen. Gleichzeitig strich ein weißer Falke gelassen durch die Luft und flog von dannen, ohne weiter sein Opfer zu beachten.

Mitjka winkte mit der Hand. Von weitem wurden Falkenjäger sichtbar.

»Onkelchen«, versetzte Perstenj hastig, »vergiß das Vergangene; jetzt sind wir keine Räuber, sondern blinde Märchenerzähler. Die Leute des Zaren kommen direkt auf uns zu. Gleich werden sie hier sein. Auf, Onkel! Gewöhne dich an die neue Rolle und mach' auch du ihnen lustige Possen vor!«

Der alte Räuber schüttelte entschieden den Kopf.

»Mir steht nichts Gutes bevor!« sagte er, auf den toten Geier zu seinen Füßen weisend. »Auch auf mich wird solch ein weißer Falke niederstoßen. Sieh doch, fort ist er, versetzte ihm den Todesstoß und verschwand!«

Perstenj blickte den Alten verdrießlich an und kratzte sich nachdenklich hinter dem Ohre.

»Höre, Onkel! Weiß der liebe Himmel, was heut' mit einem Mal in dich gefahren ist; ich will dich nicht zwingen! Man sagt ja, das Herz sei ein guter Prophet. Vielleicht kündet es dir nicht umsonst irgend ein Mißgeschick an. Bleibe lieber zurück, und ich ziehe allein in die Sloboda.«

»Nein!« erwiderte Korschun bestimmt, »nicht deshalb hab' ich dir mein Herz ausgeschüttet, und wenn es mir schon von Anbeginn so bestimmt ist, daß ich in der Sloboda meinen Kopf lassen soll, so hat es keinen Zweck, sich dagegen zu sperren. Nur um eins möchte ich dich bitten, Ataman! Ich will dir reichlich Geld geben. Dafür laß eine Seelenmesse für mich lesen, wenn ich nicht mehr bin. Spare nicht an Geld, bezahle den Priester gut und reichlich, er soll die Messe lesen, wie es sich gehört und auch nichts auslassen, hörst du! Mein Taufname ist, wie du schon weißt, Ameljan. Erst später haben mich die Leute Korschun genannt. Ja, bezahle nur gut, Ataman, schone das Geld nicht, ich hinterlasse dir mehr als genug!«

Herbeisprengende Opritschniks unterbrachen den Alten.

»Heda! Ihr Bettler!« schrie einer von ihnen schon von weitem, »sagt, wohin ist der Falke geflogen?«

»Gern wollte ich dir's sagen«, erwiderte Korschun, »aber leider ist das Licht meiner Augen schon an die vierzig Jahre erloschen!«

»Wie kommt denn das, Alter?«

»Ja, weißt du, eines Tages, da ging ich in den Bergwald, um Bast zu schneiden. Da sehe ich vor mir eine Eiche stehen, in dem hohlen Stamm aber piepen lauter gebackene Hähnlein. Ich klettere also in den hohlen Stamm, verzehre die Hähnlein mit dem größten Appetit mit Haut und Haar. Davon aber werde ich so dick, daß ich nicht wieder heraus kann. Was bleibt mir anderes übrig, als schnell nach Hause zu laufen und eine Axt zu holen. Nun haue ich so lange an dem Stamm herum, bis ich herauskriechen kann. Beim Hauen aber, da muß mir wohl ein Span ins Auge geflogen sein, denn seither kann ich nicht mehr gucken. Wenn ich Schtschi esse, so fahr' ich manchmal aus Versehen mit dem Löffel ans Ohr; juckt mir die Nase, so kratze ich mir den Buckel!«

»Ach!« rief der Falkenjäger lachend aus, »ihr seid ja die beiden Blinden, die vorhin den Zaren so gut unterhalten haben. Noch jetzt lacht alles über eure Possen. Ja, ja, Kinderchen, wir haben Väterchen Zar bei Tage unterhalten; ihr sollt während der Nacht für seine Zerstreuung sorgen. Ich hörte, ihr sollt dem Zaren Geschichten erzählen.«

»Gott schenke ihm Gesundheit und ein langes Leben!« versetzte Korschun, der plötzlich wie umgewandelt war, mit Eifer. »Wir wollen schon für des Zaren Unterhaltung sorgen; wenn uns nicht gerade bis dahin die Zunge verrecken sollte, so können wir ihm schon getrost bis zum anderen Morgen erzählen!«

»Gut, gut!« erwiderten die Falkenjäger. »Ein andermal wollen wir mehr mit euch schwatzen; jetzt aber müssen wir weiter nach dem Falken suchen, damit unser armer Kamerad gerettet wird; findet er den Adragan nicht, so hat er seinen Kopf verwirkt! Unser Väterchen Zar liebt nicht zu spaßen!«

Und die Falkenjäger sprengten weiter.

Perstenj und Korschun klammerten sich wieder an Mitjka und setzten ihren Weg nach der Sloboda fort.

Kaum hatten sie die ersten Gehöfte erreicht, als sie zwei Bänkelsänger gewahrten, die die Balalaika zupften und aus voller Kehle sangen:

Ei, in unsres Nachbars Nest
feiert man ein fröhlich Fest!

Als die Räuber an ihnen vorbeikamen, neigte sich einer der Sänger, ein rotblonder Bursche mit einer kecken Pfauenfeder am Hut, zu Perstenj hinüber und raunte ihm leise zu: »Dein Fürst sitzt schon seit fünf Tagen im Kerker. Morgen soll's mit ihm zu Ende gehen. Er ist in dem großen Gefängnis, Maljutas Haus gegenüber. An welchem Ende sollen wir den roten Hahn aufsetzen?«

»An jenem dort!« erwiderte Perstenj, nach der dem Kerker entgegengesetzten Seite weisend.

Der rothaarige Sänger griff wieder mit allen Fingern in die Saiten seiner Balalaika, drehte Perstenj den Rücken zu, als hätte er überhaupt kein Wort mit ihm gesprochen, und fuhr mit hoher Stimme fort zu singen:

Ei, in unsres Nachbars Nest
feiert man ein fröhlich Fest!

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