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Alexei Konstantinowitsch Tolstoi: Der silberne Fürst - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorAlexej K. Tolstoi
titleDer silberne Fürst
publisherC. Dressler Verlag
illustratorWilhelm M. Busch (1908 - 1987)
yearo.J.
translatorWulfhild von Hartmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160419
projectid78c9c2be
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Die Opritschniks

Am 23. Juni des Jahres 1565 ritt an einem heißen Sommertage der junge Fürst Nikita Romanowitsch Sserebrjanyi, einer jener mächtigen Bojaren, die den höchsten und einflußreichsten Stand des alten Rußlands bildeten, mit seinem Gefolge in das Dorf Medwedewka ein. Froh und leicht war es dem Fürsten ums Herz, nach fünf ruhmvollen Kriegsjahren in Litauen endlich in die Heimat zurückkehren zu dürfen! Der Tag war sonnig und hell, einer jener Tage, an denen über der ganzen Natur etwas Festliches liegt, wenn die Blumen farbiger, der Himmel blauer, die Luft durchsichtiger sind und dem Menschen so leicht zumute wird, als ob seine Seele selbst in die Natur eingegangen wäre und mit in jedem Blättchen erzitterte, auf jedem schwanken Halm sich wiegte. Hell und licht war der Junitag, aber dem Fürsten erschien er nach seiner langen Abwesenheit von dem geliebten Rußland noch lichter. Aus Feldern und Wäldern atmete die Heimat.

Schon von weitem klangen den Reitern aus dem Dorfe fröhliche Lieder entgegen, und als sie bei den ersten Häusern vorbeikamen, sahen sie, daß in Medwedewka ein Fest gefeiert wurde. An beiden Enden der Straße hatten sich die Burschen und Mädchen mit grünen Kränzen auf den Köpfen in zwei Gruppen je um eine mit bunten Tuchfetzen geschmückte Birke zum Chorowod, einer Art Rundtanz, aufgestellt. Bald sangen die Gruppen gleichzeitig, bald nacheinander, redeten aufeinander ein und warfen sich scherzend allerhand Scheltworte zu, als hätten sie einen Streit auszufechten. Hell tönte das Lachen der Mädchen, und lustig leuchteten in der Menge die bunten Hemden der Burschen. Alles war in Jubel und Bewegung, – das russische Volk schien so recht in seinem Element.

Am Eingang des Dorfes ritt der alte Leibknecht des Fürsten, Micheitsch, zu seinem Herrn heran. »Schau doch, Väterchen«, meinte er vergnügt, »wie sie das Fest der heiligen Agrafena feiern! Wollen wir nicht ein wenig hier rasten? Die Pferde sind wirklich erschöpft, und auch uns wird die Weiterreise leichter werden, wenn wir uns neu gestärkt haben. Du weißt doch, Väterchen, mit gesättigtem Magen läßt sich viel mehr ertragen.«

»Ja, aber es kann doch gar nicht mehr sehr weit bis Moskau sein«, erwiderte der Fürst, der sich anscheinend nicht gerne unnütz aufhalten wollte.

»Ach, Väterchen, die Frage stellst du nun heute wohl schon zum fünften Male. Die guten Leute haben dir ja gesagt, daß es noch an die vierzig Werst sein mögen. Laß uns ein wenig ausruhen, wirklich, die Pferde können die Rast auch gut vertragen.«

»Nun gut«, sagte der Fürst, »dann rastet ein wenig!«

»Heda, ihr Leute!« schrie Micheitsch den übrigen Reitern zu: »Abgesessen! Schnallt die Kessel ab, macht Feuer an!«

Der Fürst selbst stieg nun auch vom Pferde und entledigte sich seiner Rüstung. Das Volk um ihn her, das einen Mann von hohem Rang in ihm erkannte, hatte ehrerbietig die Mützen abgenommen, die Jugend hatte ihren Reigen unterbrochen, alle standen da, unschlüssig, ob sie in ihrem Vergnügen fortfahren sollten oder nicht.

»Laßt euch nicht stören, ihr guten Leute«, sagte freundlich Nikita Romanowitsch. »Ihr wißt doch, der Geierfalke tut dem Jagdfalken nichts zuleide.«

»Hab' Dank, Bojar!« antwortete ein älterer Bauer. »Wenn es deine Gnaden nicht verschmäht, so bitten wir untertänigst, setze dich ein wenig zu uns, und wir wollen dir Met reichen; erweise uns die Ehre, trinke auf den Wohl.« – »Ihr Närrinnen«, fuhr er zu den Mädchen gewandt fort, »weshalb habt ihr euch auch gleich so erschreckt? Seht ihr denn nicht, daß es ein Bojar mit seinem Gefolge ist, und nicht irgend ein Opritschnik!« – »Weißt du, Bojar, seitdem Rußland von der Opritschnina heimgesucht wird, kommt unsereins aus der Angst gar nicht mehr heraus; dem gemeinen Mann gönnt man nicht einmal mehr das nackte Leben. Am Feiertage, da tu dir's wohl gütlich, aber schlaf ja nicht über dem Trinken ein, singe, aber halt die Augen offen! Plötzlich sind sie da, just wie der Schnee aufs Haupt!«

»Opritschnina? Opritschniks? Was sind denn das für Leute?« fragte der Fürst erstaunt.

»Weiß der Teufel! ›Wir sind Leute des Zaren, Opritschniks‹, sagen sie, ›ihr aber seid die Semschtschina. Uns steht es zu, zu plündern und zu rauben, ihr aber habt euch zu ducken und zu verneigen. So hat es der Zar selbst befohlen!‹«

»Was? Der Zar hätte befohlen, das Volk zu beleidigen? Diese Ruchlosen! Was ist das für ein Gesindel? Weshalb nehmt ihr sie nicht fest?«

»Opritschniks anrühren? Ach, Bojar, man merkt, daß du von weither kommen mußt, wenn du nichts von der Opritschnina weißt. Versuch' es nur, dich an sie heranzumachen! Kürzlich kamen ihrer zehn zum Stepan Michailoff, dort auf jenen Hof, dessen Tor jetzt verschlossen ist. Stepan war gerade auf dem Felde. Sie aber schrieen die Frau an: ›Gib dieses her, gib jenes!‹ Das Mütterchen schleppt zitternd alles herbei und verneigt sich noch vor ihnen. Sie aber sind noch nicht zufrieden. ›Rück' das Geld sofort heraus, altes Weib!‹ Da bricht die Ärmste in Tränen aus, aber was bleibt ihr anders übrig, sie schließt ihren Koffer auf, zieht aus einem Lappen zwei Silberstücke hervor und reicht unter Schluchzen ihre letzte Habe. Die Opritschniks sagen: ›Das ist recht wenig‹, und einer versetzt ihr einen Hieb gegen die Schläfe, daß sie niederstürzt und auf der Stelle ihren Geist aushaucht. Stepan aber kommt vom Felde und sieht sein Weib mit zerschmetterter Schläfe blutend am Boden liegend; da hält er nicht länger an sich, er beginnt zu schimpfen und zu fluchen: ›Ihr ruchlosen Gesellen! Fürchtet ihr denn nicht Gottes Zorn? Wartet nur, es wird euch dereinst übel ergehen in jener anderen Welt!‹ Da warfen sie ihm kurzerhand eine Schlinge um den Hals und knüpften ihn am eigenen Hoftor auf.«

»Wie? Hier auf dem großen Zarenwege, direkt vor Moskau«, rief Nikita Romanowitsch bebend vor Zorn und Empörung aus, »stehlen die Banditen und schlagen russische Bauern tot! – Ja, sag' einmal, was tun denn eure Gemeindeältesten und Richter? Wie können sie es dulden, daß sich solches Räubergesindel als ›Leute des Zaren‹ bezeichnet?«

»Ja«, wiederholte der Bauer mit Nachdruck. »›Wir‹ – so sagen sie – ›sind Leute des Zaren, Opritschniks, uns ist alles gestattet, ihr aber seid die Semschtschina.‹ Sie haben ja auch ihre Anführer, die besondere Abzeichen tragen, einen Fegebesen und einen Hundekopf; es müssen also wirklich Leute des Zaren sein.«

»Du Tor«, rief der Fürst entrüstet aus, »wage es nicht, diese Verbrecher Leute des Zaren zu nennen!«

›Was soll man nur davon halten?‹ dachte er bei sich. ›Besondere Abzeichen? Opritschniks? Was bedeutet das alles? Sobald ich nach Moskau komme, will ich den Zaren von allem unterrichten. Mag er mich beauftragen, sie aufzustöbern. Ich will ihrer schon habhaft werden, so wahr mir Gott heilig ist!‹

Inzwischen hatte das junge Volk sein Reigenspiel weiter fortgesetzt. Ein Bursche spielte den Bräutigam, ein Mädchen die Braut; der Bursche verneigte sich tief vor den Angehörigen seiner Braut, die ebenfalls durch Burschen und Mädchen dargestellt wurden.

»Mein lieber Herr Schwiegervater«, sang der Bursche gleichzeitig mit dem Chore, »brau' mir ein Bier!«

»Meine liebe Frau Schwiegermutter, backe mir einen Kuchen!«

»Mein lieber Herr Schwager, sattle mir ein Pferd!«

Dann faßten sich die Burschen und Mädchen bei den Händen und drehten sich um Bräutigam und Braut im Kreise herum, erst nach der einen, dann nach der anderen Seite.

Der Bräutigam trank sein Bier aus, verzehrte seinen Kuchen, ritt sein Pferd müde und jagte schließlich seine ganze Verwandtschaft von dannen.

»Zum Teufel mit dir, Schwiegervater!«

»Zum Teufel mit dir, Schwiegermutter!«

»Zum Teufel mit dir, Schwager!«

Bei jedem Ausruf stieß er bald einen Burschen, bald ein Mädchen aus dem Kreise heraus.

Die Männer waren in schallendes Gelächter ausgebrochen.

Plötzlich ertönte ein durchdringender Schrei, und blutüberströmt lief ein etwa zwölfjähriger Knabe mitten in den fröhlichen Kreis hinein. »Rettet mich, versteckt mich!« schrie er und klammerte sich zitternd an die Rockschöße der Männer.

»Was ist dir, Wanja? Wer hat dich so zugerichtet? Etwa die Opritschniks?«

Im Augenblick hatten beide Reigengruppen einen einzigen dichten Kreis um den Knaben gebildet, der vor Angst kaum sprechen konnte.

»Dort«, sagte er mit zitternder Stimme, »dort hinter den Gemüsegärten hab' ich die Kälber gehütet, da kamen sie angesprengt, hieben mit den bloßen Schwertern auf das Vieh ein; Dunjka kam dazu und flehte sie an, doch von den Tieren abzulassen. Aber sie ergriffen Dunjka und schleppten sie mit sich fort und mich ...« Neue Angstrufe unterbrachen den Knaben. Frauen stürzten vom anderen Ende des Dorfes herbei. »O Jammer!« schrieen sie, »lauft, Mädchen, versteckt euch im Korn, Dunjka und Aljonka haben sie schon verschleppt und Ssergejewna totgeschlagen!«

Im selben Augenblick kamen auch schon an die fünfzig Reiter mit gezogenen Schwertern herangetrabt, allen voran ein verwegener, schwarzbärtiger Gesell in rotem Kaftan und einer kostbaren Mütze aus Luchsfell und Brokat auf dem Kopfe. An seinem Sattel hingen Besen und Hundekopf.

»Goida! Goida!« schrie er schon von weitem. »Schlagt das Vieh tot, metzelt die Männer nieder! Fangt die Dirnen ein! Steckt das ganze Dorf in Brand! Mir nach, Burschen! Verschont keinen einzigen!«

Entsetzt stoben die Bauern auseinander.

»Ach, Väterchen, Bojar«, jammerten diejenigen, die näher um Sserebrjanyi herum gestanden hatten, »laß uns arme Waisen nicht im Stich! Schütze uns Kummervolle!«

Der Fürst aber weilte nicht mehr unter ihnen.

»Ach, wo ist denn nur der Bojar geblieben?« fragte ein alter Mann. »Keine Spur mehr von ihm zu sehen, und seine Leute sind auch nicht mehr da, sie scheinen sich beizeiten aus dem Staube gemacht zu haben, die Guten! Ach, ist das ein Unglück, nun ist es aus mit uns Armen!«

Der Mann mit dem roten Kaftan hielt sein Pferd vor ihm an.

»Heda, alter Kohlkopf, hier wurde doch ein Chorowod getanzt, wo stecken die Dirnen?«

Der Bauer verneigte sich schweigend.

»An die Birke mit ihm!« schrie der Schwarze, »er beliebt zu schweigen, so mag er da oben weiter schweigen!«

Mehrere Reiter sprangen ab und warfen dem Alten eine Schlinge um den Hals.

»Ach, ihr Herren, verderbt mich nicht, laßt mich laufen, mich armen Alten!«

»Schau' an, mit einmal ist dir die Zunge gelöst! Aber jetzt ist es zu spät, Brüderchen, ein andermal scherze lieber nicht! Auf, an die Birke mit ihm!«

Die Opritschniks schleiften den Alten mit sich fort. Im selben Augenblick ertönten aus der zunächstliegenden Hütte Schüsse. Etwa zehn Mann zu Fuß stürzten sich mit gezogenen Schwertern auf die Mörder; gleichzeitig sprengten aus einer anderen Ecke des Dorfes die Reiter des Fürsten Sserebrjanyi hervor und drangen ebenfalls auf die Opritschniks ein. Die Leute des Fürsten waren zahlenmäßig nur halb so stark wie die Opritschniks, aber der Überfall kam für diese so überraschend, daß sie bald zurückgeworfen waren. Der Fürst selbst hob ihren Anführer aus dem Sattel. Ohne ihn erst wieder zur Besinnung kommen zu lassen, sprang er vom Pferde, setzte ihm das Knie auf die Brust und schnürte ihm die Kehle zu.

»Wer bist du, Schurke?«

»Und wer bist du?« erwiderte der Opritschnik röchelnd, während er wütend die Augen verdrehte.

Der Fürst setzte ihm den Lauf seiner Pistole an die Schläfe.

»Antworte mir jetzt, du elender Wicht, oder ich knalle dich nieder wie einen Hund!«

»Bin ich etwa dein Knecht, du Räuber?« entgegnete der Schwarze, ohne die geringste Furcht zu zeigen. »Warte nur erst, wie es dir ergehen wird, weil du es gewagt hast, Leute des Zaren anzurühren.«

Der Hahn der Pistole ging los, der Stein zündete aber nicht, so daß der Schwarze am Leben blieb.

Der Fürst blickte um sich. Einige Opritschniks lagen erschlagen umher, weitere waren geflohen, die übrigen von seinen Leuten gefesselt worden.

»Bindet auch diesen hier!« sagte der Bojar, der sich trotz allem einer gewissen Bewunderung nicht enthalten konnte, wenn er in diese tierischen, aber furchtlosen Züge blickte. ›Nichts zu sagen, ein tapferer Bursche‹, dachte er, ›ein Jammer, daß er ein Räuber ist ...‹

Mittlerweile trat der alte Micheitsch wieder zu seinem Herrn.

»Schau', Väterchen«, sagte er, auf ein Bündel nicht allzu dicker aber fester Schnüre mit Knoten an den Enden weisend, »was für Werkzeug sie mit sich führen, man merkt gleich, daß sie nicht zum erstenmal ihrem Handwerk nachgehen, die Teufelssöhne!«

Inzwischen führten Sserebrjanyis Leute zwei Pferde heran, auf denen je ein Mann an den Sattel gebunden war. Einer von ihnen war ein Greis mit struppigem grauem Haar; sein Gefährte, ein schwarzäugiger Gesell, mochte an die dreißig Jahre alt sein.

»Was sind das für Leute?« fragte der Fürst. »Und weshalb habt ihr sie an ihre Sättel gebunden?«

»Nicht wir haben das getan, Bojar, sondern die Räuber. Wir fanden sie mit einer Wache bei den Gemüsegärten.«

»So bindet sie los und laßt sie laufen!«

Die beiden befreiten Gefangenen reckten die erstarrten Glieder, schienen es aber im übrigen nicht sehr eilig zu haben, von der wiedererlangten Freiheit Gebrauch zu machen, denn sie blieben stehen, um zu sehen, was weiter mit den Gefangenen geschehen würde.

»Ihr Schurken!« sagte der Fürst zu den gebundenen Opritschniks, »redet, wie konntet ihr es wagen, euch Leute des Zaren zu nennen? Wer seid ihr?«

»Dir scheinen die Augen nicht richtig im Kopf zu sitzen«, erwiderte einer von ihnen, »wenn du nicht weißt, wer wir sind. Das ist doch wirklich bekannt genug. Leute des Zaren sind wir, Opritschniks!«

»Ihr Verbrecher!« rief Sserjebrjanyi aus, »wenn euch das Leben lieb ist, so sprecht die Wahrheit!«

»Wirklich, du scheinst erst heute vom Himmel gefallen«, wiederholte der Schwarze spöttisch. »Willst noch nie Opritschniks gesehen haben?«

Die Hartnäckigkeit der Räuber brachte Nikita Romanowitsch in Wut.

»Höre, du dreister Bursche, deine Furchtlosigkeit gefiel mir, ich hätte dir vielleicht das Leben geschenkt, aber wenn du mir nicht augenblicklich sagst, wer du bist, so lasse ich dich aufknüpfen, so wahr mir Gott heilig ist.«

Der Räuber richtete sich stolz auf.

»Ich heiße Mattwej Chomjak«, antwortete er, »und bin der Leibknecht des Grigorij Lukjanowitsch Skuratoff Bjelskij; treu diene ich meinem Herrn und dem Zaren als Opritschnik. Der Besen, den wir am Sattel tragen, bedeutet, daß wir Rußland fegen, den Verrat aus dem Lande des Zaren auskehren wollen, und der Hundekopf besagt, daß wir die Feinde des Zaren zerreißen. Jetzt weißt du, wer ich bin. Und nun sag' auch du mir, wie man dich zu nennen und zu betiteln hat, auf welch klangvollen Namen man sich besinnen muß, wenn dir der Hals umgedreht werden soll!«

Der Fürst hätte vielleicht dem Opritschnik seine frechen Reden verziehen; die Gleichgültigkeit dieses Menschen dem sicheren Tode gegenüber gefiel ihm, aber Mattwej Chomjak hatte den Zaren verleumdet und das konnte Nikita Romanowitsch nicht ertragen. Er gab seinen Leuten ein Zeichen. Gewohnt, dem Fürsten ohne Widerspruch zu gehorchen und selbst durch die Frechheit der Räuber erbost, warfen sie ihnen Schlingen um den Hals und wollten sich gerade daran machen, an ihnen jene Todesart zu vollziehen, der vor kurzem der alte Bauer entgangen war, als der jüngere der beiden Männer, die Sserebrjanyi von den Sätteln hatte losbinden lassen, zum Fürsten herantrat.

»Gestatte, Bojar, daß ich dir ein Wort sage!«

»Sprich!«

»Du hast heute ein gutes Werk an uns getan, indem du uns aus den Händen dieser Schufte befreit hast, daher möchten wir dir auch gerne Gutes mit Gutem vergelten. Du scheinst mir lange nicht mehr in Moskau gewesen zu sein. Wir aber wissen, wie es jetzt dort zugeht. Höre auf uns, Bojar! Wenn du des Lebens noch nicht ganz überdrüssig bist, so laß diese Teufel nicht aufknüpfen. Laß auch den Chomjak, dieses reißende Tier, lieber laufen. Um sie wäre es wahrhaftig nicht schade, aber um dich, Bojar. Sollten sie dagegen uns einmal in die Hände fallen, bei Gott, so sollen sie ihren Lohn haben. Nur ist es für dich nicht gut, sie ins Jenseits zu befördern; das ziemt mehr unsereinem.«

Der Fürst sah den Unbekannten voller Verwunderung an. Seine schwarzen Augen blickten fest und durchdringend, ein tiefschwarzer Bart bedeckte den ganzen unteren Teil seines Gesichtes. Zwischen den Lippen blitzten ebenmäßige, blendend weiße Zähne hervor. Nach seiner Kleidung zu urteilen, hätte man ihn für einen Kaufmann oder einen wohlhabenden Bauern halten können; der scharfe Blick schien einen Menschen zu verraten, der gewohnt war, zu befehlen.

»Wie heißt du, wackerer Gesell«, fragte Sserebrjanyi erstaunt, »und weshalb trittst du für Leute ein, die dir nach dem Leben trachteten?«

»Ja, Bojar, wenn du uns nicht befreit hättest, so wären wir statt ihrer aufgeknüpft worden. Aber trotzdem, höre auf meinen Rat, laß sie lieber laufen. Du wirst es nicht bereuen, wenn du nach Moskau kommst. Dort ist's jetzt anders als früher. Ich hätte wahrhaftig nichts dagegen, wenn man diese Halunken hier einen Kopf kürzer machte, es würden ihrer ohnehin immer noch mehr als genug übrig bleiben, aber es sind zehn von ihnen entwichen, und wenn dieser Teufel, der Chomjak, nicht heil nach Moskau zurückkommt, so könnte es dir übel ergehen.«

Den Fürsten würden die dunklen Reden des Fremden allein wohl kaum überzeugt haben, aber sein Zorn hatte sich inzwischen etwas gelegt, und er sagte sich, daß ein übereiltes Verfahren mit den Verbrechern wenig nützen, es ihm aber vielleicht möglich sein würde, die ganze Rotte dieser geheimnisvollen Räuber aufzudecken, wenn er sie der Gerichtsbarkeit auslieferte. So erkundigte er sich genau danach, wo der nächste Gemeinderichter wohnte und ordnete an, daß seine Leute die Gefesselten zu ihm bringen sollten, während er mit Micheitsch allein seinen Weg bis Moskau fortsetzen wollte.

»Es steht in deinem Willen, Bojar, sie zum Gemeinderichter zu schicken«, sagte der Unbekannte, »nur glaube mir's, der löst ihnen auf der Stelle die Fesseln. Besser wäre es schon, wenn du sie gleich laufen ließest. Im übrigen, wie du denkst!«

Micheitsch hatte schweigend alles mitangehört und sich nur ab und zu hinter dem Ohr gekratzt. Als der Unbekannte ausgesprochen hatte, trat er zu seinem Fürsten heran, verneigte sich bis zum Gürtel vor ihm und sprach:

»Väterchen Bojar, vielleicht ist dem wirklich so, und der Mann hier hat recht: der Richter läßt das Pack laufen. Wenn du ihnen nun schon in der großen Güte deines Herzens, wofür Gott dich einst belohnen möge, den Strang erlassen hast, so gestatte wenigstens, daß wir ihnen für alle Fälle, bevor sie weiterbefördert werden, einige Fünfzig aufzählen, damit ihnen die Lust am Morden ein wenig vergeht, diesen Teufeln!«

Micheitsch nahm das Schweigen des Fürsten als Einverständnis und ließ sogleich die Gefangenen beiseite führen, wo die ihnen auferlegte Strafe allen Flüchen und fürchterlichen Drohungen Chomjaks zum Trotz schnell und präzise an ihnen vollzogen wurde.

»Das ist eine durchaus nützliche Einrichtung«, meinte Micheitsch zufrieden schmunzelnd; »einerseits ist es unschädlich, und andererseits ist es immerhin ein ganz netter Denkzettel.«

Der Unbekannte mußte ebenfalls über den glücklichen Einfall des Micheitsch lächeln; gleich darauf aber nahm sein Gesicht wieder den früheren ernsten Ausdruck an.

»Bojar«, sagte er, »wenn du schon vorhast, mit einem einzigen deiner Mannen weiterzuziehen, so gestatte wenigstens, daß mein Gefährte und ich mit dir reiten. Wir haben denselben Weg und zusammen reist sich's lustiger. Außerdem sind die Zeiten unsicher, und wenn wir wieder in Verlegenheit kommen sollten, mit den Händen zu arbeiten, so hauen immerhin acht Fäuste mehr heraus als vier.«

Der Fürst hatte keine Veranlassung, seinen neuen Gefährten zu mißtrauen, und so machten sich nach kurzer Rast alle vier zusammen auf den Weg.

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