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Alexei Konstantinowitsch Tolstoi: Der silberne Fürst - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorAlexej K. Tolstoi
titleDer silberne Fürst
publisherC. Dressler Verlag
illustratorWilhelm M. Busch (1908 - 1987)
yearo.J.
translatorWulfhild von Hartmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160419
projectid78c9c2be
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Alte Bekannte

Am Tage nach der Zerstörung des Morosoffschen Hauses ritt ein schon bejahrter Kriegsmann auf einem schwarzen Rappen durch dichten Wald. Immer und immer wieder nahm er die Mütze ab und schien angestrengt auf etwas zu lauschen.

»Still doch, Galka! Laß das dauernde Wiehern«, sagte er, seinem Pferde auf den Hals klopfend, »du mutwilliges Tier! Nichts läßt du mich hören! Zum Teufel nochmal! Das kann der richtige Weg nicht sein! Nichts als Linden und Haselbüsche, und als wir damals den Weg entlangritten, schien es mir doch nach Harz zu riechen.«

Und der Reiter setzte suchend seinen Weg weiter fort.

»Halt, Galka!« rief er plötzlich, die Zügel anziehend. »Jetzt kommt es mir doch wieder so vor, als hörte ich es ganz deutlich. So steh doch endlich still! Was ist nur in dich gefahren? In der Tat, das ist wieder das Geräusch! Diesmal scheint es wirklich kein Blätterrauschen zu sein, sondern das Klappern des Mühlrades. Zum Teufel noch mal, diese Mühle soll einer finden! Aber jetzt kann ich ihn nicht wieder verfehlen, den Hexenkasten!«

Und besorgt, die Fährte doch wieder zu verlieren, gab Micheitsch seinem Rosse die Sporen und trabte direkt auf das Geräusch zu.

»Ach, Gott sei Dank!« rief er endlich erleichtert aus, als die mit Moos überzogenen Wände und das sich drehende Mühlrad hinter den Bäumen auftauchten, »nun hab' ich's also wirklich geschafft! Es dreht sich mir ja schon selbst alles im Kopfe; bald schien der Lärm hinter mir, bald vor mir. Ja, ja genau von dieser Seite sind wir damals auch herangekommen, als die Spitzbuben uns den Weg gezeigt hatten. Und doch? Wie geht denn das nur zu? Damals stand doch das Haus mit dem Fenster zur Mühle und jetzt ist es gerade umgekehrt? Zum Teufel auch! Der Müller hier scheint mir der Rechte zu sein! Wie der einem schon jetzt die Augen verhext! Nicht umsonst hab ich mich den lieben langen Tag im Kreise um diesen verwünschten Ort gedreht. Wahrhaftig, gälte es nicht den Bojaren zu befreien, für keinen Preis der Welt wäre ich sonst hierherzubringen!«

Micheitsch stieg von seiner Galka, band das Tier an einen Baum, ging etwas furchtsam und zögernd auf die Mühle zu und klopfte an die Tür.

»Holla! Holla! Müller! Noch auf?«

In der Mühle herrschte tiefes Schweigen.

Micheitsch versuchte gewaltsam die Tür einzustoßen; sie war fest verschlossen.

›Ob sich der alte Teufel verstellt oder wirklich schläft?‹ dachte Micheitsch und begann mit aller Macht mit Armen und Beinen gegen die Tür zu stoßen. Wieder keine Antwort. Micheitsch fing endlich an, wütend zu werden.

»Holla, alter Spitzbube!« schrie er, »kriech heraus oder ich stecke dir den ganzen Kasten in Brand.«

Ein heiseres Krächzen ließ sich vernehmen, und alsbald erschien über der Türöffnung das runzlige Gesicht mit dem schlohweißen Bart, aus dem zwei große leuchtend graue Augen hervorblickten. Micheitsch wurde es unheimlich.

»Guten Tag, lieber Müller!« sprach er mit freundlicher Stimme.

»Grüß dich Gott, lieber Mann«, erwiderte dieser, »was willst du von mir?«

»Erkennst du mich nicht, Müller? Ich habe doch kürzlich mit dem Fürsten bei dir übernachtet! Besinnst du dich nicht?«

»Mit dem Fürsten? Ei, gewiß doch, wie soll ich mich darauf nicht besinnen! Nun, sage aber, Väterchen, was führt dich heute her?«

»Das will ich dir gleich sagen! Aber weshalb hältst du dich da verkrochen wie eine alte Eule in ihrer Höhle! Entweder laß mich zu dir herein oder komm zu mir heraus, so läßt es sich nicht ordentlich reden.«

»Warte, Väterchen, ich will noch rasch Korn aufschütten, dann komm' ich gleich zu dir heraus.«

›Das möchte ich doch sehen‹, dachte Micheitsch bei sich, ›wie du, Teufelsgevatter, jetzt Korn aufschütten willst; wenn du man nicht eher Judenknochen mahlst, um den Hexen Mehl daraus zu machen! Wer sollte auch sein Korn an diesen verwünschten Ort bringen; die Wagenspuren sind außerdem längst alle mit Gras zugewachsen.‹

»So, Väterchen, da bin ich!« sagte der Müller, vorsorglich die Tür hinter sich zuschließend.

»Na endlich! Hast lange genug auf dich warten lassen, mein Bester!«

»Ja, mein lieber Gevatter! Du hast gut reden; das ist kein Marktplatz hier. Im Walde ist es nicht angebracht, jedem gleich zu öffnen. Eins, zwei, drei sitzt du im Unglück! Du siehst nur, da kommt ein Mann – weißt du aber auch, ob er geweihtes Korn oder einen Feldstein bei sich hat?«

›Ach, der schlaue Fuchs‹, dachte Micheitsch, ›tut gerade so, als ob er vor Räubern Angst hat, dabei möchte ich wetten, daß es keinen Spitzbuben oder Kobold hier in der Gegend gibt, mit dem er nicht unter einer Decke steckt!‹

»Nun, Väterchen, rede, was ist dein Begehr! Erzähle, ich höre!«

»Ja, Müller höre! Es ist ein großes Unglück geschehen, schlimmer als der Tod. Die verruchten Opritschniks haben meinen Herrn ergriffen, ihn gefesselt nach der Sloboda geschleppt, wo er jetzt wohl kummervoll im finsteren Kerker schmachtet. Weshalb sie ihn eingesperrt haben, mag Gott allein wissen; nur für die gerechte Sache hat er sich eingesetzt, und sich weder vor dem Zaren noch vor seinem Gott etwas zuschulden kommen lassen – nur für den Bojaren Morosoff und seine Bojarinja ist er eingetreten, als die Opritschniks bei einem fröhlichen Gelage heimtückisch sein Haus überfielen und es in Brand steckten.«

»Ach! Ach! Ach!« meinte der Müller, »das ist schlimm, sehr schlimm, mein Lieber. Übel ergeht es der Karausche, wenn sie in bewegtes Wasser schwimmt; übel ergeht es auch deinem Fürsten im finsteren Kerker, Morosoff ohne seine junge Bojarinja, noch schlimmer aber Wjasemskij, der ein fremdes Weib entführte.«

Micheitsch machte erstaunte Augen.

»Woher weißt du, daß Wjasemskij Morosoffs Weib entführt hat, ich habe dir doch kein Wort davon gesagt?«

»Ach, Gevatterchen, nicht das allein weiß ich, was man mir erzählt. Zuweilen hallt es hier bei mir auf der Mühle wider, wenn weit draußen im Lande Lärm ist; wenn unter dem Mühlrad das Wasser abnimmt, so weiß ich ja auch, daß hundert Werst weiter Dürre herrscht und daß es wohl eine karge Ernte geben wird. Unsereiner lebt still und einsam für sich – da hört man allmählich das Gras wachsen.«

»Nun, wenn du das alles weißt, kannst du mir vielleicht auch ein Mittel sagen, wie dem Bojaren zu helfen ist. Ich habe schon hin- und hergedacht, mir meinen armen alten Kopf zergrübelt, ich finde keinen Ausweg. Da dachte ich bei mir: ›Du willst den guten Müller aufsuchen, vielleicht weiß der Rat.‹ Und dann mußte ich immer daran denken, wie jener wackere Bursche, der uns damals den Weg zu dir gewiesen hatte, beim Abschied sagte: ›Wenn ihr je meiner bedürfen solltet, so fragt beim guten Müller an, der weiß, wo Wanjucha Perstenj zu finden ist! Ich will euch jederzeit beistehen, ja, mein Leben für euch lassen.‹ Und so bin ich denn zu dir gekommen, um dich um Rat zu fragen. Wenn du uns helfen kannst, so wird Nikita Romanowitsch dir's nicht vergessen und auch ich, armer Teufel, will mein Leben lang dein treuer Diener sein.«

›Der Teufel soll dich holen!‹ dachte er im stillen bei sich, ›daß man sich vor diesem Halunken so krümmen muß!‹

»Ja, Väterchen, weshalb soll man nicht alles versuchen; wir wollen sehen, was sich machen läßt! Schlimm ist die Sache ja, schlimm, sehr schlimm! Aber schließlich kann man mit dem Eisenhaken auch einen Topf aus dem Feuer holen, und es ist schon vorgekommen, daß ein Körnchen heil unter dem Mühlstein hervorspringt. Es ist schon möglich, wenn einem nur das Glück hold ist.«

»Ja, ja, so ist es, mein Lieber; wenn der Hahn Glück hat, so legt er wohl selbst ein Ei, hat er Pech, so spießt ihn ein Käfer mit den Hörnern auf. Aber ich flehe dich an, sage mir jetzt nur, was ich tun soll!«

Der Müller ließ den Kopf sinken und schien dem Rauschen des Mühlrades zu lauschen.

So vergingen mehrere Minuten. Der Alte wiegte den Kopf hin und her und murmelte, ohne auf Micheitsch zu achten, vor sich hin:

»Das Rad dreht sich und dreht sich; was oben war, das wird nach unten kommen, was tief stand, wird hoch steigen! Horch – es tönt aus weiter Ferne eine Glocke. Läutet sie zum Begräbnis? Läutet sie zur Hochzeit? Wen man zu Grabe trägt, wer eine fröhliche Hochzeit feiert – ich kann es nicht erkennen. Das Wasser rauscht und rauscht; dichte Dämpfe verschleiern das Bild. Von ferne aber fliegen Raben herbei; sie rufen sich zum leckeren Schmaus zusammen; wen aber zerreißen sie, wem wollen sie die lichten Augen aushacken? Sie selbst wissen es nicht, sie flattern nur hin und her und krächzen ... Das Beil aber ist geschärft, der Henker bereit, über die festen Eichenbohlen rinnen Ströme warmen Blutes, die Köpfe fliegen von den Schultern, wem aber gehören sie?«

Micheitsch wurde es wieder unheimlich zumute.

»Was plapperst du da, Väterchen? Was murmelst du in einem fort, als betest du bei einem Toten?«

Der Müller schien Micheitsch' Frage nicht gehört zu haben.

Er schwieg jetzt. Nur seine Lippen bewegten sich unaufhörlich, und um seine grauen Augen hatte sich ein trüber Schimmer gelegt, als könnten sie nichts mehr erkennen.

»Väterchen! Holla, Väterchen!«

Micheitsch zupfte ihn am Ärmel.

»Ja?« versetzte der Müller wie abwesend und blickte Micheitsch an, als bemerkte er ihn eben erst.

»Was murmelst du nur immerzu?«

»Ach, Gevatterchen! Man hört viel, sagt aber wenig. Schlage du jetzt den Weg ein, der an der Fichte vorbeiführt! Reite immer geradeaus, laß all die Seitenwege rechts und links außer acht, immer geradeaus, hörst du? Wenn du so an die fünf Werst hinter dir hast, wirst du etwas abseits vom Wege eine Hütte sehen, in jener Hütte aber findest du keine lebende Seele vor. Dort warte bis zur Nacht, dann werden wackere Leute kommen. Von ihnen wirst du das Weitere erfahren. Auf dem Rückwege aber komm wieder hier vorbei, dann gibt es Arbeit für dich. Der Wundervogel Schar ist hergeflogen; du magst ihn dann zum König von Dalmatien bringen, den Lohn aber teilen wir beide.«

Ohne eine weitere Antwort abzuwarten, ging der Alte eilig in die Mühle zurück und riegelte die Tür fest hinter sich zu.

»Ach, Väterchen!« schrie ihm Micheitsch nach, »erkläre dich doch deutlicher, von welchen Leuten du da redest und was für einen Vogel du meinst!«

Aber der Müller gab auf Micheitsch' Ruf keine Antwort, und wie angestrengt der letztere auch lauschte, er vermochte außer dem Rauschen des Wassers und dem Knarren der Mühlräder nichts zu vernehmen.

»Wirklich, der Teufel soll ihn holen, den alten Halunken! – Na, Galka, dann man zu, es bleibt uns nichts anderes übrig, wollen sehen, ob wir diese vermaledeite Hütte aufstöbern.«

Und Micheitsch schwang sich in den Sattel, pfiff sich ein Liedchen und trabte in der angegebenen Richtung in den Wald hinein.

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