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Alexei Konstantinowitsch Tolstoi: Der silberne Fürst - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorAlexej K. Tolstoi
titleDer silberne Fürst
publisherC. Dressler Verlag
illustratorWilhelm M. Busch (1908 - 1987)
yearo.J.
translatorWulfhild von Hartmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160419
projectid78c9c2be
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Der verräterische Kuß

Doch nun wollen wir wieder zu Morosoff zurückkehren. Jelenas Verwirrung in Sserebrjanyis Gegenwart war dem scharfen Blick des alten Bojaren nicht entgangen. Zuerst hatte er freilich gedacht, daß eine Begegnung mit Wjasemskij die Ursache gewesen war, später aber faßte doch ein Argwohn in seiner Seele Wurzel. Nachdem er den Fürsten bis zum Hoftor geleitet und sich verabschiedet hatte, war er voller Unruhe in sein Haus zurückgekehrt.

›Jelena wird wohl schon schlafen‹, dachte er, ›sie erwartet mich jetzt nicht mehr, ich will etwas in den Garten gehen, vielleicht wird mir draußen der Kopf freier.‹

Morosoff trat hinaus. In tiefer Dunkelheit lag sein Garten. Plötzlich leuchtete am Zaune etwas Weißes auf. Er blickte schärfer hin, um die Gestalt zu erkennen. Worte drangen an sein Ohr. Er blieb wie gebannt stehen. War das nicht die Stimme seiner Frau? Am Gartenzaun zeichnete sich gegen den Sternenhimmel die undeutliche Gestalt eines Reiters ab; der Unbekannte hatte sich zu Jelena heruntergeneigt und schien ihr irgendetwas ins Ohr zu flüstern. Morosoff hielt den Atem an, ein heftiger Windstoß aber schüttelte die Wipfel der Bäume. So konnte er weder die Stimme noch das Antlitz des Reiters erkennen. Er verstand nur, wie die Bojarinja mit tränenerstickter Stimme zu ihm sagte:

»Ich liebe dich stärker als alles Leben. Nie habe ich außer dir einen Mann geliebt, nie wieder werde ich einen anderen lieben können!«

Bald darauf huschte Jelena an Morosoff vorüber, ohne ihn zu bemerken. Langsamen Schrittes folgte ihr der Bojar.

Am darauffolgenden Tage ließ er sich auch nicht durch eine einzige Miene merken, daß er irgendeinen Verdacht gegen Jelena hegte. Er war nach wie vor freundlich und aufmerksam; nur von Zeit zu Zeit, wenn sie es nicht bemerkte, zog er finster die Brauen zusammen und blickte sie zornig an.

So vergingen vier qualvolle Tage.

 

Morosoff saß in seinem Gemach. Auf dem schweren Eichentische vor ihm lag ein aufgeschlagenes Buch in purpurnen Sammet gebunden, mit silbernem Schloß, Beschlägen und Rücken.

Aber des Bojaren Gedanken weilten nicht bei dem, was er las. Seine Augen glitten teilnahmslos über die Schriftzüge, die bunten Bilder und wunderlichen Initialen; seine Gedanken kreisten noch immer ruhelos zwischen seiner treulosen Frau und dem rätselhaften Unbekannten hin und her.

Am Abend vorher war Sserebrjanyi aus der Sloboda zurückgekehrt und hatte seinem Versprechen gemäß Morosoff aufgesucht.

Jelena hatte sich durch Krankheit entschuldigen lassen und auch den ganzen Tag lang ihre Frauengemächer nicht verlassen.

Morosoff hatte auch Sserebrjanyi gegenüber sein früheres Verhalten nicht geändert. So herzlich er ihn zu seiner gesunden Rückkehr aus der Sloboda beglückwünschte, so aufmerksam er den teuren Gast bewirtete, so beobachtete er doch immer wieder Sserebrjanyis Züge, um in denselben irgend welche Anzeichen des Verrates und der Falschheit zu entdecken. Nikita schien nachdenklich gestimmt, war aber in seinem Wesen offen und einfach wie immer, so daß Morosoff nichts ergründen konnte.

Ein eintretender Diener unterbrach ihn in seinem qualvollen Grübeln, blieb aber ehrerbietig stehen, als er die finster gerunzelte Stirn seines Herrn bemerkte. Morosoff sah ihn fragend an. »Herr«, sprach der Diener, »Leute des Zaren sprengen heran. Ihnen allen voran Fürst Afanaßij Iwanowitsch Wjasemskij. Sie sind schon ganz nahe, sollen sie empfangen werden?«

Draußen hörte man auch schon den Klang einer Trommel, die ein Diener des Fürsten mit einem Lederklöppel rührte, um für seinen Herrn freie Bahn zu schaffen.

»Wjasemskij sollte zu mir wollen?« meinte Morosoff ungläubig. »Nicht möglich! Ist er denn ganz von Sinnen! Vielleicht zieht er nur hier vorbei. Geh zum Tor und warte ab, was geschieht. Und wenn er sich tatsächlich zu uns wenden sollte, so sage ihm, daß mein Haus keine Schenke ist, daß ich keine Opritschniks kenne und mit ihnen kein Salz und Brot teile. Geh!«

Der Diener zögerte.

»Was ist denn?« fragte Morosoff.

»Bojar, du hast ja zu befehlen – das aber kann ich Wjasemski nicht sagen.«

»Geh! Sage ich dir!« rief Morosoff zornig und stampfte mit dem Fuße auf.

»Bojar!« rief atemlos herbeieilend der Hausmeister.

»Fürst Afanaßij Wjasemskij hält draußen vor dem Tore. Er sagt, daß ihn der Zar selbst gesandt hätte!«

»Der Zar hätte ihn gesandt? Hat er das wirklich gesagt? Der Zar? So öffne ihm schnell die Pforten! Reicht ihm auf goldener Schüssel unser Salz und Brot! Alle meine Leute sollen dem Gesandten des Zaren entgegengehn!«

Unterdessen war der Trommellärm immer näher gekommen. Etwa zwanzig Reiter, ihnen voran Afanaßij Wjasemskij auf dunkelbraunem silbergeschirrten Hengst, ritten langsamen Schrittes in Morosoffs Hof ein. Der Fürst trug einen Kaftan aus schneeweißem Atlas. Seine karmoisinroten Hosen steckten in gelben Saffianstiefeln mit silbernen Hacken und Sporen und perlenbesetzten Schäften, die fast bis zu den Knien hinaufreichten. Über den Kaftan war leicht ein ärmelloser Sommerrock aus goldfarbiger Seide geworfen, der auf der Brust durch eine mit gleißenden Brillanten besetzte Spange zusammengehalten war. Das Haupt bedeckte eine weiße Brokatmütze, an der eine ebenfalls mit Brillanten reichgeschmückte Feder befestigt war, die bei jeder Bewegung des Fürsten in der Sonne glitzerte.

Bei Druschinas Erscheinen stiegen alle Opritschniks ab.

Morosoff kam ihnen mit einer goldenen Platte langsam entgegen. Ihm folgten alle Hausgenossen und Diener.

»Fürst«, sprach Morosoff, sich tief verneigend, so daß die ungeschorenen Haare ihm tief ins Gesicht fielen, »der Zar hat dich gesandt. Ich beeile mich, dich und die Deinen mit Salz und Brot zu empfangen.«

»Bojar Druschina«, erwiderte Wjasemskij, »der Zar und Großfürst Iwan Wassiljewitsch wendet seinen Zorn von dir; er befreit dein Haupt von der Acht und vergibt dir deine Vergehen! Du, Bojar Druschina, sollst fortan wieder in der Gnade deines Herrn stehen, deinem Herrscher dienen wie zuvor und in all deine früheren Ehren wieder eingesetzt werden!«

Als Wjasemskij zu sprechen begonnen hatte, war Morosoff in die Knie gesunken. Jetzt richtete er sich mit Hilfe seiner Leute wieder auf. Er war bleich geworden.

»Mögen die heilige Dreifaltigkeit und sämtliche Heiligen von Moskau unserem großen und erhabenen Herrn ihren Segen verleihen!« sprach er mit bebender Stimme. »Möge der allwissende und barmherzige Gott seine Tage bis in die Ewigkeit verlängern! Wohl hab' ich dich hier nicht erwartet, Fürst Afanaßij, aber du bist vom Zaren gesandt, so komm in mein Haus! Tretet auch ihr ein, ihr Herren Opritschniks! Erweist mir die Ehre! Entschuldigt mich nur eine kleine Weile! Ich will ein Dankgebet sprechen, dann komme ich wieder zu euch, und wir wollen ein festliches Mahl halten bis in die späte Nacht.«

Die Opritschniks traten ein. Morosoff rief einen Diener heran.

»Schwing dich auf ein schnelles Roß und reite zum Fürsten Sserebrjanyi, entbiete ihm meinen Gruß und bestelle, daß ich ihn bitten lasse, den heutigen Tag festlich in meinem Hause zu begehen, der Zar hätte mir eine unendliche Gnade erwiesen, hätte mich von der Acht befreit!«

Nachdem er diesen Befehl erteilt und die Gäste bis über die Schwelle geleitet hatte, richtete er seine Schritte über den Hof in die Kapelle, begleitet von seinen Hausgenossen und seiner zahlreichen Dienerschaft. Im Hause blieben nur der Haushofmeister und einige Leute, die zur Bedienung der Gäste unabkömmlich waren, zurück.

Bald traf auch Sserebrjanyi, der Sitte entsprechend von einem zahlreichen Gefolge begleitet, ein.

Die Tafel im großen Saale war bereits gedeckt. Die Lakaien standen hinter den Stühlen; alles wartete auf den Hausherrn.

Nachdem Druschina Andrejewitsch seine Danksagung gesprochen, trat er in kostbarem Gewande aus Brokat, die Zobelmütze in der Hand, in den Saal.

Sein graues Haupthaar war gleichmäßig geschnitten; sein Bart glattgekämmt. Er verneigte sich tief vor den Gästen, die seinen Gruß erwiderten, indem sie sich erhoben. Dann setzten sich alle zu Tisch.

Und es begann ein fröhliches Mahl; die Becher und Humpen klirrten gegeneinander. Wohl ertönte gleichzeitig ein anderer Klang, der wenig zu den heiteren Lauten dieses Freudenfestes passen mochte. Es klirrten unter den reichen Kaftans unsichtbare Panzerhemden.

Morosoff aber hörte den grimmen Klang nicht. Andere Gedanken beschäftigten ihn. Eine innere Stimme sagte ihm, daß der nächtliche Beleidiger seiner Ehre mit ihm an einem Tische saß, und er glaubte endlich nach langem Überlegen ein sicheres Mittel gefunden zu haben, ihn festzustellen.

Schon manchen Becher hatten die Gäste geleert. Sie hatten auf die Gesundheit des Zaren und der Zariza und des ganzen Zarenhauses, auf das Wohl des Metropoliten und der gesamten russischen Geistlichkeit, auf die Gesundheit Wjasemskijs, Sserebrjanyis und des liebenswürdigen Gastgebers getrunken. Als alle Toaste ausgebracht worden waren, erhob sich Wjasemskij und forderte die Anwesenden auf, auch auf das Wohl der jungen Bojarinja die Becher zu leeren. Darauf gerade hatte Morosoff gewartet.

»Meine teuren Gäste!« sprach er, »es geht nicht an, daß ihr auf die Gesundheit der Frau des Hauses trinkt, wenn sie selbst nicht anwesend ist. Geht!« fuhr er zu den Dienern gewandt fort, »bestellt der Bojarinja, sie möchte kommen und unsern teuren Gästen den Becher kredenzen.«

»Bravo! Bravo!« riefen die Gäste einstimmig aus. »Ohne die Hausfrau ist selbst der Honig nicht süß!«

 

Nach wenigen Minuten erschien Jelena in kostbarem Ssarafan, von zwei ihrer Mädchen begleitet. Sie hielt ein goldenes Tablett in den Händen, auf dem nur ein einziger goldener Becher stand.

Die Gäste erhoben sich. Der Haushofmeister füllte den Becher. Jelena berührte ihn mit den Lippen und trat der Reihe nach an jeden einzelnen Gast heran, um ihm den Becher zu reichen, wobei sie sich nach der Sitte vor jedem Gast tief verneigte. Sobald der Becher leer war, füllte ihn der Haushofmeister wieder neu. Als Jelena ohne Ausnahme jedem einzelnen den Becher gereicht hatte, wandte sich Morosoff, der jede ihrer Bewegungen genau verfolgt hatte, wieder an seine Gäste.

»Meine teuren Gäste!« sprach er, »wenn ihr meinem Hause die Ehre antun wollt und auch meine Küche euch zufriedengestellt hat, so bitte ich euch jetzt, verschmäht es nicht, nach altem russischen Brauch meine Frau zu küssen. Jelena Dmitrijewna, hier ist dein Ehrenplatz! Erwidere der Reihe nach den Kuß eines jeden Gastes!«

Die Anwesenden dankten Morosoff. Jelena stand zitternd da und ließ die Augen sinken.

»Fürst, nähere dich ihr!«

»Nein! Nein!« riefen die Gäste eifrig, »nach der alten Sitte muß der Hausherr sie zuerst küssen. Laß uns an dem alten Brauch genau so festhalten, wie schon die Väter ihn übten.«

»Gut, richten wir uns genau danach!« sprach Morosoff, trat auf sein Weib zu und verneigte sich zuerst tief vor ihr. Als sich ihre Lippen berührten, brannten Jelenas Lippen wie Feuer; kalt wie Eis waren Druschinas Lippen.

Nach Morosoff näherte sich Wjasemskij der Bojarinja.

Morosoff ließ keinen Blick von beiden.

Afanaßijs Augen funkelten wie glühende Kohlen; Jelenas Züge blieben unbeweglich. In Gegenwart ihres Mannes und Sserebrjanyis fürchtete sie den zudringlichen Bewerber nicht.

›Der kann es nicht sein‹, dachte Morosoff.

Wjasemskij verneigte sich bis zur Erde vor Jelena und küßte sie dann; als aber dieser Kuß ein wenig länger zu dauern schien als unbedingt nötig, wandte sie sich mit merklichem Verdruß von ihm ab.

›Nein, der ist es nicht‹, sagte sich Morosoff noch einmal.

Nach Wjasemskij traten der Reihe nach einige Opritschniks heran. Sie verneigten sich alle der Sitte gemäß tief und küßten dann die Bojarinja; aber außer einer gewissen Unruhe konnte Morosoff nichts in den Zügen seiner Frau lesen. Ein paarmal hoben sich ihre langen Wimpern, und ihr Blick schien wie suchend unter den Gästen umherzuirren.

›Also ist er hier!‹ dachte Morosoff.

Plötzlich zuckte Jelena zusammen. Ihre Blicke waren denen ihres Mannes begegnet, und mit der Feinfühligkeit des Weibes hatte sie sofort des Mannes Gedanken erraten; unter diesem schweren und regungslosen Blick aber schien es ihr unmöglich, Sserebrjanyi zu küssen, ohne sich im gleichen Augenblick zu verraten. Alle Einzelheiten ihrer ersten Begegnung mit Sserebrjanyi am Gartenzaun traten ihr lebhaft vor Augen. Ihre jetzige Lage und der Kuß, der ihrer harrte, schienen ihr eine furchtbare Strafe Gottes zu sein. Ein kalter Schauder schüttelte sie.

»Mir ist nicht gut«, flüsterte sie, »laß mich gehen, Druschina Andreitsch!«

»Bleibe, Jelena!« sagte Morosoff ruhig, »du kannst jetzt unmöglich gehen, bevor die Zeremonie beendet ist.«

Und von neuem richtete er seinen durchbohrenden Blick auf seine Frau.

»Ich kann mich ja nicht mehr aufrecht halten!« sagte sie gequält.

»Wie?« meinte Morosoff, als hätte er nicht richtig verstanden, »dir ist schwindelig? Nicht möglich! Tretet nur herzu, ihr Herren. Achtet nicht auf die Reden meiner Frau; sie ist noch ein halbes Kind und arg schüchtern. Die Sitte ist ihr noch etwas ganz Ungewohntes, Neues. Das schadet aber nichts. Laßt euch nicht stören, erweist uns die Ehre!«

›Wo bleibt denn nur Sserebrjanyi?‹ dachte Druschina Andrejewitsch und ließ seinen Blick suchend unter den Gästen umherschweifen.

Fürst Nikita stand abseits. Es war ihm nicht entgangen, mit welcher Aufmerksamkeit und Spannung Morosoff seine Frau und jeden der Gäste, der sich ihr näherte, beobachtete. In Jelenas Zügen las er Angst und Verzweiflung. Sonst rasch entschlossen, wußte Nikita jetzt nicht, wie er sich verhalten sollte. Er fürchtete Jelenas Unruhe zu vermehren, wenn er sich ihr näherte, scheute sich aber auch wieder, den Argwohn ihres Mannes zu bestärken, wenn er hinter den anderen zurückblieb. So trat er heran, verneigte sich vor Jelena, noch immer unschlüssig, ob er ihr in die Augen sehen oder ihrem Blick ausweichen sollte. Diese Unsicherheit verriet ihn. Jelena andererseits vermochte die Folterqualen, denen ihr Mann sie unbarmherzig unterwarf, nicht länger zu ertragen.

Als Sserebrjanyis Lippen die ihren berührten, erbebte sie wie im Fieber, ihre Knie wankten und wider Willen entfuhren ihr die Worte: »Heilige Mutter Gottes! Habe Erbarmen mit mir!«

Morosoff fing die halb Ohnmächtige in seinen Armen auf.

»Ach«, sagte er, »so ist es nun um die Gesundheit der Frauen bestellt. Anzuschauen wie Milch und Blut, – eine kleine Aufregung und sie sinken gleich in Ohnmacht! Nun, nun, es wird schon nicht so schlimm sein, das vergeht gleich wieder! Laßt euch nicht stören, liebe Gäste!«

In Stimme und Verhalten zeigte Morosoff nicht die leiseste Erregung, er schien genau so ruhig, zuvorkommend und liebenswürdig wie zuvor.

So blieb Sserebrjanyi noch immer im Zweifel, ob Druschina in sein Geheimnis gedrungen war.

Als die Zeremonie beendet war, verließ Jelena, von ihren Mädchen gestützt, den Saal. Auf Morosoffs Aufforderung nahmen die Gäste alle wieder Platz.

Draschina Andrejewitsch bewirtete sie mit der gleichen Aufmerksamkeit und vernachlässigte auch nicht eine der vielen großen und kleinen Pflichten, die dem Hausherrn in jenen Zeiten den Ruf eines vorzüglichen Gastgebers erwarben.

Es war schon spät geworden. Der Wein hatte die Gemüter erhitzt, so daß manches krause Wort in den Gesprächen der Opritschniks fiel.

»Fürst!« sagte einer von ihnen, sich zu Wjasemskij hinneigend: »Es ist Zeit, ans Werk zu gehen!«

»Schweige!« flüsterte ihm Wjasemskij zu. »Der Alte könnte es hören!«

»Nun, wenn er's auch hört, verstehen wird er's schon nicht!« fuhr der Opritschnik mit der Hartnäckigkeit des Betrunkenen mit lauter Stimme fort.

»Schweige!« wiederholte Wjasemskij.

»Ich sage dir aber, es ist wirklich höchste Zeit! Bei Gott, es ist allerhöchste Zeit! Warte, ich geb' gleich das Zeichen!«

Und der Opritschnik machte wirklich Anstalten, sich zu erheben, Wjasemskij aber zwang ihn mit starker Hand auf seinen Platz nieder.

»Versuche nur noch einmal aufzustehen!« raunte er ihm zornig zu, »dann stoße ich dir dieses Messer hier in die Brust.«

»Oho, jetzt kommst du gar noch mit Drohungen!« schrie der Opritschnik, wütend aufspringend. »So einer also bist du! Ich habe es ja immer gesagt, daß euch nicht über den Weg zu trauen ist! Du bist ja auch nicht einer von uns. Ihr Fürsten und Bojaren schluckt nur unseren schönen Sold. Warte nur, wer der Stärkere von uns beiden ist! Fort mit dem Kaftan, das Panzerhemd heraus! Den Säbel heraus! Wir wollen doch einmal sehen, wer den kürzeren zieht!«

Diese Worte waren zwar mit unsicherer Stimme inmitten des allgemeinen Lärmes gesprochen, aber einige davon waren doch bis zu Sserebrjanyi gedrungen und hatten seine Aufmerksamkeit erregt.

Morosoff hatte nichts gehört; er sah nur, daß unter den Gästen ein Streit ausgebrochen war.

»Meine lieben Gäste!« sagte er, die Tafel aufhebend, »draußen ist schon tiefe Nacht! Sollte es da nicht auch für uns Zeit sein, zur Ruhe zu gehen? Euch allen sind weiche Lager und Daunenkissen bereitet.«

Die Opritschniks erhoben sich, dankten dem Hausherrn, verneigten sich und verteilten sich dann in die Räume, die für sie vorbereitet waren.

Sserebrjanyi wollte sich auch verabschieden.

Morosoff hielt ihn zurück.

»Fürst«, sprach er mit leiser Stimme, »warte hier auf mich!«

So blieb Sserebrjanyi allein zurück, während Druschina Andrejewitsch sich zu seiner Frau begab.

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