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Alexei Konstantinowitsch Tolstoi: Der silberne Fürst - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorAlexej K. Tolstoi
titleDer silberne Fürst
publisherC. Dressler Verlag
illustratorWilhelm M. Busch (1908 - 1987)
yearo.J.
translatorWulfhild von Hartmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160419
projectid78c9c2be
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Vater und Sohn

Es war schon spät in der Nacht, als Maljuta nach der Folter der Kolytscheffs, der Angehörigen und Freunde des abgesetzten Metropoliten, den Kerker verließ. Dunkle Wolken hingen wie schwarze Ungeheuer über der Sloboda und verkündeten ein drohendes Unwetter. Im Hause Maljutas war alles längst zur Ruhe gegangen; allein Maxim wachte noch. Er kam dem Vater entgegen.

»Vater!« sagte er, »ich habe auf dich gewartet, ich muß dich sprechen!«

»Was willst du denn?« fragte Maljuta, unwillkürlich dem Blick des Sohnes ausweichend. Grigorij Skuratoff hatte noch nie in seinem Leben vor einem Feinde gezittert, aber in des Sohnes Gegenwart fühlte er sich meist befangen.

»Ich will morgen fort von hier«, fuhr Maxim fort, »leb' wohl, Vater!«

»Wohin willst du?« fragte Maljuta und richtete dieses Mal seinen trüben Blick auf den Sohn.

»Wohin der Weg mich führt, Vater! Gottes Erde ist groß, sie hat Raum für uns alle!«

»Bist du von Sinnen? Was hast du heute an der Tafel des Zaren angerichtet? Wie konntest du es wagen, ihm zu widersprechen? Weißt du etwa nicht, wer der Zar ist und wer du bist?«

»Das weiß ich sehr wohl, Vater, und ich weiß auch, daß der Zar mir für meine Worte heute dankbar war. Und dennoch kann ich unmöglich länger hierbleiben!«

»Du Tor! Mit einem Mal willst du mit dem Kopf durch die Wand. Weshalb möchtest du denn gerade jetzt fort, wo der Zar dir großmütig verziehen, ja, dich unter seine Aufseher versetzt hat? Weshalb denn gerade jetzt?«

»Es ist mir schon lange eine Qual, unter euch zu leben, das weißt du doch, Vater. Ich habe nur bisher nicht den Mut gehabt, fortzugehen. Von meiner Kindheit an habe ich nur immer von allen Seiten gehört, des Zaren Wille sei Gottes Wille, und daß es keine schwerere Sünde gäbe als anders zu denken wie der Zar. Pater Lewkij und alle anderen Geistlichen der Sloboda haben es mir in der Beichte stets als eine große Sünde angerechnet, daß ich anderen Sinnes bin als ihr. Da kamen mir Zweifel, ob ich im Recht sein konnte, ich allein gegen euch alle, und so habe ich es immer und immer wieder aufgeschoben, von euch fortzugehen. Heut aber«, fuhr Maxim fort, und ein jähes Rot bedeckte plötzlich seine Wangen, »heute habe ich begriffen, daß ich doch im Recht war. Als ich Fürst Sserebrjanyi sprechen hörte und erfuhr, daß er die Leute des Zaren für ihre Übeltaten bestraft hatte und sich auch vor dem Zaren selbst wie ein Märtyrer mit seinem Leben für die gerechte Sache einzusetzen bereit war, da schlug ihm mein Herz entgegen, wie es noch nie für einen Menschen geschlagen hat, jeder Zweifel war von mir gewichen, und es wurde mir sonnenklar, daß Wahrheit und Recht nicht auf eurer Seite sind!«

»Also der hat dir den Kopf verdreht!« rief Maljuta, schon ohnehin auf Sserebrjanyi erbost, »der also hat dich auf dem Gewissen! Er soll mir nur erst zwischen die Finger kommen. Wahrlich, der Tod soll ihm nicht leicht werden, dem Hund!«

»Der Herr möge ihn vor deinen Händen bewahren!« erwiderte Maxim, sich schaudernd bekreuzigend. »Gott wird es nicht zulassen, daß alles Edle und Gute in Rußland ausgerottet wird. Ja«, fuhr er mit Wärme fort, »als ich Nikita Romanowitsch zum erstenmal erblickte, da wußte ich, daß es schön sein müßte, immer um ihn zu sein, und ich wollte ihn bitten, mich in seine Dienste zu nehmen, aber ich war zu scheu, mich einem solchen Manne zu nähern, ich kann ihm ja nicht frei in die Augen blicken, solange ich dieses Kleid trage!«

Zwei Empfindungen kämpften in Maljutas Brust. Am liebsten hätte er Maxim mit Füßen getreten und ihn unter schrecklichen Drohungen zum Gehorsam gezwungen, aber eine unwillkürliche Scheu vor dem Sohne hielt seine Wut zurück. Er fühlte, daß in diesem Augenblick alle Gewalt vergeblich sein würde und begann deshalb krampfhaft nach anderen Mitteln zu suchen, um ihn zurückzuhalten.

»Mein lieber, guter Maximuschka«, sagte er, indem er sich bemühte, seine tierischen Züge so flehentlich und zärtlich wie möglich zu verziehen, »nicht zur rechten Zeit hast du ans Fortgehen gedacht. Deine freimütige Rede hat dem Zaren gefallen und, wenn du mir auch einen gehörigen Schreck eingejagt hast, so scheinen die Heiligen selbst schützend über dir gewacht und des Zaren Herz erweicht zu haben. Anstatt dich mit dem Tode zu bestrafen, lobt er dich, erhöht deinen Sold, ehrt dich durch einen kostbaren Zobelpelz. Nie wieder wird sich dir eine so günstige Gelegenheit bieten emporzusteigen – und dennoch sagt dir das Leben hier bei uns nicht zu?«

Maxim warf sich verzweifelt Maljuta zu Füßen.

»Es ist kein Leben hier für mich, Vater! Ich ertrage es nicht länger, hierzubleiben. Ich kann nicht Tag und Nacht das Stöhnen und Jammern der Gefolterten mit anhören, ich kann es nicht sehen, daß mein Vater ...«

Maxim stockte.

»Nun?« fragte Maljuta.

»Daß mein Vater ... ein Henker ist!« stieß Maxim hervor und ließ den Blick scheu sinken, erschreckt, daß er ein solches Wort vor dem Vater über die Lippen gebracht hatte.

Der aber ließ sich nicht beirren.

»Zwischen Henker und Henker ist immerhin ein kleiner Unterschied«, sagte er, ohne den Sohn anzublicken. »Der eine ist ein gemeiner Mann und hat nur zu gehorchen, der andere ist mächtig und hat zu befehlen. Einem steht es zu, arme Schlucker von Spitzbuben ins Jenseits zu befördern, dem anderen aber, den hochmütigen Bojaren das Genick zu brechen, weil sie den Thron des Zaren unterwühlen und das ganze Reich erschüttern! Mit Diebes- und Räubergesindel gebe ich mich nicht ab; unter meinem Beil fallen nur Verräter!«

»Schweige, Vater!« stieß Maxim aufspringend hervor, »brich mir nicht das Herz durch solche Reden! Wer von all denen, die du auf dem Gewissen hast, wollte denn dem Zaren etwas zuleide tun? Welcher von ihnen wollte das Reich erschüttern? Wahrlich nicht um ihrer Sünde willen, sondern allein um deine Wut und deine Rache zu befriedigen, mußten ihre Köpfe fallen! Wärst du nicht, selbst der Zar würde barmherziger sein. Ihr aber wittert überall Verrat; erpreßt durch unmenschliche Foltern falsche Geständnisse, ihr, ja ihr ganz allein seid an dem fürchterlichen Blutbad schuld! Lade nicht noch mehr Gottes Fluch auf dich, Vater, verleumde die Bojaren nicht, sondern bekenne, daß du nicht eher ruhen willst, als bis du ohne Unterschied die Bojarengeschlechter ausgerottet hast bis auf den letzten Mann!«

»Und wie kämst du dazu, dich so warm für sie einzusetzen?« bemerkte Maljuta mit einem giftigen Lächeln. »Es geht dir wohl besonders glatt herunter, daß du trotz deiner Schönheit und Unerschrockenheit immer weit hinter ihnen zurückstehen mußt? Und könntest es doch mit jedem einzigen von ihnen aufnehmen! Worin tun sie es uns denn schon zuvor? Hat Gott sie etwa aus anderem Stoff geformt? Und wenn sie sich mit ihrem Reichtum brüsten –, nun, so wartet nur noch eine Weile, ihr stolzen Herren! Der Zar vergißt seine treuen Diener nicht so leicht. Laßt nur die Koltyscheffs erst so weit sein, daß wir sie abtun können, ein hübsches Erbe werden sie uns hinterlassen, die Guten! Habe mich auch wahrhaftig genug mit ihnen im Kerker herumgeplagt! Zäh sind sie, die Bestien, das muß man ihnen lassen!«

Haß und Entrüstung loderte in Maljutas Herzen auf, aber er verzerrte trotzdem sein Gesicht zu einem neuen zärtlichen Lächeln, weil er noch immer die Hoffnung nicht aufgeben mochte, Maxim zu überreden.

»Maximuschka«, sprach er, »für wen hätte ich denn all das schöne Geld zusammengespart? Für wen plage ich mich Tag und Nacht im Schweiße meines Angesichtes? Ziehe nicht fort, bleib doch bei mir! Du bist ja noch so jung, das Leben liegt vor dir. Verlaß mich nicht! Bedenke doch, daß ich dein Vater bin! Wenn ich dich ansehe, so lacht mir das Herz im Leibe, genau so, als wenn mich der Zar lobt oder mich zum Handkuß zuläßt. Wehe dem, der dich zu beleidigen wagte, ich glaube, ich könnte ihn bei lebendigem Leibe zerreißen!«

Maxim schwieg. Maljuta quälte sich, seinem Gesicht einen noch zärtlicheren Ausdruck zu verleihen.

»Liebst du mich denn gar nicht ein wenig, mein lieber guter Maximuschka? Regt sich denn nichts in deiner Seele für mich?«

»Nichts, Vater!«

Maljuta schluckte seine ohnmächtige Wut hinunter.

»Und was wird der Zar sagen, wenn er hört, daß du fort bist und merkt, daß du vor ihm geflohen bist?«

»Seinetwegen ziehe ich ja fort, Vater! Ein Grauen hat mich gepackt. Weiß ich doch, daß Gott uns befiehlt, den Zaren zu lieben. Wenn ich aber sehe, was er anrichtet, dann empört sich mein ganzes Sein gegen ihn. Ich möchte ihn lieben, aber ich vermag es nicht. Wenn ich die Sloboda weit hinter mir gelassen habe und nicht mehr unschuldiges Blut fließen sehen muß, dann vielleicht kann ich auch den Zaren wieder lieben, so Gott will. Und selbst, wenn ich es auch dann noch nicht vermag, so will ich ihm dennoch treu dienen, nur nicht unter seinen Opritschniks, nein, nie und nimmer!«

»Und was soll aus deiner armen Mutter werden?« sagte Maljuta, zu dem allerletzten Mittel greifend. »Sie wird einen solchen Schmerz nicht überleben. Du tötest die alte Frau! Bedenke, wie elend und krank sie ist, das arme Täubchen!«

»Der barmherzige Gott wird meine Mutter nicht verlassen«, erwiderte Maxim gequält, »sie wird mir vergeben.«

Maljuta durchmaß mit langen, aufgeregten Schritten das Zimmer.

Als er nach einer Weile vor Maxim stehen blieb, war der weiche Ausdruck, zu dem er seine Züge bisher verzerrt hatte, vollständig verschwunden. Auf seinem groben Gesicht lag nichts weiter als harter, unbeugsamer Wille.

»Höre, du Gelbschnabel!« sprach er in gänzlich verändertem Tone, »bisher habe ich dich im Guten gebeten, jetzt aber sage ich dir dies eine: ich lasse dich nicht ziehen. Und wenn du dich nicht fügst, so will ich dich morgen mit eigener Hand zwingen, die Feinde des Zaren hinzurichten. Vielleicht hörst du auf, dich deines Vaters zu schämen und mit deiner Reinheit zu prahlen, wenn erst deine eigenen Hände mit Blut befleckt sind!«

Maxim wurde bleich wie der Tod, sagte aber kein einziges Wort. Er wußte, daß des Vaters Wille durch nichts mehr zu brechen war.

»Siehst du«, fuhr Maljuta fort, »wir haben jetzt lange genug geschwatzt. Die Nacht ist weit vorgerückt; es ist höchste Zeit, dem Zaren die Kerkerschlüssel zu bringen. Und nun hat es auch noch angefangen zu regnen! Reiche mir meinen Mantel! Ei, ei, wie keck du geworden bist, mein Söhnchen! ›Ich will ziehen, das Leben hier ist mir nicht nach meinem Sinn!‹ Nein, nein, mein Kindchen, so leicht geht das denn doch nicht; du hast die Schwingen ein bißchen früh geregt. Ich bin schon mit anderen fertig geworden. Warte nur, ich will dich schon zahm kriegen! Pfui, ist das ein Wetter! Gib mir den Hut! Ach, war das eben ein Blitz! Als wäre der Himmel geborsten und die ganze Sloboda ginge in Flammen auf! So, nun schließe die Fenster und geh zu Bett, damit du bis morgen den Blödsinn ausgeschlafen hast. Und deinem Sserebrjanyi will ich schon einen Denkzettel geben, der soll mir dafür büßen!«

Maljuta ging. Maxim blieb in dumpfem Grübeln zurück. Im Hause war alles totenstill, draußen aber tobten die entfesselten Elemente. Maxim trat zur Treppe heran, die in das obere Stockwerk führte. Er beugte sich vor und lauschte gespannt. Alles lag in tiefem Schweigen. Er tastete sich behutsam die Stufen hinauf und blieb dann vor der Türe stehen, hinter der seine Mutter schlief.

»O Gott«, flüsterte er, »du blickst in mein Herz und kennst meine Gedanken. Du weißt, daß ich nicht aus Selbstüberhebung oder Eigensinn mich dem Willen des Vaters widersetze. Vergib mir, Herr, wenn ich dein heiliges Gebot übertrete! – Und auch du, mein liebes Mütterchen, verzeih mir! Ich verlasse dich ohne dein Wissen, ziehe ohne deinen Segen hinaus; ich weiß es, Mutter, es wird dir das Herz brechen, aber du würdest mich nicht gehen lassen. Leb' wohl, geliebte Mutter, du wirst mich wohl nie wiedersehen!«

Maxim sank auf der Schwelle nieder und berührte sie mit den Lippen; dann schlug er mehrmals das Zeichen des Kreuzes, schlich sich vorsichtig wieder die Treppe hinunter und trat hinaus in die finstere Nacht.

Der Regen peitschte so wütend hernieder, als wollte er sich an der ganzen Gotteswelt rächen. Maxim ging in den Pferdestall, holte sich selbst sein Lieblingspferd heraus und sattelte es. Ein großer, am Eingangstor an der Kette liegender, zottiger Schäferhund kroch sofort aus seiner Hütte und begann zu winseln und an ihm hochzuspringen, als fühlte er die Trennung.

Dann schwang sich Maxim in den Sattel, ritt aus dem Tore und ließ das väterliche Haus in eiligem Trabe hinter sich. Noch hatte er den Wall, der die Sloboda umgab, nicht erreicht, als er lautes Bellen hinter sich vernahm und auch schon Bujan erblickte, der an seinem Pferd emporsprang und sich freute, daß es ihm gelungen war, sich von der Kette loszureißen und seinen Herrn zu begleiten.

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