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Alexei Konstantinowitsch Tolstoi: Der silberne Fürst - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorAlexej K. Tolstoi
titleDer silberne Fürst
publisherC. Dressler Verlag
illustratorWilhelm M. Busch (1908 - 1987)
yearo.J.
translatorWulfhild von Hartmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160419
projectid78c9c2be
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Im Verhör

Chomjak hatte sich nicht einmal das Blut vom Gesicht gewaschen, sondern noch absichtlich seinen Verband und seine Kleidung mit Blut beschmiert. Sollte der Zar doch sehen, wie man seinem treuen Diener mitgespielt hatte!

Er näherte sich Iwan, fiel vor ihm nieder und wartete kniend, daß ihm der Zar gestatten würde zu sprechen.

Aller Blicke waren voller Neugier und Spannung auf ihn gerichtet. Der Zar unterbrach endlich das Schweigen.

»Gegen wen führst du Klage?« fragte er. »Was ist geschehen? Erzähle alles der Reihe nach!«

»Gegen wen ich Klage führen soll, weiß ich selbst nicht, du unser aller Hoffnung, rechtgläubiger Zar! Seinen Namen hat er mir nicht genannt, der Hund! Ich führe Klage vor deinem Angesicht, erhabener Herr, daß mich auf einem Streifzuge ein unbekannter Bojar mit seinen Mannen überfallen und schwer verwundet hat.«

Die allgemeine Spannung verdoppelte sich. Alles hielt den Atem an. Chomjak fuhr fort:

»Erhabener Zar! Wir waren auf einer Streife in das Dorf Medwedewka gekommen, als sie über uns herfielen, urplötzlich, grad' wie der Schnee aufs Haupt, unserer zehn zersäbelten und die anderen fesselten. Ihr Bojar aber, der Gauner, wollte uns alle aufknüpfen lassen, und zwei Spitzbuben, die wir unterwegs aufgegriffen hatten, befahl er wieder in Freiheit zu setzen.«

Chomjak schwieg einen Augenblick lang und rückte sich den blutigen Verband zurecht. Ein ungläubiges Gemurmel durchlief die Reihen der Opritschniks. Die Erzählung klang reichlich unglaubwürdig; auch der Zar schien ihm nicht zu trauen.

»Hör' mal, Bürschchen«, sagte er, indem er seinen Adlerblick durchdringend auf Chomjak richtete, »ist es bei dir auch ganz klar im Kopf? Wer weiß, ob du dir nicht im Rausche bei einer Keilerei die Beulen zugezogen hast?«

»Ich bin bereit, das Kreuz zu küssen und biete dir meinen Kopf zum Unterpfande, daß ich die lautere Wahrheit spreche.«

»Ja, aber sage einmal, weshalb hat dich der unbekannte Bojar plötzlich doch nicht aufknüpfen lassen?«

»Er muß sich wohl inzwischen eines Besseren besonnen haben, er hat dann keinen von uns hängen, aber dafür alle durchpeitschen lassen.«

»Und waren eurer denn viele?«

»Außer mir noch fünfzig.«

»Und wieviele hatten die anderen?«

»Ich will nicht lügen, Herr! Sie waren nicht so zahlreich wie wir. Es mögen ihrer zwanzig oder dreißig gewesen sein.«

»Und da habt ihr euch von ihnen binden und noch dazu durchbleuen lassen, als wäret ihr alte Waschweiber? Was für eine hündische Angst war euch in die Glieder gefahren? Waren euch vielleicht plötzlich die Hände erstarrt oder das Herz in die Stiefel gerutscht? Höre mal, wenn du willst, daß ich dir Glauben schenken soll, so zeige mir doch deinen geheimnisvollen Bojaren, oder aber gestehe deine Lügen ein, sonst dürfte es dir übel ergehen, mein Bürschchen!«

»Erhabener Zar«, erwiderte Chomjak mit fester Stimme, »Gott weiß, daß ich die Wahrheit spreche. Es steht in deiner Macht, mich köpfen zu lassen. Ich fürchte mich nicht vor dem Tode, wohl aber vor der Unwahrheit, und das werden mir auch all' deine wackeren Diener hier bestätigen können.«

Dabei ließ er seinen Blick unter den Opritschniks kreisen, als wollte er sie zu Zeugen anrufen. Plötzlich begegnete sein Blick demjenigen Sserebrjanyis. Erstaunen, Zweifel und endlich boshafte Freude spiegelte sich in seinen Zügen wider.

»Zar!« rief er aufspringend, »wenn du erfahren willst, wer uns überfallen, die Kameraden getötet, wer uns hat durchpeitschen lassen, so befiehl jenem Bojaren dort, seinen Namen zu nennen!«

Aller Blicke richteten sich auf Sserebrjanyi. Der Zar zog finster die Brauen hoch und blickte den Fürsten durchdringend an, ohne ein Wort zu sagen.

Der aber stand regungslos da.

»Nikita!« sprach endlich der Zar, jede einzelne Silbe langsam betonend, »komm hierher. Antworte! Kennst du diesen Menschen?«

»Ja, Herr, ich kenne ihn!«

»Hast du ihn und seine Leute angegriffen?«

»Herr! Dieser Mann und seine Genossen haben selbst das Dorf überfallen und ...«

Entschlossen, lieber seiner selbst nicht zu schonen, aber um jeden Preis den Feind zu vernichten, fiel ihm Chomjak ins Wort.

»Zar!« rief er hastig, »höre nicht auf den Bojaren! Er wagt es, mich Lügen zu strafen, weil ich nur ein gemeiner Mann bin. Durch ihn wirst du die Wahrheit nicht erfahren; aber laß doch all meine Leute vernehmen, oder befiehl, daß man uns beide der Folter unterzieht, dann wird man sehen, wer im Recht ist!«

Sserebrjanyi maß den Gegner mit einem Blick voll unsäglicher Verachtung.

»Erhabener Zar!« entgegnete er mit ruhiger Würde, »meine Tat streite ich nicht ab. Ich habe diesen Menschen wohl angegriffen und auch ihn und seine Genossen durchpeitschen lassen, weil ...«

»Genug!« herrschte ihn Iwan Wassiljewitsch zornig an. »Antworte auf meine Fragen! Wußtest du, als du sie angriffst, daß es meine Opritschniks waren?«

»Nein, das wußte ich nicht, Zar!«

»Und als du sie dann aufknüpfen wolltest, haben sie dir da gesagt, wer sie waren?«

»Ja, Herr!«

»Weshalb hast du dich dann plötzlich eines Besseren besonnen und sie nicht aufhängen lassen?«

»Damit deine Richter sie zunächst verhören konnten!«

»Und weshalb hast du sie nachher meinen Richtern nicht ausgeliefert?«

Auf diese Frage wußte der Fürst nicht gleich eine Antwort. Der Zar bohrte seinen Blick in Sserebrjanyis Züge, als wollte er bis in seine innerste Seele dringen.

»Nicht deshalb hast du sie verschont, weil du sie meinen Richtern überantworten wolltest, sondern weil sie sich als Leute des Zaren zu erkennen gegeben hatten. Aber«, fuhr er mit wachsendem Zorne fort, »obgleich du wohl wußtest, daß es meine Leute waren, hast du dich unterstanden, sie durchpeitschen zu lassen!«

»Zar –!«

»Genug!« fuhr ihn Iwan mit donnernder Stimme an. – »Das Verhör ist beendet. Brüder«, sprach er zu den Opritschniks gewandt, »sagt, welche Strafe hat der Bojar, Fürst Nikita verdient? Sagt, was ihr denkt, ich will die Meinung eines jeden hören.«

Iwans Stimme war bei diesen Worten von einer erzwungenen Gelassenheit; sein Blick aber verriet nur allzu deutlich, daß er bei sich bereits das Schicksal des Fürsten entschieden hatte. Wehe dem Unglücklichen, dessen Urteilsspruch jetzt milder ausfiel als der seine!

»Nun sprecht also«, wiederholte er nochmals mit gehobener Stimme, »was hat Nikita verdient?«

»Den Tod!« antwortete der Zarewitsch.

»Den Tod!« sagten Skuratoff und mehrere andere Opritschniks.

»So überantworte ich ihn denn dem Tode!« sagte Iwan kalt, »denn es stehet also geschrieben: ›Wer das Schwert nimmt, soll durch das Schwert umkommen.‹ Greift ihn, Leute!«

Sserebrjanyi verneigte sich schweigend vor dem Zaren. Einige Opritschniks hatten ihn sofort umringt und führten ihn aus dem Saale fort. Viele folgten ihnen, um der Hinrichtung beizuwohnen, andere blieben an ihren Plätzen.

Ein dumpfes Gemurmel raunte durch den Saal. Der Zar wandte sich mit feierlicher Miene an seine Opritschniks.

»Brüder!« sprach er, »war mein Urteil gerecht?«

»Gerecht! Gerecht!« klang es aus seiner nächsten Umgebung.

»Gerecht! Gerecht!« tönte es von den Entfernteren.

»Ungerecht!« schnitt plötzlich eine Stimme dazwischen.

Die Opritschniks fuhren erregt hoch.

Wer hatte dieses Wort gesprochen? Wer hatte es gewagt, das Urteil des Zaren ungerecht zu finden?

Auf allen Gesichtern lag Erstaunen, aller Augen funkelten vor Entrüstung. Nur ein einziger, einer, der sonst der wildeste unter ihnen zu sein pflegte, regte sich nicht. Maljuta Skuratoff war bleich wie der Tod.

»Wer meinte da eben, daß mein Urteil nicht gerecht sei?« fragte Iwan, bemüht, seinen Zügen den Ausdruck größter Gelassenheit zu verleihen. »Möge derjenige, der das gesagt hat, hier vor mich treten!«

»Zar!« sprach Maljuta in heftiger Erregung, »unter deinen treuen Dienern ist jetzt so mancher betrunken, der redet, was er nicht verantworten kann. Was hätte es für Zweck, den Trunkenbold ausfindig zu machen, Herr! Wenn er wieder klar im Kopf ist, so wird er es selbst nicht glauben wollen, was er im Rausche zusammengeredet hat!«

Der Zar warf einen mißtrauischen Blick auf Maljuta.

»Sieh an, Pater Sakristan!« sprach er mit höhnischem Lächeln, »mit einmal so milde?«

»Erhabener Zar!« fuhr Maljuta fort, »laß nicht ...«

Aber es war schon zu spät.

Der Sohn Maljutas, eben jener Opritschnik, der Sserebrjanyi aus den Tatzen des Bären befreit hatte, war vorgetreten und stand nun in ehrerbietiger Entfernung vor Iwan.

»Also du, mein Sohn Maximuschka, hattest etwas an meinem Urteilsspruch auszusetzen?« fragte der Zar, mit einem bösen Lächeln bald den Vater, bald den Sohn musternd. »Sag' mal, Maximuschka, weshalb ist mein Urteil nicht nach deinem Sinn?«

»Deshalb, Zar, weil du Sserebrjanyi nicht bis zu Ende angehört und ihm nicht gestattet hast, sich vor dir zu rechtfertigen, ja ihn nicht einmal befragt hast, weshalb er überhaupt Chomjak hängen lassen wollte.«

»Um Gottes willen! Hör' nicht auf ihn, Zar!« flehte Maljuta. »Er ist total betrunken, du siehst es ja. Fort mit dir, du Trunkenbold! Seht doch, in welcher Verfassung er ist! Mach', daß du fortkommst, wenn dir das Leben lieb ist!«

»Maxim hat weder Wein noch Met getrunken«, bemerkte der Zarewitsch boshaft. »Ich habe ihn die ganze Zeit beobachtet, er hat nicht einmal die Lippen benetzt!«

Maljuta warf dem Zarewitsch, der mit allen Lastern des Vaters behaftet und durch den Einfluß seiner Umgebung schon im zartesten Alter so verroht war, daß er keiner Regung des Mitleids mehr fähig schien, einen Blick zu, der jedem anderen durch Mark und Bein gegangen wäre, aber Iwan Iwanowitsch fühlte sich als vermutlicher Erbe des Thrones völlig sicher vor der Rache Maljutas.

»Ja«, fuhr der Zarewitsch fort, »Maxim hat während des ganzen Mahles weder gegessen noch getrunken. Unser Leben hier scheint ihm nicht zu behagen. Und meines Vaters Opritschnina ist erst recht nicht nach seinem Sinn!«

Während dieses Gesprächs hatte Godunoff keinen Blick vom Zaren gewandt. Plötzlich erhob er sich leise, ohne daß die anderen es bemerkten, und verließ den Saal.

Maljuta warf sich dem Zaren jammernd zu Füßen.

»Ach, Väterchen, Zar Iwan Wassiljewitsch!« sagte er, sich an den Rockschoß seines Herrn klammernd, »noch diesen Morgen habe ich einfältiger Tor, ich grober Bauer, dich gebeten, mir den Bojarenrang zu verleihen. Wo hatte ich nur meinen Verstand? Wie konnte ich elender Sklave mich erdreisten, um den Bojarenhut zu bitten? Vergiß meine dummen Reden, Zar! Laß mir den goldgestickten Kaftan von der Schulter reißen, stecke mich in ein grobes Sacktuch, aber nur vergib, vergib Maxim! Er ist noch so jung und unerfahren, er weiß nicht, was er getan hat. Und wenn schon einer von uns mit dem Tode büßen muß, so laß mich köpfen! Weshalb ließ ich Tor es auch zu, daß er sich so betrunken hat! Laß mich den Kopf auf den Henkersblock legen, ja befiehl, daß ich auf der Stelle selbst Hand an mich lege!«

In Maljutas verzerrtem Gesicht, das sonst bis auf eine tierische Roheit nichts auszudrücken fähig schien, lag qualvolle Verzweiflung.

Ein Lächeln huschte über des Zaren Züge.

»Weder du noch dein Sohn hat eine Strafe verdient!« sagte er ruhig. »Maxim hat die Wahrheit gesprochen.«

»Was sagst du, Zar? Maxim hätte die Wahrheit gesprochen?«

Ein freudiges Erstaunen wollte sich über seine Züge legen, verschwand aber sofort wieder, weil es ihm schien, als machte der Zar sich lustig über seinen Schmerz.

Diese plötzliche Veränderung in Maljutas Gesicht hatte etwas so Ungewohntes, daß der Zar lachen mußte, als er ihn anblickte.

»Jawohl! Maxim hat recht!« wiederholte er, seine frühere ernste Miene wieder aufsetzend.

»Ich habe vorhin etwas übereilt gehandelt. Es ist wirklich kaum möglich, daß Sserebrjanyi absichtlich etwas gegen mich unternommen haben sollte. Ich kenne Nikita doch noch aus der Zeit vor dem litauischen Feldzuge. Er war mir stets ein gehorsamer und treuer Diener. Ihr aber«, fuhr er mit einem funkelnden Blick auf die ihm am nächsten stehenden Opritschniks fort, »ihr treibt mich immer dazu, Blut zu vergießen! Sind der Hinrichtungen denn noch nicht genug? War es nötig, meinen treuen Bojaren ins Verderben zu stürzen? Eilt, eilt, verhindert die Hinrichtung! Schnell! Schnell! Was zaudert ihr noch! Doch nein, ihr reißenden Wölfe! Es ist wohl schon zu spät! Sein Haupt wird längst gefallen sein. Ihr alle aber sollt mir mit eurem Blute für sein Leben büßen!«

»Noch ist es nicht zu spät, Zar!« sprach Godunoff, in den Saal tretend. »Ich habe soeben die Enthauptung Sserebrjanyis aufhalten lassen. Gnade geht vor Recht – ich weiß, daß du barmherzig bist, und wohl verurteilst, aber oft auch dem Schuldigen seine Strafe erläßt. Sserebrjanyi hat aber schon sein Haupt aufs Schafott gelegt; der Henker ist bereit und harrt nur deines Befehles!«

Iwans Züge heiterten sich auf.

»Boris!« sprach er, »komm her, mein treuer Diener! Du, ja du allein blickst in mein Herz. Du allein weißt, daß ich nicht zum Vergnügen Blut vergieße, sondern nur um den Verrat auszurotten. Du allein hältst mich nicht für einen Bluthund! Komm her, Fjodoryitsch, daß ich dich umarme!«

Godunoff verneigte sich tief, der Zar küßte ihn auf die Stirn.

»Und nun komm auch du her, Maxim, ich lasse dich zum Handkuß zu. Du sagtest die Wahrheit auch dem, dessen Salz und Brot du ißt, handle auch in Zukunft so! Reicht ihm Zobelfelle zu einem Pelz!«

Maxim verneigte sich bis zur Erde und küßte des Zaren hingestreckte Hand.

»Was für einen Sold beziehst du?« fragte Iwan.

»Den eines gewöhnlichen Opritschniks!«

»Ich versetze dich unter die Anführer! Du sollst Lebenshaltung und alle sonstigen Vorrechte eines Hauptmanns haben; aber ich sehe, du hast noch irgend etwas auf dem Herzen. Sprich ohne Furcht, mein Sohn! Was bedrückt dich?«

»Ach, Zar, ich habe deine große Gnade nicht verdient. Nicht wert bin ich der kostbaren Kleidung. Sie ziemt Würdigeren als mir. Nur eins bitte ich dich, Zar. Sende mich nach Litauen in den Krieg oder nach Livland oder nach Rjasanj gegen die Tataren!«

Etwas wie Argwohn tauchte in Iwans Zügen auf.

»Bist du so sehr auf den Krieg erpicht? Das Leben in der Sloboda ist dir wohl langweilig?«

»Ja, Herr!«

»Tatsächlich?« sagte Iwan, Maxim mit seinem Blick durchbohrend.

Maljuta ließ den Sohn nicht wieder zu Worte kommen.

»Zar!« sprach er, »Maxim möchte sich gern in deinen Diensten auszeichnen. Er sehnt sich danach, aus deinen Händen jene Münze an der goldenen Kette zu erhalten. Außerdem hat er so heißes Blut, Herr. Deshalb zieht es ihn mit solcher Macht in den Kampf!«

»Nicht deshalb sehnt er sich von hier fort«, fiel ihm der Zarewitsch ins Wort, »sondern nur weil er seinen Kopf gerne durchsetzen will. Er mag eben nicht Opritschnik sein und damit basta! So wie es ihm paßt, soll es geschehen, und nicht wie der Zar es will!«

»Ach, Zar«, rief Maljuta aus, »wohin du auch Maxim zu schicken beliebst, er wird dir überall treu und redlich dienen. Und nun mach, daß du nach Hause kommst, Maxim; es ist schon spät, bestelle der Mutter, daß sie nicht auf mich warten soll, ich habe nachher noch im Kerker zu tun, wir müssen die Kolytscheffs noch foltern. Geh, Maxim, mach, daß du fortkommst!«

Maxim entfernte sich, und der Zar ließ Sserebrjanyi rufen. Die Opritschniks führten ihn mit gefesselten Händen in den Saal. Den Kaftan hatte man ihm bereits heruntergerissen, den Kragen des Hemdes zurückgeschlagen. Hinter ihm schritt der Henker mit aufgekrempelten Ärmeln und einem blitzenden Beil in der Hand. Er war mitgekommen, weil er nicht wußte, ob der Zar Sserebrjanyi begnadigen oder vielleicht nur eine andere Todesart bestimmen würde.

»Komm hierher, Fürst!« sprach Iwan.

»Meine Leute sind vorhin etwas hitzig mit dir verfahren, das ist nun einmal so ihre Art. Sehen nicht erst lange nach dem Kalender und läuten schon die Glocken! Sie werden es nie lernen, daß es noch immer Zeit ist, einen Menschen von seinem Kopf zu befreien, daß man ihn aber nicht so leicht wieder aufsetzen kann, wenn er erst einmal heruntergeflogen ist. Bedanke dich bei Boris! Ohne sein Einschreiten hätte man dich längst ins Jenseits befördert, und es wäre keiner mehr zur Stelle, den wir wegen der Sache mit Chomjak befragen könnten. Sage einmal, weshalb hast du ihn eigentlich angegriffen?«

»Weil er selbst die gänzlich unschuldigen Bewohner des Dorfes überfallen hatte. Ich wußte damals nicht, daß es einer deiner Knechte war und hatte von der Opritschnina noch nie etwas gehört. Ich war auf der Rückreise von Litauen nach Moskau, als Chomjak und seine Genossen in das Dorf gesprengt kamen und die Bauern hinmordeten.«

»Und wenn du damals gewußt hättest, daß es meine Leute waren, – hättest du sie auch dann angegriffen?«

Der Zar blickte Sserebrjanyi durchbohrend an. Der Fürst dachte einen Augenblick nach.

»Auch dann hätte ich sie angegriffen!« sagte er ehrlich.

»Ich hätte ja nicht glauben können, daß sie auf deinen Befehl die Leute niedermetzelten.«

Iwan heftete von neuem seinen finsteren Blick auf den Fürsten und verharrte eine geraume Weile in dumpfem Schweigen.

»Deine Antwort war gut«, sagte er endlich, zustimmend mit dem Kopfe nickend. »Nicht deshalb habe ich die Opritschnina in Rußland eingeführt, daß meine Leute redliches Volk niedermachen, sondern sie sind dazu da, daß sie wie gute Wachhunde meine Schafe vor den reißenden Wölfen schützen sollen, damit ich am Jüngsten Tage vor Gottes Thron treten und mit dem Propheten sprechen kann: ›Hier, Herr, ist die Herde, die du mir anvertraut hast!‹ Deine Antwort war gut, Nikita! Ich sage es hier nochmals vor allen Menschen. Du und Boris, ihr allein habt mich erkannt. Die andern aber glauben, ich sei ein reißender Bluthund und bedenken nicht, daß ich mich in bitteren Tränen bade, wenn ich Blut vergießen muß. Das Blut sehen sie alle; es sticht einem jeden in die Augen, den Jammer meines Herzens aber sieht niemand. All diese farblosen Tränen aber fallen auf meine Seele; wie brennendes Harz verzehren und zerfressen sie mich bei Tage und bei Nacht.«

Bei diesen Worten richtete Iwan mit dem Ausdruck tiefsten Schmerzes seinen Blick gen Himmel.

»So wie in alten Zeiten«, fuhr er fort und seine Augen schienen fast in den tiefen Höhlen zu versinken, »Rahel ihre Kinder beweinte, so weine auch ich großer Sünder über alle Verräter. Deine Antwort war gut, Nikita! Ich erlasse dir deine Schuld! Löst ihm die Fesseln, und du, Tereschka«, rief er dem Henker zu, »scher' dich von dannen, oder nein, warte noch einen Augenblick!«

Iwan wandte sich wieder Chomjak zu.

»Antworte!« sprach er mit furchtbarer Stimme, »was hattet ihr rasenden Gesellen in dem Dorfe Medwedewka zu suchen?«

Chomjak warf zuerst einen verstohlenen Blick auf den Henker, dann auf Sserebrjanyi und kratzte sich hinter dem Ohre.

»Wir haben uns ein bißchen mit den Bauern in den Haaren gehabt«, antwortete er in halb ängstlich-vorsichtigem, halb dreistem Tone. »Ich kann es nicht leugnen, Zar, wir haben uns etwas mit den von dir Geächteten gerieben. Das Dorf gehört nämlich dem Bojaren Morosoff.«

Der drohende Ausdruck in Iwans Zügen verschwand plötzlich. Er lachte auf.

»Nun«, sagte er, »wenn du mit den Peitschenhieben, die du bezogen hast, zufrieden bist, so wollen wir es damit genug sein lassen. Du kannst gehen, Tereschka! Es gibt anscheinend heute nichts für dich zu tun!«

Bei Iwans gnädigem Verhalten Sserebrjanyi gegenüber war ein Gemurmel der Freude und Befriedigung durch die Reihen der Bojaren gelaufen. Dem feinen Ohr des Zaren war dieses Geflüster nicht entgangen; sein argwöhnischer Sinn deutete es auf seine Art. Als dann Chomjak und Tereschka den Saal verlassen hatten, richtete Iwan seinen Adlerblick auf die Bojaren.

»Ihr aber«, sagte er streng, »denkt nicht, wenn ihr mein Urteil gehört habt, daß ich mit euch allen gleiche Nachsicht üben werde!«

Und in diesem Augenblick tauchte in seinem unruhigen Geiste der Gedanke auf, daß am Ende auch Sserebrjanyi seine Milde für Schwäche halten könnte, und er bereute, daß er ihm verziehen hatte. Irgendwie mußte er seinen Irrtum wieder gutmachen.

»Höre«, sagte er, den Fürsten fest anblickend, »ich habe dir heute um deiner freimütigen Rede willen verziehen und will auch jetzt mein Wort nicht wieder zurücknehmen. Aber wisse, daß, wenn du dich je eines neuen Vergehens schuldig machen solltest, ich dir auch das alte anrechnen will. Und wenn du dich im Unrecht fühlst, so untersteh dich nicht, auf den Einfall zu kommen, nach Litauen oder zum Tatarenchan zu entfliehen, sondern lege hier vor mir einen Eid ab, daß du, wo du auch immer weilst, der Strafe gewärtig sein willst, die ich dir auferlege.«

»Zar«, erwiderte Sserebrjanyi einfach, »mein Leben liegt in deiner Hand. Es ist nicht meine Art, mich vor dir zu verbergen. Ich schwöre es dir, deines Urteils gewärtig zu sein und mich deinem Willen nicht zu entziehen, wenn ich von neuem eine Schuld auf mich laden sollte!«

»Schwör es auf dieses Kreuz hier!« sprach Iwan feierlich, ihm das große ziselierte Kreuz, das an seinem Halse hing, mit einem triumphierenden Blick auf die Bojaren reichend.

Inmitten des tiefen Schweigens hörte man nur das leise Klirren der goldenen Kette, als Iwan das Bild des Erlösers, das Sserebrjanyi sich bekreuzigend mit den Lippen berührt hatte, wieder auf die Brust fallen ließ.

»Und nun kannst du gehen«, sprach Iwan, in dessen Zügen sich Genugtuung und äußerste Zufriedenheit ausdrückten, »bete zur heiligen Dreifaltigkeit und allen Heiligen, daß sie dich gnädig vor jeder neuen auch noch so kleinen Sünde bewahren mögen!«

»Ihr aber«, fuhr er zu den Bojaren gewandt fort, »ihr alle, die ihr meinen Urteilsspruch vernommen habt, erwartet keine neue Vergebung und kommt nicht auf den Gedanken, für Nikita um Gnade zu betteln, wenn er sich ein zweites Mal meinen Zorn zuziehen sollte!«

Die Gäste zerstreuten sich allmählich und kehrten in ihre Häuser zurück. Jeder hatte etwas von diesem Tage mit heim zutragen, der eine Furcht und der andere Trauer, der Haß und jener mancherlei Hoffnungen, und mancher wieder nichts weiter als einen dumpfen Kopf.

Die Sloboda hüllte sich in Dunkelheit; der Mond stieg langsam hinter dem Walde hervor. Unheimlich starrte die finstere Zarenburg mit ihren unendlich vielen Fenstern und Türmen in die Nacht hinaus. So glich sie von weitem einem Ungeheuer, das sich zusammengeduckt hat, jeden Augenblick zum Sprunge bereit.

Wie sein einziges Auge blinzelte ein hellerleuchtetes Fenster in die Dunkelheit hinaus. Es war das Fenster zu des Zaren Schlafgemach, in dem Iwan in heißem Gebet wachte.

Er betete für den Frieden des heiligen Rußlands und flehte Gott inbrünstig an, ihm Kraft zu verleihen, Verrat und Aufruhr auszurotten, ihm seinen heiligen Segen zu spenden, das Werk der Mühen glücklich zu vollenden, die Schwachen zu schützen vor den Starken, auf daß es in Rußland keinen Unterschied mehr gäbe zwischen den einzelnen Menschen und er allein fest und stark über sie hinausrage gleich einer mächtigen Eiche in der weiten, weiten Ebene.

Der Zar betet und verneigt sich bis zur Erde. Die hellen Sterne blicken in sein Fenster und scheinen plötzlich trüber zu schimmern, als dächten sie: O, du unser Zar Iwan Wassiljewitsch! Nicht zur guten Stunde hast du dein Werk begonnen. Gibt es doch nicht zwei Ähren, die einander ganz ähnlich sind; du kannst nicht mächtige Berge mit kleinen Hügeln vergleichen; das heilige Rußland aber kann nicht gedeihen ohne seine treuen Bojaren ...

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