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Der seltzame Springinsfeld

Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Der seltzame Springinsfeld - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorGrimmelshausen
year1969
publisherMax Niemeyer Verlag
addressTübingen
isbn3-484-10113-X
titleDer seltzame Springinsfeld
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1670
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Das VII. Capitel.

Simplicissimi Gauckeltasch und er=
haltene treffliche Losung.

DA sasse ich nun als wann mir GOtt nit mehr hätte gnädig sein wollen / dem ich gleichwol zudancken Ursach hatte / daß mich dis lose Gesindel nit gar ermordet: und mich im Schlaf visitirt: und mir mein wenig Geld / so ich noch zuer Zehrung bey mir trug / genommen; und ihr Springinsfeld / was habt ihr jetzt mehr vor Ursachen über mich zu kollern / der ich doch so freywillig erzehle / daß mich dise arge Vettel so wohl als euch betrogen? als deren List und Boßheit gleichsamb kein Mensch an den sie sich machen will / entgehen kan; wie dann gegenwertigem ehrlichen Herrn Simplicissimo bey nahe selbst widerfahren wäre. Springinsfeld antwortet mir / nichts / nichts / gar nichts guter Freund / sey nur zufriden vnd holl der Teuffel die Hex! mein / Antwortet ihm Simplicius, wünsche doch der armen Tröpffin nicht böses mehr / hörestu nicht daß sie albereits ohne das der Verdammnus nahe / bis über die Ohren im Sündenschlamm: Ja allerdings schon gar der Höllen im Rachen Steckt; bette darvor ein paar andächtiger Vatter unser vor sie / daß die Güte GOttes ihr Hertz erleuchten und sie zu wahrer Busse bringen wollen; was? sagte Springinsfeld / ich wolte lieber das sie der Donner erschlug! Ach das GOtt walt / antwortet Simplicius, ich versichere dich / wann du nicht anders thust also so / daß ich umb die Wahl / die sich zwischen deiner und ihrer Seeligkeit findet / keine Stige hinunder fallen wolte; Springinsfeld sagte darauf / was geheits mich? aber der guete Sim: schittelte den Kopff mit einen tieffen seufftzen.

Es war damals schier umb 2. Uhr Nachmittag / und wir hatten alle drey überflüssig genug gefüttert / als Springinsfeld Simplicium fragte / womit er sich doch ernähre / und was sein Stand / Handel vnd Wandel wäre? er antwortet ihm / daß will ich dich sehen lassen ehe ein halbe Stund vergehet; und als er kaum das Maul zugethan hatte / kam sein Knan / und Meüder sambt einem starcken Bauern Knecht daher / welche zwey par außgemäste Ochsen vor sich trieben / und in Stall stelleten; Er verschaffte / daß besagte seine beyde Alte alsobalden aus der Kälte in die warme Stub gehen musten / welche in der Warheit aussahen / wie ihre Bilder auff Simpl: ewigem Calender darstellen; und als der Knecht auch hinein kam / befahl er dem Wirth / daß er ihnen Essen und Trincken geben solte; er selbst aber nahm den Sack den sein Knecht getragen / und sagte dem Springinsfeld / ietzt komm mit mir / damit du sehest womit ich mich ernähre; mir aber sagte er / wann ich wolte / so konte ich wohl auch mitgehen; also zottelten wir alle drey auff einen volckreichen Platz / sohin Simpl: einen Tisch / eine Mas neuen Wein und ein halb dutzet läre Glässer bringen liesse; das hatte ein Ansehen / als wann wir dorten auff offenem Marckt in der grösten Kälte hetten mit einander zechen wollen / wir kriegten bald vil Zuseher / behielten aber keinen beständigen Vmbstand / dieweil die grimmige Kälte einen ieden wider fortzugehen trang; das sahe Springinsfeld / sagte derohalben Simplicio, Bruder / wiltu daß ich dir dise Leuthe hier still stehend mache? Simpl: antwortet / die Kunst kan ich wohl selber / aber wann du wilt / so lasse sehen was du kanst; hierauff wischte Springinsfeld mit seiner Geige herfür / und fieng an zu agirn und zugleich darunder zu geigen; er machte ein Maul von 3. 4. 5. 6. ja 7. Ecken / und in dem er gige / musicirte er auch mit dem Maul darunter / wie er zuvor im Wirthshause gethan hatte; da aber die Geige / als welche in der Wärme gestimt worden / kein gut in der Kälte mehr thun wolte / übte er allerhand Thierer Geschrey / von dem lieblichen Waldgesang der Nachtigallen an / bis auff das forchterlich Geheul der Wölffe / beydes inclusivè, warvon wir dann ehender als in einer halben viertel stund einen Umstand bekamen / von mehr als 600. Menschen / die vor Verwunderung Maul und Augen aufsperrten / und der Kälte vergassen.

Simpl: befahl dem Springinsfeld zu schweigen / damit auch er dem Volck sein Meinung vorbringen köndte; als dis geschahe / sagte Simpl: zum Umstand / ihr Herren ich bin kein Schreyer / kein Storger / kein Quacksalber / kein Artzt / sonder ein Künstler! ich kan zwar nit hexen / aber meine Künste seynd so wunderbarlich / daß sie von vilen vor Zauberey gehalten werden; daß aber solches nit wahr sey / sonder alles natürlicher weis zugehe / ist aus gegenwertigem Buche zuersehen / als warinnen sich genugsame glaubwürdige Urkunden und Zeugnussen dessentwegen befinden werden; mit dem zog er ein Buch aus dem Sack / und blättert darinn herum dem Umstand seine glaubwürdige Schein zuweisen / aber sihe / da erschienen eitel weisse Blätter; so! sagte er darüber / so sehe ich wohl ich stehe da wie Butter an der Sonnen! Ach / sagte er zum Umstand / ist kein Gelehrter unter euch der mir einige Buchstaben hinein blasen köndte? und demnach zween Stutzer zu negst bey ihm stunden / batt er den einen / er solte ihm nur ein wenig ins Buch blasen / mit Versicherung daß es ihm weder an seinen Ehren noch an seiner Seeligkeit nichts schaden würde! da derselbe solches gethan / blättert Simpl: im Buch herum / da erschiene nichts anders als lauter Wehr und Waffen; ha; sagte er / disen Cavallier gefallen Degen und Pistolen besser als Bücher und Buchstaben / er wird ehender einen praven Soldaten als einen Doctor abgeben; aber was soll mir das Gewähr in meinem Buch? es muß wider hinaus / und mit dem bliese Simpl: selbst an das Buch / gleichsam als wann er dardurch geblasen / und wise darauff dem Umstand widerum im umblättern nur weisse Blätter / warüber sich jederman verwunderte. Der ander Stutzer der neben erstgedachtem stunde / begehrte von sich selbst auch in das Buch zublasen / als selbiges geschehen / blättert Simpl: im Buche herum / und wise dem Stutzer und Umstand eytel Cavalliers und Dames, sehet / sagte er / diser Cavallier löffelt gern / dann er hat mir lauter junge Gesellen und Jungfern in mein Buch geblasen / was soll mir aber so vil müssige Bursch? Es seynd fressende Pfönder die mir nichts taugen; sie müssen wider fort! und alßdann bliesse er wider durch das Buch und zeigte allem Umstand im umblättern eytel weisses; disem nach liesse Simplicius einen ansehenlichen Burger hinein blasen / aus dessen ansehen ein grosses Vermögen zuvermuthen war / hernach umblättert er das Buch / und wise ihm und dem Umstand lauter Thaler und Ducaten; sagende / diser Herr hat entweder vil Gelt / oder wird bald viel bekommen / oder wünscht doch auffs wenigst ein zimliche Summa zuhaben; das was er herein geblasen / wird mein seyn / und damit hiesse er mich seinen Sack auff halten / in welchem er wohl 300. Zünnene Büchsen hatte / dahinein bliesse er durchs Buch / und sagte / so muß man dise Kerl auffheben; wise hernach dem Umstand abermahl in seinem Buch nur weis Papier; liesse darauff einen andern mittelmässigen Stand hinein blasen / blättert im Buch herumer und als eitel Würffel und Karten erschienen / sagte er dieser spilt gern / hingegen ich nit / darum müssen mir die Karten wider weg / und als er selbst wider durch das Buch geblasen / zeigte er abermahl dem Umstand nur weisse Blätter; ein Fatzvogel unterm Umstand sagte / er köndte lesen und schreiben / er solte ihn hinein blasen lassen / er wüste daß alßdann schöne Testimonia erscheinen würden; O ja / antwortet Simplicius, diese Ehr kan euch gleich widerfahren / hielte ihm demnach das Buch vor / liesse ihn blasen so lang er wolte / und als es geschehen / zeigte er ihm und dem Umstand lauter Haasen= Esels= und Narren=Köpff im umblättern; und sagte / wann ihr sonst nichts als meine und euere Brüder habt herein blasen wollen / so hettet ihrs auch wohl unterweg können lassen / das gab ein solches Gelächter daß mans über das neundte Haus hörete / Simplicius aber sagte / er müsse dis Unziffer wider abschaffen / könnt deren Stell wohl selbst vertretten / und mit dem bliese er wider durch das Buch / und zeigte dem Umstand widerum wie zuvor nur weisse Blätter; Ach / sagt er / wie bin ich doch so hertzlich froh / daß ich diser Narren wider los bin worden; es stund einer dort der albereit mit Kupffer anfieng zuhandlen / zu selbigem sagte Simplicius, mein blaset doch auch herein / zusehen was ihr könnet; er folgte; und als es geschehen war / wiese er ihm und andern sonst nichts als Trinckgeschirr; ha! sagte Simpl: dis ist meines gleichen / dere trinckt gern und ich mache gern gesegne GOtt; und damit klopffte er auff die Kandel und sagte ferner zu ihm / secht mein Freund in dieser Kandel steckt ein Ehren=Trunck vor euch / der euch auch bald zutheil werden soll; zu mir aber sprach er / ich solte die Glässer nacheinander einschencken / welches ich auch verrichtete / indessen bliese er wider durch das Buch / zeigte dem Umstand abermal weisse Blätter und sagte / so vil Trinck=Geschirr köndte er vor dißmal nit füllen / er hätte selber Glässer genug zu gegenwertiger seiner eintzigen Maß Wein; endlich liesse er einen jungen Studenten durch das Buch blasen / blättert darauff um / und zeigte dem Umstand lauter Schrifften; haha / sagte er bistu einmal da? recht ihr Herren dis seyn meine glaubwürdigen Zeugnusse / davon ich euch zuvor gesagt; dise will ich in dem Buch lassen / gegenwertigen jungen Herrn aber vor einen Gelehrten halten; und ihm auch eins bringen / um daß er mir wider zu meinen treflichen Urkunden geholffen hat / und damit steckte er das Buch in Sack und machte seiner Gauckeley ein Ende.

Hingegen liesse er aus dem Umstand eine Büchse aus dem Sack langen / und sagte; ihr Herren habt verstanden / daß ich mich vor keinem Artzt sonder vor einem Künstler ausgebe / das sag ich noch / aber gleichwol kan man mich gar wohl vor einen Wein=Artzt halten; dann die Wein haben auch ihre Kranckheiten und Mängel die ich alle curirn kan; ist ein Wein waich und so zehe daß man ihn aufhasteln könde / so hilff ich ihm ehe man zwaintzig zehlen kan / daß er im Einschencken rauschet / und seine Geisterlein über das Glas hinaus springen; ist er rahn und so roth wie ein Fuchs / so bring ich ihm seine natürliche Farb in dreyen Tagen wider! Schmeckt er nach einem schimlichten Faß / so bring ich ihm in wenig Tagen einen solchen Geschmack zuwegen / daß man ihn vor Muscateller trincken wird; ist er so saur als wann er in Bayrn oder in Hessen gewachsen wäre / und darneben wegen seiner Jugend oder anderer Ursachen halber so trüb / daß er die Würmlöcher stopffen: und beydes vor Speis und Tranck / wie an theils Orthen das nahrhafftig Bier / gebrauchet werden köndte; sehet ihr Herren / so mache ich ihn alsobalden / daß ihr ihn entweder vor Malvasier / oder vor Spanischen: oder sonst vor dem allerbesten: oder doch auffs wenigst vor einen guten alten Wein trincken sollet; und diese Kunst / als die allerunglaublichste will ich hie gegenwertig probirn, und euch deren Gewisheit vor Augen stellen;

Demnach thät er einen Erbsen groß aus der Büchsen in ein Glas voll Wein / und rührete alles unter einander; davon gosse er in das eine Glas einen Tropffen; in das ander 2. Jns dritte 3. und ins 4te vier / davon sich der Wein in den Glässern alsobalden in unterschiedliche Farben veränderte / je nach dem er wenig oder viel Tropffen in ein iedes gegossen hatte / das fünffte Glas Wein aber / darinn er nichts gegossen / verblieb wie es war / nemlich ein neuer trüber roher Wein wie er allererst dasselbe Jahr gewachsen; alsdann liesse er die vornemste aus dem Umstand diese Wein versuchen / welche sich alle über diese geschwinde Veränderung und underschiedliche Geschmack und Arten der Wein verwunderten; ja / ihr Herren / fuhr er weiters fort / nachdem ihr nun die Gewisheit dieser Kunst gesehen / so müst ihr auch wissen / daß einer Erbsen gros dieses Elixiers in eine Mas: vnd ein solche Büchse voll in einen Ohmen zu vil sey / den Wein auffs allerhöchste zuverbessern / und ihn dem Spanischen Wein oder Malvasier gleich zumachen / der jenige neue Wein / den man verändern will / seye dann gar zusaur; wer nun lust hat / lieber einen delicaten als sauren Wein zutrincken / der mag mir heut von diesem Elixier abkauffen / dann Morgen findet er ein Büchsel wohl nit mehr feil um 6. Batzen / wie heut / sintemahl was mir ubrig bleibt / Morgen einen halben Gulden gelten muß; zwar nit eben darum / daß ich so gar nöthig Gelt brauche / sonder weil ichs mit diesem Elixier mache wie die Sibylla mit ihren Büchern; Wir hatten damahls bei 1000. Personen zum Umstand mehrentheils erwachsene Mannsbilder / und da es an ein kauffens gieng / hatte Simplicius beynahe nicht Hände genug Gelt einzunemmen und Büchsen hinzugeben / ich aber verspendirte den vorhandenen Wein vollends / den er mir je weils mit seiner Mixtur nach temperirte; und ehe ein halb Stund herum war / hatte er allbereit seine Büchsen versilbert / und sein gut baar Gelt darvor eingenommen / also daß er die halbe Theil Leuth / so deren noch begehrten / muste läer hingehen lassen.

Nach diesem Verlauff schaffte er Tischglässer und kommen wider an sein Orth / und als er dem Verleyher seinen Willen darvor gemacht / giengen wir wider miteinander in unser Herberg / alwo Simplici Knan die 4. Ochsen albereit um hundert und dreyssig Reichsthaler verkaufft hatte / und fertig war / Simplicio das Gelt darzuzehlen; sihestu nun / sagte Simplicius zum Springinsfeld / womit ich mich ernähre? freylich sihe ichs / antwortet Springinsfeld / ich hab vermeinet / ich sey ein Rabbi Gelt zumachen / aber ietzt sehe ich wohl / daß du mich weit übertriffst; ja ich glaube der Teuffel selbst sey nur vor ein Spitzigslederlein gegen dir zurechnen.

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