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Der seltzame Springinsfeld

Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Der seltzame Springinsfeld - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorGrimmelshausen
year1969
publisherMax Niemeyer Verlag
addressTübingen
isbn3-484-10113-X
titleDer seltzame Springinsfeld
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1670
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Das V. Capitel.

Wo Courage dem Autor ihre Le=
bens=Beschreibung dictirt.

NUn diese tolle Zigeunerin / welche von den andern eine gnädige Frau genannt: von mir aber vor ein Ebenbild der Dame von Babylon gehalten wurde / wann sie nur auf einem siebenköpfigen Trachen gesessen: und ein wenig schöner gewesen wäre / sagte zu mir; Ach mein schöner weisser junger Gesell / was machstu hier so gar allein / und so weit von den Leuthen? Jch antwortet / mein großmächtig hochgeehrte Frau ich komm von Haus aus dem Schweitzerlande / und bin Willens an den Rheinstrom in eine Stadt zu reisen / entweder daselbst ein mehrers zu studiren / oder einen Dienst zu bekommen / dann ich bin ein armer Schuler; daß dich Gott behüet / mein Kind fragte sie / woltestu mir nicht ein Tag oder vierzehn mit deiner Feder dienen / und etwas schraiba / ich wolte dir alle Tag ein Reichsthaler geben? Jch gedachte / alle Tag ein Thaler wäre nicht zu verachten / wer weiß aber was du schreiben solst? so grosses anerbieten ist vor suspect zu halten; und wann sie nicht selbst gesagt hätte / daß mich Gott behüten solte / so hätte ich vermeinet es wäre ein Teufels=Gespenst gewesen / das mich durch solches Geld verblenden: und in die leidige Congregatio der Hexen=Zunft hät einverleiben wollen; Mein Antwort war / wann es mir nichts schadet / so will ich der Frauen schreiben was sie begehrt; Ay wol Nay main Kind / sagte sie hierauf / es wird dir gar nichts schaden / behüt Gott / komm nur mit vns; ich will dir darneben auch Essen vnd Trincken geben so gut ichs hab / bis du fertig seyn wirst.

Weil dann mein Magen eben so leer von Speisen: als der Beutel öd von Gelt: zumalen ich bey diesem Diebs=Geschmeiß wie ein Gefangner war / sihe / so schlendert ich mit dahin; und zwar in einem dicken Wald / da wir die erste Nacht logirten; allwo sich allbereit etliche Kerl befanden / die einen schönen Hirsch zerlegten; da gieng es nun an ein Feuer machens / siedens und bratens; und soviel ich sahe / auch hernach vollkommen versichert wurde / so hat die Frau Libuschka / dann also nennete sich meine Zigeunerin / alles zu commandirn; dieser wurde ein Zelt von weissem Barchet aufgeschlagen / welches sie auf ihrem Maulesel underm Sattel führet; Sie aber führte mich etwas beyseits / setzte sich under einen Baum / hiesse mich zu ihr sitzen / und zog des Simplicissimi Lebens=Beschreibung hervor; Seht da mein Freund sagte sie / dieser Kerl / von dem diß Buch handelt / hat mir ehemalen den grösten Schabernack angethan / der mir die Tage meines Lebens iemal widerfahren / welches mich dergestalt schmirtzt / daß mir unmüglich fällt / ihme seine Buberey ungerochen hingehen zu lassen; dann nachdem er meiner gutwilligen Freundlichkeit genug genossen / hat sich der undanckbare Vogel (mein hochgeehrter Herr verzeihe mir / daß ich ihr eigne Wort brauche) nicht gescheut / nicht allein mich zu verlassen und durch einen zuvor nie erhörten schlimmen Possen abzuschaffen; sonder er hat sich auch nicht geschämet / alle solche Handlungen die zwischen mir und ihm vorgangen / beydes mir und ihm zu ewiger Schand / der gantzen Welt durch den offentlichen Truck zu offenbaren; zwar hab ich ihm seine erste an mir begangene Leichtfertigkeit bereits stattlich eingetränckt; dann als ich vernommen / daß sich der schlimme Gast verheurathet / hab ich ein Jungfer Kindgen / welches meine Cammer=Magd eben damals aufgelesen / als er im Saurbrunnen mit mir zuhielte / auf ihn tauffen und ihm vor die Thür legen lassen; mit Bericht / daß ich solche Frucht von ihm empfangen und geboren hätte / so er auch glauben: das Kind zu seinem grossen Spott annehmen und erziehen: und sich noch darzu von der Obrigkeit tapfer straffen lassen müssen; vor welchen Betrug / daß er mir so rechtschaffen angangen / ich nicht 1000. Reichsthaler nehme / vornemlich / weil ich erst neulich mit Freuden vernommen / daß dieser Banckert des betrognen Betriegers einiger Erb seyn werde.

Simplicius, so mir bisher andächtig zugehöret / fiele mir hier in die Red und sagte; Wann ich noch wie hiebevor in dergleichen Thorheiten meine Freud suchte / so würde mirs keine geringe Ergetzung seyn / daß ihr diese Närrin einbildet / sie habe mich hiemit hinders Liecht geführt / da sie mir doch dardurch den allergrösten Dienst gethan / und sich noch mit ihrem eitlen kützlen bis auf diese Stund selbst betreugt; dann damals als ich sie caressirte / lag ich mehr bey ihrer Cammer=Magd als bey ihr selbsten; und wird mir viel lieber seyn / wann mein Simplicius (dessen ich nicht verläugnen kan / weil er mir sowol im Gemüt nachartet / als im Angesicht / und an Leibs=Proportion gleichet) von derselben Cammer=Magd / als einer losen Zigeunerin geboren seyn wird; Aber hierbey hat man ein Exempel / daß oft die Jenige so andere zu betriegen vermeinen / sich selbst betriegen / vnd daß Gott die grosse Sünden (wo kein Besserung folgt) mit noch grössern Sünden zu straffen pflege / davon endlich die Verdammnus desto grösser wird; aber ich bitte er fahre in seiner Erzehlung fort / was sagte sie ferners?

Jch gehorchte und redet weiters folgender massen; Sie befahle mir ich solte mich ein wenig in meines hochgeehrten Herrn Lebens=Beschreibung informirn / um mich darnach haben zu richten / dann sie wäre Willens / ihren Lebens=Lauf auf eben diese Gattung durch mich beschreiben zu lassen / um solche gleichfalls der gantzen weiten Welt zu communiciren / und das zwar dem Simplicissimo zu Trutz / damit iederman seine begangene Thorheit belache; Jch solte mir / sagte sie / alle andere Gedancken und Sorgen / die ich etwan vor dißmal haben möchte / aus dem Sinn schlagen / damit ich diesem Werck desto besser obligen möchte; Sie wolte indessen Schreibzeug und Papier zur Hand bringen / und mich nach vollendeter Arbeit dergestalt belohnen / daß ich zu frieden mit ihr seyn müste.

Also hatte ich die zween erste Täge anderster nichts zu thun als zu lesen / zu fressen vnd zu schlaffen / in welcher Zeit ich auch meines hochgeehrten Herrn Lebens=Beschreibung gantz expedirte; da es aber den dritten Tag an ein schreibens gehen solte / wurde es unversehens Alarm; nit daß uns iemand angegriffen oder verfolgt hätte; sonder als ein einzige Zigeinerin in Gestalt eines armen Bettelweibs ankam / die eine reiche Beut von Silber=Geschirr / Ringen / Schaupfennigen / Göttelgeld und allerhand Sachen so man den Kindern zur Zierde um die Hälse zu hängen pflegt / erschnapt hatte; da war ein seltzam Gewelsch zuhören vnd ein geschwinder Aufbruch zu sehen; die Courage (dann also nennet sich diese allervornemste Zigeinerin selbst in ihrem Trutz Simplex) stellte die Ordre und theilet das Lumpen=Gesindel in underschiedliche Troppen aus / mit Befelch welche Weg diese oder jene brauchen: auch wie / wo / und wann sie wieder an einem gewissen Ort / den sie ihnen bestimmte / zusammen kommen solten; Als nun die gantze Compagnie sich in einem Augenblick wie Quecksilber zertheilet und verschwunden / gieng Courage selbst mit den fertigsten und zwar eitel wolbewehrten Zigeinern und Zigeinerinnen den Schwartzwald hinunder / in solcher unsäglichen schneller Eil / als wann sie die Sach selbst gestohlen und ihro deswegen ein gantzes Heer nachgejagt hätte; sie höret auch nicht auf zu fliehen / und zwar als auf der obersten Höhe des Schwartzwalds / bis wir das Schutter= Kuntzer= Peters= Noppenauer= Cappler= Saßwalder= und Bieler=Thal passirt: und die hohe und grosse Waldungen über der Murg erlangt hatten / daselbst wurde abermal unser Lager aufgeschlagen / mir ward auf derselben geschwinden Reise ein Pferd undergegeben / darauf mirs nach dem gemeinen Sprichwort ergieng / wer selten reit / etc.

Jch merckte wol / daß diese Suite der Courage, die mit mir in 13. Pferden / und eitel Männern und Weibern: aber in keinen Kindern bestunde / alles Vermögen der übrigen Zigeiner / soviel sie an Gold / Silber und Kleinodien zusammen gestohlen / mit sich führte und verwahrte; über nichts verwundert ich mich mehr / als daß diese Leuthe alle Rick / Weg und Steg an diesen wilden unbewohnten Orten so wol wusten / und daß bey diesem sonst unordenlichen Gesindel alles so wol bestellt war / ja ordenlicher zugieng als in mancher Haushaltung! Noch dieselbe Nacht / als wir kaum ein wenig gessen und geruhet hatten / wurden zwey Weiber in die Lands=Tracht verkleidet und gegen Horb geschickt / Brod zu holen / underm Vorwand / als wann sie solches vor einen Dorf=Würth einkaufften! wie dann ebenfalls ein Kerl gegen Gernsbach ritte / der uns gleich den andern Tag ein par Lägel Wein brachte / die er seinem vorgeben nach von einem Rebmann gekaufft hatte.

An diesem Ort / mein hochgeehrter Herr Simplice, hat die Gottlose Courage angefangen / mir ihren Trutz Simplex wie sie es intitulirt oder vielmehr ihres leichtfertigen Lebens Beschreibung in die Feder zu dictiren; sie redete gar nicht Zigeinerisch / sonder brauchte eine solche Manier / die ihren klugen Verstand: und dann auch dieses genugsam zu verstehen gab / daß sie auch bey Leuthen gewesen und sich mit wunderbarer Verwandelung der Glücksfäll weit und breit in der Welt umgesehen: und viel darinn erfahren und gelernet hätte; Jch fande sie überaus rachgierig / so daß ich glaube / sie sey zu dem Anacharse selbst in die Schul gangen; Aus welcher Gottlosen Neigung sie dann auch besagtes Tractätel / um den Herrn zu verehren / zu ihrer eignen Hand hat schreiben lassen; von welchen ich weiters nichts melden: sonder mich auf dasselbige / weil sie es ohn Zweifel bald trucken lassen wird / bezogen haben will.

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