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Der seltzame Springinsfeld

Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Der seltzame Springinsfeld - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorGrimmelshausen
year1969
publisherMax Niemeyer Verlag
addressTübingen
isbn3-484-10113-X
titleDer seltzame Springinsfeld
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1670
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Das IV. Capitel.

Der Author geräth unter einen
Hauffen Zigeiner / und erzehlet den
Auffzug der Courage.

JCh sagte zum Simplicio, es wäre schad / daß er dise Histori nicht auch in seine Lebens-Beschreibung eingebracht hette; er aber antwortete mir / wann er alle seine so beschaffne Begegnussen hinein bringen hette sollen / so wäre sein Buch grösser worden / als des Stumpffen Schweitzer Chronick; über das reue ihn daß er so viel lächerlich Ding hinein gesetzt; weil er sehe / daß es mehr gebraucht werde / an statt des Eylnspiegels die Zeit dardurch zuverderben / als etwas guts daraus zulernen; darauff fragte er mich / was ich selbst von seinem Buche hielte / und ob ich dardurch geärgert oder gebessert worden wäre? Jch antwortet / mein Judicium wäre viel zu gering / entweder dasselbige zuschelten oder zuloben / und ob ich gleich nit wider das Buch sonder ihn Simplicissimum selbsten schreiben müssen / dabey auch des Springinsfelds nicht zum rühmlichsten gedacht worden / so hette ich doch das Buch weder gelobt noch getadelt / sonder damahls gelernet / daß der jenig so übermannet sey / sich nach der jenigen Willen und Anmuthung schicken müste / in deren Gewalt er sich befände; Als ich dieses gesagt und meiner Mutter Sprach nach zimlich Schweitzerisch geredet / welche Mund=Art andre Teutsche vor grob: ja zum theil gar vor hoffärtig und unhöflich zuhalten pflegen / Springinsfeld aber solches mit angehöret / als welcher die Ohren wie ein alter Wolff spitzte / da ich ihn nennete; sagte er / potz grütz du Gölschnabel / hätt ich di dussa / ich wottar da garint rüra! aber Simplicius antwortet ihm; ich hette schier gesagt du alter Geck / es ist nit mehr um die Zeit die wir zu Soest belebten / und unserm Muthwillen nach gleichsam über das gantze Land herrschten; du must ietzt mit deiner Steltzen nach einer andern Pfeiffen tantzen / oder gewertig seyn / wann du es zu grob machst / daß man dir einen steinernen: oder wohl gar einen Spannischen Mantel anlegt! In dieser freyen Statt steht iedem zwar auch frey / zureden was er will / wer aber über die Schnur hauet / der muß es auch verantworten oder büssen; Mich hingegen fragte Simplicius, wer oder was mich dann gemüssiget hette wider seine Persohn zuschreiben; und sonderlich verwundere ihn / daß auch neben ihm des Springinsfeld gedacht werden müssen / neben welchem er doch die Tage seines Lebens über drey Viertl Jahr nicht zugebracht! Jch antwortet / wann ihm mein hochgeehrter Herr (wie ich mich dann keines andern versehe) die Warheit gefallen lassen: und mir was ich gethan / verzeyhen: Zumahlen auch vor disem importunen Springinsfeld / dessen humor und ohngewichtiger Sinn mir vor längst an dictirt worden / versichern will: So will ihn ihnen beeden so wunderliche Geschichten von ihnen selbsten erzehlen / daß sie sich auch beyde selbst darüber verwundern sollen; mit Versicherung / wann ich meinen hochgeehrten Herren von solchen Löbl. Qualitäten beschaffen zuseyn gewust hätte / als ich ietzunder vor Augen sehe / daß ich seinetwegen keine Feder angesetzt haben wolte; und solten mir gleich die Zigeiner den Hals zerbrochen haben.

Ob nun gleich Simplicius ein gros Verlangen hatte zuhören was ich vorbringen würde; so sagte er doch zuvor; mein Freund! es wäre ein dume Unbesonnenheit / ja wider alle Gerechtigkeit und die Darstellung eines Tyrannischen Sinns / wann wir an andern straffen wolten / um Sachen die wir selbst begangen; hat er in seinem Schreiben meine Laster gerüttelt / so übertrage ichs billich mit Gedult / dann ich habe andern die ihrige (doch daß es ihnen an ihren Ehren nicht nachtheilig seyn kan) unter fremden Namen auch rechtschaffen durchgehechelt; vertreust es die jenige so ich getroffen / warum haben sie dann nicht tugendlicher gelebt; oder warum haben sie mir ursach gegeben / solche Laster und Thorheiten zutadlen / die mir / ehe ich sie gesehen / in meiner Unschuld gantz unbekandt gewesen? Er erzehle nur her / ich versprich und versichere alles was er von mir begehrt und gebetten; ich antwortet / ich möchte gleich reden oder schweigen / so würde doch bald weltkündig werden / was ich zuschreiben mich zwingen lassen müssen.

Darauff wand ich mich gegen dem Springinsfeld / und fragte ihn / ob er in Jtalia nit eine Matresse gehabt / die Courage genannt worden? Er antwortet ach die Blut Hex! schlag sie der Donner; lebt das Teuffelsvihe noch? es ist kein leichtfertigere Bestia seit Erschaffung der Welt von der lieben Sonnen niemahl beschienen worden! Ey / ey / sagte Simplicius zu ihm / was seynd das abermahl vor leichtfertige unbesonnene wort? zu mir aber sprach er / ich bitte er fahre doch nur fort / oder er fahe doch vilmehr an zuerzehlen / was ich so hertzlich zuhören verlange; ich antwortet / mein hochgeehrter Herr wird sich bald müd gehört haben / dann dises ist eben die jenige deren er im sechsten Capitul des fünfften Buchs seiner Lebens=Beschreibung selbst gedacht hat; es gilt gleich antwortet Simplicius: er sage nur was er von ihr weiß / und schone meiner auch nit; auff solches erzehlete ich folgender gestalt was Simplicius wissen wolte.

Gleich auff negstverstrichnem Herbst / da es wie bekandt / einen ausbündigen Nach=Sommer setzte / war ich auff dem Weeg begriffen / mich aus meinem Vatterland gegen den Rheinstrom: und zwar auff hieher zubegeben / entweder als ein armer Schüler Præceptorsweis / wie es hier gebräuchlich / meine Studien fortzusetzen / oder auff Recommendation meiner Verwandten / von denen ich zu solchem Ende Schreiben bey mir hatte / einen Schreiber=Dienst zubekommen; da ich nun auff der Höhe des Schwartzwaldes von Krumenschiltach hieherwarts wanderte / sahe ich von weitem einen grossen Hauffen Lumpen=Gesindel gegen mir avanzirn, welches ich im ersten Anblick vor Zigeiner erkennete / mich auch nicht betrogen fande; und weil ich ihnen nit trauete / verbarg ich mich in eine Hecke / da sie zum allerdicksten war; aber weil dise Bursch vil Hunde so wohl Staüber als Winde bey sich hatten / spürten mich dieselbige gleich / umbstelten mich / und schlugen an als wann ein Stuck Wildbret verhanden gewest wäre; das höreten ihre Herren alsobalden und eyleten mit ihren Pichsen oder langen Schnaphanen Röhrern auff mich zu / einer stellte sich hieher der ander dorthin / wie auff einem Gejäyd / da man dem bestäten und aufgetribenen Wild auffpasset; Als ich nun solche meine Gefahr vor Augen sahe / zumalen die Hunde auch allbereit an mir zu zwacken anfiengen / da fieng ich auch an zu schreyen / als wann man mir allbereit das Weidmesser an die Gurgel gesetzt hätte; hierauf lieffen beydes Männer / Weiber / Knaben und Mägdlein herzu / und stellten sich so wercklich / daß ich nicht schliessen konte / ob mich das garstige Volck umbringen oder von den Hunden erretten wolte; Ja ich bildete mir vor Forcht ein / sie ermordeten die Leuthe die sie der gestalt wie mich an einsamen Orthen betretten / vnd zehrten sie hernach selbst auf damit ihre Todschläge verborgen blieben; es gab mich auch wie noch Wunder / und ich verfluchte das zusehen der Jenigen / denen das Wild und die jagtbare Gerechtigkeiten zuständig / daß sie ihre Länder mit bey sich habenden Hunden und Gewehr von diesem beschreyten Diebs=Gesindel also durchstreichen lassen!

Da ich mich nun solcher massen zwischen ihnen befande / wie ein armer Sünder den man ietzt aufknüpfen will / so / daß er selbst nicht weiß / ob er noch lebendig oder bereits halb tod seye; Sihe da kam ein prächtige Zigeinerin auf einem Maulesel daher geritten / dergleichen ich mein Tage nicht gesehen noch von einer solchen gehört hatte; Wessentwegen ich sie dann / wo nicht gar vor die Königin: doch wenigst vor eine vornehme Fürstin aller anderer Zigeunerinnen halten muste! Sie schiene eine Person von ungefehr sechzig Jahren zu seyn / aber wie ich seithero nachgerechnet / so ist sie ein Jahr oder sechs älter; Sie hatte nicht so gar / wie die andere / ein bechschwartzes Haar / sonder etwas falb / und dasselbe mit einer Schnur von Gold und Edelgesteinen wie mit einer Cron zusammen gefasst / an dessen Statt andere Zigeunerin nur einen schlechten Bendel: oder wanns wol abgehet / einen Flor oder Schleyer: oder auch wol gar nur eine Weide zu brauchen pflegen / in ihrem annoch frischem Angesicht sahe man / daß sie in ihrer Jugend nicht heßlich gewesen; in den Ohren trug sie ein par Gehenck von Gold und geschmeltzter Arbeit mit Diamanten besetzt: und um den Hals eine Schnur voll Zahl=Perlen / deren sich keine Fürstin hätte schämen dörffen; ihre Serge war von keinem groben Teppich sonder von Scharlach und durchaus mit grünem Plisch-Samet gefüttert / Nebenher aber wie ihr Rock / der von kostbarem grünem Englischen Tuch war / mit Silbernen Pasamenten verpremt; sie hatte weder Brust noch Wams an / aber wol ein par lustiger Polnischer Stifel; ihr Hemd war Schneeweis / von reinem Auracher Leinwath / überall um die Näthe mit schwartzer Seiden auf die Böhmische Manier ausgenehet / woraus sie hervor schiene / wie eine Heidelbeer in einer Milch; so trug sie auch ihr langes Zigeuner=Messer nicht verborgen underm Rock / sondern offentlich / weil sichs seiner Schöne wegen wol damit prangen liesse; und wann ich die Warheit bekennen soll / so bedunckt mich noch / der alten Schachtel seye dieser Habit sonderlich zu Esel (hätte schier zu Pferd gesagt:) überaus wol angestanden; wie ich sie dann auch noch bis auf diese Stund in meiner Einbildung sehen kan / wann ich will.

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