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Der seltzame Springinsfeld

Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Der seltzame Springinsfeld - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorGrimmelshausen
year1969
publisherMax Niemeyer Verlag
addressTübingen
isbn3-484-10113-X
titleDer seltzame Springinsfeld
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1670
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Das III. Capitel

Ein lächerlicher Poß, der einem
Zechbruder widerfahren.

JCh muste mich verwundern und freute mich / daß ich der jenigen unversehenen Zusammenkunfft beywohnen solte / von welchen ich in Simplicissimi Lebens=Beschreibung so viel seltzams dings gelesen / und von denen ich aus Anstalt der Courage selbst dergleichen geschriben; als sich ihre Wortwechslung geendigt / und Simplicius ein Glas voll Wein heraus gehoben / daß er dem Springinsfeld zum Willkom zugetruncken hatte / da kam noch ein Gast herein / welchen ich der Klaidung und Jugend nach vor meines gleichen: das ist / vor einem Schreiber=Knecht hielte; Er stellete sich an eben den Orth zum Stuben=Ofen wo ich zuvor: und nach mir auch Springinsfeld gestanden / gleichsam als wann alle ankommende Gäste zuvor dorthin hetten stehen müssen / ehe sie sich hetten nidersetzen dörffen; und gleich hernach folgte ein über=rheinischer Baur / der ohn zweiffel ein Rebmann war / dieser ruckte vor jenem die Kappe und sagte / Herr Schaffner ich bitte ihr wollet mir einen Reichsthaler geben / damit ich mein Kärst aus der Schmitten lösen möge / alwo ich sie hab gerben lassen; Ach! was zum Schinder ist das? antwortet jener / was machstu mit der Gerst in der Schmitten? ich hab vermeinet / man gerbe sie in der Mühlen; meine Kärst! meine Kärst! sagte der Baur / ich hörs wohl / antwortet der Schaffner / vermeinestu dann ich sey taub? mich wundert nur was du damit in der Schmitten machst / sintemal man die Gersten in der Mühl zu gerben oder zu röllen pflegt! Ey Herr Schaffner / sagte der Baur / ich sage euch von keiner Gersten / sondern von meinem Kärsten / damit ich hacke; ja so! antwortete der Schaffner / das wäre ein anders / und zehlet damit dem Bäuerlein einen Thaler hin / den er auch gleich in seine Schreibtaffel auff notirte; ich aber gedachte / sollestu ein Schaffner über Rebleuth seyn / und waist noch nichts von den Kärsten? dann er befahl dem Bauren / daß er solche zu ihm bringen solte um zusehen was es vor Creaturen wären / und was der Schmid daran gemacht hette; Simplicius aber / der disem Gespräch auch zugehöret / fieng an zulachen daß er hotzelte / welches auch das erste und letzte Gelächter war / daß ich von ihm gehöret und gesehen / dann er verhielte sich sonst gar ernsthafftig / und redete / ob zwar mit einer groben und mannlichen Stimme / viel lieblicher und freundlicher als er aussahe; wiewol er auch mit den Worten gar gesparsam umgieng; Springinsfeld hingegen verlangte die ursach solches lachens zuhören / liesse auch nicht ab am Simplicio zubitten / bis er endlich sagte / die vom Schaffner letz verstandene Wort des Bauren / hetten ihn an einen Possen erinnert / den er auch wegen eines misverstandenen Worts in seiner unschuldigen Jugend zwar wider seinen Willen angestellet / wessentwegen er gleichwohl zimliche Stösse eingenommen; ach was war das / fragte Springinsfeld; es ist unnöthig / antwortet Simplicius, daß ich euch zu einer eitelen Thorheit reitze / darvor ich das übermässige Gelächter halte / ohne welches ihr aber die Histori nit anhören könnet / dann ich würde mich auff solchen fall mit fremder Sünde beladen; ich warff meine Karten mit unter und sagte / hat doch mein hochgeehrter Herr selbsten in seiner Lebens=Beschreibung so manchen lächerlichen schwang eingebracht / warumb wolte er dann ietzt seinen alten Cammeraden zugefallen ein eintzige lächerliche Geschicht nicht erzehlen? Jenes thäte ich / antwortet Simplicius, weil vast niemand mehr die Warheit gern blos beschauet oder hören will / ihr ein Kleid anzuziehen / dardurch sie bey den Menschen angenem verbliebe / und das jenig gutwillig gehöret und angenommen wurde / was ich hin und wider an der Menschen Sitten zu corrigiren bedacht war; und gewislich mein Freund er sey versichert / daß ich mir offt ein Gewissen drum mache / wann ich besorge / ich seye in eben derselben Beschreibung an etlichen Orthen all zufrey gangen; ich replicirt hinwider und sagte / das lachen ist den Menschen angeborn / und hat solches nit allein vor allen andern Thieren zum Eigenthum / sonder es ist uns auch nutzlich! wie wir dann lesen, daß der lachende Democritus in guter Gesundheit 109. Jahr alt worden; dahingegen der weinende Hercalitus in frühem Alter eines ellenden Todts: und zwar in einer Küh=Haut darinn er sich wicklen lassen seine Glieder zuheylen / gestorben; dahero dann auch Seneca in libro de tranquillitate vitæ, alwo er dieser beyden Philosophen gedenckt / vermahnet / daß man mehr dem Democrito als dem Heraclite nachfolgen soll; Simplicius antwortet / das Wainen gehöret dem Menschen so wohl als das Lachen eigentlich zu / aber gleichwohl alzeit zulachen oder alzeit zu wainen wie diese beyden Männer gethan / wäre eine Thorheit / dann alles hat seine Zeit; gleichwohl aber ist das Wainen dem Menschen mehr als das Lachen angeboren / dann nicht allein alle Menschen wann sie auff die Welt kommen / wainen (man hat nur das einige Exempel des Königs Zoroastris, der / wie er geborn / alsbald gelacht / so zwar von Nerone auch gesagt wird) sonder es hat der HErr Christus unser Seligmacher selbst etlichmahl gewainet; aber daß er iemahls gelacht / wird in H. Schrifft nirgends gefunden / sonder hat vielmehr gesagt / seelig seynd / die weinen und Layd tragen / dann sie werden getröst werden; Seneca als ein Hayd / mag das Lachen dem Wainen wohl vorziehen; wir Christen aber haben mehr Vrsach über die Bosheit der Menschen zuwainen / als über ihre Thorheit zulachen / weil wir wissen daß auff die Sünde der Lachenden ein ewiges Heulen und Wehklagen folgen wird; bey mein Ayd / sagte hierauff Springinsfeld / wann ich nit glaube du seyest ein Pfaff worden! du grober Gesell / antwortet ihm Simplicius wie darffst du das Hertz haben / so leichtfertig vor ein Ding zuschwören / wann du mit deinen aignen Augen das Widerspiel sihest? weist du auch wohl was ein Ayd ist? Springinsfeld muste sich ein wenig schämen / und bat um Verzeyhung; dann Simplici Minen waren so ernsthafft und betrohenlich / daß er einen ieden damit erschröcken kondte; ich aber sagte zu demselbigen / weil meines hochgeehrten Herrn Reden und Schrifften voller Sittenlehren stecken / so mus ohne zweiffel die jenige Geschichte / deren er sich mit einem so hertzlichem Gelächter erinnert / beydes lustig zuhören: und etwas nutzlichs daraus zulernen seyn? Mit Bitte / er wolte sie doch ohnbeschwert erzehlen; Nichts anders / antwortet Simplicius, lernet sie / als daß einer so jemand etwas nöthiges fragt / solche Sprach und Wort gebrauchen soll / daß sie der so gefragt wird / geschwind verstehe / und in der eyl seinen richtigen Bescheid darüber geben könne; so dann / daß einer der gefragt worden / die Frag aber nicht eigentlich und gewis verstanden / nit alsobald antworten: sonder von dem fragenden / vornemlich wann er von höherer Qualität ist / noch einmahl seine Frag zuvernehmen / gebührend begehren soll / die lächerliche Histori ist dise; Als ich noch Page beim Gouerneur in Hanau war / da hatte er einmahls ansehenliche Officier zu gaste / darunter sich auch etliche Weymarische befanden / denen er mit dem Trunck trefflich zusprechen liesse; die fremde und heimische waren gleichsam in zwo Partheyen vnderschieden / einander wie in einer Battalia mit Sauffen zu überwinden; das Frauenzimmer stund auff und verfügte sich in sein Gemach / gleich nach dem man das Confect auffgestelt / weil ihnen mitzugehen die Gewohnheit verbotte / die Cavallier aber sprachen einander so scharff zu / sich stehend vollends auffzufüllen / daß sich auch etliche mit dem Rucken an die Stubthür lehneten / damit ja keiner aus diser Schlacht entrunne (welches mich an die jenige Marter ermahnet / damit Tyberius der Römische Kayser vil Leut getödtet; dann wann er solche umbbringen lassen wolte / liesse er sie zuvor zu vilen Trincken nöthigen / ihnen hernach die S. H. Harngäng dermassen vernusbicklen / daß sie den Urin nicht lassen köndten / sonder endlich mit unaussprechlichen Schmertzen sterben musten) endlich entwischte einer / der damahl kein grösser Anliegen und Begierde hatte / als das Wasser zulassen / und weil es ihn ohnzweiffel gewaltig trängte / lieffe er wie ein Hund aus der Kuchen / der mit haissem Wasser gebrühet worden / in welcher eyl er mir zu seinem und meinem Unglück begegnete / fragend / kleiner / wo ist das Secret? Ich wuste damahl weniger als der Teutsche Michel was ein Secret war / sonder vermeinte er fragte nach unserer Beschliesserin welche wir Gred nanten / die sonst aber Margaretha hiesse / und sich eben damahls beym Frauenzimmer befand / dahin sie die Jungfer rueffen lassen; ich zeigte ihm hinten am Gang das Gemach / und sagte dort drinnen; darauff rennete er darauff los / wie einer der mit eingelegter Lantzen in einem Turnier seinem Mann begegnet / er war so fertig / daß das Thür auffmachen: das hinein tretten: und der Anbruch des strengen Wasserflusses in einem Augenblick geschahe / in Ansehung und Gegenwart des gantzen Frauenzimmers; was nun beyde Theil gedacht / und wie sie allerseits erschrocken / mag jeder bey sich selbst erachten; Jch kriegte stösse / weil ich die Ohren nit besser auffgethan; der Officier aber hatte Spott darvon / daß er nicht anders mit mir geredet.

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