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Der seltzame Springinsfeld

Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Der seltzame Springinsfeld - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorGrimmelshausen
year1969
publisherMax Niemeyer Verlag
addressTübingen
isbn3-484-10113-X
titleDer seltzame Springinsfeld
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1670
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Das II. Capitel

Conjunctio Saturni, Martis & Mercurii.

DAselbst wurde ich viel höflicher empfangen / als von obengedachter höflichen Jungfrauen; dann der Hausknecht kam gleich und fragte was beliebt dem Herrn? Ich gedachte zwar heut disen gantzen Tag der Schreiberdienst / jetzt aber der Stuben Ofen; sagte aber doch zu ihm / ein gute halb Mas Wein / die er mir auch gleich langte dann es war kein Baadstub / darinn man die Hitz bezahlte / sonder ein Ort der Zehrung / darinn man die benöthigte Wärme umsonst hatte / oder wenigist in die Zech rechnete.

Ich setzte mich mit meiner halben Mas Wein sehr nahe zum Ofen / umb mich rechtschaffen auszubächen / alwo sich an eben demselbigen Tische ein Mann befande / der im Pfenningwert zehrete / und Treschermässiger weis mit beyden Backen so gewaltig zuhiebe / daß ich mich darüber verwunderte; er hatte allbereit eine Supp im Magen / und zwey Kraut und Fleisch allerdings auffgeriben da ich hin kam; und fragte noch darzu nach einem guten Stück Gebrattens / welches verursachte / daß ich ihn besser betrachtete; da sahe ich daß er nicht nur zum fressen: sonder auch an der Gestalt viel ein anderer Mensch war / als ich mein Lebtag jemahls einen gesehen: dann von Proportion des Leibs war er so gros / als wäre er in Chili oder Chica geboren worden / sein Bart war eben so lang und brait als des Wirths Schiffer=Taffel dahin er der Gäste auffgetragene Zehrung an notirte, die Haupthaar aber kamen mir vor / wie die jenige die ich mir etwan hiebevor eingebildet / daß Nabuchodonosor dergleichen in seiner Verstossung getragen habe; er hatte einen schwartzen Kittel an von Wüllenem Tuch / der gieng ihm bis an die Kniekehlen / auff ein gantz fremde: und bey nahe auff die alte Antiquitätische Manier: mit grünen wüllen Tuch an den Näthen underlegt / gefüttert und ausgemacht; neben ihm lag sein langer Pilgerstab / oben mit zweyen Knöpffen und unden mit einem langen eisernen Stachel versehen / so dick und kräfftig / daß man einen gar leicht in einem Straiche die letzte Oelung damit hett reichen mögen.

Ich vergaffte mich schier zum Narren über disem seltzamen Auffzug / und in deme ich ihn je länger je mehr betrachtete / wurde ich gewahr / daß sein ungeheurer Bart gantz widersinns: das ist / wider die Europæischen Bärt geart und gefärbt war; dann die Haar so ererst bey einem halben Jahr gewachsen / sahen gantz falb / was aber älter war / brandschwartz; da doch hingegen bey andern Bärten von solcher Farb die Haar zunegst an der Haut gantz schwartz: und die übrige je älter je falber oder wetterfärbiger zuerscheinen pflegen; ich gedachte der Vrsach nach / und konte keine andere ersinnen / als daß die schwartze Haar in einem hitzigen Lande / die falbe aber in einem vil kältern gewachsen seyn / und solches war auch die Warheit; dann nach dem diser auff sein Gebratens warten: und also mit dem Essen ein wenig paussiren muste / liesse ers über das trincken gehen / da er dann nit weniger thun konte / als mir eins zuzubringen / wann er anders haben wolte / daß ihm iemand den Trunck gesegnen solte / weil ohne mich noch kein anderer Gast vorhanden; und demnach mir das Maul / welches die grausame Kälte gantz starrhart zugefrört hatte / auch nunmehr wider ein wenig begunte auffzutauen / sihe / da kamen wir gar miteinander in ein Gespräch / warinn ich ihn zum allerersten fragte / ob er nicht ererst vor ungefähr einem halben Jahr aus Jndia kommen wäre? doch / damit er keine Vrsach haben möchte zu antworten / was gehets dich an? Brachte ichs meines bedunckens gar höflich vor / dann ich sagte / mein hochgeehrter Herr beliebe meiner vorwitzigen Jugend zuvergeben / wann sie sich erkühnet zufragen / ob derselbe nicht allererst vor einem halben Jahr aus Jndia kommen? Er verwunderte sich / sahe mich an und antwortet / wann ihr sonst keine Nachricht und Kundschafft von meiner Persohn habt / als daß ihr mich ietzt das erste mahl sehet / so messe ich euerer Jugend keinen Vorwitz: sonder einen rechtschafnen Verstand und ein solches Judicium zu / welche beyde eine Begierde in euch erwecken / das jenig aigentlich zuwissen / was euer Verstand von mir gefast und das Judicium beschlossen habe; derowegen sagt mir zuvor / woraus ihr abgenommen / daß ich vor einem halben Jahr noch in Jndia gewesen / so will ich euch hernach zuvernehmen geben / daß ihr von mir und meiner Reise recht geurtheilt; Als ich ihn nun sagte / daß mir die Haar seines Barts solches zuverstehen geben / antwortet er ich hette recht / und damit an Tag gelegt / daß noch mehr als nur dises hinder mir stecke.

Hierauff mahnet er mich beschaid zuthun / dieweil er aber seinen Wein mixtirt, scheuete ich mich zutrincken; dann er hatte aus seinem Sack ein zinnern Büchse gezogen / in deren ein Electuarium war / das allerdings dem Teriack gleich sage; aus derselben nahm er eine Messerspitze voll derselbigen Materi und mischets under ein gemeines Trinckgläslein neuen Wein (dann er tranck kein alten sonder nur neuen Zweenbatzen Wein) davon er so dick und gelb wurde / daß er schier einer widerwertigen Purgation oder doch wenigist einem alten Baumöl sich vergliche; Wann er nun trincken wolte / so gosse er iederzeit ein eintzigen Tropffen hiervon in das Glas / davon der milchfarbe neue Wein sich alsobalden veränderte / alle noch in sich habende unverjorne feces zu Boden fallen liesse / und wie ein alter abgelegener Wein von Farb dem Gold gleich erschiene; er sahe wol / daß ich keinen sonderlichen Lust zu seinem Getränck trug / sagte derowegen ich solte kecklich trincken es würde mir nichts schaden / und als ich mich überreden liesse / den Wein zu versuchen / befande ich ihn so lieblich kräftig und gut / daß ich ihn vor Malvasier oder Spannischen Wein getruncken hätte / wann ich nicht gesehen / daß es ein neuer Elsasser gewesen; darauff erzehlte er mir / daß er diese Kunst bey den Armeniern gelernet / und erwiese im Werck / daß ein alter abgelegener sonst an sich selbst köstlicher Wein / wie ich damal vor mir stehen hatte / von diesem Elixier, wie ers nennet, bey weitem nicht so gut wurde / als ein gemeiner neuer; dessen gab er Ursach / daß der neue seine Kräfte noch völliger beyeinander: und wie in etlichen Jahren dem alten geschehen / noch nichts darvon verlohren hätte.

Wie wir nun so von dem Wein und dieser Kunst miteinander discurirten / da trat ein alter Krontzer mit einem Steltzfus zur Stuben hinein / den die eingenommene Kälte auch gleich wie mich zum Stuben=Ofen triebe; Er hatte sich kaum ein wenig gewärmet / als er ein kleine Discant=Geyge hervor zog / dieselbe stimmte / vor unsern Tisch trate und eins daher striche / worzu er mit dem Maul so artlich humsete und quickelirt / daß einer der ihn nur gehört und nicht gesehen / hätt glauben müssen / es wären dreyerley Seiten=Spil untereinander gewesen; Er war ziemlich schlecht auf den Winter gekleidet / und hätte auch allem Ansehen nach keinen guten Sommer gehabt / dann sein magere Gestalt bezeugte / daß er sich mit den Schmalhansen betragen: und seine ausgefallene Haar / daß er noch darzu eine schwere Kranckheit überstehen müssen; der Schwartzrock so bey mir sasse / sagte zu ihm / Landsmann wo hastu dein anderes Bein gelassen? Herr / antwortet dieser / in Candia; darauf sagte iener / das ist schlimm! O Nein / nit gar so schlimm / antwortet der Steltzer / dann ietzt freurt mich nur an ein Fuß / und ich bedarf auch nur einen Schuch und einen Strumpf! höre: sagte der im schwartzen Rock ferner / bistu nit der Springinsfeld? vorzeiten / antwortet dieser / war ichs / aber ietz bin ich der Steltzvorshaus / nach dem gemeinen Sprichwort / junge Soldaten alte Bettler! aber wie kennet mich der Herr? an deiner artlichen Music, antwortet jener / als welche ich bereits vor mehr als dreissig Jahren zu Soest gehöret habe; hastu nicht damals einen Cammerathen gehabt / unter denen daselbst gelegenen Tragonern / der sich Simplicius genennet? Da nun Springinsfeld solches bejahete / sagte der Schwartzrock / und eben derselbe Simplicius bin ich; hierüber sagte Springinsfeld vor Verwunderung / daß dich der Hagel erschlag! Wie? sprach Simplicius zu ihm / schämestu dich nicht / daß du allbereit so ein alter Krüppel: und dannoch noch so rohe Gottlos und ungeheissen bist / deinen alten Cammerathen mit einem solchen Wunsch zu bewillkommen? Potz hundert tausend Sack voll Endten du hasts gwis besser gemacht (sagte Springinsfeld) oder bistu seither vielleicht zu einem Heiligen worden? Simplicius antwortet / wann ich gleich kein Heiliger bin / so hab ich mich doch gleichwol beflissen / mit Aufsamlung der Jahr die böse Sitten der unbesonnenen Jugend abzulegen / und bin der Meinung / solches wurde deinem Alter auch anständiger seyn als fluchen und Gottslästern; Mein Bruder / antwortet Springinsfeld gar Ehrerbietig / vergeb mir vor dismal und sey mit mir zu frieden / ich begehr mit dir nichts (es seyen dann etwann ein paar Kandel Wein) zu disputiren; und in dem er sich unter diesen Worten gantz ungeheissen zu uns an Tisch gesetzt hatte / zog er einen alten Lumpen hervor / knüpfte denselbigen auf / ferners sagende / und damit du nicht etwan vermeinen möchtest / der bettelhafte Springinsfeld wolte bey dir schmarotzen / so sehe / hier hab ich auch noch ein par Batzen / die zu deinen Diensten stehen / und damit schütte er eine Hand voll Ducaten auf den Tisch / welche ich etwas mehr als 200. zu seyn schätzte / und befahl dem Hausknecht ihme auch eine Mas Wein herzubringen / welches aber Simplicius nicht zugeben wolte / sonder brachte ihm eins / und sagte / was es des Gebrängs mit dem Gelde viel bedörfte / er solte es nur wieder einstecken / weil er dergleichen wohl mehr hätte gesehen.

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