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Der seltzame Springinsfeld

Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Der seltzame Springinsfeld - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorGrimmelshausen
year1969
publisherMax Niemeyer Verlag
addressTübingen
isbn3-484-10113-X
titleDer seltzame Springinsfeld
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1670
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Das XXVII. Capitel.

Endlicher Beschlus von des
Springinsfelds seltzamen Lebens=Lauff.

DUrch dise Erzehlung erfuhr ich was das wunderbarliche Vogel=Nestlein bey meinen Weib gewürckt / wie sie der Kützel ihres geylen Fleisches zur Ehebrecherin / zur Mörderin (mich selbst aber zu guter lestte zum Hanrey) gemacht; und sie endlich selbst in einen elenden Tod: Ja gar ins Feur gebracht habe; ich fragte den Wirth / ob sich sonst nichts weiters mit ihr zugetragen; potz? antwortet er / das beste und notabelste hätte ich schier vergessen / es ist bey ihrem Todt einer von den Hellebardirern / ein junger frischer Kerl / mit Leib und Seel Haut und Haar Kleidern und allem hinweg kommen / das bißher kein Mensch erfahren wohin er geflogen oder gestoben sey; und solches sagt man sey ihm widerfahren / als er sich gebuckt ein Naßtüchlein (welches auch zugleich verschwunden) auffzuheben / so disem wunderbarlichen Weibsbilde zuständig gewesen; ho ho / gedacht ich / jetzt weistu auch das dein Nestlein wider einen andern Meister hat / GOtt gebe / daß es ihm besser als meinem Weib bekomme; ich hätte den Leuten allen wol aus dem Traum helffen können / wann ich ihnen nur hätte die Warheit sagen wollen / aber ich schwig still und lisse dieselbige sich under einander verwundern und disputirn so lang sie wolten; betrachtet darneben wie grob der unwissenden wahn betrüge / und was wol auff etliche wunderbarliche Historien zuhalten / die weit anderst erzehlt worden wären / wann die Scribenten den Grund recht gewust hätten.

Nach dem ich nur solcher Gestalt ohnversehens erfahren / wo mein Weib hinkommen / schaffte ich mir wider eine Geige / und durchsteltzte damit das Ertz=Stifft Saltzburg / das gantze Bayern und Schwabenland / Francken und die Wetterau / endlich kam ich durch die under Pfaltz hieher / und suchte überall / wo mir mitleydige Leut etwas gaben; ich bin auch so glückseelig hierinn / daß ich glaube / es spendire mir mancher etwas / der selbst nit den zehenden Theil so vil Geld hat als ich? und weil ich sehe / daß von meinem Capital nichts abgehet / ich aber gleichwol einen als den andern Weg in aller Freyheit mein guts Maulfutter: und auch zu Zeiten wann ichs bedörfftig ein glatte Leyerin (dann gleich und gleich gesellt sich gern) zur Nothelfferin haben kan; so wisste ich nicht / was mich bewögen solte / ein anders und seeligers Leben zu verlangen; ja ich wisste auch kein bessers für mich zufinden? weistu aber mein Simplice mir ein anders und bessers zuweisen / wo möchte ich deinen Rath gern hören / und nach gestaltsame der Sach / demselben auch gern folgen.

Jch wolte dir wünschen / antwortet Simplicius / du führtest hier zeitlich dein Leben daß du das ewige nicht verlierest! O Münchs=Possen! sagte Springinsfeld; es ist nicht müglich du bist seither in einem Closter gestocken / oder hast im Sinn / in Bälde in Eins zu schlieffen / daß du immer wider dein alte Gewonheit so albere Fratzen herfür bringst; wann du nicht in Himmel wilst / antwortet Simplicius, so wird dich Niemand hinein tragen; allein wäre mir lieber du thätest auch wie ein Christenmensch und fiengest an zu gedencken an deine letzte Ding / welche zu erfahren du noch einen kurtzen Sprung zu thun hast.

Under diesem Gespräch fieng es an unvermerckt zu tagen / und solches verursachte bey uns allen wiederum einen Lust zu schlaffen / wie dann zum öfftern zu geschehen pflegt; solcher Anmutung folgten wir / und thäten die Augen zu / uns noch ein par Stund innerlich zu beschauen / stunden auch nicht ehende auf / als bis uns der Appetit der Mägen zu etlichen Dutzet kleinen Pastetlin und einem Trunck Wermur nöthigte; als wir nun in derselben Arbeit begriffen waren / kriegten wir Zeitung daß der Rhein die Brück hinweg genommen / und noch starck mit Eyß gehe / so das niemand weder herüber noch hinüber kommen könte; derowegen resolvirte sich Simpl: demselben Tag mit seinen Leuten noch in der Statt zuverbleiben / in welcher Zeit er den Springinsfeld noch mich von sich lassen wolte; mit mir accordirte er / daß ich dessen Lebens=Beschreibung wie es Springinsfeld selbst erzehlet / schrifftlich auffsetzen solte / damit den Leuten zugleich kund würde / daß sein Sohn der leichtfertigen Courage Huren=Kind nicht seye; und dessentwegen schenckte er mir 6. Reichsthaler / die ich damals wol bedörffte; dem Springinsfeld selbsten aber lude er auff seinen Hoff / bey ihm außzuwintern / beteuerte aber gegen mir gar hoch / daß er solches nicht seiner par hundert Ducaten halber thu / sondern zusehen ob er ihm nicht auff den Christlichen Weeg eines Gottseeligen Lebens bringen möchte / wie ich mir aber seithero sagen lassen / so hat ihn der verwichne Mertz auffgeriben / nach dem er zuvor durch Simplicissimum in seinen alten Tagen gantz anders umbgegossen und ein Christlichs und bessers Leben zuführen bewögt worden; nahm also diser abenteurliche Springinsfeld auff des eben so seltzamen Simplicissimi Bauerhoff (als er ihn zuvor zu seinem Erben eingesetzt) sein letztes

E N D E.

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