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Der seltzame Springinsfeld

Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Der seltzame Springinsfeld - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorGrimmelshausen
year1969
publisherMax Niemeyer Verlag
addressTübingen
isbn3-484-10113-X
titleDer seltzame Springinsfeld
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1670
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Das XXVI. Capitel.

Was die Leyerin weiters vor Pos=
sen angestellt / und wie sie endlich ihren Lohn
bekommen habe.

DAmit ich dann solches mein liebs Weibgen desto ehender wider antreffen möchte / so gesellete ich mich zu allerhand Störern / Landläuffern und solchen Leüten / bey welcher Gattung sie die meiste Zeit ihres Lebens zugebracht; bey denselben fragte ich fleissig nach / konte aber weder Stumpff noch Stil von ihr erfahren; endlich kam ich auch in die jenige Statt / darinnen ich etwan hiebevor in die Venetianische Kriegsdienste kommen; daselbst gab ich mich meinem Wirth zuerkennen / und erzelte ihm / wie mirs seithero in Candia gangen / der mir dann als ein guter alter Teutscher und Zeitungbegieriger Mann gar andächtig zuhörete; und als ich hingegen auch fragte / was sich seithero meiner Abwesenheit guts bey ihnen zugetragen / kam er under andern auch auff das Gespenst / daß hiebevor die Abtisse so visierlich geplagt und vexirt / welches aber nunmehr wider allerdings auffgehöret hätte / also daß man darvor halte / dasselbe Gespenst sey eben das jenige wunderbarliche Weibsbild gewesen / deren Cörper neulich ohnweit von hinnen verbrand worden wäre / weilen dann nun dis eben das jenig war was ich zuwissen verlangte / so spitzte ich nit allein die Ohren / sonder bat auch / er wolte mir doch die Histori ohnschwer erzehlen.

Darauff fuhre der Würth in seiner Rede fort und sagte; eben damals als die Abbtissin von dem Gespenst so gequällt: und allerdings in einen Argwohn gebracht wurde / als buele sie mit ihrem Pistor / trugen sich andere dergleichen Possen mehr beydes hier in der Statt und auff dem Lande zu; also daß theils Leute vermeinten / es wäre dem Teuffel selbst verhängt worden / dise Gegend zuplagen; theils kamen die Speissen vom Feur: anderen ihre Geschirr voll Wein oder Bier: dem dritten sein Gelt: dem vierdten seine Kleyder: ja so gar etlichen die Ringe von den Fingern hinweg; welchen Sachen man hernach doch anderwerts in andern Häusern und auch bey andern Persohnen ohne ihr wissen / daß sie es hatten / wider mehrentheils gefunden / woraus ieder verständiger leicht schlosse / daß der ehrlichen Abbtisse auch unrecht geschehen wäre; dann das war folgender Zeit gar nichts neues mehr / daß einer und der andern Persohn nächtlicher Zeit die Kleyder hinweg genommen / und andere darvor hingelegt worden / ohne daß man wissen kondte / wie solches zugangen und beschehen wäre; Es hielte ohnlängst hernach ein Freyherr nicht weit von hinnen Beylager / warbey es wo nit Fürstlich iedoch Gräflich hergieng; bey welchem Hochzeitlichen Ehren=Fest der Braut ihr herrlicher Schmuck und Kleidung damit sie denselben Tag geprangt hatte / sambt dem Nachtzeug / hinweg genommen / und hingegen ein schlecht Weiber=Kleid voller Läuse / wie es die Soldaten Weiber zu tragen pflegen / darvor hingelegt wurde / welches vil vor ein Zeichen hielten einer künfftigen vnglückseligen Ehe / aber dise Warsager gaben damit nur ihre Vnwissenheit zu erkennen.

Den negst hierauff folgenden May=Monat spatzierte ein Becken=Knecht auff einen Sonntag in einen etwan drey Meil von hier entlegenen Wald / deß willens Vogel=Nester zu suchen und junge Vögel außzunemmen / diser war beides von Angesicht und Leibs=proportion ein schöner ansehnlicher Jüngling / und darneben fromm und Gottsförchtig; wie er nun an einem Wässerlein hinauff schliche / und sich hin und wider umschauete / wurde er eines Weibsbilds gewahr / die sich in demselbigen Wasser badet; Er vermeinte / es wäre irgends eine Dirn auß dem Flecken / darinn er damals dienete / derowegen liesse er sich durch den Fürwitz bereden / daß er sich nidersetzte zu verharren biß sie sich anlegte / damit er sie an den Kleidern kennen: und alsdann etwas an ihr / um daß er sie nackend gesehen zu fexieren haben möchte; es gieng wie er gedachte / aber doch etwas anders / dann nachdem dise Dame auß dem Wasser gestigen / legte sie keine Baurn=Juppe an / sondern ein gantz silbern Stück mit guldenen Blumen / hernach setzte sie sich nider / kämpelt und zöpffte ihre Haar / legte köstliche Perlein und andere Kleinodien um den Hals / und zierte ihren Kopff dergestalt mit dergleichen Geschmuck / daß sie einer Fürstin gleich sahe / der gute Becken=Knecht hatte ihr bißhero mit Forcht und Verwunderung zugesehen / und weil er sich vor ihrer ansehenlichen Gestalt entsetzte / wolte er darvon gehen / und sich stellen / als wann er sie gar nicht gesehen hätte; weil er aber gar zu nahe bey ihr war / also daß sie ihn sehen muste / schrie sie ihm zu und sagte / höret junger Gesell seyd ihr dann so grob und unhöflich / daß ihr nicht zu einer Jungfrauen gehen dorfft? der Beck wandte sich um / zog seinen Hut ab / und sagte / gnädigs Fräulein / ich gedachte es gezieme sich nit / daß ein unadelicher Mensch wie ich bin / sich zu einem solchen ansehnlichen Frauenzimmer nächere; daß müst ihr nicht sagen / antwortet die Dama / dann es ist ja ein Mensch des andern Werth / und über das / hab ich schon etlich hundert Jahr allhier auff euch gewartet / seintemal es dann nun GOtt einmal geschickt hatt / daß wir dise lang gewünschte Stund erlebt haben; so bitt ich euch umb Gotteswillen / ihr wollet euch zu mir nidersetzen und vernemmen was ich mit euch zureden habe.

Dem Beckerknecht war anfangs bang / weil er sorgte / es wäre ein teufelischer Betrug / dardurch er zum Hexen=Handwerck verführet werden solt; als er sie aber Gott nennen hörete / setzte er sich ohne Scheu zu ihr nider / sie aber fieng folgender Gestalt an zu reden.

Mein allerliebster und werthister Hertzfreund / ja nach dem lieben Gott mein einiger Trost / mein eintzige Hoffnung und mein eintziger Zuversicht; euer lieber Nam ist Jacob / und euer Vatterland heist Allendorf; ich aber bin Minolanda der Melusinen Schwester Tochter / die mich mit dem Ritter von Stauffenberg erzeugt / und dergestalt verflucht hat / daß ich von meiner Geburt an bis an den Jüngsten Tag in diesem Wald verbleiben muß / es seye dann Sach / daß ihr mich zu euerer Herkunfft zu euerm Ehegemal erwehlen; und dardurch von solcher Verfluchung erlösen werdet; doch mit diesem austrucklichen Vorbehalt und Geding / daß ihr euch wie bisher vor allen Dingen der Tugend und Gottesforcht befleissigen: aller anderer Weibsbilder müssig gehen: und diesen unsern Heurath ein gantz Jahrlang verschwigen halten sollet; darum so sehet nun was euch zu thun ist; werdet ihr mich ehelichen und diese Ding halten / so werde ich nicht allein erlöst / sonder wie ein ander Mensch auch Kinder zeugen und zu seiner Zeit seeliglich aus dieser Welt abscheiden / ihr aber werdet der reichst und glückseligst Mann auf Erden werden; wann ihr mich aber verschmähet / so muß ich / wie ihr bereits gehöret habt / bis an Jüngsten Tag hier verbleiben / und werden alsdann über euere Unbarmhertzigkeit ewiglich Rach schreien / das Glück aber / so ihr alsdann euer Lebtag haben werdet / werden auch die Allerunglückseeligste nicht mit euch theilen wollen.

Der Beckenknecht / der sowol die Geschichte oder Fabul der Melusinæ als des Ritters von Stauffenberg gelesen: und noch vilmehr dergleichen Mährlin von verfluchten Jungfrauen gehöret hatte / glaubt alles was ihm gesagt worden / derohalben besonne er sich nicht lang / sonder gab das Jawort von sich und bestätiget solche Ehe mit offt widerholtem Beyschlaf / sie aber gab ihm nach verrichter Arbeit etliche Ducaten / und nahm ein güldenes Creutzlein mit Diamanten besetzt und mit Heiligthum gefüllt von ihrem Hals / das sie ihm gleichfalls zustellte / damit er nicht sorgen solte / er hätte villeicht mit einem Teufels=Gespenst zu thun; und zum Beschluß wurde abgeredet / daß sie ihn fürderhin die meiste Nächte in seiner Schlafkammer besuchen wolte / worauf sie vor seinen Augen verschwunden.

Es waren kaum vier Wochen vergangen / als dem Beckenknecht bey der Sach anfieng zu grausen; und indem ihm sein Gewissen sagte / es könde mit diser heimlichen und wunderbarlichen Ehe nicht recht hergehen / da ereignete sich eine Gelegenheit / mit deren er hieher kam / und seinem Beichtvatter alle Geschichte ausserhalb der Beicht vertraute; als diser verstunde was diese Meerfein oder Minolandæ wie sie sich genennet / vor einen Habit anhatte / und sich darbey erinnerte daß eben ein solcher einer vornehmen Fräulein bey ihrem Beylager entwendet worden / gedachte er der Sach ferner nach / und begehret auch das Creutzlin zu sehen / so ihm seine Beyschläfferin verehrt hatte; als er nun solches sahe / überredet er den Beckenknecht / daß ers ihm nur eine eintzige halbe Stund liesse / selbiges einem Jubilirer zu weisen / um zu vernehmen ob das Gold auch just und die Steine auch gut wären; er aber verfügte sich so gleich damit zu obengemelter Frauen / die zu allem Glück hier war / und als sie solches vor das ihrig erkante / wurde der Anschlag gemacht / wie dise Melusina beym Kopf bekommen werden möchte; worzu der geängstigte Beckenknecht seinen Willen gab / und alle mögliche Hülf zu thun versprach.

Disem nach wurden den dritten Abend zwölf behertzte Männer mit Partisanen geschickt / die in des Becken Kammer um Mitternacht stürmten / und Thüren und Läden wol in acht nahmen / damit als solche eröffnet / niemand hinausentrinnen könte; so bald solches geschahe / und auch zugleich zwen mit Fackeln in das Zimmer getreten waren / sagte der Becker zu ihnen / sie ist schon nit mehr da; er hatte aber das Maul kaum zugethan / da hatte er ein Messer mit einem silbern Hefft in der Brust stecken; und ehe man solches wargenommen / da stack einem andern der eine Fackel trug / eins im Hertzen / davon derselbige alsobald Tod darnider fiele; einer von den bewehrten ermasse aus welcher Gegend dise Stich herkommen waren / sprang derowegen zuruck und führte einen solchen starcken Straich gegen demselben Winckel zu / das er damit der so unseelig als unsichbaren Melusinen die Brust bis auff den Nabel herunder auffspielte; Ja diser Straich war von solchen Kräfften daß man nit allein die viel gedachte Melusina selbst dort todt ligen; Sonder ihr auch Lung und Leber sambt dem Jngeweid in ihrem Leib: Und das Hertz noch zapplen sehen konte; ihr Hals hieng voller Kleinodien / die Finger stacken voll köstlicher Ring / und der Kopff war gleichsamb in Gold und Perlen eingehüllet / sonst hatte sie nur ein Hemd / ein doppeldafften Unterrock und ein par seidener Strümpffe an / aber ihr silbern Stück daß sie auch verrathen / lag under dem haupt Kissen;

Der Becker lebte noch bis er gebeicht und communicirt hatte / er starb aber hernach mit grosser Reu und Layd / und verwundert sich / daß so gar kein Geld bey seiner Schläfferin gefunden worden / dessen sie doch ein Uberflus gehabt hätte: Sie ist ohngefehr aus ihrem Angesicht vor 20. Jahr alt geschätzt: Und ihr Cörper als einer Zauberin verbrand: Der Beck aber mit obgemelten Fackeltrager in ein Grab gelegt worden; wie man noch vor seinem Abschied erfuhr; so hatte das Mensch bey nahe eine Oesterreichische Sprach gehabt.

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