Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen >

Der seltzame Springinsfeld

Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Der seltzame Springinsfeld - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorGrimmelshausen
year1969
publisherMax Niemeyer Verlag
addressTübingen
isbn3-484-10113-X
titleDer seltzame Springinsfeld
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1670
Schließen

Navigation:

Das XXV. Capitel.

Was und wie Springinsfeld in
Candia kriegt / auch wie er wieder in Teutschland kam.

ALso nahmen wir (die wir unser Leben verkaufft hatten / und dannoch zu Erhaltung desselbigen ritterlich zu fechten gedachten) unsern Weg über den Cyrlberg auf Ynspruck folgends über den Brenner auf Trient / und dann ferners nach Treviso / allwo wir alle gantz neu gekleidet / und von dannen vollends nach Venedig geschickt: daselbst Armirt: und nach dem wir ein par Tag ausgeruhet / zu Schiff gebracht nach Candia geführt wurden; in welchem elenden Anblick wir auch glücklich anlangten; man liesse uns nicht lang feyren / oder viel Schimmel under den Füssen wachsen / dann gleich den andern Tag fielen wir aus und wisen was wir konten oder vermochten unseren armseeligen Steinhauffen beschützen zuhelffen; und dasselbe erste mal glückte es mir selbsten so wol / daß ich drey Türcken mit meiner halben Pique spiste / welches mich so leicht und gering ankame / daß ich mir noch bis auff dise Stund einbilden mus / die arme Schelmen seyen alle drey kranck gewesen; aber Beute zumachen war ferne von mir / weil wir sich gleich wider heim retiriren musten. Den andern Tag gieng es noch doller her / und ich brachte auch zween Männer mehr als den vorigen um / doch solche Tropffen / von welchen ich nicht glaubte / daß sie alle fünffe ein eintzige Ducat vermöcht haben; dann mich dunckte die seyen solche Gesellen gewesen / dergleichen es offt bey uns auch geben hat; die nemblich mit Darsetzung ihres Lebens die so Thaler hatten / beschützen: bewachen: und noch darzu mit ihren arbeitsamen Händen und ritterlichen Fäusten die Ehr der erhaltenen Uberwindung erobern: Und ihnen noch drüberhin beydes die Ehr: Die Beut und die Belohnung darvon überlassen musten; dann mir wurden niemal kein Beg oder Beglerbeg vil weniger gar ein Bassa under den jenigen zusehen / die vorhanden waren / ihr Blut an das Christliche zusetzen; doch mag wol seyn / daß der Antreiber hinder den Trouppen / von solchem Staff mehr gewesen seyen / als der Anführer fornen an der Spitzen.

Solche Art zukriegen machte mich unwillig / und verursachte / daß ich mitten in Candia der Schweden erkantliche Manier loben muste / die ihre ohnedle Soldaten (sie wären gleich fremder oder heimischer Nation gewesen) höcher als ihre edle und doch ohn kriegbare Landleut æstimirt; wannenhero sie dann auch so grosses Glück gehabt haben; doch liesse ich mich ein als den andern Weeg zu allem dem jenigen gebrauchen was einem redlichen Soldaten zustehet; ich folgte auff der Erden wie ein ehrlicher Landsknecht und under derselbigen beflisse ich mich auch die Künste der Maulwürffe zu übertreffen / und erwarbe doch nichts anders darmit / als bißweilen eine geringe Verehrung / und als kaum der zehende Mann von denen mehr lebte / die mit mir aus Teutschland kommen waren / wurde der elende Springinsfeld uber den noch elenderen Rest seiner krancken Cammeraten zu einem Sergiant gemacht; gleichsamb als wann sein abgematteter Leib und achzender Geist hierdurch wider in die vorige Kräffte und Courage hätte gesetzt werden könden.

Hierdurch nun bekahme ich Ursach mich noch besser abzumerglen / ich halff die noch wenig übrige Roß fressen / und verrichtet hingegen selbst grössere als Roß Arbeit; in dem mich nun in solchem Zustand kein feindlicher Musqueten Schus fällen / oder ein Tirckischer Sebel verwunden konte; sihe so schlug mir ein Stein aus einer springenden Minnen so unbarmhertzig an meinen einen Fus / daß mir das Gebein in den Waden wie Segmehl darvon zermalmet wurde und man mir den Schenckel alsobalden bis über das Knie hinweg nehmen muste; aber dis Unglück kam nicht allein / dann als ich dort lag als ein Soldatischer Patient / mich an meinem Schaden curirn zulassen / bekam ich noch darzu die rothe Ruhr / mit einem grossen Hauptwehe / warvon mir der Kopff eben so sehr mit Fabeln als mein Ligerstatt mit Unlust erfüllt wurde.

Nichts gesünder war mir damahls / als daß mir Hoch und Nider Zeugnus gab / ich wäre ein Ausbund von einem guten Soldaten gewesen; dann auff solches Lob wurden auch andere Medicamenten nicht gesparret / wiewohl die Venetianer ihre Soldaten so wohl als ihre Besem pflegen hinzuwerffen / wann sie solche ausgebraucht haben; aber ich genosse auch anderer ehrlicher Kerl die noch lebten und das ihrig thäten / damit sie kein Exempel hätten / das sie träg und verdrossen machen möchte: Als nun solche auch so dünn wurden / daß wir auff die letzte kaum einen oder zween / die ihr völlige Gesundheit entweder bishero erhalten oder doch wider erhollet hatten / auff die Posten thun köndten / sihe da wurde es unversehens Fride / als wir beynahe in letzten Zügen lagen; nach unserer Abführung / und nach dem ich vil Ungelegenheit auff dem Meer ausgestanden / langten wir endlich in Venedig wider an; vil von uns und under denselben ich auch / die da verhofft hatten / dorten mit Lorber=Kräntzen bekrönt: und mit Gold überschüttet zu werden / wurden in das Lazaret daselbst logirt, alwo ich mich behelffen muste / bis ich gleichwohl wider heyl wurde / und auff meinem höltzernen Bein herumer steltzen köndte.

Folgends bekam ich meinen ehrlichen Abschied und etwas wenigs an Gelt / dann ich wurde nit so wohl bezahlt / als wann ich den redlichen Holländern in OstJndia gedient gehabt hette; hingegen wurde mir zugelassen / daß ich von ehrlichen Leuthen eine Steuer zur Wegzehrung bettlen dorffte / und dergestalt completiret ich die Zahl meiner Ducaten die ich noch habe / weil mir mancher Signor und manche andächtige Matron vor den Kirchen zimlich reichlich mitheilten; ich bedorffte vor keinen Soldaten aus Candia zu bettlen / dann man kante uns ohne das / sintemal wir fast alle was übrig verbliben von uns unsere Haar verlohren hatten / sehr mager und ausgehungert / und so schwartz aussahen wie die allerschwärtzte Zigeiner; weilen mir dann nun das bettlen so wol zuschlug / trib ichs fort bis ich von Venedig wider in Teutschland ankam / der Hoffnung mein Weib widerum anzutreffen / und sie damit zu freyen / daß ich das Handwerck so wol gelernet / und auch einen guten Werckzeug darzu / nemlich meinen Steltzfus mitbrächte; dann ich gedachte dis Ding kan ihr nicht übel gefallen / weil sie selbst aus dem vornemblichsten Stammen der Ertzbettler entsprossen.

 << Kapitel 25  Kapitel 27 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.