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Der seltzame Springinsfeld

Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Der seltzame Springinsfeld - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorGrimmelshausen
year1969
publisherMax Niemeyer Verlag
addressTübingen
isbn3-484-10113-X
titleDer seltzame Springinsfeld
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1670
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Das XXI. Capitel.

Springinsfeld verheurat sich / gibt
einen Wirth ab / welches Handwerck er mißbraucht;
wird wieder ein Wittwer / und nimmt sein ehrlichen
Abschid hinder der Thür.

JCh war damals ein Mann von ungefehr 50. Jahren / und traff zu bemeltem Regenspurg eine verwittibte Leutenantin an / die war nit vil jünger / hatte auch nicht viel weniger Geld als ich; und weil wir einander öffters bey der Armee gesehen / machten wir desto ehender Kundschafft miteinander; sie merckte Geld hinder mir und ich hinder ihr auch / und dannenhero fieng gleich eins das ander an zu vexiren / ob es nicht mit uns beyden ein par geben könte / sagte er auch beyderseits / wers nicht glauben wolte / der möchte es zehlen; sie war in dem Land zu Haus / darinn man allerhand Religionen passiren läst / und solches war vor mich / weil ich noch keiner zugethan / sintemal ich alsdann die Wahl haben konte / under sovilen eine anzunehmen die mir am besten gefiele; sie konte von ihren Reichthumen zu Haus nicht genug aufschneiden / viel weniger genug beklagen / daß sie in ihrer Jugend gleich im Anfang des Kriegs von ihrem Mann seeligen von denselbigen hinweg geraubt: und bey Einnehmung ihres Heimats zu seinem Weib wider ihren Willen gemacht worden wäre / worbey man unschwer abnehmen kan / daß sie nicht mehr jung gewesen / weil ihr so wol als mir die erste Einnehmung der Vestung Franckenthal gedachte; was darfs aber viler Umstände? wir machtens gar kurtz miteinander / und tratten nicht allein mit der Heuraths Abred: sonder auch mit der Copulation geschwind zusammen; beyderseits zubringens halber ward under andern auch diß abgehandelt und verschriben / daß ich / wann sie vor mir absterben solte ohne Leibs=Erben / darzu bey ihr dann ohne das kein Hoffnung mehr war / alsdann die Tage meines Lebens den Sitz und Genuß auf ihrem Gut haben / ihren Sohn aber / den sie von ihrem ersten Mann hatte / ehrlich aussteuren solte; 100. Gulden behielte ich mir vor / dieselbe hin zu vermachen und zu verschencken wohin ich wolte; als nun dise Glock dergestalt gegossen / eileten wir in ihr Vatterland / allwo ich zwar ein wolgelegen steinern Wirthshaus fande wie ein Schloß / aber darum weder Oefen / Thüren / Läden noch Fenster / also daß ich beynahe soviel zu bauen hatte / als wann ichs von neuem hätte angefangen; das überstunde ich mit feiner Gedult / und wendet mein Geldgen und was mein Weibgen hat / getreulich an / so daß ich vor einen praven Wirth in einem praven Wirthshause gehalten werden konte; und mein Weib konte auch den Juden=Spies so wol führen als ein sechtzigjähriger Burger von Jerusalem hätte thun mögen / also daß unser Seckel / ohnangesehen der schweren Ausgaben (dann ich muste auch Friden=Geld geben / da ich doch vil lieber noch länger Krieg haben mögen) nicht leichter sonder vil schwerer wurde; vornemlich darum / weil es damals vil reisende Leuth gab / beydes von Handels=Leuthen / Exulanten und abgedanckten Soldaten / die ihr Vatterland wieder suchten / welchen allen mein Weib gar ordenlich zu schrepfen wuste / weil ihr Haus hierzu sehr gelegen war.

Hierbeneben schachert ich auch mit Pferden / welcher Handel mir treflich wol zuschlug / und gleich wie mein Weib ein lebendigs Ertzmuster eines Geitzwansts war / also gewöhnte sie mich auch nach und nach daß ich ihr nachöhmte / und alle meine Sinne und Gedancken anlegte / wie ich Geld und Gut zusammen scharren möchte / ich wäre auch zeitlich zu einem reichen Mann worden / wann mich das Unglück nicht anderwärtliche Weise geritten.

Es werden gemeiniglich die jenige so prosperirn / von andern Leuthen beneidet und angefeindet / und das um sovil desto mehr / ie mehr bey denen so reich werden / der Geitz verspüret wird; dahingegen die Freygebigkeit bey menniglich Gunst erwirbt / vornemlich wann sie mit der Demut begleitet wird; solchen Neid verspüret ich nicht ehender als bis seine Würckung ausbrach dann gleich wie meine Nachbarn sahen / daß meine Reichthum zusehens grüneten und aufwuchsen / also fienge ein ieder an nachzusinnen / durch welchen Weg mir doch solche so häuffig zufallen möchten / so gar daß auch etliche entblödeten zu gedencken / ich und mein Weib könde hexen; und also gab ein ieder ohn wissen auf mein Thun und Laßen heimlich genaue Achtung; under andern war ein Ertzfunck an demselbigen Ort / dem ich ehemalen ein schön groß Stück wolgelegener und fast lustiger Wisen abpracticirt / das er mir nit gönnet / wiewol ichs ihm ehrlich bezahl hatte; derselbe beriethe sich mit einem Holländer und einem Schweitzer / dann es wohneten allerley Nationen an selbigem Ort / wie sie mir doch hinder die Quelle meiner Reichthum kommen und mir eins anmachen möchten / und hierauf waren sie desto geflissener / weil bereits etliche deren Lands=Leute auffgewannet hatten und verdorben waren / als welche sich nicht in dieselbe Lands=Art schicken können; einmahls kamen mir zween Wägen voll Wein der durch die Umgelter gleich angeschnitten und in Keller gelegt wurde / eben als ich den folgenden Tag eine ansehenliche Hochzeit tractiren solte / weil nun gedachte meine drey Neider mir zutrauten / ich könte aus Wasser Wein machen / schitteten sie mir noch denselben Abend etwas von geschnittenen Stro / daß man den Pferden under dem Haber zufütern pflegt / in meinen Brunnen und als sich dasselbige den andern Tag auch in dem Wein fande / sihe da war mir die Hand im Sack erwischt; man visitirt alle Fas / und fande mehr Wein als ich eingelegt hatte und in jedwederen Fas etwas von dem Heckerling / und ob ich gleich schwören konte / daß ich von diser Mixtur nichts gewust / dann mein Weib und ihr Sohn waren ohne mich vor dismal so endlich gewest / so halff es doch nichts sonder der Wein ward mir genommen / und ich noch darzu um 1000. fl. gestrafft / welches meinen Weibgen dermassen zu Hertzen gieng / daß sie vor Scham und Bekümmernus darüber erkranckte und den Weeg aller Welt gieng; es wäre mir auch die Wirtschafft ferners zutreiben gar nidergelegt worden / wann desselbigen Orts ein andere solche ansehenliche Gelegenheit vorhanden gewesen wäre / die sich zu einer Wirthschafft geschickt hätte.

Nach dieser Geschichte wurde ich allererst gewar / was vor Freunde und was Feinde ich bisher gehabt; ich wurde so veracht / das kein ehrlicher Mann etwas mehr mit mir zuschaffen wolte haben; niemand grüste mich mehr / und wann ich jemand einen guten Tag wünschte / so wurde mir nicht gedanckt; ich kriegte schier keine Gäste mehr / ausgenommen / wann etwann irgents ein Frembdling verirret / oder ein solcher noch nichts von meiner Kunst gehöret hatte; solches alles war mir schwer zuertragen / und weil ich ohne das auch eine Kurtzweil mit zweyen Mägden angestellt hatte / welches in bälde seinen Ausbruch mit Händen und Füssen nemmen würde; so packte ich von Geld und Gelds werth zusammen was sich packen liesse / setzte mich auff mein bestes Pferd / und als ich vorgeben / ich hätte meiner Gewonheit nach Geschäffte zu Franckfort zuverrichten / namb ich meinen Weg auff die rechte Hand der Thonau zu / dem Graffen von Serin, der damal fast die gantze Welt mit dem Rueff seiner Tapfferkeit erfüllet / wider den Türcken zu dienen.

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