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Der seltzame Springinsfeld

Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Der seltzame Springinsfeld - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorGrimmelshausen
year1969
publisherMax Niemeyer Verlag
addressTübingen
isbn3-484-10113-X
titleDer seltzame Springinsfeld
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1670
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Das XVIIII. Capitel.

Springinsfeld fernere Historia bis
auff das Bayrische Armistitium.

DIe Früchte diser erhaltenen ansehenlichen Victori, war ohne die Beuten und die gefangene nichts anders als das unsere Armee bis an die niderhesische Gräntze hinunder gieng und Amoeneburg entsetzte / vor Kirchhain sich vergeblich bemühete / und dardurch in ein Wespen=Nest stache; das ist / daß sie den Tourrine sich mit dem Hessen zu conjungirn verursachten; wessentwegen sie dan den Ruckweg wider dahin nemmen muste / woher sie kommen war; ich lag damals im Tauber Grund mit andern beschädigten mehr / und liesse mich an meiner empfangenen Wunden curirn; aber als sich unsere Armee mit einem Sucurs von ungefähr fünffthalb tausend Mannen / den ihr der Graff von Geleen zugebracht / nach Hailbrun zohe / und selbige Statt mit Völckern under dem Obristen Fugger / Obristen Caspar und meinem Obristen versterckte / muste ich auch dort ligen bleiben.

Jn dessen giengen die Conjungirte Hesische / Tourennische und Königsmarckische Völcker in die under Pfaltz / namen den duc d'Anguin zu sich und marchirten den Necker hinauff / uns und die unserige zuerfolgen; zwar liessen sie uns zu Hailbrun wohl ligen; Aber Winpfen wurde ihr erster Raub / als welches sie beschossen / mit stürmender Hand eingenommen / und auff 600. Mann von uns darinnen so gefangen bekommen als nidergemacht haben; daselbst seynd sie über den Necker an die Tauber gangen und haben sich vieler ohn besetzten Oerter auch der Statt Rothenburg bemächtigt; endlich brachten sie unser Armee zum Stand / erhielten von ihnen einen blutigen Sieg bey Allerheim / warbey unser tapfferer General Feldmarschall von Mercy das Leben auch eingebüst; folgents namen sie Nördlingen mit accord ein / und zwangen den Obristwachtmaister von meinem Regiment / der mit 400. von unsern Tragonern und 200 Musquedierern in Dinckelspiel lag / daß er sich ihnen nicht mit accord sonder auff Gnad und Ungnad ergeben muste; und weilen sich dise Völcker musten understellen / wurde unser Regiment mehr dardurch geschwächt / als wann es auch in dem Treffen gewesen wäre; von dar giengen sie über schwäbischen Hall gegen uns loß / weil es uns auch gelden solte / und fiengen an gegen uns zu agirn und sich zuverschantzen; so bald sie aber der unseren Ankunfft vermerckten / als welche Ertz=Hertzog Leopold Wilhelm mit 16. Kays: Regimentern versterckt hatte / sihe da verschwanden sie wie Quecksilber / oder zerstoben doch auffs wenigst von einander / als wann sie die Schlacht vor Allerheim nicht erhalten hätten; und ich kan auch nicht sehen / was sie dise teure Victori anders genutzt / als daß sie die unserige ein wenig geschwächt und den berühmten Mercy aus dem Weeg geraumet / dann sie wurden bis nach Philipsburg verfolget / und verlohren alle Oerter widerum die sie zuvor erobert hatten; wir bekamen auch zu Wimpffen 8. schöne Carthaunen / 1. Feldstück / 1. Feur=Mörsel / und hin und wider vil Mannschafft von ihnen / darvon sich die Teütsche alle understellen und also unsere Armee wider verstärcken musten; folgents giengen wir wider in unserem gewöhnlichen Gäu / das ist in Francken / im Anspachischen und Würtenbergischen Lande in die Winter=Quartier / die Kaiserl: aber in Böhmen.

Ehe das Jahr gar zu End lieffe / marchirte der Kern unserer Armee in Böhmen zu den Kaiserl: der Hoffnung denen daselbst befindlichen Schweden einen guten Streich zu versetzen; weil es aber ausser der Zeit und hierzu gar unbequem Wetter war / zumalen die Schweden auch von sich selbsten dasselbe Königreich quittirten / wurde nichts anders drauß / als das widerumben etliche Oerter von den Schweden in der Kaiserlichen Hände kommen.

Den folgenden Sommer aber / als das Gegentheil zwischen den Fürstenthumen des Nidern und Obern Hessen anfieng um sich zu greiffen / seynd wir auch gegen demselben mit Ernst zu Feld gangen / und durch die Wetterau bis zwischen Kirchheim und Amöneburg ihme entgegen gezogen / da es zwar zu keiner Haupt= Action kommen / aber gleichwol durch commandirte Völcker an der Om ein lustiges Soldaten= Exercitium gesetzt / worinn ich einen Leutenamt von den Hessen gefangen: und ein schönes Pferd / samt 60. Reichsthalern an Geld von ihm kriegte; weil dann der Feind nicht schlagen wolte sonder ohnweit Kirchheim in seinem verschantzten und wol proviantirten Läger verblibe / wir aber an Fourage Mangel litten / zogen wir uns zuruck in die Wetterau / uns folgten die Schwedische und Hessen / als die sich mit dem Tourenne conjugirt hatten; da stunde ein Seit diß: das ander Theil jenseit der Nidda in Battalia / spilte mit Stücken zusammen und sahen einander an wie zween zähnbleckende Hund / die einander ohne Vortheil nicht anfallen wollen; endlich liessen sie uns gegen dem Camberger Grund marchirn / sie aber giengen in vollen Sprüngen über den Main und der Thonau zu / und liessen uns das Nachsehen.

Unser Obriste wurde geschickt samt denen jungen Kolbischen den vereinigten Feinds Armeen vorzukommen / um eins und anders der unserigen Oerther zubesetzen; und ob uns gleich Königsmarck bey Schwabenhausen zwackte / so seynd wir jedoch noch in 800. Pferd starck in Augspurg angelangt / eben als sich die Schweden vergebliche Hoffnung gemacht / selbe Statt in güte einzubekommen; gleich darauff kam der Obriste Rouyer noch mit vierthalbhundert Tragonern zu uns; warauff die Schweden uns in aller eyl belägerten / und in kurtzer Zeit mit approchiren unter die Stücke auff den Graben kamen; und ich glaube auch / sie würden uns gewaltig hais gemacht: und endlich auch die Statt gar überkommen haben / wann sich die unserige nicht bald darvor præsentirt hetten; als welche sich nunmehr wider mit neuem Succurs verstärckt hatten / und die Feinds=Völcker desto kühner von der Belägerung hinweg schröckten.

In dieser Statt muste ich neben andern commandirten Tragonern ligen / bis Bayrn und Cölln mit den Frantzosen / Schweden und Hessen einen halben Friden oder wenigst (ich weis selbst nit was es war) ein Stillstand der Waffen machte; als solcher geschlossen / wurde ich und andere mehr durch Fusvölcker abgelöst / und kam wider zu meinem Regiment / als es um Deckendorff herum auff der faulen Beerenhaut müssig lag.

Es kondten aber etliche unserer Generals=Persohnen und Obriste eine solche Ruhe schwerlich ertragen / also daß sie sich understunden mit ihren underhabenden Völckern zu den Kayserlichen überzugehen / zuvor aber ihres eignen Feldherrn Länder / vor welche sie bishero so ritterlich gefochten / zu plündern / under welchen vornemlich mein Obrister auch gewesen / der doch ein Soldat von Fortun: und zu seinem Stand durch seines grösten Churfürsten Mildigkeit und Gnad befördert worden war; er erlangte aber anderster nichts darmit / als daß ihm ein schandlicher Ehren=Titul concipirt: und hin und wieder in Bayern an einem aufgerichteten Holtz mit einem Arm angeschlagn wurde; massen ich ein Exemplar solcher Ehren=Säulen zu S. Nicolao bey Passau gesehen; andern wurde solches underfangen wegen ihrer hohen Verdienste und grosser æstimation nachgesehen / als welche um ihrer Treu und Dapferkeit willen auch ein bessers meritirten; Nachdem solcher Lerme wieder gestillt / weiß ich nichts denckwürdigs von mir zu erzehlen / ich wolte dann sagen wie ich leffeln gangen / und den Bayrischen Dientlen aufgewartet / bis wir die Degen wieder in die Händ genommen.

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