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Der seltzame Springinsfeld

Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Der seltzame Springinsfeld - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorGrimmelshausen
year1969
publisherMax Niemeyer Verlag
addressTübingen
isbn3-484-10113-X
titleDer seltzame Springinsfeld
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1670
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Das I. Capitel.

Was vor eine schwär vertäuliche
Veranlassung den Author zu Verfassung
dises Werckleins befördert.

ALs ich verwichne Weyhnacht=Mes in eines vornehmen Herrn Hof mit höchstvertrieslicher Patienz vmb eine Resolution zuerlangen auffwartete / auff eine Supplication darinnen ich gar beweglich umb einen Schreiber=Dienst gebetten / und in derselben meinen hohen Fleis mit den allerandächtigisten Worten gerühmt: Auch die Beständigkeit meiner unvergleichlichen Treu genugsam versichert hatte; gleichwohl aber der gewünschte Bescheid dermal eins nicht kommen wolte; da wurde ich noch vil ungedultiger! vornehmlich als ich sahe / daß die schmutzige Kuchen= und stinckende Stall=Ratzen in ihrer æstimatión passirt: Ich aber wie ein ungesaltzener Stockfisch / den man auch keiner ferneren Versuchung würdigt / verachtet wurde; Ich hatte damahls allerley Gedancken und Grillenhafftige Einfäll / und wie ich in erstgedachter Bursche höhnischen Angesichtern lesen kondte / bedunckte mich / sie wurden sich endlich vnderfangen / mir den Hut zuträhen und den Kuntzen mit mir zuspielen / wann ich entweder nicht bald ein angenehme Resolution kriegte / oder ohne dieselbige von mir selbst darvon gienge; bald sprach ich mir widerumben anders zu / vnd versichert mich selbst eines weit bessern Ausgangs: Gedult / Gedult / sagte ich zu mir / gut Weil will Ding haben (dann ich brachte alles das hinderst zum vördersten vor / weil ich gantz verwirret ware) erlangstu diesen Dienst / so kanstu diesen Schindhunden diese Fachtung schon einträncken: Ich wurde aber nicht allein von diesen und täglich innerlichen Anfechtungen: sonder auch von der damahligen grimmigen Kälte von aussen hero dergestalt geplagt / daß ein jeder der mich gesehen und die Kält nit selbst empfunden / tausend Ayd geschworen hette / ich wäre mit einem 3. oder 4tägigen Fieber behafft / daß Gesind lieffe hin und wider / ohne daß sie meiner vil geachtet oder mich besprochen; Als ich mich aber am allerbesten mit guter Hoffnung speysete und auffenthielte / da wurde ich eines holdseeligen Cammer Kätzgens gewahr / deren schenckte ich gleich mein Hertz; dann als sie recta gegen mich gieng / konte ich mir nichts anders einbilden / als dieses wäre ein ohnzweiffelbares Omen, daß ich ihr Serviteur werden würde; das Hertz hupffte mir gleichsam vor Freuden / weil mich der Wahn einer solchen künfftigen Glückseeligkeit versicherte! da sie aber zu mir kam / und ihr Kirschenrothes Mäulgen auffthät / sagte sie / guter Freund was habt ihr hier zuthun? seyd ihr villeicht ein armer Schüler / der etwann ein Allmusen begehrt? da gedachte ich gleich / diese Wort schlagen alle deine Hoffnung zu boden; dann weil wir Schreiber eben so hoffärtige Geister: was sage ich hoffärtige? ich will sagen / gleich so grosmütige Sinne haben und besitzen / als etwann die Schneider selbsten / die sich bey grossen Herren zutäppisch machen / wann sie erstlich ihre Cammerdiener: und endlich zu ihren Herrn (man dencke doch nur wie verwirrt ich damahls in mir selbst gewesen / weil ich noch ietzt alles so irrig und verwirrt vorbringe) ich hatte sagen wollen / zu Herrn werden (dann grosse Herren werden ja weder Schreiber noch Schneider über sich zu Herren setzen) als bedunckte mich die Jungfer solte sich nach meiner Einbildung accomodirt: und gesagt haben / was beliebt meinem hochgeehrten Herrn? oder was verlangt derselbe hier vor Geschäffte zuverrichten? Nun was bedarffs vieler Wort? Ich wurde gantz bestürtzt und konde die Jungfer doch keiner Unbescheidenheit beschuldigen / weil sie ihre Frag mit einer wohlständigen Red vorgebracht / auch kondte ich kaum sovil Wort in meinem Capitolio (so der alten Römer Rüst: und Waffen=Cammer gewesen) aus allem Vorrath den ich darinn hatte / zusammen bringen / disem ersten Straich / der mir empfindlicher als eine dichte Maulschell vorkam / der gebühr nach zubegegnen; doch lallete ich endlich mit einer aus Forcht / Hoffnung und Kälte verursachter zitterender oder babender Stimme sovil daher / daß ich der jenig Monsieur wäre / der auf Recommendation ehrlicher Leuthe ihres Herrn Schreiber zuwerden verhoffte; Ach mein gar lieber GOtt! antwortete das Rabenaas / ist er derselbig? Ach er schlage solche Gedancken aus dem Sinn / dann ein solcher / der den Dienst haben will / welchen er verlangt / mus meinen gr: Herren entweder umb 1000. Thaler gesessen seyn / oder umb solche Summa einen Bürgen stellen; Mir ist albereit vor dreyen Tagen ein halber Reichsthaler gegeben worden / ihme solchen zuzustellen / wann er sich anmeldet / und unser los Gesind hat mir nit einmal gesagt / daß ihr da seyet / ich wolte euch sonst so lang in dieser Kälte nit haben stehen lassen; Man kan leicht gedencken / was ich damahl vor eine Naase hatte! Ich gedachte halt / da schlag Venus zu / so darff Vulcanus eines Knechts weniger; Ich hatte gar nit den Willen / angeregten halben Thaler zunemmen / massen ich mich auch drum wehrete / weil ich mir einbildete / solche Abfertigung wäre meiner schreiberischen Reputation schimpflich und zuwider; doch gedachte ich / wer weis wo dir diser Herr noch eine Gnad erweisen kan; schob ihn derowegen in Sack / und faste eine Hoffnung / mit der Zeit durch die liebe Gedult den gebettenen Dienst noch zuerlangen / welchen ich mit sambt des Herrn Gnad verschertzen würde / wann ich so trutzig und halsstärrig dis geringe Gelt ausschlug.

Solcher gestalt nahm ich meine Abfertigung / und die Jungfer selbst gab mir das Gelaid / bis vnder das Thor / weil sie dasselbe / als gegen dem Mittag Jmbs / gleich zubeschliessen willens; da machten wir nun nach als mithin wegen des halben Thalers unsere Complimenten, under welchen der Jungfer dise Wort entfuhren! er nehme ihn nur kecklich hin und versichere sich / daß mein gr: Herr und Frau auch das geringste so ihnen zu Dienst geschihet nit unbelont lassen / und solte ihnen einer nur auff die Heimlichkeit mit einem Liecht vorgehen; das verdrosse mich so grausam übel / und jagte mich so in Harnisch / daß ich der Jungfer mehr unbescheiden als vernünftig antwortet; So saget euren gn: Herrn sprach ich / wann er mir einen jeden S. H. Arschwisch / darzu er meine Supplication unweislich brauchen möchte / ehe er sie gelesen / so theur bezahlen wolle; so werde es ihm ehender an Geld: als mir an Papier / Federn und Dinten manglen. Darauff trolte ich mich eine lange Gasse hinauff / vor Zorn mehr unsinnig als ohnwillig; ich wuste es denen so mich in literis abgeführt hatten / so wenig danck / daß mich auch reuete / daß ich meinen Præceptoribus mit dem hindern nit ins Angesicht geloffen / wann sie mir etwan zu Zeit einen Product geben; Ach sagte ich / warumb haben dich doch deine Eltern nicht ein Handwerck: oder Tröschen / strohschneiden oder dergleichen so etwas lernen lassen / so hettest du ja jetzunder auch bey iedem Bauren Arbeit / und dörfftest nicht vor grossen Herren thür stehen / ihnen zuschmaicheln? köntest doch nur jetzt das allerverächtlichste Handwerck das seyn mag / so fändestu gleichwol Meister die dich des Handwercks halber auffnehmen / und dir das Geschenck hielten / wann sie dir gleich keine Arbeit geben &c. In disem deinem Standt nimbt sich aber kein Mensch deiner an / und bist der allerverachteste Bernhäuter der seyn mag! In diesem meinem Unwillen passirte ich ein weiten Weeg! gleich wie mir aber der Zorn nach und nach vergieng / also empfande ich die damahlige grausame Kälte je länger je mehr / deren ich bishero so hoch noch nit geachtet hatte; Ja sie quelte mich dergestalt / daß ich nach einer warmen Stub seufftzete / und demnach eben ein Wirthshaus gegen mir stunde / gienge ich mehr der Wärme halber hinein als den Durst zu löschen.

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