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Der seltzame Springinsfeld

Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Der seltzame Springinsfeld - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorGrimmelshausen
year1969
publisherMax Niemeyer Verlag
addressTübingen
isbn3-484-10113-X
titleDer seltzame Springinsfeld
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1670
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Das XVIII. Capitel.

Wie es dem Springinsfeld von
der Tuttlinger Kirchmes an bis nach
dem Treffen vor Herbsthausen ergangen.

DEn folgenden Sommer führete vns der kluge General Freyherr von Merci wider mit einer schönen / und zwar fast auff ein alt=Fränckische oder Holländische Manier / da alles mit guter Ordre zugehet / zu Felde / das vornembste daß wir gleich Anfangs verrichteten / war die Einnemmung der Stadt Uberlingen / deren Guarnison nun eine Zeit lang grosse Ungelegenheit auff vnd vmb den Bodensee herumber gemacht hatte / diser folgte Freyburg im Preißgau / die nun etliche Jahr nacheinander mit Einziehung der Contributionen gleichsam wie eine militarische Königin über den gantzen Schwartzwald geherrschet und sich aus ihm bereichert; Wir hatten aber dieselbige Statt kaum in unsern Gewalt / als der Duc de Anguin vnd Tourraine ankommen / vns in vnserm wolbefestigten Läger auff die Finger zu klopffen; Massen sie auff die Schantzen gestürmbt vnd weder ihrer Soldaten Blut noch deren Lebens verschonet / gleichsam als wann sie nur wie die Pfifferling über Nacht gewachsen wären; Sie stürmten mit vnglaublicher Furi gegen vns hinauff / wie resolute Helden / wurden aber iedesmal beydes zu Roß vnd Fuß dermassen bewillkombt und wider abgefertigt / daß sie mit ihrem häuffigem herunder bürtzlen der überstreuten Wahlstatt ein Ansehen machten / als wann es Soldaten geschneyet hätte; es war auch billich / daß die jenige / deren Leben gering geachtet wurde / dasselbe auch gering verlieren solten; den andern Tag gieng es noch hitziger her / und kan ich wol schweren / daß ich mein Tage niemals darbey gewesen / da man schärpffer einander zugesprochen als eben vor diesem Freyburg! Es hatte das ansehen / als wann die Frantzosen nicht übers Hertz wolten oder könten bringen / uns ohn überwunden von sich zu lassen / und eben dahero fochten sie desto tapferer ja unsinniger! hingegen stritten wir vernünftig und mit grossem Vortheil; dahero kams / daß unserer nicht vil über 1000. jene aber über 6000. erschlagen und verwundet worden.

Wir Tragoner haben neben den Cürassirern under Johann von Werds Anführung das beste gethan / und wann unserer mehr zu Pferd gewesen wären / so wurde den Frantzosen ihre Frechheit übel eingetrenckt seyn worden; Wir kamen zwar mit einem blauen Aug darvon / aber mit grosser Ehr / dieweil wir sich eines solchen starcken Feinds ritterlich erwehret und ihm allerdings den dritten Theil so vil Volcks zu nichts gemacht als wir selbst starck gewesen; hingegen hatten die Frantzosen auch keine Schand darvon / als die ihre verwegene Tapfferkeit genugsam sehen lassen / es seye dann einem aufzuheben oder vorzurucken wann er so viler Soldaten Blut unnützlich verschwendet / oder sonst ohne Noth mit dem Kopf wider eine Maur lauft.

Da wir sich nun in unserm Würtenbergischen Lande ein wenig erschnaubet und zugleich marchirend sich um einen Raub umschauten / vermuteten wir solchen in der undern Pfaltz zu erhaschen; derowegen rumpelten wir hinein / und gleich darauf in Mannheim mit stürmender Hand / worinnen ich abermal / weil ich einer under den ersten war / der hinein kam / eine ansehnliche Beut von Geld / Kleidern und Pferden machte; disem nach seuberten wir Höchst von der hessischen Besatzung per Accord / und nahmen Bensheim mit Sturm ein / allwo mein Obrister das Leben durch einen Schuß einbüste / darinnen hauseten wir etwas rigoroser als Chur=Bayrisch / und machten daß sich Weinheim auch auf Gnad und Ungnad an uns ergab.

Umb dise Zeit stunde es umb unsere Armee überaus wohl / dann wir hatten an dem Mercy einen verständigen und dapffern General / an dem von Holtz gleichsamb einen Atlanten / der die Beschaffenheit aller Weeg / Steg / Päss / Berg / Flüss / Wälder / Felder und Thäler durch gantz Teutschland wohl wuste / dahero er das Heer beydes im marchirn und logirn zum aller vortelhafftigsten führen und ein quartiren: Auch wann es an ein schmeissens gehen solte / seinen Vortel bald absehen konte; am Ioann de Werd hatten wir einen praven Reutters=Mann ins Feld mit welchem die Soldaten lieber in eine Occasion als in ein schlechtes Wintter Quartier giengen / weil er den Ruhm hatte / daß er beydes in offentlichen fechten und Verichtung seiner heimliche Anschläge sehr glückseelig sey; an dem Württenberger=Land und dessen Nachbarschafft hatten wir einen guten Brod=Korb / welches schiene / als wann es nur zu unserem Underhalt und unsere jährliche Winter Quartier darinnen zunemmen / erschaffen worden; der Churfürst aus Bayern selbst / warlich ein erfarner Feld=Herr und weiser Kriegs=Fürst / war gleichsamb unser Vatter und Versorger / welcher uns gleichsamb von weitem zusahe / dirigirte und von Haus aus mit seiner klugen und vorsichtigen Feder führte; und was das allermeiste war / so hatten wir lauter versuchte und tapffere Obriste beydes zu Roß und zu Fueß / und von denselbigen an bis auff den geringsten Soldaten / eytel geübte / Hertz= und standhaffte Krieger; und ich dörffte beynahe kecklich sagen / wann ein Potentat im Anfang seines Kriegs gleich eine solche Armee beysammen hätte / daß er sein Gegentheil der noch zweymal so vil Tyrones bey einander dannoch leichtlich besigen möchte.

Aber ich mus wider auff meine Histori kommen / die verhält sich kürtzlich also / daß nemblich nach geendigtem Winter Quartier die maiste von uns in Böhmen zu den Kays: giengen / und von den Schwedischen vor Janckau ihr Theil Stösse holleten / und haben wir solcher Gestalt ihrer Unglückseeligkeit offt entgelten: und die Scharte ihrer Waffen die sie ich weis nit aus was Ursachen oder übersehen hier und da empfangen / mit Darstreckung unserer Hälse öffters auswetzen: Ja zu Zeiten ihrentwegen gar einbüssen müssen / wie dann vor dis mal auch beschehen; ich befande mich damals nicht in obbesagten Treffen / sonder im Württenbergischen / in welcher Gegent mein Obrister zu Nagolt die Schantze heßlich übersehen und zum Lohn seiner Unvorsichtigkeit das Leben erbärmlicher Weise eingebüst; und damals kam es darzu / daß ich aus einem Corporal zu einem Forier gemacht wurde; eben als der von Mercy unsere Völcker hin und wider zusammen zohe / um dem Tourenne zuwehren / daß er sich in unserm Gäu: Jn Schwaben und Francken / daraus wir uns selbst zuerhalten gewohnet waren / nicht zu heimisch und gemein machen solte.

Und dises ist dem von Mercy vor dismal auch noch gelungen / massen er ohnversehens auff die Frantzösische loß gangen und sie bey Herbsthausen dermassen geklopfft / daß ihm Tourraine das Feld raumen und viel vornehme Officier und Generals-Persohnen hinderlassen müssen; ich wurde in disem Treffen zeitlich durch einen Schenckel doch nicht gefährlich geschossen / gleichwol aber dardurch etwas zuerbeüthen / undichtig gemacht / weil ich die noch stehende Weder bestreitten helffen: Noch den flüchtigen nachjagen konte; welches mich so Blut übel verdrosse / daß ich zwen gantzer Tag mit allem meinem Fluchen kein Vatter Unser zusammen bringen konte; dann weil mein harte Haut bishero nur mit den ankommenden Kuglen geschertzt / vermeinte ich es solte nicht seyn / daß ein anderer mehr als ich können: und mich eben jetzt da etwas zuerrappen / beschädigen solte.

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