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Der seltzame Springinsfeld

Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Der seltzame Springinsfeld - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorGrimmelshausen
year1969
publisherMax Niemeyer Verlag
addressTübingen
isbn3-484-10113-X
titleDer seltzame Springinsfeld
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1670
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Das XVI. Capitel.

Wo Springinsfeld nach der Nord=
licher Schlacht herumb vagirt, und wie er
von etlichen Wölffen belägert wird.

GLeich wie nun nach Erhaltung diser gewaltigen und namhafften Schlacht das grosse sieghaffte Kays: Kriegs=Heer in underschidliche Länder geschickt wurde; also empfanden auch alle Provinzen dahin dise gelangten / die Würckung des gedachten blutigen Treffens? und zwar nicht allein was das Schwerd: sonder auch was der Hunger und was die Pest iedes absonderlich zuthun vermöchte? Ja wie grausamb die zusammen gestimbte erschröckliche Harmonia dieser gesambten dreyen Hauptstraffen / die Menschen zum Grab dantzen machen könne: den Antheil meines Unglicks damit die damahlige armseelige Zeit gleichsam gantz Europam heimsuchte / überstunde ich an den aller unglückseeligsten Oerthern / nemblich an Rheinstrom / der vor allen andern Teutschen Flüssen mit Triebsall überschwembt wurde; seytemal er erstlich das Schwerd / darauff den Hunger / drittens die Pest und endlich alle drey Plagen zu einer Zeit und auff einmal tragen muste / in welcher unruhigen Zeit die zwar vil zur ewigen Ruhe oder Unruhe befürderte / ich dem Kayser widerumb Speyr / Wormbs / Maintz und andere Ort mehr einnemmen halffe; und demnach der Weimarische Hertzog Bernhardus damals durch die Kräffte der Frantzösischen Flügel am Rhein herum schwebte / und durch sein stettigs agirn (in dem er an besagtem Flus wie auff einer Fickmühl zuspielen wuste) nit nur zu der anstossenden Länder Ruin ursach gabe / sonder auch zum theil die seinige selbsten / vornemblich aber unsere Armee die damals Graf Philips von Mannsfeld commandirte, eusserist und zwar ohne sonderliche Schwerdstreich ruinirte / sihe da büste ich mit ein! Nit nur mein Pferd das mit vor Nördlingen zugestanden / (deren es / wo wir nur hin marchirten aller Orthen voll lag / den Undergang unserer Armee bezeugen zuhelffen) sonder auch mein gutes Geld / das ich daselbsten bekommen; dann wann mir ein Pferd verreckte / so erhandelte ich ein anderes / und gab darvor meine Spannische Real und Jacobiner / Umgicker etc. vor guldene Spannische und Englische Kopffstücker aus / deren ein zwey oder drey silberne in meinem Sinn golte und werth war / welche auch jedermann in solchen Preis gern von mir annahm / so lang ich deren auszugeben hatte.

Als ich nun solcher Gestalt mit meiner Reichthum gleichwie das gantze Land mit der seinigen / in Bälde fertig worden / gieng der kleine Rest unsers vor diesem unvergleichlichen Regiments in Westphalen; allwo wir under dem Grafen Götz die Städte Dortmund / Paderborn / Ham / Une / Cammen / Werl / Soest und andere Ort mehr einnehmen helffen; und damals kam ich in Soest in Guarnison zu ligen / allwo ich / mein Simplice, Kund= und Cammerradschafft mit dir bekommen; und weil du selber zuvor weist / wie ich daselbst gelebt / ist unnöthig etwas darvon zu erzelen.

Du bist aber nicht über drey viertel Jahr zuvor vom Feind gefangen: und der Graf von Götz ist kaum ein viertel Jahr aus Westphalen hinweg marchirt gewesen / als der Obrist S. Andreas Commendant in der Lippstatt durch einen Anschlag Soest einnam / damals verlohre ich alles was ich in langer Zeit zusammen geraspelt und vorm Maul erspart hatte; solches und mich selbst bekamen zween Kerl von der Guarnison in Coesfeld / allwo ich mich auch vor einen Musquetirer gebrauchen lassen: und mich so lange hinder der Maur patentirn muste / bis beydes die Hessen und Frantzösische Weymarische über Rhein in das Ertzstift Cölln giengen; allwo es ein Leben setzte / dergleichen ich lang nach geseuftzet.

Dann wir fanden gleichsam ein volles Land und under dem Lamboy ein solche Armatur die wir leicht übermeisterten und von der Kemper Landwehr: ja gar aus dem Feld hinweg schlugen; diesem Sig folgten Neus / Kempen und andere Oerter mehr / ohne die gute Quartir die wir genossen / und ohne die gute Beuten die hin und wieder gemacht wurden; doch wurde ich armer Tropf gleichwol anfangs nicht reich darbey / weil ich under meiner Musquette gemeiniglich bey der Compagni verbleiben muste; demnach wir aber Gülch plünderten und mit den Leuthen auf dem Land sowol im Ertz=Stifft Cölln als Hertzogthum Gülch unsers Gefallens procedirn dörfften / erschunde ich soviel Gelds zusammen / daß ich mich wieder von der Musquete los zu kauffen: und mich zu Pferd zu mondirn getraute.

Solches setzte ich ins Werck da es beynahe selbiger Orten schon ausgemauset war / da wir nemlich Lechnich vergeblich zur Ubergab ängstigten / und uns nicht nur die Chur=Bayerische / die bey Zons lagen / sonder auch die Spannische ans Leder wolten; dannenhero schlupfte Guebrian den Kopf aus der Schlinge / quittirte den Rheinstrom und führte uns durch den Thüringer Wald in Francken / allwo wie wiederum zu rauben / zu plündern / zu stehlen / und gleichwol nichts zu fechten gefunden / bis wir in das Würtenbergische kommen / da vns zwar Jean de Werd nächtlicher Zeit ohnweit Schorndorf in die Haar gerathen / und einen Biß versetzt / aber gleichwol das Fell nicht grob zerrissen; aber wer kein Glück hat / der fällt die Nas ab / wann er gleich auf den Rucken zu ligen kommt / dann ich wurde kurtz hernach von dem Obrist=Leutenamt von Kürnried / welche die gemeine Pursch den Kirbereuter zu nennen pflegten / auf einer Parthey gefangen und zu Hechingen / wo damals das Bayerische Hauptquartier war / wiederum dem jenigen Regiment Tragoner zugestellt / darunder ich anfänglich gedienet.

Also wurde ich wieder ein Tragoner / aber nur zu Fuß weil ich noch kein Pferd vermochte; wir lagen damals zu Balingen / und widerfuhre mir ein Poß um selbige Zeit / welcher zwar von keiner Importanz, gleichwol aber so seltzam / verwunderlich und mir so eine schlechte Kurtzweil gewesen / daß ich ihn erzehlen muß; ohnangesehen ihrer viel / denen der damalige elende Stand des ruinirten Teutschlandes unbekant / mir solches nicht glauben werden.

Demnach unser Commendant in Balingen Kundschafft bekommen / daß die Weimarische under Rheinholden von Rose 1200. Pferd starck außgangen uns auffzuheben / gedachte er solches an Ort und End zu notificirn / von dannen succurirt werden könte; weil ich dann wie obgemeldet / noch ohnberitten: Zumahlen mir Weeg und Steg wohl bekant / auch meine Persohn so beschaffen war / daß man mir kecklich zutrauen kondte / ich würde die Sach wohl ausrichten; als wurde ich in Bauren Kleydern mit einem Schreiben nach Villingen geschickt / von dieser obhandenen Rosischen Cavalcada Nachricht dorthin zubringen; und golte gleich / ob ich vom Gegentheil underwegs gefangen würde oder nicht / dann wann solches geschehen wäre / so hette der Feind erfahren daß sein Anschlag entdeckt gewesen / und derowegen solchen wider eingestellt; aber ich kam glücklich durch / und liesse mich auch gegen Abend wider abfertigen / umb die Nacht über wider auff Ballingen zukommen / als ich nun durch ein Dorff passirte / darinnen keine Mäus geschweige Katzen / Hund / und andere Vieh / vil weniger Menschen sich befunden / sahe ich gegen mir einen grossen Wolff avanziren, welcher recta mit auffgesperrtem Rachen auff mich zugieng / ich erschrack / wie leicht zugedencken / weil ich kein ander Gewöhr als einen Stecken bey mir hatte; retirirte mich derowegen in das negste Haus / und hette die Thür hinder mir gern zugeschlagen / wann es nur eine gehabt / aber es mangelte deren so wohl als der Fenster und des Stuben Ofens; Jch gedachte wohl nit / daß mir der Wolff in das Haus nachfolgen würde / aber er war so unverschamt / daß er den Orth nicht respectirte, der zur Menschlichen Wohnung gewidmet worden / sonder zottelte in einem reputirlichen Wolffgang fein allgemach hernach; dannenhero ich nothwendig mein Refugium die erste und andere Stiege hinauff nehmen muste; und weil mich der Wolff sehen liesse / daß er auch Stiegen steigen konte so wol als ich / wurde ich gezwungen mich in aller Eil / welches zwar kümmerlich und mit grosser Noth geschahe / durch ein Tageloch hinauf auf das Tach zu begeben; da muste ich eilends die Zigel rucken und zerbrechen / um mich auf den Latten zu behelffen / auf welchen ich ie länger ie höher hinauf kletterte / und als ich mich hoch genug daroben: und also vor dem Wolf in Sicherheit zu sein befande / öffnete ich im Tach ein grössere Lucken / um dardurch zu sehen / wann der Wolf die Stige wieder hinab spatziren: oder was er sonsten thun wolte.

Da ich nun hinunter schauete / sihe / da hatte er noch mehr Cammerrathen bey sich / welche mich ansahen / und sich mit Geberden stelleten / als ob sie einen Anschlag zu erstimmen begriffen / wie sie mir beykommen möchten; ich hingegen schargirte mit halben und gantzen Ziglen auf sie hinunder / konte aber durch die Latten weder gewisse noch satte oder starcke Würf thun; und wann ich gleich den einen oder andern auf den Peltz traf / so bekümmerten sie sich doch nichts darum / sondern behielten mich also belägert oder ploquirt; indessen ruckte die stockfinstere Nacht herbey / welche mich / so lang sie unsern Horizont bedeckte / mit scharpfen durchschneidenden Winden und undermischten Schneeflocken gar unfreundlich tractirte / dann es war im Anfang des Novembri und dannenhero zimlich kalt Wetter / so / daß ich mich kümmerlich dieselbe Winter=lange Nacht auf dem Tach behelffen konte; überdas fiengen die Wölfe nach Mitternacht eine solche erschreckliche Music an / daß ich vermeinte / ich müste von ihrem grausamen Geheul übers Tach herunder fallen; in Summa es ist unmüglich zu glauben / was vor eine elende Nacht ich damals überstanden; und eben um solcher eussersten Noth willen darinn ich stack / fienge ich an zu bedencken in was vor einem jämmerlichen Zustand die trostlose Verdammte in der Höllen sich befinden müsten / bey denen ihr Leiden ewig wehret / welche nit nur bey etlichen Wölffen: sondern bey den schröcklichen Teuffeln selbsten: nicht nur auff einem Tach: sonder gar in der Höllen: nicht nur in gemeiner Kälte / sonder in ewig brennendem Feur: nicht nur eine Nacht in Hoffnung erlöst zuwerden / sonder ewig ewig gequellt würden; Dise Nacht war mir länger als sonst vier / so gar daß ich auch sorgte / es würde nimmermehr wider Tag werden / dann ich hörete weder Haanen kräen noch die Uhr schlagen / und sasse so unsanfft und erfroren dorten im rauhen Lufft / daß ich gegen Tag all augenblick vermeinte / ich müste herunder fallen.

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