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Der seltzame Springinsfeld

Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Der seltzame Springinsfeld - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorGrimmelshausen
year1969
publisherMax Niemeyer Verlag
addressTübingen
isbn3-484-10113-X
titleDer seltzame Springinsfeld
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1670
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Das XV. Capitel.

Wie heroisch sich Springinsfeld in
der Schlacht vor Nördlingen gehalten.

ZU unserer Hinkunfft zu unserem Regiment wurden wir wider beritten gemacht und mondirt, der Wallensteiner aber zu Eger umgebracht / weil er wie man sagte / mit der gantzen Armada zum Gegentheil übergehen: das Ertzhaus Oesterreich vertilgen und sich selbst zum König in Böhmen machen wollen; hierdurch wurde zwar dis Hochlöbl. Ertzfürstl. Haus errettet / aber zugleich auch das Kays. Kriegsheer (dessen Obriste zum theil um der verfluchten Wallensteinischen Zusammen=Verschwerung halber vor verdächtig gehalten werden wolten) zum Gebrauch vor untüchtig geschätzt / weil man ihre Treu zuvor probiren muste / und eben deswegen musten wir auff ein neues dem Kayser widerum schwören; aber diser Verzug verursachte / daß es liederlich umb den Kays. Krieg anfieng zustehen / massen die Schwedischen Generalen da und dort mit Einnemmung underschiedlicher Stätte gewaltig um sich griffen; bis endlich der unüberwündlichste dritte Ferdinand damahliger Ungar: und Böhaimischer König die Waffen selbst ergriffen / diser mustert uns und führte uns bey 60 000. starck / samt einer unvergleichlichen Artigleria in Bayrn vor Regenspurg welche Statt ich hiebevor nach dem ich mich von der Courage schaiden lassen müssen / mit List einnehmen helffen; von dannen ich mit meinem General dem Altringer und Joan de Werdt denen Schwedischen under Gustav Horn entgegen commandirt worden; da es dann sonderlich zu Landshut auff der Brücke zimblich heis hergienge / alwo mir nicht allein mein Pferd unterm Leib: sonder auch (an welchen ein mehrers gelegen) besagter unser rechtschaffene General von Altringen todt geschossen wurde.

Nachdem nun Regenspurg und Donawert an uns übergangen / und sich der Hispan. Ferdinandus Cardinal Infant mit uns völlig conjugirt, zogen wir auff das Rhies und belägerten Nördlingen; damahls war ich ein unberittener und auch sonst / (weil ich die Winter=Quartier schlecht genossen / ein Kranckheit ausgestanden / und lang nicht beuthafftigs erschnappt hatte) vermögens halber ein vast armer Schelm / so gar daß man meiner auch nicht achtete noch mich irgendhin commandirte / als die Schweden kamen die belagerte Statt zuentsetzen; in dem es aber hierüber zu einem vast blutigen Treffen geriethe / gedachte ich auch eine Beuth zuhollen oder das Leben darüber zuverlieren / dann ich wolte vil lieber todt als ein solcher Bernheiter seyn / der nur da stehet und zusiehet / wie tapffer andere ehrlich und wohl mondirte Soldaten sich umb den Barchet jagen; und demnach mirs gleich golte / ob Kayser oder Schwed siegen wurde / wann ich nur mein Theil auch darvon kriegte; sihe so mischte ich mich gantz ohne Waffen ins Geträng als die Victori noch in der Waag stunde / und der meiste Theil der Kriegsheer mit Rauch und Staub bedeckt war; gleich hierauff kehrte die Schwedische Reutterey der Battalia den Rucken / weil sie sahen daß ihr Sach allerdings verlohren / nach dem sie aber vom Lothringer / Joan de Werth den Ungern und Croaten wider zuruck gejagt würden / über eben den jenigen Orth / da ich mich befande / des willens in eyl die da und dort ligende Todte zubesuchen und zu plündern / wurd ich gezwungen niderzufallen / und mich den jenigen gleich zustellen / die ich zuberauben im Sinn hatte; das thät ich etlichmahl / bis beyderseits einander jagende Troppen den Orth passirt: quittirt und den Todten und noch halb Lebenden / deren sie abermahl daselbst zimblich sitzen liessen / allein überlassen.

Ich hatte mich kaum wider auffgerichtet / als mir ein ansehenlicher wohlmondirter Officier (der dort lag / sein Pferd beym Zaum hielte / und den einen Schenckel entzwey geschossen: den andern aber noch im Stegraiff stecken hatte) mir umb Hülff zuschrye / weil er ihm selbst nicht helffen köndte! Ach Bruder sagte er / hilff mir! ja; gedachte ich / ietzt bin ich dein Bruder / aber vor einer Viertel Stund hettest du mich nicht gewürdigt / nur ein eintziges Wort mir zuzusprechen / du hettest mich dann etwan einen Hund genant; ich fragte was Volcks? Er antwortet / gut Schwedisch / darauff erwischte ich das Pferd beim Zaum / und mit der andern Hand eine Pistole von seinem eignen Gewöhr / und endet damit den wenigen Rest des bittenden Lebens; und dis ist die Würckung des verfluchten Geschützes / daß nemblich ein geringer Bernheuter dem allerdapffersten Helden / nach dem er zuvor villeicht auch durch einen liderlichen Stallratzen ungefähr beschädigt worden / das Leben nemmen kan; ich fand Goldstücker bey ihm die ich nicht känte / weil ich von dergleichen grösse mein Tag noch niemalen gesehen; sein Wehrgehenck war mit Gold und Silber gestickt das Degen Gefäs von Silber gemacht und sein Hengst ein solches unvergleichlichs Soldaten Pferd / dergleichen ich meine Tage niemahlen überschritten; solches alles namb ich zu mir / und nach dem ich Gefahr merckte / also daß ich nit länger Mist bey ihm zumachen oder ihn gar außzuziehen getraute / setzte ich mich auffs Pferd / und da ich die eroberte Pistolen wider lude / dann die Pistolen=Halfftern oder Büchsen=Scheiden wie sie die Bauren nennen / waren nach damahligem Gebrauch genugsam mit Patronen versehen / muste ich gleichwol bey mir selbst erseufftzen und gedencken / wann der unüberwündliche starcke Hercules ietziger Zeit selbst noch lebte / so konte er solcher Gestalt so wohl als dieser prave Officier auch von dem aller geringsten Roß=Buben erlegt werden.

Ich rennete im vollen Calop hinder die unserige und fand daß sie sonst nichts mehr zuthun hatten / als todt zuschlagen / gefangen zunemmen und Beuthen zumachen / welches lauter Zaichen der erhaltenen Victori waren; ich machte mir anderer gehabte Mühe zunutz / und stunt zu den Siegern in ihr Arbeit / da es mir zwar sonderlich nicht glückte / ohne daß ich blößlich noch so vil erschnapte daß ich mich daraus kleyden konte / dergleichen geringes Glück hatten auch die übrige Kerl von meinem gantzen Regiment / doch einer mehr als der ander / ohnangesehen sie tapffer gefochten hatten.

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