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Der seltzame Springinsfeld

Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Der seltzame Springinsfeld - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorGrimmelshausen
year1969
publisherMax Niemeyer Verlag
addressTübingen
isbn3-484-10113-X
titleDer seltzame Springinsfeld
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1670
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Das XIII. Capitel.

Durch was vor Glücks=Fähl
Springinsfeld wider ein Musquetierer
unter den Schweden: hernach ein Piquenirer
unter den Kayserlichen: und endlich ein
Freyreutter worden.

DIe alte Meuder / welche so wohl als der Knan diser Erzehlung zuhörete / liesse sich hier hören und sagte; O du alter Scheisser / wie bistu gewislich so ein arger Baurenschinder: so ein schlauer Hünerfänger gewesen! was Mutter / antwortet Springinsfeld / Hünerfänger? Wollet ihr euch dann einbilden ich seye mit solchen Kinderbossen: mit solchem Pubenspil umgangen? Es musten vierfüssige Thierer seyn / und darzu keine krancke / wann ich sie würdigen solte selbige mir zuzuschreiben; und zwar so waren alte Kühe die allerschlechtiste Wahr / deren ich mich annahm zubeuthen / und gleichwol hab ich ihrer hin und wider so vil rauben und stehlen helffen / daß / wann eine nach der andern und also sie allesamen mit den Schwäntzen an die Hörner zusammen gebunden wären / sie gewislich von hier bis auff euren Baurenhof raichen würden / ohnangesehen er / wie ich höre / bey vier Schweitzer Meilen von hier entlegen seyn soll; was vermeinet ihr dann wohl / was ich vor Pferd / Ochsen / Mastschwein und fette Hämmel gestohlen; bedeucht euch auch wohl / daß ich vor dem grossen Vihe hab Zeit gehabt / an das kleiner als Hüner / Gäns und Enten zugedencken? Ja / ja: sagte die Meuder / drum hat dir der liebe GOtt auch das Handwerck nidergelegt / und dich eines Fusses beraubt / damit du hinfort des Kriegs müssig stehen / die ehrliche Bauren ungeplagt lassen / und dich / deine alte Diebsgriff zubüssen / mit Bettlen ernähren müssest / Springinsfeld lachte hierüber einen grossen schollen und sagte / schweigt nur still liebe Mutter / euer Simplicius hats kein Haar besser gemacht und gleichwohl noch seine beyde Füsse übrig / waraus ihr genugsam abnemmen könnet / daß ich mich nit an den Bauren versündigt und ihrentwegen meinen Fus verlohren; die Soldaten seynd darum erschaffen / daß sie die Bauren trillen sollen / und welchers nicht thut / der thut auch seinen Berueff nicht genug; die Meuder antwortet / der Teuffel in der Höllen würde ihnen den Lohn schon darum geben / dann wann der gütige Vatter das Kind genugsam gezüchtigt hette / so pflege er alsdann die Ruthe ins Feuer zuwerffen; Nein Mutter ihr werdet euch irren (sagte Springinsfeld) nach dem alten Sprichwort oder Reimen der ehrlichen Soldaten / welcher also lautet; so bald ein Soldat wird gegoren / seyn ihm drey Bauren auserkoren / der erste der ihn ernährt / der ander der ihm ein schönes Weib beschert / ond der dritt / der vor ihn zur Höllen fährt; und das zwar nicht unbillich / dann es habens in verwichenen Kriegs Troublen etliche Bauren vil ärger gemacht als die frommen Soldaten selbsten / in dem sie nit nur die Krieger beydes schuldige und unschuldige / wo sie ihrer mächtig worden / ermordet / sonder auch ihre aigne Nachbarn ja so gar ihre Vettern und Gevattern bestohlen / wo sie nur zukommen können; Simpl. sagte / was darffs vil disputirens / es war halt Gaul als Gurr / vier Hosen eines Tuchs / die Bauren wurden von den Soldaten Schelmen: und hingegen dise von jenen Diebe genant; so / daß disen Reden nach kein ehrlicher oder redlicher Mann im Land sich mehr befandt; und dannenhero war nöthig / daß der Edel Fridenschlus alles beschehene auffhuebe / verbesserte und einen ieden wider redlich machte; erzehle du vor dismal darvor / wie dirs hernach weiter ergieng / und vornemblich wo du den heroischen Namen Springinsfeld auffgetrieben habest.

Den hat mir / antwortet Springinsfeld / die Courage das Rabenaas auffgesattelt / von welcher Hex ich wenig reden wolte / wann es nicht die Folge meiner Histori erfordert; zu diser Vettel komm ich / nach dem ich mich ihrentwegen bey obengedachten Regiment mit einem stück Gelt ledig gemacht hatte; Jch kan aber nicht sagen ob ich ihr Mann oder ihr Knecht gewesen sey; ich schätze ich war beydes und noch ihr Narr darzu / und eben deswegen wolte ich lieber die Geschichten / so sich zwischen mir und ihr verloffen / verschwigen als offenbahr wissen; hat sie aber ihr Schreiber=Knecht auch in ihrem ehrbaren Lebenslauff entdeckt / so mag sie dort lesen wer will / ich mag einmahl mein aigne Guckgaugerey nit selbst ausblasen; sonder es ist mir genug wann ich glauben muß / sie werde meiner so wenig als deiner verschonet haben; Dis ist gewis mein Simplice, daß ihre damalige liebreitzende Schönheit von solchen Kräften war / daß sie noch wol andere Kerl als ich gewesen / an sich zu ziehen vermochte / ja sie hatte auch meritirt von den allervornemsten und ehrlichsten Cavaliern bedient zu werden / wann sie nicht so Gottlos und verrucht gewesen wäre; aber sie war in den Begierden nach Gelt so ersoffen: in allerley Schelmstücken und Diebsgriffen / solches zu erobern / so abgeführt und fertig: und in Vergnügung ihrer brünstigen Geilheit so gar insationabilis, daß ich gäntzlich darvor halte / es hätte niemand keine Sünde daran gethan / wann er ihr zu Ersparung Holtzes einen halben Mühlstein an Hals gehenckt: und sie ohne Urtheil und Recht in ein Wasser geworffen hätte; diese Unholde als sie meiner müd worden / brachte beydes durch Schmiralia und ohn Zweifel auch durch ihre tapfere Faust / darauf sie saß / zuwegen / daß ich sie wider meines Hertzen Willen quittirn muste; sie gab mir zwar ein Stuck Geld / Pferd / Kleider und Gewehr mit / hingegen aber auch den Teufel im Glas / wessentwegen ich grosse Angst ausstunde / bis ich seiner wieder ohne Schaden los wurde.

Nachdem ich nun diese Bestia solcher Gestalt verlassen / und under dem General=Wachtmeister von Altringen erstlich ins Würtenbergische / folgends in Thüringen und endlich in Hessen kommen / haben wir sich daselbst mit andern Völckern mehr conjugirt, und doch sonst nichts ausgericht / als daß wir widerum wie der Schnee vergingen; Jch selbst wurde auff einer Parthey vnder die Schwedische gefangen / under denen ich auch ein Mußquetirer werden muste / biß mich die Kays. ohnweit Bacherach wider erwischten / nachdem ich zuvor dem Schweden Würtzburg / Werthheim / Aschaffenburg / Maintz / Worms / Manheim und andere Ort mehr einnemmen helffen; da wurde ich in Westphalen geschickt / des Churfürsten von Cölln selbige Bistumber unter dem berühmten Pappenheimer vor den Hessen beschützen zuhelffen; Jch muste eine Pique tragen / welches mir so widerwertig war / daß ich mich ehe hett auffhencken lassen / als mit solchen Waffen lang zu kriegen; Es war mir gar nicht wie jenem Schwaben / der ein halb Dutzet solcher Stänglein auff sich nehmen wolte / dann ich hatte 18. Schuh lang zuviel an einer / derowegen trachtete ich auch alle Stund darnach / wie ich ihrer wider mit Ehren los werden möchte; Ein Musquetirer ist zwar ein wohlgeplagte arme Creatur / aber wann ich ihn gegen einen ellenden Piquenirer schätze / so bsitzt er noch gegen ihm eine herrliche Glückseeligkeit / es ist verdrieslich zugedencken geschweige zuerzehlen / was die gute Tropffen vor Ungemach ausstehen müssen / und es kans auch keiner glauben / ders nicht selber erfahrt / und dannenhero glaube ich daß der jenige der einen Piquenirer nidermacht (den er sonst verschonen köndte) einen unschuldigen ermordet / und solchen Todtschlag nimmermehr verantworten kan; dann ob dise arme Schiebochsen (mit disem Spöttischen Namen werden sie genennet) gleich creirt seyn / ihre Brigaden vor dem Einhauen der Reutter im freyen Feld zubeschützen / so thun sie doch vor sich selbst niemand kein Leid / und geschicht dem allererst recht / der einem oder dem andern in seinen langen Spies rennet. Jn Summa ich habe mein Tage viel scharpffe Occasionen gesehen / aber selten wahrgenommen / daß ein Piquenirer jemand umgebracht hette.

Wir lagen an der Weser dort um Hameln als ich meinen Cammerrathen überredet / daß er mir sein Musquette / auf die Mauserey verliehe / und so lang mein Pique trug / bis ich wieder käme und eine Beut mitbrächte; es glückte mir / dann unserer Drey / darunder ein Landskind war / der alle Weg und Winckel wol wuste / erkundigten einen Güter=Wagen / so von Premen nach Cassel zu gehen willens / und nur einen eintzigen hessischen Musquetirer zur Convoy bey sich hatte; demselben giengen wir zu gefallen allerdings bis an Hartzwald / und da er an den Ort kam wohin wir ihn gewünscht / schossen wir gleich im Angriff den Musquetirer / den Fuhrmann und den Knecht nider / weil ieder seinen Mann gewis vor sich genommen; spanten hernach 6. schöner Pferde aus / und öffneten in der Eil von Ballen und Fassen was wir konten / worinnen es viel Seyden=Wahr und Englisch Tuch setzte / das allerbeste aber vor uns stack in einem Fäßlein voller Karten / nemlich ungefehr bey 1200. Reichsthalern / welche ich zwar fande aber mit meinen Cammerrathen treulich theilte; wir sprachen den Pferden gleichsam über ihr Vermögen zu / und indem wir in kurtzer Zeit einen langen Weg hindersich legten / enttronnen wir aller Gefahr / und langten eben bey den unserigen wieder an / als Pappenheim sich fertig gemacht / den Bannier vor Magdenburg hinweg zu schlagen.

Gleichwie nun dieser in Unordnung aufbrach davon zu fliehen / ehe wir recht an ihn kamen; als konte solches so eilends nicht geschehen / daß er uns von seinem Nachzug nicht etlich hundert Mann auf dem Platz lassen muste; und nachdem wir alles wol ausgerichtet / die Guarnison zu uns genommen / und der Stadt oder vielmehr des Steinhauffens Bevestigung an Wählen und Bollwercken zimlich ruinirt und zersprengt hatten; brachte ich von meinem Hauptmann / weil ich ohne das nicht ihm: sonder under ein Regiment Tragoner gehörig / welches sich damals bey den Tyllischen befande / mit einer leidenlichen Verehrung zuwegen / daß er mich entliesse.

Also wurde ich meiner verdrießlichen Pique wieder los / mondirte mich und einen Knecht zum besten / und nahm bey einem Regiment zu Pferd vor einen Freyreuter Aufenthalt / so lang / bis ich wider zu meinem Regiment / darunder ich gehörte / gelangen möchte.

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