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Der seltzame Springinsfeld

Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Der seltzame Springinsfeld - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorGrimmelshausen
year1969
publisherMax Niemeyer Verlag
addressTübingen
isbn3-484-10113-X
titleDer seltzame Springinsfeld
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1670
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Das XI. Capitel.

Von dreyen merckwürdigen Ver=
schwendern / warhaffte Historien.

ES gehet gemeiniglich denen so in den Krieg kommen / wie den jenigen so hexen lernen? Dann gleich wie die selbige so einmal zu solcher unseeligen Congregation gelangen / schwerlich oder wohl gar nit mehr darvon kommen können; also gehets auch dem mehrentheils von den Soldaten; welche wann sie gut Sach haben / nicht auß dem Krieg begehren / und wann sie Noth leyden / gemeiniglich nicht drauß kommen können. Von denen welche sich im Krieg wider ihren Willen ferners gedulten müssen / biß sie eintweders durch eine occasion bleiben oder sonst crepirn verderben und gar Hungers sterben müssen / könte man darvor halten / daß es ihr Fatum oder Verhängnus so mit sich brächte; von denen aber so reiche Beut machen und gleichwol solche wieder unnützlich verschleudern / kan man gedencken / daß ihnen der gütige Himmel nicht gönne / sich ihr grosses Glück zu nutz: sonder vielmehr das Sprichwort wahr zu machen: So gewonnen / so zerronnen; und was mit Trommeln erobert wird / gehet mit Pfeiffen wieder fort; ich weiß von dreyen gemeinen Soldaten auch drey underschiedliche denckwürdige Exempel / welche solches bestätigen / und derselbigen muß ich hier weitläuffiger gedencken; des ersten: Der berühmte Tylli, nachdem er die Stadt Magdenburg ihres jungfräulichen Kräntzels: seine unterhabende aber dieselbe ihrer Zierd und Reichthum beraubt gehabt / erfuhr daß ein gemeiner Soldat von den seinigen eine grosse Beut von Parschaft / so in lauter Geld=Sorten bestanden / erobert: und also gleich wieder mit Würffeln verloren hätte: die Warheit zu erfahren / liesse er solchen vor sich kommen / und nachdem er von diesem unglückseligen Spiler selbsten verstanden / daß die gewonnene und wieder verschwendete Summa grösser gewesen / als er von andern vernommen (etliche sagten wol von 30 000. andre von weit mehrern Ducaten) sagte der Graf zu ihme / du hättest an diesem Geld die Tag deines Lebens genug haben: und wie ein Herr darbey leben können / wann du dirs nur selber hättest gönnen wollen; dieweil du aber dir selbsten nichts nutzen noch zu gut thun wollen / so kan ich nicht sehen / was du meinem Keyser nutz zu seyn begehrest; und damit erkante dieser General / der sonst den Ruhm eines Soldaten=Vatters gehabt / daß dieser Kerl als eine unnütze Last der Erden in freyen Lufft gehenckt werden solte / welches Urtheil auch alsobalden vollzogen worden; Des andern; Als der Schwedische Königsmarck die kleine Seite der Stadt Prag überrumpelt: und gleichmässig ein gemeiner Soldat über 20 000. Ducaten in Specie darinn erwischt: solche aber bald hernach auf einen Sitz wiederum verspielt hatte; wurde solches dem Königsmarck gleichfalls zu Ohren getragen / welcher auch diesen Soldaten vor sich kommen liesse / um ihn erstlich zu sehen / und ihm alsdann nach Erkundigung der Warheit ebenmässig obenangeregten Tyllischen Process machen zulassen / wie er ihm dann auch auff eben dieselbige Manier zusprach; als aber diser Soldat seines Generals Ernst vermerckte / sagte er mit einer unerschrockenen Resolution; Euer Excell. können mich mit Billichkeit um dises Verlusts willen nicht auffhengen lassen / weil ich Hoffnung hab / in der Altstatt noch wohl eine grössere Beuthe zuerhalten! dise Antwort / welche vor ein Omen gehalten wurde / erhielte dem guten Gesellen zwar das Leben / aber gleichwol nicht die eingebilte Beuth / vilweniger den Schweden die Statt / welche damahls von deren Exercitu hart bedrängt wurde. Des dritten; wer bey der Chur=Bayr: Armada unter dem Holtzischen Regiment zu Fus bekandt gewesen ist / der wird ohnzweiffel den so genanten Obristen Lumpus entweder gesehen: oder doch wenigst vil von ihm gehöret haben; er war bey besagtem Regiment ein Musquetirer / und kurtz vorm Friedenschlus trug er eine Bique / wie ich ihn dann in solchem Stand und zwar sehr übel beklaidet / also daß ihm das Hembd hinden und vornen zu den Hosen heraus hieng / under wehrendem Stillstand der Waffen bey selbigem Regiment selbst gesehen; diesem geriethe in dem Treffen vor Herbsthausen in einem Fäßlein voller Frantzösischen Duplonen ein solche Beut in die Hände / daß er selbige schwerlich ertragen: weniger zehlen: und noch weniger aus ihrer Zahl die Substanz seines damaligen Reichthums wissen und rechnen konte! Was thät dieser liederliche Lumpes aber / da er den übermässigen Anfall seines grossen Glücks nicht erkante? Er verfügte sich in eine Stadt und Vestung der Bayern / über welche ehemalen der grosse Gustavus Adolphus die Zähne zusammen gebissen / daß er sie nach soviel erhaltenen herrlichen Siegen ungewonnen muste ligen lassen; daselbst staffirte er sich heraus wie ein Freyherr und lebte täglich wie ein Printz der jährlich etliche Millionen zu verzehren hat / er hielte zween Gutscher / zween Laqueyen / zween Page / ein Cammerdiener in schöner Liberey / und nachdem er sich auch mit einer Gutschen und sechs schönen Pferden versehen / reiste er auch in die Hauptstatt desselbigen Landes über die Thonau hinüber / allwo er in der besten Herberg einkehrte / die Zeit mit essen trincken und täglichem spatzieren fahren zubrachte / und sich selbsten mit einem neuen Namen / nemlich den Obristen Lumpes nennete; solches herrliche Leben wehrete ungefehr sechs Wochen / in welcher Zeit sein eigner und rechter Obrister der General von Holtz auch dorthin kam und eben in derselbigen Herberg einkehrte / weilen er ein sonderbares lustigs Zimmer darinn hatte / in welchem er zu seiner Hinkunfft zu logirn pflegte; der Wirth sagte ihm gleich / daß ein fremder Cavallier sein gewöhnlich Logement einhätte / welchem er zu weichen nicht zumuten dörffte / weil er ein ansehenlich Stuck Geld bey ihm verzehrte; dieser tapfere General war auch viel zu discret solches zu gestatten; demnach ihm aber besser als dem grossen Atlante sowol alle Weg und Steg / Wälder und Felder / Berge und Thäler / Päß und Wasserflüsse: als auch alle adeliche Familien des Römischen Reichs bekant waren; als fragte er nur nach dieses Cavalliers Namen / als er aber verstunde / daß er sich den Obristen Lumpus nennete / und sich weder eines alten adelichen Geschlechts noch eines Soldaten von Fortun von solchem Namen zu erinnern wuste / bekam er eine Begierde mit diesem Herrn zu conversirn und sich mit ihm bekant zu machen; er fragte den Wirth um seine Qualiteten / und da er verstunde / daß er zwar sehr gesellig: eines lustig Humeurs: gleichsam die Freygebigkeit selber: doch aber von wenig Worten wäre / wurde seine Begierde desto grösser; derowegen verfügte er mit dem Wirth des Lumpi Consens zu erhalten / daß er denselben Abend mit ihm über einer Tafel speisen möchte.

Der Herr Obriste Lumpus liesse ihm solches wol gefallen / und bey dem Confect in einer Schüssel 500. neue Frantzösische Pistol. und eine göldene Ketten von 100. Ducaten auftragen; mit diesem Tractament / sagte er zu seinem Obristen / wollen euer Excellenz verlieb nehmen / und meiner dabey im besten gedencken; der von Holtz verwundert sich über diß anerbieten und antwortet / daß er nicht wisse womit er ein solch Præsent um den Herrn Obristen verdienet oder ins künfftig würde verdienen können / derowegen wolte ihm nicht gebühren / solches anzunehmen; aber Lumpus bat hingegen er wolte ihn nicht verschmähen / er hoffte würde sich die Zeit bald ereignen / in deren ihr Excell. selbst erkennen würden / daß er diese Verehrung zu thun obligirt sey / und alsdann verhoffer er hinwiderumb von seiner Excell: Eine Gnad zuerhalten / die zwar keinen Pfennig kosten wurde / daraus er aber erkennen könte / daß er dise Schanckung nit übel angelegt / gleich wie nun dergleichen göldene Straich vil Seltener außgeschlagen: Als jemanden versetzt werden; also wehrete sich auch der von Holtz nicht länger / sonder acceptirte beydes Ketten und Geld (weil es Lumpus überein so haben wolte) mit courtoisen promessen, solches auff begebende Fäll zu remeritirn.

Nach seiner Abrais verschwendete Lumpes immerfort / er passirte nie bey keiner Wacht verüber / da er nicht der Soldatesca die ihm zu Ehrn ins Gewehr stunde / ein Dutzet oder wenigst ein halb Dutzet Thaler zuwarff / und also machte ers überall wo er Gelegenheit hatte / sich als ein reicher Herr zuerzeigen; alle Tag hatte er Gäst und zahlte auch alle Tag den Wirth auß / ohne daß er ihm jemals den geringsten Häller abgebrochen oder über eine allzuteure Rechnung sich beschwärt hätte; gleich wie aber ein Brunnen bald zuerschöpffen / also wurde er auch mit seiner Barschafft bald fertig / und zwar wie ich schon erwöhnet / in sechs Wochen; darauff versilbert er Gutschen und Pferd; daß gieng auch bald hindurch; endlich müsten seine stattliche Klaider sambt dem weissen Zeug daran / daß jagte er alles durch die Gurgel / und da seine Diener sahen / daß es auff der Naige war / namen sie nacheinander ihren Abschid / welche er auch gern passirn liesse / zu letzt da er nichts mehr hatte als wie er gieng und stunde / nemblich in einem schlechten Klayd / ohne einigen Häller oder Pfenning / schenckte ihm der Wirth 50. Reichsthaler (weil er so vil Geld bey ihm verzehret hatte) auff den Weeg; er aber wiche nicht bis solche auch allerdings widerumb verzehret waren; der Wirth / entweder daß er sich bey ihm wohl begraset / oder ihn übernommen und sich deswegen ein Gewissen macht / oder anderer Ursachen halber / gab ihm wider 25. Reichsthaler / mit Bitt sich damit seines Weegs zumachen / aber er gieng nicht bis er selbe auch verzehrt hatte; und als er nun fertig war / schenckte ihm der Wirth widerumb 10. Reichsthaler zum Zehrpfennig auff den Weeg; er aber antwortet weil es Zehrgeld seyn solte / wo wolte ers lieber bey ihm als einen andern verzehrn / hörete auch nit auff bis solche widerumb bis auff den letzten Häller hindurch waren / warüber sich der Wirth mit wunderlichen Gedancken ängstigte und ihm gleichwol noch 5. Reichsthaler gab sich damit fort zumachen / und den er zuvor ihr Gnaden genennet und anfänglich unterthänlich willkommen seyn häissen / den muste er damal dutzen / wolte er anders seiner loß werden; dann als er sahe / daß er auch diese letztere 5. Reichsthaler verzehren wolte / verbotte er seinem Gesinde / daß sie ihm weder eins nochs ander darvor geben solten; da er nun solcher Gestalt gezwungen / dasselbe Wirtshaus zu quittirn / sihe da gieng er in ein anders / und verlöschte in dem selbigen daß nich übrige kleine Füncklein seines grossen Schatzes folgents mit Bier / folgents kam er widerumb bey Haylbrunn zu seinem Regiment / allwo er alsobalden in die Eisen geschlossen und ihm vom hencken gesagt worden / weil er bey acht Wochen lang ohne Erlaubnus vom Regiment verblieben war; wolte nun der gute Obriste Lumpes seiner Band und Eisen wie auch der Gefahr des Stricks entübrigt seyn / so muste er sich wol seinem Obristen / den er deswegen stattlich verehret / offenbahren / welcher ihn auch alsobalden von beyden befreyen liesse / doch mit einem grossen Verweis / daß er so viel Gelds so unnützlich verschwendet / worauf er anders nichts antwortet / als daß er zu seiner Entschuldigung sagte; er hät alle sein Tag nichts mehrers gewünscht / als zu wissen / wie einem grossen Herrn zu Mut wäre der alles genug hätte und solches hätte er auf solche Weis durch seine Beut erfahren müssen.

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