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Der seltzame Springinsfeld

Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Der seltzame Springinsfeld - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorGrimmelshausen
year1969
publisherMax Niemeyer Verlag
addressTübingen
isbn3-484-10113-X
titleDer seltzame Springinsfeld
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1670
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Das IX. Capitel.

Tisch= und Nacht=Gespräch / und
warum Springinsfeld kein Weib haben wolte.

JNdessen dieser Discurs und Handlung zwischen Simplicio und Springinsfelden vergieng / näherte sich die Zeit des Nachtessens; ich wolte mir besonder anrichten lassen / aber Simplicius sagte / ich müsse so wol als Springinsfeld sein Gast seyn / jener zwar als ein alter Cammerath und ietziger neuangestandener Lehrjung / ich aber um dessentwillen / daß ich ihm heut so ein annehmliche Botschaft gebracht / daß nemlich sein Sohn Simplicius von der leichtfertigen Courage nicht geboren worden seye; zu dem seye auch billich / daß er mich beydes vm den Schreiber=Lohn / und was ich sonst seinetwegen bey den Zigeinern ausgestanden / befridige; da wir nun so miteinander redeten / kam auch der junge Simplicius mit noch einem von seinen Collegen / als welcher damals in dieser Stadt studirte und seines Vattern Ankunfft vernommen hatte; er war auch ein Risemässiger langer Kerl allerdings wie sein Vatter / und sahe ihm von Angesicht so ähnlich / daß ein ieder / der es auch nicht gewust hätte / unschwer abnemen könden / daß er sein natürlicher Sohn gewesen / ohnangesehen die elende Courage sich einbildet sie hätte ihn mit einem fremden Kind so meisterlich betrogen.

Also setzten sich zu Tisch der Knan und die Meuder / der alt und junge Simplicius samt seinem Cammerathen dem Studenten den er mitgebracht / ich / Springinsfeld und Simplicii Baurenknecht; der Jmbs war kurtz und gut / weil beyde alte zu Beth eileten / und sie sagten ob sie gleich nicht schlaffen könten / so thät ihnen doch die Ruhe wol / und dannenhero setzte es auch desto weniger Discursen; eins gieng vor / woraus ich abnahm / daß Springinsfelds Gedächtnus und Verstand / etwas geschwind zu fassen / nit so gar höltzern war; dann als ermeldter Student verlangte / Simplicii Buch zu sehen / das er ihme von etlichen / die auf dem Marck damit agiren sehen / gar verwunderlich hatte beschreiben lassen / liesse er durch den jungen den alten Simplicium bitten / ob er nicht die Ehr haben könte solches zu sehen; aber er antwortet / er hätte solches nicht mehr in seiner Possession, doch sagte er zum Springinsfeld / er solte beyden Studenten weisen / was er heut gelernt hätte / der zog alsobald das Buch herfür / und blättert den Studenten die weisse Blätter vor den Augen herum / sagende: Also glatt und unbeschrieben wie diß weisse Papier seynd euere Seelen erschaffen und in diese Welt kommen; und derowegen haben euch eure Eltern hieher gethan (mit solchen Worten wiese er ihnen die Schriften vor) die Schrift zu lernen und zu studieren; aber ihr Kerl pflegt an statt löbliche Wissenschaften zu ergreiffen / das Geld vergeblich (hie wiese er ihnen die Geld=Sorten) durchzujagen und zu verschwenden! dasselbe zu versauffen (hie zeigte er die Trinck=Geschirr) zu verspilen (und hie die Würffel und Karthen) zu verhuren (hie die Dames und Cavalliers) und zu verschlagen (hie das Gewehr) ich sage euch aber daß alle die jenige die solches thun / seyen lauter solche Kerl wie ihr hier vor Augen sehet / und damit zeigte er ihnen die Narren= Hasen= und Esels=Köpfe; und damit wischte er wieder mit dem Buch in Schubsack / dem alten Simpl. gefiel dieses Stuck wo wol / daß er zum Springinsfeld sagte / wann er gewust hätte / daß er die Kunst so bald und so wol begreiffen würde / so wolte er ihm nicht halber so viel Lehrgeld abgefordert haben.

Wir machtens mit dem Nachtessen / wie oben gemeldt / nicht lang; bey welchem ich in acht nam / wie freundlich Simpl. seine beyde alte: und diese hinwiederum ihn und seinen Sohn ehreten und tractirten; da sahe und verspürte man nichts als Lieb und Treu / und ob zwar ein Theil das ander aufs höchste respectirte so merckte man doch bey keinem einige Forcht / sonder bey iedem blickte ein aufrichtige Vertraulichkeit herfür; der junge Simplicius wuste sich gegen allen am artlichsten zu schicken / und der Bauren=Knecht / welches sonst plumpe Grobiani zu seyn pflegen / erzeigte mehr Zucht und Ehrbarkeit / als mancher eines andern herkommens / der einen eignen Præceptorem gehabt mores zu lernen; so / daß ich mich verwunderte / wie der ehemal gantz rohe und gottlos gewesene Simplicissimus seine Haushaltung auf einen solchen reputirlichen Fuß setzen: und seine so einfältige als grobe Hausgenossen zu solchen löblichen Sitten gewöhnen können; der Springinsfeld war gantz still / nicht weiß ich verwundert er sich auch wie ich / oder spintisiert er über die Geheimnussen so in der Simplicianischen Gauckel=Taschen stacken / welche ihm meines davorhaltens allerhand Nachsinnungen verursachten; im übrigen ists gewis / daß selten ein Tisch mit so unterschiedlich bekleideten Leuthen besetzt wird / miteinander zu speisen / als wie damals der unserige war / der Knan sahe aus / wie ein alter erbarer Bauren=Schultheis; die Meuder wie seine Frau Schultheissin; der Bauren=Knecht wie ihr Sohn / der alt Simplicius wie ich ihn bereits oben im zweyten Capitel beschrieben; der jung und dessen Cammerrath wie zwey Stutzer; Springinsfeld wie ein Bettler / und ich wie ein armer Plackscheisser oder Præceptor in seinem abgeschabenen schwartzen Kleidel zu sehen pflegt.

Wir wurden zusammen in eine Kammer logirt / weil es Simplicius also haben wolte / und Springinsfeld den Wirth versicherte / daß er keine Läuse hätte; diese beyde lagen ieder allein / gleichwie hingegen der Knan und die Meuder: die beyde Studiosi, und ich und der Bauren=Knecht beysammen schlieffen; dieser hielte mich so hart / daß ich ohnangesehen der grossen Kälte / dieselbige Nacht meine Nase wenig under der Decken behalten konte / der alte Simplicius aber erwiese mit schnarchen / daß er so wol starck schlaffen: als viel essen und trincken vertauen könte; gleichwie wir nun gar zeitlich zu Beth gangen / also verbliebe uns an der Winter=langen Nacht viel übrig / daß wir nicht durchzuschlaffen vermöchten; der Knan und die Meuder erwachten zum ersten / und indem jener kröchzet / diese aber mit ihm bappelt / wurden wir übrige allsammen munder; da nun Simplicius merckte / daß Springinsfeld wachte / fieng er an mit ihm zu reden / weil er sich der Zeit ihrer alten Cammerrathschaft: und was sich da und dort zwischen ihnen beyden zugetragen / erinnerte; dannenhero gab es Ursach zu fragen / wie es ihm seithero ergangen? wo er bisher in der Welt herum gestürtzt? wo sein Vatterland wäre? ob er daselbsten keine Verwandte: oder nicht auch Weib und Kind: und etwan irgends eine häusliche Wohnung hätte? warum er so armseelig und zerrissen daher ziehe / da er doch ein Stückel Geld beysammen hätte? etc. Ach Bruder / antwortet Springinsfeld / wann ich dir alles erzehlen müste / so würde uns der sibenstündige Rest dieser langen Nacht viel zu kurtz werden; in meinem Vatterland bin ich zwar kürtzlich gewesen; gleich wie ich aber niemahl nichts aigens darin besessen / also gönnete es mir auch vor dismahl kein bleibende Statt / sonder liesse mir die Beschaffenheit meines Zustands rathen / ich solte noch ferner wie der flüchtige Mercurius herum wanderen; wie ich dann auch daselbst keinen Verwandten von sibenzehen Graden: geschweige einige Brüder oder sonst nahe Freund angetroffen; ja es wolte beynahe niemand meinen Stiffvatter kennen / in dessen Heimat ich gleichwol ihm und seinen Freunden gar genau nachgefragt / wie wolte ich dann etwas von meines rechten Vatters unnd meiner Mutter Freundschafft haben erfahren können / von welchen ich nicht aigentlich weiß / wo sie gebürtig gewesen; weilen dann nun hieraus leicht abzunemmen / daß ich kein eygen Haus vermag / also ist auch leicht zugedencken / daß ich keine Hausfrau noch Kinder hab; und lieber / warumb solte ich mich mit einer solchen Beschwärung beladen? Daß ich aber meine Batzen zusammenhalte / daran thu ich nit unrecht / seytemal ich beydes weis wie schwerlich sie zubekommen: und wie tröstlich sie einem im verlassenen und mühseeligen Alter seyen; und daß ich schließlich so schlecht beklaydet auffziehe / solches geschicht auch nicht ohne sonderbare Ursach / seytemal mein Stamm und interesse dergleichen Klaidungen: und noch wohl schlimmere erfordert.

Jch hätte gleichwol vermeint / antwortet Simp: Wann ich in deiner Haut steckte / es wäre mir Rathsamer / wann ich ein Weib hätte / die mir in meinem gebrechlichen Alter vermittelst ehrlicher Lieb und Treu mit Hilff und Rath zu Trost und Statten käme / als dergestalt im Elend herum zu kriechen und mich von aller Welt verlassen zu sehen; wie vermeinestu wol / daß dirs gehen wird / wann du irgends betlägerig würdest? O Bruder / sagte Springinsfeld / diser Schuch ist an meinem Fuß nicht gerecht; dann hätte ich eine Alte / so müste ich vielleicht mehr an ihr als sie an mir Apoteckern; wäre sie jung / wo wäre ich nur der Deckmantel; wäre sie mittelmässig / so wäre sie villeicht böß vnd zancksichtig; wäre sie reich / so wär ich veracht; wäre sie arm / so könt ich ja wol dencken daß sie nur meine par Batzen genommen; geschweige; daß ein jeder sich einbilden kan / etwas rechts werde keinen Steltzfuß nemmen; ach! antwortet Simplicius, wann du jede Hecken fürchten wilst / so wirstu dein Lebtag in keinen Wald kommen; ja Bruder / sagte Springinsfeld / wann du wüsstest / wie übel mirs mit einem Weib gangen / so würdest du dich gar nit verwundern / wann verbrente Kinder das Feur förchten; Simplicius fragte / villeicht mit der leichtfertigen Courage? wohl nein / antwortet Springinsfeld / bey derselbigen hatte ich eine güldene Herrnsach / ohnangesehen sie mir gleichsamb offentlich aus dem Geschirr schlug; aber was geheyte es mich / sie war doch nicht meine Ehefrau; ey Pfuy / sagte Simplicius: Rede doch nicht so grob und unbescheyden / dencke daß du bey ehrlichen Leuten seyest; aber höre / wann dich eine etwann betrogen / vermeinestu drumb es sey kein ehrlich Weib mehr die treulich mit dir hausen werde? Springinsfeld antwortete / daß will ich nicht läugnen; gleichwol aber ists gewis / das alle Wolthaten die ein Weib dem Mann zuerzeigen plegt theur genug bezahlt werden müssen; ihre allerbeste Arbeiten die sie verrichten / verkindigen dem Mann eytel Kösten und beschwerliche Außgaben; dardurch das jenig was der Mann mit Mühe und Arbeit erworben / zum öfftern unnützlich verschwendet wird; hab ich ein Weib / so ist nichts gewissers / als daß mir ein jede von meinen Ducaten hinfort nit mehr als einen Thaler gilt; spinnet sie mir und ihr ein Stück Tuech an Leib / so mus ich Flachs / Woll und Weberlohn bezahlen; soll sie mir was kochen / so muß ich Speiß / Holtz / Saltz und Schmaltz sambt dem Kuchen=Geschirr herbey schaffen; wolte sie mir bachen / wer mus anders das Meel hergeben als eben ich? also auch / wer zahlt Holtz / Saiff und Wäscherlohn / wann sie mir und ihr das leinen Geräd säubern last? und wie gehts allererst / wann man mit einem Hauffen Kinder beladen wird? welches ich zwar nit erfahren habe / aber auch nicht zuerfahrn begehre; wann nemblich eins kranck: Das ander gesund: Das dritte faul: Das vierte muthwillig: Das fünffte eselhafftig und das sechste sonst widerspenstig / ungehorsamb und nichts nutz ist? Simplicius antwortet / du bist halt ein alter Kracher / der keines rechtschaffenen Weibs wert ist / du würdest sonst von dem heyligen von GOtt selbst eingesetzten und mit vielen Verheissungen gesegnetem Ehestand weit anderst reden; und gleich wie eine fromme tugenthaffte Frau eine gabe GOttes und eine Cron und Zierd des Manns ist / also verdrüst dich / daß dich der gütige Himmel mit keiner solchen gewürdigt hatt; warhafftig Simplice, antwortet Springinsfeld / du kanst bey deinen Biren wol mercken wann andere zeitigen.

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