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Der seltsame Fall des Doktor Jekyll und des Herrn Hyde

Robert Louis Stevenson: Der seltsame Fall des Doktor Jekyll und des Herrn Hyde - Kapitel 7
Quellenangabe
typenovelette
authorRobert Louis Stevenson
titleDer seltsame Fall des Doktor Jekyll und des Herrn Hyde
publisherVerlag von Robert Lutz
yearo.J.
translatorGisela Etzel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20150928
projectidae4232d6
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VII.

Eines Nachmittags kamen Utterson und Enfield auf ihrem gewöhnlichen Sonntagsspaziergang wieder durch die kleine Nebenstraße. Als sie an die Hintertür kamen, standen beide still. »Hoffentlich nicht,« sagte Utterson. »Habe ich dir je gesagt, daß ich ihn einmal gesehen habe, und daß er mir denselben Abscheu und Widerwillen einflößte, wie dir?«

»Das kann ich mir wohl denken,« erwiderte Enfield. »Uebrigens mußt du mich für sehr dumm gehalten haben, daß ich nicht wußte, daß diese Tür in Doktor Jekylls Hinterhaus führte. Ich habe es teilweise dir zu verdanken, daß ich es entdeckt habe.«

»So? Das wußte ich nicht,« sagte Utterson. »Da wir gerade hier sind, wollen wir doch einmal in die Sackgasse gehen und uns die Fenster ansehen. Ich muß dir gestehen, ich fühle mich sehr beunruhigt wegen des armen Jekyll, und obgleich ich hier draußen bin, ist es mir, als ob die Nähe eines Freundes ihm gut tun könnte.«

Die kleine Gasse war naß und kalt; obgleich der Himmel noch hell vom warmen Sonnenlicht war, herrschte schon ein unheimliches Halbdunkel in derselben. – Das mittlere der drei Fenster war halb offen, und an demselben, mit einem Ausdruck hoffnungsloser Traurigkeit, wie ein zum Tode Verurteilter, saß Doktor Jekyll.

»Heda, Jekyll!« rief Utterson, »wie geht's? Hoffentlich besser!«

»Ich fühle mich sehr schwach, Utterson,« sagte Jekyll mit gebrochener Stimme, »sehr schwach. Gott sei Dank, es kann nicht lange mehr dauern.«

»Dummes Zeug,« antwortete der Advokat; »du hockst zu viel zu Hause. Du solltest dir mehr Bewegung machen. Komm, schnell, setz' dir den Hut auf, und mach' einen tüchtigen Spaziergang mit uns. Dies ist mein Vetter – Herr Enfield – Doktor Jekyll. Komm, mach' schnell, wir warten.«

»Du bist sehr liebenswürdig, Utterson, sehr liebenswürdig. Ich danke dir von ganzem Herzen, aber es ist unmöglich. Ich würde dich und Herrn Enfield bitten, heraufzukommen, aber die Stube ist wirklich in einem solchen Zustande, daß ich euch nicht empfangen kann.«

»Nun,« sagte der gutmütige Advokat, »dann bleibt uns nichts weiter übrig, als von hier aus ein bißchen mit dir zu schwatzen.«

»Das wollte ich eben vorschlagen,« sagte der Doktor. Aber kaum hatte er diese Worte gesprochen, als das matte Lächeln, das einen Augenblick sein blasses Gesicht erhellte, schwand; ein solcher Ausdruck sklavischer Furcht, unnennbarer Angst, unnatürlichen Schreckens zeigte sich in seinen Zügen, daß den beiden Herren unten das Blut in den Adern erstarrte. Es währte nur einen Augenblick, denn das Fenster wurde sofort geschlossen – aber dieser Augenblick war genug. Sie gingen beide schweigend weiter, erst als sie in eine große, lebhafte Straße gekommen waren, wagten sie es, sich anzusehen. Sie waren beide blaß geworden; verstört und entsetzt blickten sie einander an.

»Gott vergebe ihm, Gott vergebe uns allen!« sagte der Advokat feierlich.

Herr Enfield nickte langsam mit dem Kopfe; dann gingen sie stillschweigend nach Hause.

*

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