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Der seltsame Fall des Doktor Jekyll und des Herrn Hyde

Robert Louis Stevenson: Der seltsame Fall des Doktor Jekyll und des Herrn Hyde - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
authorRobert Louis Stevenson
titleDer seltsame Fall des Doktor Jekyll und des Herrn Hyde
publisherVerlag von Robert Lutz
yearo.J.
translatorGisela Etzel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20150928
projectidae4232d6
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III.

Ungefähr vierzehn Tage nach den eben erzählten Ereignissen gab Doktor Jekyll eines seiner gemütlichen Essen, die sich immer durch vortreffliche Küche, feine alte Weine und gute Gesellschaft auszeichneten. Utterson war noch geblieben, nachdem die anderen Gäste gegangen waren. Jekyll, ein großer, schöner Mann von etwa fünfzig Jahren, mit glatt rasiertem Gesicht, in dem sich ungewöhnliche Intelligenz und große Herzensgüte ausdrückten, war gern mit Utterson allein; er blickte mit unverkennbarer Zuneigung auf das ernste, ruhige Gesicht des anderen und genoß dessen beredtes Schweigen.

Endlich sagte Utterson: »Ich habe schon längst mit dir sprechen wollen, Jekyll, du weißt, wegen deines Testaments.«

Der Gegenstand schien Jekyll gerade kein angenehmer zu sein, doch erwiderte er scherzend: »Mein armer, alter Utterson, du hast einen bösen Klienten an mir. Mein Testament scheint dich ganz unglücklich zu machen, es ist dir ein Dorn im Auge, ebenso wie der alte, griesgrämige Pedant Lanyon sich über das, was er meine »wissenschaftliche Ketzerei« nennt, entsetzt. Du brauchst nicht so böse auszusehen. Ich weiß, Lanyon ist ein guter Kerl – trotzdem ist er ein Pedant, ein halsstarriger, geschwätziger Pedant. Ich habe mich sehr in ihm getäuscht.«

Ohne Jekylls Bemerkungen über Lanyon die geringste Aufmerksamkeit zu schenken, fuhr der Advokat fort: »Du weißt, ich habe nie meine Zustimmung zu diesem Testament gegeben.«

»O, du sprichst schon wieder davon?« sagte Jekyll, »ich weiß, ich weiß,« fuhr er etwas gereizt fort, »du hast es mir wenigstens oft genug gesagt.«

»Und ich sage es dir noch einmal,« erwiderte Utterson, »mir ist etwas zu Ohren gekommen über diesen jungen Hyde.«

Jekylls schönes, großes Gesicht wurde blaß wie der Tod, seine Augen nahmen einen finstern, beängstigenden Ausdruck an. »Ich will über diese Angelegenheit nichts mehr hören,« sagte er. »Ich glaubte, wir wären überein gekommen, die Sache nicht weiter zu besprechen.«

»Was ich über Hyde gehört habe,« sagte Utterson, »ist etwas Schändliches.«

»Das geht mich nichts an,« erwiderte der Doktor, »ich werde mein Testament nicht ändern. Ich bin in einer sehr schwierigen Lage. Der Fall ist ein seltsamer, ein ungewöhnlicher. Es nützt nichts, noch weiter darüber zu sprechen.«

»Jekyll,« sagte der Advokat mit ungewöhnlicher Wärme und Herzlichkeit, »wir sind alte Freunde; du kennst mich, du kannst mir trauen. Sage mir alles, ich bin fest überzeugt, ich kann dich aus dieser mißlichen Lage befreien.«

»Mein lieber Utterson, du bist zu gut, wirklich zu gut. Ich kann keine Worte finden, um dir zu danken. Ich glaube dir; ich traue dir mehr als irgend einem – mehr als mir selbst. Aber laß nur, die Geschichte ist nicht so schlimm, wie du glaubst; quäle dein altes, treues Herz nicht damit. Soviel will ich dir zur Beruhigung sagen, ich kann mich Hydes jeden Augenblick entledigen – sobald ich es nur will. Darauf gebe ich dir meine Hand, und danke dir noch tausendmal. Und nun noch eines – doch das ist kaum zu erwähnen nötig – es ist eine Privatangelegenheit, laß sie zwischen uns beiden ruhen.«

Utterson blickte nachdenklich ins Feuer. Nach einigen Minuten stand er auf und sagte: »Vielleicht handelst du recht, Gott gebe es!«

»Und nun,« sagte der Doktor, »da wir hoffentlich zum letzten Male über diese Angelegenheit sprechen, möchte ich dich noch auf etwas aufmerksam machen. Ich weiß, du hast Hyde gesehen, er hat es mir gesagt, ich fürchte, er ist ungezogen gegen dich gewesen. Ich nehme aber ein großes, ein außerordentlich großes Interesse an allem, was ihn betrifft. Versprich mir, Utterson, daß, wenn ich sterbe, du ihm beistehst, ihm zu seinem Rechte verhilfst. Ich weiß, du würdest es tun, wenn du alles wüßtest; gib mir dein Versprechen, es wird mir eine große Last vom Herzen nehmen.«

»Ich kann ihn nie liebgewinnen,« sagte Utterson.

»Das verlange ich auch nicht,« sagte Jekyll. Er legte seine Hände auf des Advokaten Schultern und fuhr in ernstem, rührendem Tone fort: »Ich verlange nur Gerechtigkeit. Ich bitte dich, stehe ihm bei, um meinetwillen, Utterson, wenn ich nicht mehr bin.«

»Ich verspreche es dir,« sagte Utterson.

*

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