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Der seltsame Fall des Doktor Jekyll und des Herrn Hyde

Robert Louis Stevenson: Der seltsame Fall des Doktor Jekyll und des Herrn Hyde - Kapitel 10
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typenovelette
authorRobert Louis Stevenson
titleDer seltsame Fall des Doktor Jekyll und des Herrn Hyde
publisherVerlag von Robert Lutz
yearo.J.
translatorGisela Etzel
correctorreuters@abc.de
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X.

Ich bin im Jahre 18.. in London geboren. Mein Vater hinterließ mir ein bedeutendes Vermögen; auch die Natur hatte mich mit schönen Gaben bedacht. Ich war fleißig, wißbegierig und strebte danach, mir die Achtung und das Wohlwollen der Weisen und Guten unter meinen Mitmenschen zu erwerben. Unter solchen Umständen war ich berechtigt, einer ehrenvollen und glücklichen Laufbahn entgegenzusehen. Meine schlimmsten Fehler waren ein vielleicht zu lebhaftes, ungeduldiges Temperament und eine fast zügellose Vergnügungssucht. Viele Menschen sind unter ähnlichen Bedingungen glücklich gewesen, ich aber fand es schwer, meine heißblütigen Neigungen mit meinem Ehrgeiz, rein und geachtet vor der Welt dazustehen, in Einklang zu bringen. Ich fing an, meine Vergnügungen zu verheimlichen, und als ich das Mannesalter erreicht hatte und ernstlich über mich und meine gesellschaftliche Stellung nachzudenken begann, fand ich, daß ich unbewußt in einen Lebenswandel von Trug und Schein versunken war.

Mancher würde sich nicht entblödet haben, die Fehltritte, deren ich mich schuldig gemacht, der Welt zu zeigen, aber von dem hohen Standpunkte aus, den ich mir gesetzt, trachtete ich mit einem krankhaften Schamgefühl nur danach, dieselben zu verbergen. Bei meiner Eitelkeit schien es mir, daß es mehr mein hohes Streben war, welches mich zu dieser Verstellung trieb, als meine verderbten Neigungen – daß das Gute und Böse, wie es in der Doppelnatur eines jeden lebt, tiefer und schärfer in mir getrennt sei, als in anderen Menschen.

Ich dachte oft über die strengen Gesetze, die abtötenden Vorschriften nach, welche den Grundstein der christlichen Religion bilden, und denen zu gehorchen den Schwachen so schwer wird.

Trotz des zwiefachen Lebens, das ich führte, war ich doch kein Heuchler. Die beiden Naturen in mir waren eben vollständig voneinander geschieden und unabhängig. Wenn ich alle Schranken zerstörend, mich in die niedrigsten Ausschweifungen und Sünden stürzte, war ich ein ganz anderes Wesen, als der ernste, junge Arzt, dessen höchstes Streben es war, auf dem Pfade der Wissenschaft fortzuschreiten, den Kummer und die Leiden seiner Mitmenschen zu erleichtern.

Meine wissenschaftlichen Neigungen trieben mich zum Mystischen, zu allem, was über die menschliche Erkenntnis hinausgeht, und hier kam ich zum vollen Bewußtsein des unaufhörlichen Zwiespalts, der in mir war. Mit jedem Tage, sowohl vom Standpunkte der Moral als der Vernunft, näherte ich mich der unumstößlichen Wahrheit, die ich leider nur halb entdeckte, und die mich zugrunde gerichtet, daß der Mensch nicht aus einem, sondern in Wirklichkeit aus zwei Wesen besteht.

Ich sage absichtlich zwei, weil mein Wissen nicht weiter geht.

Andere werden mir folgen und auf der von mir betretenen Bahn weiter schreiten, und ich glaube, daß man schließlich zu der Erkenntnis gelangen wird, daß der Mensch aus verschiedenen, voneinander ganz unabhängigen Naturen besteht.

Ich erkannte in mir selbst die scharf begrenzte, ursprüngliche Zweiheit des Menschen, ich fühlte in mir den Kampf dieser beiden Naturen, die beide, auf immer getrennt, beide mein eigen waren.

Der Gedanke, diese beiden Elemente ganz voneinander zu trennen, bemächtigte sich meiner mit unwiderstehlicher Macht, es war ein herrlicher Traum, ein solches Wunder zu vollbringen. Ich sagte mir, daß, wenn es nur möglich sei, jedes in eine besondere Individualität zu zwängen, alles, was das Leben unerträglich macht, aus dem Wege geräumt sei. Das Böse in uns würde dann frei von Gewissensbissen, frei von den bitteren Vorwürfen des Edlen und Guten sein; der Gerechte würde ruhig und ungehindert auf dem Pfade der Tugend wandeln, ohne der Gefahr der Schande, ohne den Schmerzen der Reue ausgesetzt zu sein, die ihm der Zwillingsbruder bereitet. Es schien mir der Fluch des Menschen, daß diese Widersprüche im schmerzenden Grunde seines Gewissens in unaufhörlichem Kampfe streiten.

Aber wie konnte man sie trennen?

Ich war so weit in meinen Forschungen gekommen, als mir ein Licht aus dem unermeßlichen Felde der Wissenschaft zu leuchten schien. Jetzt mehr wie je kam ich zur Erkenntnis der schwankenden Stofflosigkeit, der nebelhaften Vergänglichkeit unseres scheinbar festen Körpers. Ich machte die Entdeckung, daß es Mittel gibt, diese irdische Hülle zu zersetzen und wieder zusammenzufügen. Es gelang mir, ein Elixier herzustellen, das die beiden Naturen in mir trennte und eine zweite Gestalt erschuf, die in sich die niedrigen Elemente meiner Seele aufnahm.

Ich schwankte lange, ehe ich es wagte, meine Theorie in die Praxis zu übertragen. Ich wußte, daß ich in Todesgefahr schwebte, denn ich sagte mir, daß ein Medikament, das mächtig genug war, das Gehäuse meiner Seele zu erschüttern und zu verwandeln, im Falle der geringsten Unvorsichtigkeit oder eines ungünstigen Moments das ganze Gebäude zertrümmern konnte. Aber die Versuchung, eine so wunderbare Entdeckung wirklich zur Geltung zu bringen, überwand endlich alle Furcht.

Die zu dem Versuche notwendige Flüssigkeit hatte ich schon längst bereitet; ich verschaffte mir von einer Chemikalienfabrik ein gewisses Kristallsalz, welches nach meiner Ueberzeugung, die letzte notwendige Ingredienz war. An einem Abend, den ich jetzt verfluche, machte ich die Mischung fertig: ich sah, wie es gärte und kochte, und wie der Dampf aus dem Glase emporstieg, und als das Aufwallen vorüber war, nahm ich das Glas zur Hand, und mit erhöhtem Mut leerte ich es bis auf den Boden.

Unbeschreibliche Schmerzen zerrissen mir die Glieder, es war, als wenn meine Knochen von Mühlsteinen zermalmt würden, mir wurde übel, ich fühlte mich einer Ohnmacht nahe, und ein Schrecken bemächtigte sich meiner, wie man ihn nur in der Todesstunde empfinden kann.

Nach und nach aber wichen aller Schmerz, jede beängstigende Empfindung von mir; es kam mir vor, als wenn ich von einer schweren Krankheit genesen; ein seltsames, unbeschreiblich neues und befriedigendes Gefühl bemächtigte sich meiner. Ich fühlte mich körperlich jünger, leichter, glücklicher, in mir gärte ein entzückender Leichtsinn; süße, verschwimmende, sinnliche Gebilde ohne Ende entfalteten sich vor mir wie ein wunderbares Panorama, die Fesseln gesellschaftlicher Verpflichtungen waren zersprengt, ich genoß eine ungeahnte Freiheit der Seele.

Zu gleicher Zeit fühlte ich, daß ich schlechter war, als je zuvor, ich frönte nur noch meinen bösen Leidenschaften, ich kannte keinen anderen Herrn mehr, und der bloße Gedanke erfrischte und erfreute mich wie ein Trunk feurigen Weines. Im Jubel dieser neuen Empfindungen streckte ich meine Arme aus; zum ersten Male bemerkte ich jetzt, daß meine ganze Gestalt bedeutend kleiner geworden war.

Ich hatte damals keinen Spiegel in meinem Zimmer. Die Nacht war beinahe verstrichen, der Morgen nahte; meine Dienerschaft lag in tiefem Schlafe. Im Uebermut meines Triumphes entschloß ich mich, in das Vorderhaus, in meine Schlafstube, zu gehen. Ich durchschritt den Hof, wo die Sterne, wie ich mir dachte, mit Staunen und Verwunderung auf mich herniedersahen, das erste Geschöpf dieser Art, das sie je erblickt! Ich schlich die Treppe hinauf, durch die Gänge und trat in meine Schlafstube. Dort, im Spiegel, sah ich zum ersten Male die Gestalt von Edward Hyde.

Ich gebe hier nur einer Theorie Ausdruck, ich sage nicht, was ich weiß, nur was ich für wahrscheinlich halte. Die böse Seite meiner Natur, die ich jetzt verkörpert hatte, war weniger kräftig, weniger entwickelt, als die gute, die ich zeitweilig abgeworfen. Der größte Teil meines Lebens war bis dahin dem Kampfe für das Gute und Edle, der Selbstbeherrschung geweiht, die böse Natur war weniger in Tätigkeit getreten und folglich weniger erschöpft. Daher kam es denn, – so vermute ich – daß Edward Hyde viel kleiner und dünner, aber auch viel jünger war, als Henry Jekyll.

Güte und Ruhe drückten sich auf dem Gesicht des einen aus, Bosheit und Tücke waren frech und trotzend auf die Stirn des anderen geschrieben. Das Böse – das Erbteil Adams – hatte auf diesen Körper den Stempel des Mißgestalteten, der Verwesung gedrückt.

Und doch, als ich auf die häßliche Mißgeburt blickte, die mir aus dem Spiegel entgegengrinste, fühlte ich weder Abscheu noch Furcht; im Gegenteil, ich begrüßte sie wie einen Freund. Sie war ja auch ein Teil von mir selbst; sie erschien mir natürlich und menschlich, sie gewährte einen wahreren, bestimmteren Ausdruck des Geistes, der sie beseelte, als das unvollkommene Gesicht, in welchem sich die geteilten Naturen aussprachen.

Ich hatte recht; denn ich bemerkte, daß jedermann, der sich Edward Hyde näherte, von einem Gefühl des Schauderns und des Abscheus erfaßt wurde. Alle anderen, denen man im Leben begegnet, tragen in sich die doppelte Natur des Guten und des Schlechten; Edward Hyde allein in der ganzen Welt war die Verkörperung des positiv Bösen.

Ich verweilte einige Minuten vor dem Spiegel. Der zweite und wichtigere Versuch mußte noch gemacht werden. Es mußte sich herausstellen, ob ich meine Identität auf immer verloren hatte, ob ich aus dem Hause fliehen sollte, das mir nicht länger gehören konnte. Ich eilte zurück in meine Arbeitsstube. Ich bereitete den Trank, ich leerte das Glas, ich fühlte wieder die Schmerzen der Auflösung, ich kam zu mir in der Gestalt und mit dem Gesicht von Henry Jekyll.

In dieser Nacht hatte ich den verhängnisvollen Schritt getan, ich war am Kreuzwege angelangt und hatte den falschen Weg eingeschlagen. Hätte ich meine Entdeckung zu höheren Zwecken verwandt, hätte die Verwandlung unter dem Einfluß edler humaner Bestrebungen stattgefunden, so wäre ich wie ein Phönix hervorgestiegen; aus den Qualen der Auflösung und der Wiedergeburt wäre ich als ein Engel, anstatt eines Teufels hervorgegangen. Das Elixier hatte eine rein physische Wirkung; es öffnete das Tor meiner irdischen Klause. Als die Metamorphose zum ersten Male stattfand, schlummerte das Gute in mir; das Böse war wach, auf der Lauer, gierig die erste Gelegenheit zu ergreifen, und so kam es, daß das neugeborene Geschöpf Edward Hyde wurde.

Ich hatte also zwei Naturen und auch zwei Gestalten, die eine war die Verkörperung ungemischten Nebels, die andere war der alte Henry Jekyll, jenes seltsame Problem, an dessen Lösung ich längst verzweifelt war. Und so kam es denn, daß sich alles zum Bösen wandte.

Die Entdeckung des großen Geheimnisses verhinderte mich zwar nicht, meine Studien fortzusetzen, meine Patienten zu empfangen, aber der Dämon des Schlechten wurde mit jedem Tage stärker in mir. Jetzt, da es in meiner Macht war, die Gestalt des bekannten, ernsten, arbeitsamen Arztes und Professors in jedem Augenblicke abzuwerfen und in der des unbekannten Hyde hervorzutreten, setzte ich meinen sinnlichen Gelüsten keine Schranken mehr. Ich fand ein teuflisches Vergnügen in dieser Umwandlung, es war für mich etwas außerordentlich Humoristisches in diesem Doppelleben. Ich machte meine Vorbereitungen mit größter Sorgfalt. Ich nahm die Wohnung in Soho, möblierte sie nach meinem Geschmacke und mietete mir eine Haushälterin, ein gewissenloses niedriges Weib, das aber die Tugend der Verschwiegenheit besaß.

In meinem eigenen Hause gab ich der Dienerschaft Befehl, einem gewissen Herrn Hyde, den ich ihnen genau beschrieb, unumschränkte Freiheit zu gestatten, und um allem vorzubeugen, unternahm ich es, mich mehrere Male dort als Herr Hyde zu zeigen.

Es war auch zu dieser Zeit, daß ich das Testament aufsetzte, das dir soviel Sorge machte. Sollte Doktor Jekyll ganz verschwinden, so trat Herr Hyde die Erbschaft an. Und nun nach allen Seiten hin sicher gestellt, fing ich an, meine unbegrenzte Freiheit in vollstem Maße zu genießen.

Es gibt Menschen, die sich Banditen mieten, um Verbrechen zu begehen, und die somit jeder Gefahr entrinnen und ihren eigenen Ruf schützen. Ich war der erste, der aus reiner Lust am Bösen gesündigt hat.

Vor der Welt blieb ich der hochgeachtete, berühmte Arzt und öffentliche Wohltäter – zu jeder Zeit aber stand es mir frei, meine Rolle zu wechseln und mich gedankenlos in den Strudel der niederträchtigsten Leidenschaften zu stürzen. An Entdeckung war gar nicht zu denken, die Möglichkeit existierte nicht. Wenn ich nur wenige Augenblicke hatte, durch die Hintertür zu schlüpfen, das Elixier, das fertig auf dem Tische stand, zu trinken – und Edward Hyde war verschwunden, wie ein Hauch vom Spiegel. An seiner Stelle fand man den ernsten, ruhigen Gelehrten, in seine Arbeiten vertieft, einen Mann, der über allen Verdacht erhaben war, den berühmten Doktor Henry Jekyll.

Die Ausschweifungen, denen ich mich früher als Jekyll hingab, waren niedriger Art; in Hyde wurden sie furchtbar, unbeschreiblich. Mitunter, wenn ich von meinen wüsten nächtlichen Vergnügungen zurückkam, staunte ich selbst über die Ungeheuerlichkeit meiner Laster. Der böse Geist, den ich aus meiner Seele heraufbeschworen und ungezügelt in die Welt geschickt, war die Verkörperung der Bosheit, der Niedertracht, ohne auch nur einen versöhnenden Zug; jeder Gedanke, jede Handlung war der niedrigsten Sinnlichkeit geweiht, mit tierischer Gier leerte er den Becher der Wollust bis auf den Boden; kalt und unbeugsam wie ein Stein.

Mitunter war Jekyll wohl von Grauen über die Niedertracht Hydes befallen, aber er beruhigte sich mit allerlei Spitzfindigkeiten. Es war Hyde, und Hyde allein, der schuldig war. Jekyll blieb derselbe, wie zuvor; seine guten Eigenschaften waren unvermindert; ja, er tat nach seinen Kräften alles, um das Böse, das Hyde getan, wieder gutzumachen – und so schlummerte sein Gewissen wieder ein.

Ich kann mich nicht dazu bringen, Einzelheiten über das Schändliche von Hydes Lebenswandel niederzuschreiben. Ich will nur einiges erwähnen, um dir begreiflich zu machen, wie die Strafe langsam, aber sicher nahte.

Ein Vorfall ereignete sich, den ich nur kurz berühren will, da er weiter keine ernsten Folgen hatte. Meine unmenschliche Grausamkeit gegen ein hilfloses Kind erregte eines Nachts den Zorn und die Entrüstung eines Vorübergehenden; den ich neulich Sonntags als deinen Vetter, Herrn Enfield, wiedererkannte. Er, der hinzugerufene Arzt und die Familie des Kindes waren furchtbar gegen mich aufgebracht, mir war bange um mein Leben. Endlich gelang es mir, sie zu beruhigen. Edward Hyde brachte sie an die Hintertür, verschwand auf wenige Minuten und kam zurück mit einem Scheck von Henry Jekyll. Ich konnte leicht alle Nachforschungen in Zukunft vermeiden, indem ich mich als Edward Hyde mit einer anderen Bank in Verbindung setzte. Es wurde mir nicht schwer, meine Handschrift zu verändern, und so glaubte ich mich, auf einige Zeit hin, aller Gefahr entzogen.

Ungefähr zwei Monate vor dem Morde von Sir Danvers Carew kam ich nach einer wüst durchbrachten Nacht nach Hause. Ich legte mich sofort zu Bett, ohne Licht anzuzünden, und wachte spät am anderen Morgen mit einem eigentümlichen Gefühl auf: Ich sah umher. Ja, ich war in meiner eigenen Schlafstube, ich sah meine schönen Möbel, ich erkannte das Muster der Bettvorhänge und der Gardinen. Doch sagte mir etwas, daß ich nicht in meinem Hause, sondern in der Wohnung in Soho sei, wo ich als Edward Hyde zu schlafen pflegte. Ich war ja meiner Sache so sicher, daß ich lächelnd über die psychologischen Ursachen dieser Illusion nachdachte und darüber wieder ruhig einschlief.

Als ich wieder aufwachte, sah ich meine Hand an, die auf der Bettdecke lag. Du kennst die Hand von Doktor Jekyll – sogar du hast mir oft Schmeicheleien darüber gesagt, sie war groß und kräftig, aber schön geformt und sorgfältig gepflegt. Aber die Hand, die jetzt in dem gelblichen Lichte eines Londoner Herbstmorgens vor mir auf der Decke lag, war mager, knochig, von schmutzig brauner Farbe, und dicht mit schwarzen Haaren bedeckt – es war die Hand von Edward Hyde.

Während einiger Augenblicke starrte ich dieselbe in stummer Verwunderung an, dann bemächtigte sich meiner Seele ein Schrecken, so plötzlich, so namenlos, wie ihn nur eine ungeahnte Todesgefahr verursachen kann. Mit einem Sprung war ich aus dem Bett und stürzte vor den Spiegel. Die Gestalt, die mir dort entgegenblickte, machte mein Blut erstarren: Als Henry Jekyll war ich zu Bett gegangen, – als Edward Hyde wachte ich wieder auf.

Wie konnte ich mir dies erklären?

Es war schon spät, meine Dienerschaft war längst aufgestanden und im Hause beschäftigt, alle meine Medikamente waren in meiner Arbeitsstube im Hinterhaus – ein langer Weg, erst zwei Treppen hinunter, durch den Zwischengang, dann über den offenen Hof, durch das Sezierzimmer, die Treppe hinauf in meine Arbeitsstube. Wie sollte ich dahin gelangen?

Ich hätte mir wohl das Gesicht verdecken können, aber wie konnte ich die verunstaltete Figur von Edward Hyde verbergen?

Ach! Gott sei Dank! Ein wunderbares Gefühl der Erleichterung kam über mich. Wie konnte ich nur nicht daran gedacht haben? Meine Diener waren ja mit Edward Hyde bekannt. Sie hatten ihn ja schon mehrere Male gesehen!

Ich zog mich, so gut es ging, mit meinen eigenen Kleidern an – Doktor Jekylls – und stieg getrost die Treppen hinab. Auf dem Hofe stand Bradshaw, mein zweiter Diener, er wich vor Hyde zurück wie vor einer Schlange. Zehn Minuten später saß Doktor Jekyll in seinem Eßzimmer, mit schwerem Herzen und finsterer Stirn, und versuchte, sein Frühstück zu essen.

Dieses bis jetzt unerklärliche Ereignis, das alle meine Erfahrungen über den Haufen stieß, schien wie die feurige Schrift an den Wänden von Belsazars Palast mein zukünftiges Schicksal anzudeuten. Ernster und sorgenvoller als je begann ich an das Ende zu denken.

In dem von mir erschaffenen Wesen, in Edward Hyde, schien seit kurzem eine eigentümliche Veränderung vorzugehen. – Er schien größer und kräftiger von Gestalt zu werden, und mich dünkte, wenn ich Hyde war, als ob ein wärmeres, gesunderes Blut durch meine Adern rollte; ich begann die Gefahr vorauszusehen, daß schließlich das Gleichgewicht meiner Natur verschwinden würde, die Macht, mich nach Belieben umzugestalten, mir verloren gehen könnte, und daß ich für immer Edward Hyde bleiben müßte.

Die Wirksamkeit des Pulvers war nicht immer gleichmäßig. Einmal, ganz zu Anfang meines Doppellebens, war ein Versuch vollständig mißglückt. – Ich war häufig gezwungen, die Dosis zu verdoppeln, ja, mit Lebensgefahr, sie zu verdreifachen, diese Ungewißheit war das, was mich am meisten beunruhigte.

Das Ereignis dieses Morgens brachte mich zum Bewußtsein von dem, was ich seit einiger Zeit dunkel empfunden hatte, daß, während zu Anfang die Hauptschwierigkeit darin lag, Jekyll in Hyde umzuwandeln, seit kurzem gerade das Gegenteil der Fall war. Alles, alles zeigte deutlich auf eins: daß ich mein eigenes, ursprüngliches, besseres Selbst mehr und mehr verlor, und daß ich mehr und mehr mit dem zweiten, bösen Teil meiner Doppelnatur identisch wurde.

Ich mußte also wählen, wer ich sein wollte, Jekyll oder Hyde? Meine beiden Naturen hatten eine Eigenschaft gemein: das Gedächtnis; alle anderen waren in seltsamer und ungleicher Weise zwischen ihnen verteilt.

Jekyll – ich meine den, der beide Naturen in sich vereinte – teilte Hydes niedrige Vergnügungen und Abenteuer, manchmal mit Furcht und Schmerz, manchmal mit gieriger Lust; Hyde kümmerte sich nicht um Jekyll, er dachte an ihn, wie ein Bandit an die Höhle denkt, die ihn vor Verfolgung schützt; Jekyll hatte eine Art väterliches Interesse, Hyde die Gleichgültigkeit eines ungeratenen Sohnes. Hätte ich Jekyll gewählt, so wäre ich mit jenen Gelüsten gestorben, denen ich früher nur von Zeit zu Zeit, und stets mit Furcht nachgegangen, und die völlig zu befriedigen, ich jetzt gewohnt war. Wäre ich Hyde geworden, so wären alles Interesse am Schönen und Guten, meine hohen Bestrebungen, meine hervorragende gesellschaftliche und wissenschaftliche Stellung, die Liebe und Achtung meiner Freunde – alles mit einem Male vernichtet – ich wäre allein und freundlos gewesen.

Man sollte glauben, die Wahl wäre nicht schwer, aber ein Umstand fiel noch dabei ins Gewicht.

Während Jekyll den Verlust der unbeschränkten Freiheit herbe empfinden würde, hatte Hyde keine Idee von dem, was er verloren, oder er machte sich nichts aus dem Verlust. Seltsam, wie meine Lage erscheinen muß, der Kampf, der in mir vorging, ist so alt, wie das menschliche Geschlecht. Dieselben Verlockungen, dieselbe Furcht entscheiden das Los jedes zitternden Sünders. Ich tat, was die große Majorität meiner Mitmenschen tut, ich wählte das Bessere – und wie diese hatte ich nicht die Kraft, dabei zu bleiben.

Ja, ich entschloß mich; ich wurde wieder der ältliche, zufriedene Arzt, von Freunden umgeben, geliebt und geachtet; ich sagte der Freiheit, der Jugend, dem leichten Sinn, dem wallenden Blut, allem, was ich als Hyde genossen, auf immer – so glaubte ich wenigstens – Lebewohl. Und doch, vielleicht ohne es zu wissen, hielt ich mir den Rückzug offen. Ich gab weder meine Wohnung in Soho auf, noch schaffte ich Hydes Kleider aus dem Hause. Zwei Monate blieb ich meinem Entschluß treu; zwei Monate lang führte ich ein so ruhiges, ehrbares Leben, wie nie zuvor, und empfing dafür eine schöne Belohnung in der wohltätigen Ruhe meines Gewissens.

Mit der Zeit aber verwischte sich der Eindruck meiner Befürchtungen: der Beifall meines Gewissens wurde mir langweilig, Lust und Begierde brannten in mir und lechzten nach Befriedigung, Hyde kämpfte wie ein Verzweifelter um Freiheit, und in einer schwachen Stunde öffnete ich die Tür des Zwingers – ich mischte den Trank und leerte das Glas bis auf den Grund.

Wenn ein Säufer sich über sein viehisches Laster Vorwürfe macht, so kommt es höchst selten vor, daß er auch an die Gefahren denkt, denen er sich möglicherweise in seinem brutalen Unbewußtsein aussetzt. Dies war auch bei mir der Fall; ich machte mir klar, in welche fürchterliche Lage die Verbrechen Edward Hydes, die Verkörperung des Bösen, mich bringen konnten.

Endlich folgte die Strafe.

Der Dämon in mir war lange gefangen gewesen, jetzt brach er aus wie ein wütender Löwe. Schon während ich das Elixier trank, fühlte ich den Teufel in mir stärker, wütender als je. Deshalb diese rasende Ungeduld, mit der ich den höflichen Redensarten des ehrwürdigen Sir Danvers Carew zuhörte; kein Mensch, der Herr seiner Sinne ist, konnte sich eines so scheußlichen Verbrechens schuldig gemacht haben; daß ich ihn niederschlug, kann mir ebensowenig angerechnet werden, wie einem ungezogenen Kinde, daß es sein Spielzeug zerbricht. Die Hölle tobte in mir. Mit teuflischer Freude zerschlug und zermalmte ich den Körper des hilflosen Greises; er hatte schon den Geist aufgegeben, ich aber hörte nicht auf, ihn mit meinem schweren Knüppel zu bearbeiten, bis ich körperlich ermüdet, bis der Stock in meiner Hand in Stücke gebrochen.

Da, mit einem Male, wurde mir das Entsetzliche meiner Lage klar. Ich fühlte keine Reue, im Gegenteil, ich freute mich noch der Tat, die ich begangen, aber die Folgen des Verbrechens, die Gefahr, der ich mich preisgegeben, standen wie drohende Gespenster vor meiner Seele.

Ich hatte nur einen Gedanken – mich zu retten.

Ich lief nach meiner Wohnung in Soho, ich verbrannte alle Briefe und Papiere, die mich hätten kompromittieren können: dann ging ich nach Hause, leichten Herzens und schwelgend in dem Gedanken an die Schaudertat, die ich verübt; ich machte mir schon Pläne für zukünftige ähnliche Abenteuer. Ich lachte und sang, als ich den Trank bereitete, und leerte das Glas auf den Ermordeten. Und noch ehe die Schmerzen der Umwandlung gewichen waren, fiel Henry Jekyll unter strömenden Tränen auf die Knie und flehte zum Allmächtigen um Verzeihung.

Wie ein Schleier fiel es mir von den Augen, noch nie hatte ich über die gefährliche, sündhafte Bahn, die ich betreten, so durch und durch zerknirscht nachgedacht. Mein ganzes Leben entfaltete sich vor meiner Seele; von den Tagen meiner Kindheit, wo ich Hand in Hand mit meinem Vater durch die Wiesen und Felder ging; durch die Schul- und Universitätsjahre, wo ich voll Fleiß und Ehrgeiz nach dem Höchsten strebte, durch meine glänzende Karriere, bis zu dem scheußlichen Verbrechen jener Nacht.

Ich hätte laut aufschreien mögen; mit Tränen und Gebet suchte ich die gräßlichen Gebilde meiner Phantasie zu verscheuchen, die fürchterlichen Laute, die ich um mich her vernahm, zu ersticken, doch inmitten meiner heißen, inbrünstigen Gebete grinste mich Hydes Antlitz mit teuflischem Lächeln an. –

Nach und nach bemächtigte sich meiner ein weicheres, ruhigeres Gefühl; ich fühlte eine gewisse Freude und Sicherheit. Hyde mußte aufhören zu existieren, er mußte auf immer verschwinden; die gute Seite meiner Natur allein durfte leben.

Mit welcher Freude, mit welcher Seligkeit, mit welcher Demut hieß ich diese Rückkehr in mein eigenes, besseres Selbst willkommen. Ich schloß die verhängnisvolle Hintertür ab und zerbrach den Schlüssel.

Am folgenden Morgen wurde der Mord des alten Baronet durch alle Straßen und Gassen gerufen. Das Mädchen hatte von ihrem Fenster den Mörder erkannt, Edward Hyde; es bedurfte keines anderen Beweises. Meine guten Vorsätze wurden durch den Schrecken vor dem Galgen noch verstärkt. Jekyll war jetzt meine Zufluchtsstätte; hätte sich Hyde gezeigt, würde sich die ganze Stadt gegen ihn erhoben haben.

Jetzt war es meine höchste Aufgabe, das Vergangene wieder gut zu machen, und ich setzte mich ernsthaft und ehrlich ans Werk.

Du weißt, wie ich die letzten Monate des vergangenen Jahres gelebt. Du weißt, wie ich mich bestrebte, Gutes zu tun, den Armen und Leidenden zu Hilfe zu eilen; du weißt, wie ruhig die Tage vorbeigingen, du weißt, daß ich fast glücklich zu nennen war. Und ich kann aufrichtig gestehen, daß ich dieses harmlosen, unschuldigen Lebens nicht überdrüssig wurde, daß ich es täglich mehr und mehr genoß.

Doch der Fluch der Doppelnatur haftete immer noch schwer auf mir; sobald die Qualen meines Gewissens sich verminderten, regte sich der Dämon wieder in mir.

Die Absicht, Hyde wieder ins Leben zu rufen, war kaum denkbar; die Furcht hinderte mich daran. Nein, in meiner eigenen ursprünglichen Gestalt wurde ich wieder in Versuchung geführt und betrat wieder die elende, schmachvolle Bahn eines heimlichen Sünders.

Doch das Ende mußte kommen, das Maß war beinahe voll, und ein Ereignis, von dem ich jetzt sprechen werde, zerstörte auf immer das Gleichgewicht meiner Seele.

Es war an einem schönen, milden Tage Ende Januar. Ich saß auf einer Bank in Regents Park und sonnte mich. Die Sperlinge zwitscherten lustig in den dürren Zweigen, als ob sie den kommenden Frühling ahnten. Ich war, wie fast immer, tief in Gedanken über mich selbst versunken. Der Dämon regte sich wieder in mir und begann zu stürmen, er wollte wieder hinaus aus der engen Klause. Mein besseres Selbst schien wieder einzuschlafen; ich versprach mir, mich zu bessern, aber nur nicht gleich, nur nicht heute!

Ich tröstete mich mit dem Gedanken, daß ich doch nicht schlechter sei als andere; ich wünschte mir Glück zu meinen guten Vorsätzen, meinem tätigen Leben und lächelte bemitleidend über die träge Gleichgültigkeit meiner Mitmenschen.

Gerade in diesem Augenblicke unberechtigter Selbstüberhebung überkam mich ein ganz eigentümliches Gefühl, ich empfand eine beengende Uebelkeit, meine Glieder bebten, ich glaubte ohnmächtig zu werden. Nach wenigen Minuten verschwand diese Empfindung, aber in meiner Seele, in meinen Gedanken war eine seltsame Umwandlung vorgegangen; ich fühlte mich kühner, herausfordernd: ich trotzte aller Gefahr, die Hyde bedrohte.

Ich sah mich an – meine Kleider hingen schlotternd an mir, wie an einer Vogelscheuche, auf meinem Knie lag eine verknöcherte, haarige Hand – ich war Edward Hyde geworden!

Noch vor einem Augenblick fühlte ich mich sicher vor aller Welt, reich, geachtet, geliebt – jetzt war ich ein Flüchtling vor dem Gesetze, vogelfrei, heimatlos, freudlos, ein Mörder, eine Beute der ganzen Stadt! –

Meine Sinne verwirrten sich, aber nur auf wenige Augenblicke. Ich hatte schon früher mehrere Male bemerkt, daß in meinem zweiten Charakter, als Edward Hyde, meine geistigen Fähigkeiten stärker, mein Temperament schwungvoller, mein moralischer Mut höher gespannt war – wo Jekyll unterlegen wäre, entsprach Hyde allen Anforderungen des Augenblicks.

So war es auch jetzt – aber was sollte ich anfangen?

Meine Medikamente waren in einem Schranke meiner Arbeitsstube; wie konnte ich sie bekommen? Die Aufgabe mußte gelöst werden. Die Hintertür war abgeschlossen; den Schlüssel hatte ich zerbrochen; hätte ich gewagt, durch die Vordertür zu gehen, so würden meine Diener selbst mich der Polizei überliefert haben.

Da dachte ich an Lanyon.

Aber wie konnte ich zu ihm gelangen – wie ihn überreden? Angenommen, daß ich der Verhaftung in der Straße entging, wie konnte ich in sein Haus, in seine Stube dringen, wie konnte ich, ein Unbekannter, mit meiner Schrecken einflößenden Erscheinung den berühmten Arzt bewegen, die Arbeitsstube seines Kollegen zu durchstöbern und dort verschiedene Gegenstände wegzunehmen?

Da fiel mir ein, daß mir eine Eigenschaft meines richtigen Wesens geblieben – ich konnte meine eigene Handschrift schreiben. Dieser eine Funke entflammte sich zum Lichte, das mir den Weg aus der Finsternis deutete.

Ich richtete meine Kleider her, so gut ich konnte, rief eine Droschke und fuhr nach einem Hotel in Portland Street. Ich muß sehr komisch in den übergroßen Kleidern ausgesehen haben – niemand hatte eine Ahnung, was für einen Unglücklichen sie bedeckten. Der Kutscher konnte das Lachen über meine Erscheinung nicht unterdrücken. Ich sah ihn an mit einem Blick teuflischer Wut und knirschte mit den Zähnen – das Lächeln verschwand. Es war ein Glück für ihn und auch für mich, denn im nächsten Augenblicke hätte ich ihn vom Bocke heruntergezerrt und mit den Füßen zermalmt.

Im Hotel wurde ich auch nicht mit sehr freundlichen Gesichtern empfangen, aber ein Blick von mir genügte, um alle stumm und höflich zu machen. Ich ließ mir ein Zimmer und Schreibmaterial geben. Hyde in Lebensgefahr war ein bisher unbekanntes Wesen für mich. Furcht und Wut und Mordlust kämpften in seiner Brust. Ich sage ›in seiner Brust‹, ich kann nicht sagen in meiner, denn diese Ausgeburt der Hölle war nichts Menschliches: nichts lebte in ihm, als Furcht und Haß. Doch bemeisterte er seine Raserei und schrieb die beiden Briefe an Lanyon und Poole, und um ganz sicher zu sein, daß sie pünktlich aufgegeben würden, ließ er sie einschreiben.

Dort in dem einsamen Zimmer saß er den ganzen Tag, über sein Unglück brütend. Der Kellner, der ihm das Essen brachte, blickte ihn mit Furcht und Verwunderung an und machte sich so schnell wie möglich aus der Stube.

Als es Abend wurde, verließ er das Hotel, nahm eine Droschke und fuhr in der Stadt umher. Als es ihm deuchte, daß der Kutscher argwöhnisch wurde, stieg er aus und wunderte durch die dunkelsten, einsamsten Straßen der großen Stadt. Die wenigen, die ihm begegneten, blickten sich erstaunt nach ihm um. Ein wahrer Sturm von Leidenschaften tobte in seinem Innern – es dürstete ihn, Blut zu vergießen, und zu gleicher Zeit erstarrte bebende Furcht das Mark seiner Gebeine. Eine arme, kranke Frau kam auf ihn zu und bot ihm Streichhölzer zum Kauf an. Er schlug sie ins Gesicht – sie lief weinend davon. Endlich war es Mitternacht geworden, endlich stand er vor Lanyons Tür.

Als ich in Lanyons Stube zu mir kam, war ich tief von dem Schrecken ergriffen, den ich meinem alten Freunde eingeflößt. Aber was machte es aus? Es war ja nur ein Tropfen in dem Ozean von Furcht, Schrecken und Gewissensbissen, der mich umwogte. Eine neue Wandlung war in mir vorgegangen. Es war nicht die feige Angst vor dem Galgen, die meine Seele quälte, es war das Entsetzen vor dem Gedanken, daß ich auf immer Hyde werden würde. Lanyons bittere Vorwürfe empfing ich wie im Traum – wie im Traum erreichte ich meine Wohnung und ging zu Bett. Ich verfiel in einen bleiernen Schlaf, aus dem mich selbst die schrecklichsten Träume nicht zu erwecken vermochten. Ich erwachte schwach und zitternd. Ich hatte eine tödliche Angst vor dem Scheusal, das in mir schlief; die Gefahren des gestrigen Tages traten mir erst jetzt deutlich vor die Seele. Gott sei Dank, ich war wieder zu Hause, hier in meiner Stube mit meinen Medikamenten zur Hand. Ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit, ja, ein schwacher Hoffnungsschimmer erfüllten mein gequältes Herz.

Ich ging nach dem Frühstück ruhig über den Hof, als jenes schreckliche Gefühl, das der Umwandlung vorausging, sich meiner bemächtigte. Ich hatte kaum Zeit, meine Arbeitsstube im Hinterhause zu erreichen, und in wenigen Minuten rasten wieder die Wut und Mordlust Hydes in mir. Ich nahm eine doppelte Dosis, mich zu mir selbst zu bringen, aber nur sechs Stunden darauf hatte ich wieder das namenlose Gefühl des bevorstehenden Wechsels, und ich mußte die Dosis wiederholen. Seit jenem Tage war es durch größte Aufmerksamkeit und durch fortwährenden Gebrauch des Elixiers möglich, daß ich in der Gestalt von Jekyll erscheinen konnte. Zu jeder Stunde mußte ich des warnenden Zitterns gewärtig sein. Besonders wenn ich schlief; ich brauchte die Augen nur auf einige Minuten zu schließen, wenn ich im Lehnstuhl am Feuer saß – und ich erwachte als Hyde.

Unter dieser fortwährenden Aufregung und Spannung zur Schlaflosigkeit verdammt, wurde ich von Tag zu Tag körperlich und geistig schwächer, es war das Gefühl, das mir das Innerste verzehrte – der Schrecken vor meinem anderen Selbst. Aber im Schlafe, oder wenn die Wirkung des Elixiers aufgehört, da fühlte ich, fast ohne die Schmerzen der Umwandlung, die von Tag zu Tag geringer wurden, eine jubelnde Lust nach dem Bösen, meine Phantasie erschuf wüste Gebilde von Ausschweifungen unmenschlicher Art, meine Seele kochte von Haß und Mordgier, mein Körper schien nicht stark genug, die wütende Energie Hydes zu enthalten.

Die Kraft Hydes wuchs in demselben Maße wie die Schwäche Jekylls, ein unnennbarer Haß trennte den einen vom andern.

Bei Jekyll war es der Instinkt der Selbsterhaltung. Es wurde ihm jetzt ganz klar, was für ein Ungeheuer er sich geschaffen. Dieser Auswurf der Hölle teilte mit ihm sein Bewußtsein, er konnte nur mit ihm sterben.

Hydes Haß gegen Jekyll war anderen Ursprungs. Die Furcht vor dem Galgen zwang ihn, fortwährend eine Art Selbstmord zu begehen, die untergeordnete Natur Jekylls anzunehmen. Diese Notwendigkeit war ihm verhaßt, wie Jekylls verächtliche Feigheit. Er ließ seine Wut in allerlei affenartigen Streichen aus: er kritzelte greuliche Gotteslästerungen in religiöse Bücher, die ich in früheren, glücklichen Zeiten mit Vorliebe gelesen, er verbrannte die Briefe und das Bild meines Vaters, und hätte ihn nicht die Angst vor dem Schafott daran gehindert, würde er sich der Polizei übergeben haben, bloß um mich in den Mord von Sir Danvers Carew zu verwickeln.

Es ist nutzlos, und die Zeit fehlt mir, dies Geständnis zu verlängern. Kein Mensch hat je gelitten, wie ich!

Wer weiß wie lange dieses schreckliche Doppelleben noch gedauert, wäre nicht das letzte Unglück über mich gekommen, das mich auf immer von meiner eigenen Gestalt, meiner ursprünglichen Natur getrennt. Mein Vorrat von dem Salze, dessen ich mich seit meinem ersten Versuch bediente, ging auf die Neige. Ich ließ mehr holen und mischte die verschiedenen Bestandteile – die Gärung folgte, auch der erste Wechsel der Farbe, aber der zweite blieb aus. Ich leerte das Glas, aber ohne Erfolg. Du weißt durch Poole, wie er ganz London durchsucht hat, das richtige Pulver zu finden – aber vergebens. Ich kam zu der Ueberzeugung, daß der erste Vorrat des Salzes verfälscht war, und es war gerade die unbekannte Quantität des fremden Zusatzes, der demselben Wirksamkeit verlieh.

Eine Woche ist seitdem vergangen; ich schreibe den Schluß dieses Bekenntnisses unter dem Einflusse des letzten der alten Pulver. Dies ist also das letzte Mal, daß Henry Jekyll selbständig denkt, daß er sein eigenes Gesicht im Spiegel sieht. Ich darf nicht zögern mit dem Ende, denn nur mit großer Vorsicht ist es mir gelungen, dies Bekenntnis vor Hyde zu verbergen. Sollte die Wandlung stattfinden, während ich schreibe, so würde er das Manuskript in Stücke reißen.

Das unabwendbare Ende nähert sich uns beiden.

Ich weiß, in einer halben Stunde werde ich zum letzten Male, und auf immer die verhaßte Gestalt annehmen.

Wie wird Hyde enden? Wird er auf dem Schafott sterben, oder wird er im letzten Augenblick den Mut haben, sich selbst zu befreien? Gott allein weiß es – was kümmert es mich?

Ich weiß, dies ist meine letzte Stunde; was folgt, betrifft mich nicht mehr. Und somit bringe ich das Leben des unglücklichen Henry Jekyll zu Ende.

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