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Der Seewolf

Jack London: Der Seewolf - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorJack London
titleDer Seewolf
publisherBüchergilde Gutenberg
editorMax Barthel
year1937
translatorErwin Magnus
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20150116
projectid58d188ea
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Manchmal glaube ich, daß Wolf Larsen verrückt oder doch wenigstens nicht ganz richtig ist wegen seiner seltsamen Launen und Grillen. Dann wieder halte ich ihn für einen großen Menschen, für ein Genie, das sein Ziel verfehlt hat. Und schließlich bin ich überzeugt, daß er der Urtyp des primitiven Menschen ist, Jahrtausende zu spät geboren, ein Anachronismus in diesem Kulminationszeitalter der Zivilisation. Sicherlich ist er ein ausgesprochener Individualist. Und dazu ist er sehr einsam. Seine gewaltige Männlichkeit und Geisteskraft verleihen ihm eine Sonderstellung. Es besteht keine geistige Gemeinschaft zwischen ihm und den anderen Männern an Bord. Sie erscheinen ihm wie Kinder, selbst die Jäger, und wie Kinder behandelt er sie, läßt sich zu ihnen herab und spielt mit ihnen wie mit jungen Hunden. Sonst aber behandelt er sie mit der Grausamkeit eines Vivisektors, er wühlt in ihren geistigen Prozessen und prüft ihre Seelen, als wolle er sehen, aus welchem Stoff sie gemacht seien.

Dutzende von Malen habe ich gesehen, wie er bei Tisch diesen oder jenen Jäger mit kühlen, wachen Augen und vor allem mit einer gewissen Neugier beleidigte und dann seine Entgegnungen und seine kleinlichen Wutausbrüche mit einem Interesse beobachtete, das mir, dem verstehenden Zuschauer, beinahe lächerlich erschien. Ich bin überzeugt, daß seine eigenen Wutausbrüche nicht echt sind. Zuweilen mögen es Experimente sein, hauptsächlich aber eine Pose, die er einmal den Menschen gegenüber eingenommen und sich dann angewöhnt hat. Ich weiß, daß ich ihn – vielleicht mit Ausnahme des Zwischenfalls mit dem toten Steuermann – nie wirklich zornig gesehen habe. Ich hege aber auch nicht den Wunsch, ihn in wahrer Wut zu sehen, wenn alle seine Kräfte zur Entfaltung gelangen müssen.

Um einen seiner Einfälle zu zeigen, will ich erzählen, was Thomas Mugridge in der Kajüte zustieß. Ich vervollständige damit gleichzeitig den Bericht über die Angelegenheit, die ich schon zweimal berührt habe. Eines Tages, gleich nach dem Essen, als ich eben mit dem Aufwaschen fertig war, kamen Wolf Larsen und Thomas Mugridge die Treppe herunter. Sonst wagte sich der Koch nicht in die Kajüte. War er dazu gezwungen, um zu seiner Koje zu gelangen, so flitzte er wie ein furchtsames Gespenst hindurch.

»So, du kannst ›Nap‹ spielen!« sagte Wolf Larsen vergnügt. »Ich hätte mir denken können, daß ein Engländer das Spiel kennt. Ich hab' es selbst auf englischen Schiffen gelernt.«

Thomas Mugridge war außer sich vor Freude, daß er sich an einen Tisch mit dem Kapitän setzen durfte. Sein Dünkel und seine peinlichen Anstrengungen, sich die ungezwungene Haltung eines Mannes zu geben, der von Geburt für einen würdigen Platz im Leben ausersehen ist, würden ekelerregend gewesen sein, hätten sie nicht so lächerlich gewirkt. Meine Gegenwart ignorierte er völlig, wobei ich ihm jedoch zugute halten will, daß er einfach nicht imstande war, mich zu sehen. Seine blassen, wässerigen Augen schwammen in Verzückung, wenn mir auch unerfindlich war, was für selige Visionen er haben mochte.

»Hol' die Karten, Hump«, befahl Wolf Larsen, als sie am Tische Platz nahmen. »Und bring' Zigarren und Whisky aus meiner Koje.«

Als ich wiederkam, hörte ich gerade, wie der Cockney sich in Andeutungen erging, daß irgendein Geheimnis über ihm läge: er sei sicher der Sohn eines vornehmen Herrn, und er bekäme Geld, wogegen er sich hätte verpflichten müssen, England nicht wieder zu betreten – – »schönes Geld, Käptn,« drückte er sich aus, »schönes Geld, damit ich mich packe und wegbleibe.« Ich hatte die gewohnten Schnapsgläser gebracht, aber Wolf Larsen runzelte die Stirn, schüttelte den Kopf und gab mir einen Wink, daß ich Wassergläser bringen sollte. Ich füllte sie zu zwei Drittel mit unvermischtem Whisky – »ein Gentlemangetränk«, sagte Thomas Mugridge –, sie stießen auf gutes Spiel an, steckten sich Zigarren an und begannen dann, die Karten zu mischen und auszuteilen.

Sie spielten um Geld. Sie erhöhten die Einsätze. Sie tranken Whisky, leerten die Gläser, und ich holte mehr. Ich weiß nicht, ob Wolf Larsen betrog oder nicht – er wäre sicher fähig dazu gewesen –, aber jedenfalls gewann er andauernd. Der Koch machte wiederholt einen Abstecher nach seiner Koje, um Geld zu holen. Jedesmal schwankte er mehr, brachte aber immer nur einige wenige Dollar auf einmal. Er wurde sentimental, vertraulich, konnte kaum noch die Karten sehen und aufrecht sitzen. Als er den nächsten Ausflug nach seiner Koje antrat, hakte er Wolf Larsen seinen fettigen Zeigefinger ins Knopfloch und wiederholte mehrmals ausdruckslos: »Ich kriege Geld, ich kriege Geld, sag' ich Ihnen. Ich bin der Sohn eines feinen Herrn.«

Schließlich setzte der Koch unter der Beteuerung, er könne verlieren wie ein Gentleman, sein letztes Geld und verlor. Worauf er den Kopf auf die Hände sinken ließ und weinte. Wolf Larsen betrachtete ihn neugierig, als dächte er daran, ihn zu vivisezieren, änderte jedoch seine Absicht, nachdem er zu der Erkenntnis gekommen, daß eine Untersuchung hier ergebnislos bleiben müsse.

»Hump,« sagte er mit vollendeter Höflichkeit zu mir, »wollen Sie die Freundlichkeit haben, Herrn Mugridges Arm zu nehmen und ihm an Deck zu helfen. Er fühlt sich nicht ganz wohl. – Und sagen Sie Johansen, daß er ihn mit ein paar Pützen Seewaser duschen soll«, fügte er leise hinzu, so daß nur ich es hören konnte. Ich überließ Herrn Mugridge an Deck den Händen einiger grinsender Matrosen, die Johansen zu diesem Zwecke gerufen hatte. Herr Mugridge faselte immer noch davon, daß er der Sohn eines vornehmen Herrn sei. Als ich jedoch die Kajütstreppe hinabstieg, um den Tisch abzuräumen, hörte ich ihn kreischen; der erste Guß hatte ihn getroffen.

Wolf Larsen zählte seinen Gewinn.

»Genau hundertfünfundachtzig Dollar!« sagte er laut. »Gerade wie ich mir dachte. Der Lump kam ohne einen Cent an Bord.«

»Und Ihr Gewinn gehört mir, Käptn«, sagte ich beherzt.

Er beehrte mich mit einem spöttischen Lächeln. »Ich habe mich seinerzeit ein wenig mit Grammatik beschäftigt, Hump, und ich glaube, Sie bringen die Zeiten durcheinander. ›Hat mir gehört‹, hätten Sie sagen sollen.«

»Hier ist nicht die Rede von Grammatik, sondern von Ethik«, erwiderte ich.

Er ließ eine Weile verstreichen, ehe er sprach.

»Wissen Sie, Hump,« sagte er bedächtig und mit einem rätselhaften Klang von Traurigkeit in der Stimme, »wissen Sie, daß dies das erstemal ist, daß ich auf diesem Schiffe das Wort Ethik aus dem Munde eines Mannes höre. Und Sie und ich sind die einzigen an Bord, die die Bedeutung dieses Wortes kennen. – Es gab eine Zeit in meinem Leben,« fuhr er nach einer Pause fort, »da ich davon träumte, mit Männern sprechen zu dürfen, die eine solche Sprache redeten, mich aus der Lebensstellung, in der ich geboren, emporzuheben und Umgang zu pflegen mit Menschen, die über Dinge wie Ethik sprachen. Es ist das erstemal, daß ich dies Wort aussprechen höre. – Aber das nur nebenbei! Sie haben unrecht. Dies hat weder etwas mit Grammatik, noch mit Ethik zu tun, es handelt sich einfach um eine Tatsache.«

»Ich verstehe«, sagte ich. »Um die Tatsache, daß Sie jetzt das Geld haben.«

Seine Züge erhellten sich. Meine schnelle Auffassung schien ihm zu gefallen.

»Aber wir umgehen die eigentliche Frage,« fuhr ich fort, »die des Rechtes.«

»Ach!« bemerkte er und zog den Mund schief. »Ich sehe, Sie glauben noch an so etwas wie Recht und Unrecht.«

»Glauben Sie denn nicht daran? – Gar nicht? –« fragte ich.

»Nicht die Spur. Macht ist Recht, das ist alles, was darüber zu sagen ist. Schwäche ist Unrecht. Es ist gut für einen Menschen, wenn er stark, schlecht für ihn, wenn er schwach ist – – oder noch besser: es ist angenehm, stark zu sein, weil man Vorteil davon hat, es ist peinlich, schwach zu sein, weil es Verlust bedeutet Der Besitz dieses Geldes ist etwas Schönes. Sein Besitz ist angenehm. Und da ich die Möglichkeit habe, es zu besitzen, wäre es ein Unrecht gegen mich selbst, wenn ich es Ihnen gäbe und mich des Vergnügens, es zu besitzen, beraubte.«

»Aber Sie begehen ein Unrecht gegen mich, wenn Sie es behalten«, wandte ich ein.

»Keineswegs. Ein Mensch kann kein Unrecht gegen den andern begehen. Nur gegen sich selbst. Von meinem Standpunkt aus tue ich stets ein Unrecht, wenn ich die Interessen anderer beachte. Verstehen Sie? Wie kann ein Stückchen Ferment dem andern Unrecht tun, wenn er dasselbe zu verschlingen sucht? Der Drang, zu verschlingen und sich selbst gegen das Verschlungenwerden zu wehren, ist ihm angeboren. Unterdrücken Sie diesen Drang, so sündigen Sie.«

»Sie glauben also nicht an Altruismus?« fragte ich.

Er sann einen Augenblick nach, als hätte das Wort für ihn einen fremden, aber doch nicht ganz fremden Klang.

»Warten Sie mal, heißt das nicht so etwas wie Zusammenarbeit?«

»Nun ja, so etwas Ähnliches«, erwiderte ich, diesmal nicht überrascht durch eine solche Lücke in seinem Wortschatz; da er ja reiner Autodidakt war, ein Mann, der viel gedacht und wenig, vielleicht gar nicht gesprochen hatte. »Eine altruistische Handlung ist eine solche, die man zum Wohle anderer vollbringt. Sie ist uneigennützig, im Gegensatz zu der eigennützigen Handlung, die man zu seinem eigenen Vorteil begeht.« Er nickte. »O ja, jetzt erinnere ich mich. Ich habe bei Spencer darüber gelesen.«

»Spencer!« rief ich. »Sie haben Spencer gelesen?«

»Nicht sehr viel«, räumte er ein. »Ich verstand allerhand von seinen ›Grundprinzipien‹, aber seine ›Biologie‹ hat mir doch den Wind aus den Segeln genommen, und seine ›Psychologie‹ hat mich lange in der Flaute treiben lassen. Ich konnte mit dem besten Willen nicht verstehen, worauf er hinauswollte. Ich habe damals die Ursache in meiner geistigen Unvollkommenheit gesucht, bin aber später zu der Überzeugung gelangt, daß mir die Voraussetzungen fehlten. Ich hatte nicht die richtige Grundlage. Nur Spencer und ich wissen, wie ich gebüffelt habe. Aber von seinen ›Ethischen Daten‹ habe ich doch etwas gehabt. Und darin fand ich eine Abhandlung über Altruismus und weiß jetzt auch, in welcher Bedeutung er das Wort anwandte.«

Ich hätte gern gewußt, was der Mann von diesem Werke gehabt hatte. Ich erinnerte mich genügend an Spencer, um zu wissen, daß der Altruismus für ihn das höchste sittliche Ideal war. Wolf Larsen hatte offenbar unter der Lehre des großen Philosophen Auslese gehalten und seinen eigenen Bedürfnissen und Wünschen gemäß gewählt und verworfen.

»Was haben Sie sonst noch darin gefunden?« fragte ich. Er runzelte leicht die Stirn vor Anstrengung, einen treffenden Ausdruck für Gedanken zu finden, denen er noch nie Worte verliehen hatte. Ich spürte in mir einen geistigen Hochmut. Jetzt tastete ich seine Seele ab, wie er die anderer abzutasten pflegte. Ich befand mich auf jungfräulichem Gebiet. Eine fremdartige, eine unheimlich fremdartige Gegend entrollte sich hier vor meinen Augen.

»Mit so wenigen Worten wie möglich«, begann er, »sagt Spencer etwa folgendes: Zunächst muß ein Mensch zu seinem eigenen Besten handeln – das ist moralisch und gut. Dann muß er zum Besten seiner Kinder handeln. Und drittens zum Besten seiner Familie.«

»Und die höchste, vornehmste und einzig richtige Handlungsweise«, warf ich ein, »ist die, die gleichzeitig ihm selbst, seinen Kindern und seiner ganzen Familie frommt.«

»Das unterschreibe ich nicht ganz«, erwiderte er. »Ich kann weder die Notwendigkeit noch die Vernunft davon einsehen. Ich nehme Familie und Kinder aus. Für sie würde ich nichts opfern. Das ist nichts als Sentimentalität, wenigstens für einen Mann, der nicht an ein ewiges Leben glaubt. Gäbe es Unsterblichkeit, so wäre Altruismus ein Geschäft, das sich bezahlt machte. Dann könnte sich meine Seele vielleicht zu den höchsten Höhen aufschwingen. Aber ohne Aussicht auf etwas anderes Ewiges als den Tod und nur die kleine Spanne dieses Leben genannten Gärungsprozesses vor mir, würde mir eine Handlung, die mir ein Opfer auferlegt, unmoralisch erscheinen. Jedes Opfer, durch das ich auch nur das Geringste dieses Gärungspozesses verlöre, wäre Torheit – ja, nicht nur Torheit, sondern ein Unrecht gegen mich selbst, und daher etwas Schlechtes.

»Dann sind Sie Individualist, Materialist und, logisch gedacht, Hedonist.«

»Große Worte«, lächelte er. »Aber was ist ein Hedonist?«

Als ich es ihm erklärte, nickte er zustimmend.

»Und«, fuhr ich fort, »dazu sind Sie ein Mann, dem man alles zutrauen kann, sobald man seinem Eigennutz in die Quere kommt.«

»Jetzt fangen Sie an, zu begreifen«, sagte er lebhaft. »Sie sind ein Mensch, völlig bar dessen, was man Moral nennt.«

»Stimmt.«

»Ein Mensch, den man immer fürchten muß – –«

»Richtig.«

»Wie man eine Schlange, einen Tiger, einen Hai fürchtet.«

»Jetzt kennen Sie mich. Und Sie kennen mich so, wie ich allgemein bekannt bin. Andere nennen mich Wolf.«

»Sie sind eine Art Ungeheuer,« fügte ich kühn hinzu, »ein Kaliban, der gegrübelt hat und in müßigen Augenblicken nach Einfall und Laune handelt.«

Seine Stirn umwölkte sich bei dieser Anspielung. Er verstand sie nicht, und ich sah sofort, daß er die Dichtung nicht kannte.

»Ich lese jetzt gerade Browning,« gestand er, »und er ist recht trocken. Ich bin noch nicht weit gekommen und habe so ungefähr die Richtung verloren.«

Um den Leser nicht zu ermüden, will ich nur berichten, daß ich das Buch aus seiner Kabine holte und ihm vorlas. Er war entzückt. Immer wieder unterbrach er mich mit Erklärungen und kritischen Bemerkungen. Als ich fertig war, ließ er es mich noch einmal und dann zum drittenmal vorlesen. Wir gerieten in eine Unterhaltung über Philosophie, Wissenschaft, Evolution, Religion. Er war zuweilen ungenau, wie jeder Autodidakt, besaß aber zugleich die Sicherheit und Planmäßigkeit des primitiven Geistes. Sein einfacher Gedankengang war seine Stärke, und sein Materialismus war viel zwingender als der spitzfindige Charley Furuseths. Nicht, daß ich – ein erklärter Idealist oder, wie Furuseth sich ausdrückte, ein Idealist von Temperament – hätte überzeugt werden können, aber Wolf Larsen stürmte die letzten Bollwerke meines Glaubens mit einer Gewalt, die, wenn sie auch nicht überzeugte, doch Achtung verdiente.

Die Zeit verstrich. Das Abendbrot näherte sich, und noch war der Tisch nicht gedeckt. Ich wurde unruhig und ängstlich, und als Thomas Mugridge, krank und grämlich, die Treppe herunterkam, schickte ich mich an, meinen Pflichten nachzukommen. Aber Wolf Larsen rief ihm zu:

»Köchlein, du mußt heute allein das Essen besorgen. Hump hat für mich zu tun, und du mußt sehen, allein fertig zu werden.«

Und wieder wurde das Unerwartete Ereignis. Diesen Abend saß ich mit dem Kapitän und den Jägern bei Tische, während Thomas Mugridge uns bediente und hinterher das Geschirr aufwusch – eine Grille, eine Kalibanslaune Wolf Larsens, für die ich, wie ich voraussah, büßen sollte. Jetzt aber sprachen und sprachen wir, zum großen Ärger der Jäger, die nicht ein Wort davon verstanden.

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