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Der Seewolf

Jack London: Der Seewolf - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
authorJack London
titleDer Seewolf
publisherBüchergilde Gutenberg
editorMax Barthel
year1937
translatorErwin Magnus
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20150116
projectid58d188ea
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Der Tag unserer Abreise kam. Es gab nichts mehr, das uns auf der Mühsalinsel zurückgehalten hätte. Die verkürzten Masten der ›Ghost‹ waren an ihrem Platze, die Segel festgemacht. Alles, was ich geschaffen, war stark, nichts davon war schön, aber ich wußte, daß es leisten würde, was es sollte, und wenn ich es anblickte, fühlte ich mich stark.

»Das habe ich gemacht! Mit meinen eigenen Händen!« Das hätte ich am liebsten hinausgeschrien.

Aber Maud und ich hatten die wundersame Fähigkeit, einer die Gedanken des andern auszusprechen, und als wir nun darangingen, das Großsegel zu setzen, sagte sie:

»Und daß Sie das allein mit Ihren eigenen Händen gemacht haben, Humphrey!«

»Aber es waren noch zwei Hände da,« antwortete ich, »zwei kleine Hände.«

Sie hielt mir lachend die Hände entgegen.

»Ich werde sie nie wieder sauber bekommen,« klagte sie, »und sonnenverbrannt werden sie wohl mein ganzes Leben bleiben.«

»Dann werden der Schmutz und die sonnenverbrannte Haut Ihr Ehrenzeichen sein,« sagte ich und nahm ihre Hände in die meinen, und trotz allen selbst guten Vorsätzen würde ich die beiden teuren Hände geküßt haben, hätte sie sie nicht schnell zurückgezogen.

Unsere Kameradschaft stand auf schwachen Füßen. Ich hatte meine Liebe lange und gut beherrscht, aber jetzt drohte sie mich zu überwältigen. Gegen meinen Willen hatte sie eigenmächtig meine Augen zum Sprechen gebracht, und nun überwand sie auch meine Zunge – und meine Lippen dazu, denn sie sehnten sich in diesem Augenblick wie wahnsinnig danach, die beiden Händchen zu küssen, die so treu und schwer gearbeitet hatten. Ich war in diesem Augenblick wie von Sinnen. In meinem Innern tönte es, als riefen mich Jagdhörner zu ihr. Und mich wehte ein Wind an, dem ich nicht widerstehen konnte, der meinen ganzen Körper ins Schwanken brachte, bis ich mich, ganz unbewußt, zu ihr beugte. Und sie wußte es. Sie mußte es wissen, als sie schnell ihre Hände fortzog und es doch nicht lassen konnte, mir einen hastig forschenden Blick zu senden, ehe sie die Augen senkte. –

Mit Hilfe der Deckstaljen hatte ich die Falle nach vorn zum Spill geschafft, und jetzt setzte ich gleichzeitig Großsegel und Piek. Es war nicht leicht, aber es ging, und bald war die Fock oben und flatterte im Winde. »Wir bekommen den Anker hier nie herauf, es ist zu eng,« sagte ich, »wir müssen erst aus den Schären heraus sein.«

»Was machen wir da?« fragte sie.

»Wir kappen ihn,« lautete meine Antwort, »und während ich es tue, müssen Sie Ihre erste Arbeit am Spill verrichten. Ich muß sofort ans Rad, und gleichzeitig müssen Sie den Klüver setzen.«

Dies Manöver hatte ich mindestens zwanzigmal durchdacht, und ich wußte, daß Maud imstande war, das unentbehrliche Segel zu setzen. Ein frischer Wind wehte gerade in die Bucht herein, und wenn auch das Wasser ruhig war, so mußten wir doch mit äußerster Schnelligkeit arbeiten, um sicher hinauszukommen.

Sobald ich den Schäkelbolzen hinausgeschlagen hatte, rasselte die Kette durch das Klüsgat ins Meer. Ich stürzte nach achtern und legte das Ruder um. Die ›Ghost‹ schien lebendig zu werden, als ihre Segel sich zum erstenmal blähten. Der Klüver ging hoch. Als er in den Wind kam, schwang sich der Bug der ›Ghost‹ herum, und ich mußte das Rad einige Spaken zurückdrehen, um das Schiff wieder in den Kurs zu bringen. Ich hatte mir eine automatische Klüverschoot erdacht, die den Klüver von selbst herüberbrachte, so daß Maud ihn nicht zu bedienen brauchte; sie hatte aber kaum den Klüver hoch, als ich das Ruder hart umlegte. Es war ein gefährlicher Augenblick, denn die ›Ghost‹ lief bis auf Steinwurfweite geradeswegs auf den Strand zu. Aber gehorsam drehte sie sich in den Wind. Die Segel schlugen heftig – ein Geräusch, das meine Ohren mit Entzücken hörten –, und dann standen sie wieder prall auf der andern Seite.

Maud hatte ihre Aufgabe vollbracht und kam nach achtern, wo sie neben mir stehenblieb, eine kleine Mütze auf dem vom Winde zerzausten Haar, die Wangen von der Anstrengung gerötet, die Augen weit und hell vor Erregung, die Nasenflügel zitternd in der frischen salzigen Luft. Ihre braunen Augen glichen denen eines aufgescheuchten Rehs. Ihr Blick war wach und unruhig, wie ich ihn nie gesehen, ihre Lippen öffneten sich, und ihr Atem stockte, als die ›Ghost‹ gegen das Felsenriff an der Ausfahrt der inneren Bucht anstürmte, dann in den Wind ging und unter vollen Segeln in das sichere Fahrwasser hinausfuhr.

Meine Dienstzeit als Steuermann in den Robbengründen kam mir jetzt ausgezeichnet zustatten. Ich brachte das Schiff gut aus der inneren Bucht heraus und ging in einem weiten Bogen in die äußere hinein. Noch ein Schlag, und die ›Ghost‹ hatte die offene See erreicht. Nun hatte sie den Hauch des Ozeans gespürt und atmete selbst im gleichen Rhythmus, indem sie die breitrückigen Wogen sanft hinauf- und hinabglitt. Es war trübe und wolkig gewesen, jetzt aber brach die Sonne hindurch – ein willkommenes Vorzeichen – und schien über die geschweifte Küste, wo wir den Herrn des Harems herausgefordert und die Holluschickis erschlagen hatten. Die ganze Mühsalinsel erstrahlte im Sonnenschein. Selbst das unheimliche südwestliche Vorgebirge sah weniger unheimlich aus, und hie und da, wo der Gischt hoch emporsprang, glänzte und funkelte es in der blendenden Sonne.

»Ich werde stets mit Stolz daran denken«, sagte ich zu Maud.

Sie warf mit einer königlichen Gebärde den Kopf zurück und sagte: »Du liebe Mühsalinsel! Ich werde dich immer lieben.«

»Und ich auch«, sagte ich rasch.

Unsere Blicke wollten sich treffen, und doch zwangen wir sie aneinander vorbei.

Einen Augenblick schwiegen wir fast unbeholfen, dann aber sagte ich:

»Sehen Sie die schwarzen Wolken in Luv. Sie werden sich erinnern, daß ich Ihnen gestern abend sagte, das Barometer fiele.«

»Und die Sonne ist verschwunden«, sagte sie, den Blick immer noch auf unsere Insel gerichtet.

»Die Fahrt geht nach Japan«, rief ich heiter. »Ein günstiger Wind und volle Segel, was wollen wir mehr?« Ich verließ das Rad und lief nach vorn, warf Fock- und Großschoot los und machte alles zum Empfang des Windes bereit. Es war Sturm, ein tüchtiger Sturm, aber ich entschloß mich, so lange wie möglich die Segel oben zu behalten. Leider war es unter diesen Umständen nicht möglich, das Ruder festzumachen, und so mußte ich darauf gefaßt sein, die ganze Nacht am Rade zu stehen. Maud bestand darauf, mich abzulösen, es zeigte sich aber doch, daß sie nicht Kraft genug hatte, in schwerer See zu steuern. Sie war ganz niedergeschlagen, fand aber bald genug zu tun: Falle und Leinen mußten gestrafft, das Essen in der Kombüse gekocht, Betten gemacht und Wolf Larsen gepflegt werden, und sie beendete ihr Tagewerk, indem sie in der Kajüte und im Zwischendeck gründlich aufräumte.

Ich steuerte die ganze Nacht ohne Ablösung, der Wind wuchs langsam und beständig, und die See mit ihm. Um fünf Uhr morgens brachte Maud mir heißen Kaffee und Kuchen, den sie gebacken hatte, und um sieben flößte mir ein tüchtiges, kochend heißes Frühstück neues Leben ein.

Den ganzen Tag wuchs der Wind. Und immer noch schäumte die ›Ghost‹ dahin, raste Meile auf Meile mit einer Geschwindigkeit, die ich auf mindestens elf Knoten die Stunde schätzte. Ich mußte die Gelegenheit wahrnehmen, aber bei Einbruch der Nacht war ich völlig erschöpft. Obgleich ich in glänzender körperlicher Verfassung war, hatte ich jetzt doch die Grenze meiner Kraft erreicht. Dazu flehte Maud mich an, beizudrehen, und ich wußte, daß das, wenn Wind und See weiter so wuchsen, bald nicht mehr möglich war. So traf ich denn bei Dunkelwerden meine Vorbereitungen.

Aber ich hatte nicht mit den ungeheuren Schwierigkeiten gerechnet, die das Reffen dreier Segel für einen einzigen Mann bedeutete. Immer wieder machte der Sturm meine Anstrengungen zunichte, riß mir die Leinwand aus den Händen und zerstörte in einem Augenblick, was ich in zehn Minuten schwersten Kampfes erreicht hatte. Um acht Uhr hatte ich erst das zweite Reff in die Fock geschlagen. Um elf war ich noch nicht viel weiter gekommen. Meine Fingerspitzen bluteten, und alle Nägel waren abgebrochen. Vor Schmerz und Erschöpfung weinte ich heimlich im Dunkeln, wenn Maud es nicht sah.

Verzweifelt gab ich es auf, das Großsegel zu reffen, und entschloß mich, den Versuch zu machen, unter gereffter Fock beizudrehen. Noch drei Stunden brauchte ich, um Großsegel und Klüver zu beschlagen, und um zwei Uhr morgens konnte ich, mehr tot als lebendig, feststellen, daß mein Versuch geglückt war. Die gereffte Fock tat ihren Dienst. Die ›Ghost‹ hielt sich am Winde und zeigte keine Neigung, sich quer in den Seegang zu legen.

Ich war ganz ausgehungert, aber Maud versuchte vergebens, mir etwas einzuflößen. Mit vollem Munde schlief ich auf dem Stuhl ein.

Wie ich aus der Kombüse in die Kajüte kam, weiß ich nicht Ich wurde von Maud geführt und gestützt. Als ich lange darauf erwachte, lag ich in meiner Koje. Maud hatte mich hingelegt und mir die Schuhe ausgezogen. Ich war ganz steif und zerschlagen und schrie vor Schmerz auf, als ich mit meinen wunden Fingerspitzen das Bettzeug berührte.

Es war offenbar noch nicht Morgen, und so schloß ich die Augen und schlief wieder ein.

Wieder erwachte ich, verwirrt, daß ich nicht besser schlief. Ich zündete ein Streichholz an und sah auf die Uhr. Sie zeigte Mitternacht. Und ich hatte das Deck um drei Uhr nachts verlassen! Nach einigem Nachdenken fand ich die Lösung: Ich hatte einundzwanzig Stunden geschlafen. Ich lauschte eine Weile auf das Stampfen der ›Ghost‹, das Rauschen der See und das gedämpfte Tosen des Windes, dann drehte ich mich auf die andere Seite und schlief friedlich weiter bis zum Morgen.

Als ich um sieben Uhr aufstand, sah ich nichts von Maud und schloß daher, daß sie in der Kombüse sei, um das Frühstück zu bereiten. Ich begab mich an Deck und fand, daß die ›Ghost‹ sich prächtig hielt. In der Kombüse brannte zwar das Feuer, und das Wasser kochte, aber ich fand keine Maud.

Ich entdeckte sie schließlich im Zwischendeck neben Wolf Larsens Koje. Ich betrachtete ihn, den Mann, der von der höchsten Zinne des Lebens herabgeschleudert war in dies furchtbare Lebendigbegrabensein. Sein stilles, ruhiges Gesicht zeigte eine Milde, die ich nie zuvor gesehen. Maud blickte mich an, und ich verstand. »Sein Leben ist im Sturm erloschen«, sagte ich.

»Aber er lebt noch«, antwortete sie mit unendlicher Zuversicht in ihrer Stimme.

»Er hatte zuviel Kräfte.«

»Ja«, sagte sie. »Aber jetzt binden sie ihn nicht mehr. Er ist ein freier Geist.«

»In Wahrheit: Er ist ein freier Geist«, entgegnete ich; dann faßte ich ihre Hand und führte sie an Deck.

Die Gewalt des Sturmes brach sich in dieser Nacht, das heißt: er legte sich ebenso langsam und allmählich, wie er aufgekommen war. Als ich am nächsten Morgen nach dem Frühstück Wolf Larsens Leiche zum Begräbnis an Deck schaffte, wehte es noch stark, und die See ging hoch. Das Wasser spülte immer wieder über das Deck hinweg und lief durch die Speigatten ab. Eine heftige Bö traf plötzlich den Schoner, der sich überlegte, daß die Leereling völlig begraben war, und das Pfeifen in der Takelung wuchs zu einem wilden Kreischen. Wir standen bis zu den Knien im Wasser. Ich entblößte den Kopf.

»Ich erinnere mich nur eines Teils des Rituals,« sagte ich, »nämlich: ›Und der Leichnam soll ins Meer geworfen werden.‹«

Maud sah mich an, überrascht und entsetzt. Aber die Erinnerung an etwas, das ich einst gesehen, wurde lebendig in mir und ließ mich Wolf Larsen begraben, wie Wolf Larsen einen andern begraben hatte. Ich hob das Ende des Lukendeckels, und der in Segelleinen eingenähte Körper glitt, die Füße voran, ins Meer. Das eiserne Gewicht zog ihn nieder. Er war verschwunden. »Leb wohl, Luzifer, du stolzer Geist«, flüsterte Maud, so leise, daß ihre Worte vom Heulen des Windes übertönt wurden; aber ich sah ihre Lippen sich bewegen und verstand.

Uns an der Reling haltend, arbeiteten wir uns nach achtern durch. Da blickte ich aufs Meer hinaus. Die ›Ghost‹ hob sich in diesem Augenblick auf einer Woge, und ich sah deutlich, zwei bis drei Meilen entfernt, einen kleinen Dampfer, der, rollend und stampfend, gerade auf uns zukam. Er war schwarz gestrichen, und nach der Beschreibung der Jäger erkannte ich ihn als einen Zollkutter der Vereinigten Staaten. Ich zeigte ihn Maud und führte sie schnell auf die Ruff.

Dann stürzte ich nach vorn an die Flaggenkiste, aber in diesem Augenblick fiel mir ein, daß ich vergessen hatte, für ein Flaggenfall zu sorgen.

»Wir brauchen kein Notsignal,« meinte Maud, »wenn sie uns nur sehen.«

»Wir sind gerettet«, sagte ich ernst und feierlich. Und dann in überströmendem Glück: »Ich weiß kaum, ob ich mich freuen soll oder nicht.«

Ich sah sie an, unsere Blicke begegneten sich. Wir lehnten uns aneinander, und ehe ich es wußte, hatte ich sie in meine Arme geschlossen.

»Muß ich es sagen?« fragte ich.

Sie antwortete: »Du mußt nicht, aber es wäre so süß, so unsagbar süß, es zu hören.«

Unsere Lippen trafen sich. – –

»Mein Weib, mein liebes kleines Weib!« sagte ich und streichelte mit der freien Hand ihre Schulter, wie alle Liebenden tun, obwohl sie es in keiner Schule gelernt haben.

»Mein Gatte!« sagte sie, und ihre Lider zitterten und ihre Augen verschleierten sich, als sie mich anblickte und ihren Kopf mit einem glücklichen kleinen Seufzer an meine Brust schmiegte.

Ich sah nach dem Kutter. Er war ganz nahe. Ein Boot wurde gerade herabgelassen.

»Einen Kuß, Liebste«, flüsterte ich. »Noch einen Kuß, ehe sie kommen –«

»Und uns vor uns selber retten«, vollendete sie mit einem bezaubernden Lächeln, so rätselhaft, wie ich es noch nie gesehen, denn es enthielt alle Rätsel der Liebe.

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