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Der Seewolf

Jack London: Der Seewolf - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
authorJack London
titleDer Seewolf
publisherBüchergilde Gutenberg
editorMax Barthel
year1937
translatorErwin Magnus
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20150116
projectid58d188ea
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Am nächsten Tage – wir hatten alles soweit, um die Masten einsetzen zu können – machten wir uns daran, die beiden Marsstengen an Bord zu nehmen. Die Großmarsstenge war über dreißig Fuß lang, die andere etwas kürzer, und aus beiden gedachte ich die ›Schere‹ zu machen. Es war ein schweres Stück Arbeit. Ich befestigte das eine Ende der schweren Talje am Ankerspill, das andere am unteren Ende der Vormarsstenge und begann zu winden. Maud hielt den Törn auf dem Spill und ließ die Leine auslaufen.

Wir waren ganz erstaunt, wie leicht die Spiere sich heben ließ. Es war ein verbessertes Krüppelspill und besaß eine ungeheure Hubkraft. Die Talje zog schwer über die Reling, ihr Zug verstärkte sich, je mehr die Spiere sich aus dem Wasser hob, und der Druck auf das Spill wurde gewaltig.

Als jedoch das untere Ende der Marsstenge in Höhe der Reling war, saßen wir fest.

»Ich hätte es voraussehen können«, sagte ich ungeduldig. »Nun müssen wir wieder von vorn anfangen.«

»Warum machen wir nicht die Talje mehr nach der Mitte der Stenge hin fest?« schlug Maud vor.

»Das hätte ich eben tun müssen«, erwiderte ich, äußerst unzufrieden mit mir.

Ich ließ einen Törn nach, daß der Baum wieder ins Wasser zurückfiel, und machte die Talje etwa zehn Fuß oberhalb des Endes fest. Nach einer Stunde mühsamster, nur durch kurze Pausen unterbrochener Arbeit hatte ich ihn so hoch, wie es ging. Acht Fuß des Baumes hingen über der Reling, aber es war weniger als je daran zu denken, daß ich ihn an Deck bekam. Ich setzte mich hin und dachte über das Problem nach. Aber es dauerte nicht lange, dann sprang ich jubelnd auf.

»Jetzt hab' ich's!« rief ich. »Ich muß die Talje am Schwerpunkt festmachen. Und die Lehre, die wir hieraus ziehen, wird uns für alle künftige Arbeit zugute kommen.«

Wieder war die Arbeit umsonst getan, und ich mußte die Spiere zu Wasser lassen. Und dann rechnete ich den Schwerpunkt nicht richtig aus, so daß, als ich zu winden begann, die Spitze statt des Endes vom Baum heraufkam. Maud sah aus wie die Verzweiflung selber, aber ich lachte und sagte, es würde schon noch werden.

Ich zeigte ihr, wie sie den Törn halten und bereit sein sollte, die Leine auf mein Kommando auslaufen zu lassen, dann packte ich den Baum mit den Händen und versuchte, ihn über die Reling zu ziehen. Als ich ihn weit genug zu haben glaubte, rief ich: »Los!«, aber die Spiere stellte sich trotz meinen Anstrengungen aufrecht und fiel ins Wasser zurück. Wieder heißte ich sie hoch, und jetzt hatte ich einen neuen Einfall. Ich dachte an die Taschentalje – ein kleines Gerät mit einem doppelten und einem einfachen Block –, und die holte ich nun.

Als ich gerade damit beschäftigt war, sie zwischen der Spitze der Spiere und der Reling anzubringen, erschien Wolf Larsen auf dem Schauplatz. Wir wechselten nur einen Gutenmorgengruß, und dann setzte er sich, obgleich er nichts sehen konnte, ein Stückchen weiterhin auf die Reling und versuchte, aus dem Geräusch zu entnehmen, was wir taten.

Wieder gab ich Maud Anweisung, auf mein Kommando Leine auslaufen zu lassen, und dann begann ich mit Hilfe der Taschentalje zu hieven. Langsam schwang sich der Baum herüber, bis er über der Reling balancierte; da bemerkte ich zu meinem Erstaunen, daß Maud keine Leine auszulassen brauchte. Gerade das Gegenteil war der Fall. Ich machte die Taschentalje fest, drehte das Spill und brachte den Baum Zoll für Zoll herein, bis seine Spitze sich herabneigte und er schließlich in seiner ganzen Länge auf dem Deck lag. Ich sah auf die Uhr. Es war zwölf. Mein Rücken schmerzte heftig, und ich war äußerst müde und hungrig. Und hier auf dem Deck lag ein einziges Stück Holz, das Ergebnis der Arbeit eines ganzen Vormittags. Zum ersten Mal wurde mir die Größe der Aufgabe klar, die wir zu erfüllen hatten. Aber ich hatte schon viel gelernt. Am Nachmittage mußte es besser gehen. Und so geschah es! Um ein Uhr kehrten wir zurück, ausgeruht und durch ein herzhaftes Mittagessen gestärkt.

In weniger als einer Stunde hatte ich die Großmarsstenge an Deck und begann jetzt, die ›Schere‹ zu bauen. Ich surrte die beiden Bäume zusammen, wobei ich darauf achtete, daß die Schenkel des Geräts gleich lang wurden, und dann befestigte ich am Schnittpunkt den doppelten Block des Haupt-Klaufalls. Dies ergab in Verbindung mit dem einzelnen Block und dem Klaufall selbst ein Heißtakelwerk. Um die Enden der Bäume am Gleiten zu verhindern, nagelte ich einige Klampen an Deck fest. Als alles fertig war, machte ich am Schnittpunkt der ›Schere‹ eine Leine fest, die ich direkt zum Spill laufen ließ. Mein Vertrauen zu dem Spill wuchs immer mehr, denn es gab Kräfte her, die alles Erwarten überstiegen. Wie gewöhnlich hielt Maud den Törn, während ich wand. Die ›Schere‹ erhob sich.

Da entdeckte ich, daß ich die Bardunen vergessen hatte. Die Folge war, daß ich zweimal auf die ›Schere‹ hinaufklettern mußte, um die Bardunen an beiden Seiten anzubringen. Ehe ich hiermit fertig war, war es Abend geworden. Wolf Larsen, der den ganzen Nachmittag dagesessen und gelauscht hatte, ohne auch nur ein einziges Mal den Mund zu öffnen, war in die Kombüse gegangen, um sich sein Abendbrot zu bereiten. Mir war das Kreuz so steif, daß ich mich nur mit Mühe und Schmerzen aufrichten konnte. Aber ich blickte mit Stolz auf meine Arbeit. Sie konnte sich sehen lassen. Wie ein Kind, das ein neues Spielzeug bekommen hat, sehnte ich mich danach, die ›Schere‹ in Gebrauch zu nehmen.

»Schade, daß es schon so spät ist«, sagte ich. »Ich hätte sie so gern schon arbeiten gesehen.«

»Seien Sie kein Vielfraß, Humphrey,« schalt Maud, »denken Sie daran, daß morgen auch noch ein Tag ist. Sie sind so müde, daß Sie kaum noch auf den Beinen stehen können.«

»Und Sie?« fragte ich mit plötzlicher Besorgnis. »Sie müssen doch schrecklich müde sein. Sie haben tüchtig und tapfer zugepackt. Ich bin stolz auf Sie, Maud.« »Nicht halb so stolz, wie ich es auf Sie bin, und mit nicht halb so viel Grund«, antwortete sie und sah mir sekundenlang in die Augen, während die ihren mit einem flackernden Licht leuchteten, das ich noch nie in ihnen gesehen hatte, und das mir – ich wußte nicht, warum – eine Welle heißen Entzückens durch die Adern jagte. Dann senkte sie den Blick, um ihn gleich darauf wieder lachend zu heben.

»Wenn unsere Freunde uns jetzt sehen könnten!« sagte sie. »Sehen Sie uns an. Haben Sie sich nie einen Augenblick Zeit gegönnt, um uns zu betrachten?«

»Doch, ich habe Sie oft betrachtet«, erwiderte ich, verwirrt über das, was ich in ihren Augen gesehen hatte, und verwundert, daß sie so plötzlich den Gegenstand wechselte.

»Du lieber Gott!« rief sie. »Und wie sehe ich aus, wenn ich fragen darf?«

»Wie eine Vogelscheuche – wir brauchen uns nichts vorzumachen«, erwiderte ich. »Sehen Sie nur Ihren schmutzigen Rock und die vielen Risse. Und die Bluse! Hier bedürfte es keines Sherlock Holmes, um zu beweisen, daß Sie über einem Lagerfeuer abgekocht haben, ganz zu schweigen von unserem Robbentran. Und um allem die Krone aufzusetzen: die Mütze! Ist das wirklich die Frau, die den ›Erduldeten Kuß‹ geschrieben hat?«

Sie machte mir einen eleganten kleinen Knicks und sagte: »Und was Sie betrifft, mein Herr – –«

Wir scherzten einige Minuten in dieser Weise, und doch hatten unsere Scherze einen Unterton von Ernst, den ich ganz unwillkürlich mit dem seltsamen Ausdruck in ihren Augen in Verbindung brachte. Was war das? War es möglich, daß unsere Augen ausplauderten, was unser Mund verschwieg?

»Es ist eine Schande, daß wir nach dem schweren Tagewerk nicht einmal unsere Nachtruhe ungestört haben sollen!« klagte ich nach dem Abendbrot.

»Was für eine Gefahr könnte uns drohen? Von einem Blinden?« fragte sie.

»Ich traue ihm nicht,« beharrte ich, »und jetzt, da er blind ist, weniger als je. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird seine teilweise Hilflosigkeit ihn nur noch boshafter machen. Das weiß ich: Das erste, was ich morgen früh tun werde, ist, den Schoner ein kleines Stück vom Strande abzulegen und zu verankern. Dann bleibt Wolf Larsen jeden Abend, wenn wir an Land rudern, als Gefangener an Bord zurück. Dies wird daher die letzte Nacht sein, die wir Wache zu halten brauchen, und darum wird es leichter gehen.« Wir waren zeitig auf und hatten gerade unser Frühstück eingenommen, als es hell wurde.

»Ach, Humphrey!« hörte ich plötzlich Maud bestürzt rufen.

Ich sah sie an. Sie starrte auf die ›Ghost‹. Ich folgte ihrem Blick, konnte jedoch nichts Ungewöhnliches bemerken.

»Die Schere«, sagte sie mit bebender Stimme.

Ich hatte unser Werk ganz vergessen. Jetzt schaute ich wieder hin und sah die ›Schere‹ nicht.

»Wenn er –« knirschte ich.

Sie legte beruhigend ihre Hand auf die meine und sagte: »Dann müssen wir wieder von vorne anfangen.«

»Oh, glauben Sie mir, mein Zorn hat nichts zu bedeuten, ich könnte keiner Fliege etwas zuleide tun«, lächelte ich bitter. »Und das Schlimmste ist, daß er das weiß. Sie haben recht: Wenn er die ›Schere‹ zerstört hat, bleibt mir nichts anderes übrig, als wieder von vorne anzufangen.«

»Aber in Zukunft werde ich nachts an Bord bleiben«, machte ich mir einen Augenblick später Luft. »Und wenn er mir wieder in den Weg tritt – –«

»Aber ich wage es nicht, nachts allein an Land zu bleiben«, sagte Maud, als ich mich wieder beruhigt hatte. »Es wäre doch zehnmal schöner, wenn er sich freundschaftlich zu uns stellte und uns hülfe. Dann könnten wir alle so gut an Bord wohnen.«

»Das werden wir auch«, sagte ich, immer noch erregt, denn die Zerstörung meiner lieben ›Schere‹ hatte mich schwer getroffen. »Das heißt: wir beide werden an Bord wohnen, mit oder ohne Wolf Larsens Freundschaft.«

»Es ist kindisch,« lachte ich kurz darauf, »kindisch von ihm, etwas Derartiges zu tun, und von mir, sich darüber aufzuregen.«

Aber ich konnte mich doch nur mühsam beherrschen, als ich an Bord kletterte und die Verwüstung sah, die Wolf Larsen angerichtet hatte. Die ›Schere‹ war verschwunden. Die Bardunen waren rechts und links durchgeschnitten. Mit allem Tauwerk hatte er es ebenso gemacht. Und er wußte, daß ich nicht spleißen konnte. Ein Gedanke schoß mir durch den Kopf. Ich eilte zum Spill. Es arbeitete nicht. Er hatte es zerbrochen. Bestürzt sahen wir uns an. Dann lief ich an die Reling. Alle Masten, Spieren und Gaffeln, die ich klargemacht hatte, waren fort. Er hatte die Leinen gefunden, durch die sie gehalten worden waren, hatte sie gekappt und alles Wind und Wellen preisgegeben. Maud hatte Tränen in den Augen, und ich glaube, sie galten mir. Ich selbst hätte weinen mögen. Was wurde jetzt aus unserm Plan, die ›Ghost‹ wieder seetüchtig zu machen. Wolf Larsen hatte ganze Arbeit getan. Ich setzte mich auf den Lukenrahmen und ließ in tiefster Verzweiflung den Kopf in die Hände sinken.

»Er verdient den Tod!« rief ich, »und Gott verzeihe mir, daß ich nicht Manns genug bin, den Henker zu spielen.«

Aber Maud saß neben mir, ließ ihre Hand besänftigend durch mein Haar gleiten, als ob ich ein Kind wäre, und sagte: »Still, still, es wird schon alles gut werden. Wir haben das Recht auf unserer Seite, und der liebe Gott wird uns nicht im Stich lassen.«

Ich lehnte meinen Kopf an ihre Schulter und fühlte meine Kraft zurückkehren. Das gesegnete Mädchen war für mich eine unversiegbare Quelle der Kraft. Was tat es? Es war nur eine Verspätung, ein Aufschub! Die Ebbe konnte die Masten nicht weit in See getrieben haben, und es war die ganze Zeit windstill gewesen. Es bedeutete nur etwas mehr Arbeit, sie zu finden und zurückzuholen. Und zudem war es eine gute Lehre für uns. Jetzt wußten wir, was wir zu erwarten hatten. Wenn er sein Zerstörungswerk erst später getan hätte, wäre es bedeutend schlimmer für uns gewesen. »Er kommt«, flüsterte sie.

Ich sah auf. Er kam lässig an Backbord über die Ruff. »Nehmen Sie gar keine Notiz von ihm«, flüsterte ich. »Er will nur sehen, wie wir es aufnehmen. Lassen Sie ihn nicht merken, daß wir das wissen. Die Befriedigung brauchen wir ihm jedenfalls nicht zu gönnen. Ziehen Sie die Schuhe aus – so ist es recht – und tragen Sie sie in der Hand.«

Und dann spielten wir Blindekuh mit dem Blinden. Kam er nach Backbord, so schlüpften wir nach Steuerbord, und von der Achterhütte aus sahen wir, wie er kehrtmachte und unsere Spuren nach achtern verfolgte.

Irgendwie mußte er doch ahnen, daß wir an Bord waren, denn er sagte ganz dreist »Guten Morgen« und wartete, daß wir den Gruß erwiderten. Dann begab er sich wieder nach achtern, und wir schlüpften nach vorn.

»Ach, ich weiß gut, daß Sie an Bord sind«, rief er, und ich konnte sehen, wie er nach diesen Worten intensiv lauschte.

Ich mußte an die große Schrei-Eule denken, die, wenn sie geschrien hat, lauscht, um die Bewegungen ihrer aufgeschreckten Beute zu hören. Wir regten uns jedoch nicht. Wir bewegten uns nur, wenn er sich bewegte. Und auf diese Weise huschten wir auf Deck hin und her, Hand in Hand wie ein paar Kinder, die von einem scheußlichen Kobold gehetzt werden, bis Wolf Larsen der Geschichte überdrüssig wurde und sich, offenbar ganz verwirrt, in die Kajüte begab. Mit vor Vergnügen leuchtenden Augen und unterdrücktem Lachen zogen wir uns die Schuhe wieder an und kletterten in unser Boot. Und als ich in Mauds klare, braune Augen blickte, vergaß ich alles Böse, das er uns angetan hatte, und wußte nur, daß ich sie liebte, und daß ich aus dieser Liebe die Kräfte schöpfen würde, den Weg zurückzufinden.

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