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Der Seewolf

Jack London: Der Seewolf - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorJack London
titleDer Seewolf
publisherBüchergilde Gutenberg
editorMax Barthel
year1937
translatorErwin Magnus
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20150116
projectid58d188ea
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»Es wird riechen«, sagte ich, »aber es wird uns jedenfalls vor Regen und Schnee schützen.« Wir musterten das fertige Dach aus Robbenfellen.

»Es ist ziemlich plump, aber es erfüllt seinen Zweck, und das ist die Hauptsache«, fuhr ich fort in der Hoffnung, ein Lob aus ihrem Munde zu hören.

Und sie klatschte in die Hände und erklärte, daß sie außerordentlich zufrieden sei.

»Aber es ist dunkel hier drinnen«, sagte sie einen Augenblick später, und ihre Schultern zuckten in einem unwillkürlichen Schauder.

»Sie hätten mich daran erinnern sollen, ein Fenster zu machen, als wir die Wände bauten«, sagte ich. »Das war Ihre Sache, und Sie hätten die Notwendigkeit eines Fensters einsehen müssen.«

»Ich sehe nie, was am nächsten liegt«, erwiderte sie lachend. »Außerdem brachen Sie ja aber nur ein Loch in die Wand zu hauen.«

»Das stimmt schon. Daran hatte ich auch schon gedacht«, antwortete ich, das weise Haupt wiegend. »Aber haben Sie Fensterglas bestellt? Rufen Sie beim Glaser an – 4451 ist, glaube ich, die Nummer, und geben Sie ihm Größe und Art der Scheibe an.«

»Das heißt–« begann sie.

»Kein Fenster.«

Die Hütte war natürlich finster und häßlich und wäre in einem zivilisierten Lande kaum gut genug als Schweinekoben gewesen, uns aber, die wir alle Leiden in einem offenen Boote erlebt hatten, erschien sie als ein gemütliches, kleines Haus. Wir sorgten für Licht und Wärme mit Hilfe von Robbentran und einem aus Baumwolle gedrehten Docht, dann begann die Jagd, um uns Fleisch für den Winter zu verschaffen, sowie der Bau einer zweiten Hütte. Jetzt war es eine Kleinigkeit, morgens auszuziehen und gegen Mittag mit einer ganzen Bootsladung Robben heimzukehren. Und während ich an der zweiten Hütte baute, briet Maud den Speck zu Tran aus und unterhielt ein langsames Feuer unter dem Fleisch. Ich hatte gehört, wie man auf der Prärie Büffelfleisch in Streifen schneidet und an der Luft trocknet, und nun schnitten wir unser Robbenfleisch in Streifen, hängten es in den Rauch, und es wurde prachtvoll geräuchert.

Der Bau der zweiten Hütte ging leichter vonstatten, denn ich ließ sie direkt an die erste stoßen, so daß sie nur drei Wände brauchte. Aber das alles bedeutete doch Arbeit. Maud und ich schafften vom frühen Morgen bis zum Einbruch der Dunkelheit, wir arbeiteten bis an die Grenze unsrer Kraft, so daß wir, wenn die Nacht kam, steif vor Müdigkeit ins Bett krochen und den Schlaf der Erschöpfung wie die Tiere schliefen. Und doch erklärte Maud, daß sie sich in ihrem ganzen Leben nie besser und gesünder gefühlt hätte. Bei mir war dasselbe der Fall, aber sie war so zart, daß ich fürchtete, sie würde zusammenbrechen. Immer wieder sah ich, wie sie sich, nach Erschöpfung ihrer letzten Kräfte, lang auf den Boden legte – ihre Art, sich auszuruhen und wieder zu Kräften zukommen. Und dann stand sie auf und arbeitete wie nur je. Woher sie die Kraft dazu nahm, war mir ein Rätsel.

»Denken Sie an die lange Winterruhe«, erwiderte sie auf meine Ermahnungen. »Dann werden wir noch nach Arbeit schreien!«

An dem Abend, als das Dach meiner Hütte fertig war, hielten wir eine Art Einzugsschmaus. Es war am Ende eines dreitägigen heftigen Sturmes, der von Südost ganz nach Nordost herumgeschwungen war und nun direkt in der Richtung auf unsere Insel wehte. In der Außenbucht donnerte die Brandung gegen die Küste, und selbst in unserm, ganz von Land umschlossenen Innenhafen befand sich das Wasser in starker Bewegung. Die Bergseite der Insel schützte uns nicht vor dem Winde, und er pfiff und heulte um die Hütte, daß ich zeitweise fürchtete, die Mauern würden nicht standhalten. Das Dach, das ich wie ein Trommelfell gespannt und für ganz dicht gehalten hatte, bauschte sich bei jedem Windstoß und ließ Wasserspritzer durch, und in den Mauern zeigten sich unzählige Lücken, trotz aller Mühe, die Maud sich gegeben hatte, um sie mit Moos abzudichten. Aber der Tran brannte hell, und wir fühlten uns trotz alledem warm und behaglich.

Es war in der Tat ein angenehmer Abend, und wir kamen zu dem Ergebnis, daß es noch Geselligkeit auf der Mühsalinsel gab. Wir fühlten uns wohl und sicher. Wir hatten uns nicht allein mit dem Gedanken vertrautgemacht, hier überwintern zu müssen, wir hatten auch bereits unsere Vorbereitungen getroffen. Jetzt konnten uns die Robben gern verlassen, um ihre rätselhafte Reise nach dem Süden anzutreten: wir hatten vorgesorgt. Und auch der Sturm hatte seine Schrecken für uns verloren. Wir waren nicht nur warm und trocken und vorm Winde geschützt, wir hatten auch die weichsten, kostbarsten Betten, die aus Moos gemacht werden konnten. Es war Mauds Idee gewesen, und sie hatte eifersüchtig darüber gewacht, daß nur sie allein das Moos sammelte. Dies sollte die erste Nacht auf der Moosmatratze sein, und ich wußte, daß ich um so süßer schlafen würde, weil sie sie gemacht hatte.

Als sie sich erhob, um zu gehen, wandte sie sich mit einem rätselhaften Ausdruck zu mir und sagte:

»Es wird etwas geschehen, etwas, das uns betrifft. Ich fühle es. Es kommt etwas, kommt zu uns. Jetzt. Ich weiß nicht, was es ist, aber es kommt.«

»Etwas Gutes oder Schlechtes?« fragte ich.

Sie schüttelte den Kopf. »Das weiß ich nicht, aber es ist irgendwo dort.«

Sie wies in die Richtung von See und Wind.

»Wir sind an einer geschützten Küste,« lachte ich, »und ich muß sagen, daß es besser ist, hier zu sein, als an einem solchen Abend anzukommen.«

»Sie fürchten sich doch nicht?« fragte ich, während ich zur Tür schritt, um sie ihr zu öffnen.

Ihre Augen blickten tapfer in die meinen.

»Und Sie fühlen sich wohl? Völlig wohl?«

»Ich habe mich nie besser gefühlt«, lautete ihre Antwort.

Wir sprachen noch ein Weilchen miteinander, bis sie ging.

»Gute Nacht, Maud«, sagte ich.

»Gute Nacht, Humphrey«, sagte sie.

Ohne daß wir darüber gesprochen hätten, nannten wir uns, wie etwas ganz Selbstverständliches, beim Vornamen. Ich hätte sie in diesem Augenblick in meine Arme reißen und an mich pressen können. Draußen in der Welt, der wir angehörten, würden wir es sicher getan haben. Hier aber hemmte mich die merkwürdige Situation, in der wir uns befanden. Als ich dann aber allein in meiner kleinen Hütte war, durchglühte mich ein schönes Gefühl von Zufriedenheit Und ich wußte, daß es ein Band zwischen uns gab, ein schweigendes Etwas, das früher nicht gewesen war.

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