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Der Seewolf

Jack London: Der Seewolf - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorJack London
titleDer Seewolf
publisherBüchergilde Gutenberg
editorMax Barthel
year1937
translatorErwin Magnus
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20150116
projectid58d188ea
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»Sie waren an Deck, Herr van Weyden,« sagte Larsen am nächsten Morgen beim Frühstück. »Wie sieht es aus?«

»Schön Wetter«, antwortete ich und blickte auf den Sonnenschein, der in die Kajüte hereinströmte. »Frische Brise aus West mit der Aussicht auf steifen Wind, wenn man Louis glauben kann.«

Er nickte vergnügt. »Anzeichen von Nebel?«

»Dichte Bänke in Nord und Nordwest.«

Er nickte wieder, anscheinend mit noch größerer Befriedigung als zuvor.

»Was Neues von der ›Macedonia‹?«

»Sie ist nicht zu sehen«, antwortete ich.

Ich hätte schwören mögen, daß sein Gesicht sich bei dieser Nachricht verdüsterte, aber den Grund seiner Enttäuschung konnte ich nicht erraten.

Ich sollte ihn indessen bald erfahren.

»Rauch ahoi!« ertönte es von Deck, und seine Züge erhellten sich wieder.

»Schön!« rief er aus und stand sofort auf, um sich an Deck und ins Zwischendeck zu begeben, wo die Jäger gerade ihr erstes Frühstück seit ihrer Vertreibung aus der Kajüte einnahmen.

Maud Brewster und ich berührten kaum die vor uns stehenden Speisen, wir starrten uns in stiller Besorgnis an und lauschten auf die Stimme Wolf Larsens, die gleich darauf das Schott zwischen Zwischendeck und Kajüte durchdrang. Er sprach lange, und seine Schlußworte wurden mit wildem Jubel begrüßt. Das Schott war zu dick, als daß wir ihn hätten verstehen können, was er aber auch gesagt haben mochte, so mußte es doch recht etwas nach dem Herzen der Jäger gewesen sein.

Aus dem Geräusch an Deck entnahm ich, daß die Matrosen herausgepurrt und im Begriff waren, die Boote hinabzulassen. Maud Brewster begleitete mich an Deck, aber ich ließ sie an der Achterhütte, von wo sie die Szene beobachten konnte, ohne selbst mitzuspielen. Die Matrosen mußten erfahren haben, was bevorstand, denn die Rührigkeit und Arbeitsfreudigkeit, die sie an den Tag legten, zeugten von Begeisterung. Die Jäger erschienen an Deck mit ihren Gewehren und Munitionskasten und – was ganz ungewöhnlich war – ihren Kugelbüchsen. Diese wurden sehr selten mit in die Boote genommen, denn wenn eine Robbe auf weite Entfernung mit der Büchse geschossen wurde, sank sie unweigerlich, ehe das Boot sie erreichen konnte. Aber heute nahm jeder Jäger seine Büchse und einen großen Vorrat an Patronen mit. Ich bemerkte, wie sie vergnügt grinsten, als sie den Rauch der ›Macedonia‹ erblickten, der immer höher stieg, je mehr sie sich von Westen näherte.

Die fünf Boote gingen wie der Wind über Bord, breiteten sich fächerförmig aus und setzten, wie am vergangenen Nachmittag, den Kurs nach Norden. Ich beobachtete sie eine Zeitlang gespannt, aber es war nichts Ungewöhnliches an ihnen zu bemerken. Sie ließen die Segel nieder, schossen Robben, heißten die Segel wieder und setzten ihren Weg fort, wie ich es immer hatte tun sehen. Die ›Macedonia‹ wiederholte ihr gestriges Manöver, indem sie ihre Boote vor den unseren und quer über unserm Kurs aussetzte. Vierzehn Boote erfordern ein ausgedehntes Gebiet, um bequem jagen zu können, und als die ›Macedonia‹ uns vollkommen abgeschlossen hatte, fuhr sie weiter nordwestlich, indem sie immer noch Boote aussetzte.

»Was haben Sie vor?« fragte ich Wolf Larsen, ganz unfähig, meine Neugier noch länger im Zaum halten zu können.

»Lassen Sie das meine Sorge sein«, antwortete er barsch. »Es wird keine tausend Jahre dauern, bis Sie es wissen. Beten Sie nur, daß wir guten Wind bekommen.«

»Übrigens kann ich es Ihnen auch gern erzählen«, sagte er einen Augenblick später. »Ich will meinem Bruder eine Dosis seiner eigenen Medizin verabreichen. Kurz, ich will ihm selbst mal den Fang ausspannen, und nicht nur für einen Tag, sondern für den ganzen Rest der Fangzeit – wenn wir Glück haben.«

»Und wenn wir keines haben?« fragte ich.

»Gar nicht auszudenken!« lachte er. »Wir müssen einfach Glück haben, sonst sind wir glatt geliefert.« Er stand am Rad, und ich ging nach meinem Lazarett in der Back, wo die beiden zu Schaden Gekommenen, Nilson und Mugridge, lagen. Nilson fühlte sich so wohl, wie man nur erwarten konnte, denn sein gebrochenes Bein heilte ausgezeichnet; der Cockney aber war niedergeschlagen und verzweifelt, und ich hatte das größte Mitleid mit dem unglücklichen Menschen. Es war ein reines Wunder, daß er noch lebte und am Leben hing. Die grausamen Jahre hatten seinen ausgemergelten Körper zu einem zersplitterten Wrack gemacht, und doch brannte der Lebensfunke in ihm so hell wie nur je.

»Mit einem künstlichen Fuß – man verfertigt jetzt ganz ausgezeichnete – kannst du bis ans Ende der Zeiten in Schiffskombüsen herumlaufen«, versicherte ich ihm freundlich.

Aber seine Antwort war ernst, ja fast feierlich. »Ich weiß nicht, ob es stimmt, was Sie sagen, Herr van Weyden, aber eines weiß ich: Ich werde keine glückliche Stunde haben, bis dieser Höllenhund tot zu meinen Füßen liegt. Er kann nicht so lange leben wie ich. Er hat kein Recht zu leben, und wenn das alte Wort sagt, daß er sicher sterben muß, so sage ich ›Amen‹ und ›möglichst bald!‹ dazu.«

Als ich wieder an Deck zurückkehrte, fand ich Wolf Larsen mit einer Hand steuernd und mit der andern ein Seeglas haltend und die Lage der Boote studierend, wobei er der ›Macedonia‹ besondere Aufmerksamkeit schenkte. Die einzige Veränderung an unsern Booten war, daß sie jetzt dicht am Winde lagen und mehrere Striche West zu Nord vorgerückt waren. Ich konnte aber noch nicht die Zweckmäßigkeit dieses Manövers einsehen, denn sie waren immer noch durch die fünf Luvboote der ›Macedonia‹, die sich ebenfalls dicht an den Wind gelegt hatten, vom offenen Meere abgeschnitten. Die zogen auf diese Weise langsam nach Westen und legten einen immer größeren Abstand zwischen sich und die übrigen Boote in der Linie. Auf unsern Booten wurden neben den Segeln auch die Riemen gebraucht. Selbst die Jäger pullten, und so überholten sie bald den – ich kann es wohl so nennen – Feind.

Der Rauch der ›Macedonia‹ war zu einem trüben Fleck am nordöstlichen Horizont eingeschrumpft. Vom Dampfer selbst war nichts zu sehen. Wir hatten uns bis jetzt, teilweise mit im Winde schlagenden Segeln, treiben lassen; zweimal hatten wir, mit kurzem Zwischenraum, beigelegt. Jetzt aber wurde es anders. Die Segel wurden getrimmt, und bald hatte Wolf Larsen die ›Ghost‹ in volle Fahrt gebracht. Wir liefen an unsern Booten vorbei und hielten auf das erste Luvboot der andern Linie.

»Runter mit dem Außenklüver, Herr van Weyden«, befahl Wolf Larsen. »Und halten Sie sich bereit, den Klüver herüberzuholen!«

Ich lief nach vorn und hatte den Außenklüver eben eingeholt, als wir einige hundert Fuß in Lee an dem Boot vorbeischossen. Die drei Insassen betrachteten uns mißtrauisch. Sie wußten, daß sie uns die Jagd verdorben hatten, und sie kannten Wolf Larsen jedenfalls dem Namen nach. Ich bemerkte, wie der Jäger, ein mächtiger Skandinavier, der im Bug saß, das Gewehr schußbereit über den Knien hielt – es hätte eigentlich an der Nagelbank hängen müssen. Als wir sie gerade hinter unserm Achtersteven hatten, winkte Wolf Larsen ihnen mit der Hand zu und rief:

»Kommt zu einem Schwätzchen an Bord.«

›Schwätzchen‹ bedeutet unter Robbenjägern soviel wie ›Besuch‹, ›Unterhaltung‹. Es bezeichnet die Schwatzlust der Seeleute und ist eine angenehme Unterbrechung des einförmigen Lebens auf diesen Schiffen.

Die ›Ghost‹ drehte sich in den Wind, und da ich gerade meine Arbeit vorn beendet hatte, lief ich nach achtern, um bei der Großschoot zu helfen.

»Sie sind wohl so freundlich, an Deck zu bleiben, Fräulein Brewster«, sagte Wolf Larsen, indem er nach vorn schritt, um seine Gäste zu begrüßen. »Und Sie auch, Herr van Weyden.«

Das Boot hatte seine Segel eingeholt und legte sich neben uns. Der Jäger, goldbärtig wie ein alter Seekönig, kletterte über die Reling an Deck. Aber trotz seinem riesigen Wuchse konnte er offenbar seine Furcht kaum verbergen. Zweifel und Mißtrauen zeigten sich deutlich auf seinen Zügen. Es war trotz seinem behaarten Schild ein offenes Gesicht, dem man sofort die Erleichterung ansah, als er Wolf Larsen und mich sah und sich klar wurde, daß er es nur mit zweien zu tun hatte. Unterdessen waren auch seine beiden Leute an Bord gekommen, und nun hatte er kaum Grund, sich zu fürchten. Er überragte Wolf Larsen wie ein Goliath. Er mußte wenigstens sechs Fuß und neun Zoll messen und wog – wie ich später erfuhr – zweihundertundvierzig Pfund. Und es war kein Fett an ihm. Alles nur Knochen und Muskeln!

Sein Argwohn erwachte indessen wieder, als Wolf Larsen ihn einlud, mit in die Kajüte zu kommen. Aber ein Blick auf seinen Wirt beruhigte ihn wieder. War der auch gewiß ein starker Mann, so erschien er doch neben diesem Riesen wie ein Zwerg. So schwanden denn seine Bedenken, und die beiden stiegen miteinander in die Kajüte hinab. Seine beiden Leute waren unterdessen nach Seemannsbrauch in die Back gegangen, um dort einen Besuch abzustatten.

Plötzlich ertönte ein entsetzliches Gebrüll aus der Kajüte, gefolgt von dem Getöse eines wütenden Kampfes. Der Leopard und der Löwe kämpften miteinander. Wolf Larsen war der Leopard.

»Da sehen Sie, wie heilig die Gastfreundschaft hier gehalten wird«, sagte ich bitter zu Maud Brewster. Sie nickte, um zu zeigen, daß sie hörte, und ich las in ihrem Gesicht, daß sie bei dem Geräusch des heftigen Kampfes ebenso litt, wie ich es bei derartigen Gelegenheiten in den ersten Wochen meines Aufenthaltes auf der ›Ghost‹ getan hatte.

»Wäre es nicht besser, wenn Sie nach vorn gingen – etwa zur Zwischendeckskappe – bis es vorbei ist?« schlug ich ihr vor.

Sie schüttelte den Kopf und sah mich mit einem mitleiderregenden Blick an. Sie fürchtete sich nicht, war aber entsetzt über diese menschliche Bestialität.

»Sie werden begreifen,« nahm ich die Gelegenheit wahr, »daß ich nur geringen Anteil an den Vorgängen an Bord nehme. – Es ist nicht schön für mich«, fügte ich hinzu.

»Ich verstehe Sie«, sagte sie mit schwacher Stimme, die klang, als käme sie aus weiter Ferne, und ihre Augen zeigten mir, daß sie mich verstand.

Das Getöse unten erstarb bald. Kurz darauf kam Wolf Larsen allein an Deck. Sein braunes Gesicht war leicht gerötet, sonst aber hatte der Kampf keine Spuren bei ihm hinterlassen.

»Schicken Sie die beiden Leute nach achtern, Herr van Weyden«, sagte er.

Ich gehorchte, und wenige Minuten später standen sie vor ihm.

»Holt euer Boot ein,« sagte er zu ihnen, »euer Jäger hat sich entschlossen, eine Weile an Bord zubleiben, und möchte nicht, daß es längsseits zerstoßen wird. – Holt euer Boot herein, sage ich«, wiederholte er schärfer, als sie zögerten, seinem Befehl Folge zu leisten.

»Wer weiß? Vielleicht werdet ihr eine Zeitlang mit mir fahren«, sagte er ganz freundlich, aber mit einem leisen, drohenden Klang, der seine Freundlichkeit Lügen strafte, als sie sich langsam in Bewegung setzten, um zu gehorchen. »Es ist schon am besten, wenn wir uns gleich freundschaftlich verständigen. Ein bißchen flink nun! Tod Larsen läßt euch ganz anders springen, das wißt ihr gut!«

Unter seiner Anleitung wurden ihre Bewegungen merklich schneller, und als das Boot über Bord schwang, wurde ich nach vorn geschickt, um den Klüver hochgehen zu lassen. Wolf Larsen stand am Rade und steuerte die ›Ghost‹ auf das zweite Luvboot der ›Macedonia‹.

Vorläufig gab es nichts für mich zu tun, und so wandte ich meine Aufmerksamkeit den Booten zu. Das dritte Luvboot der ›Macedonia‹ wurde von zweien der unsrigen angegriffen, das vierte von unsern andern drei, während das fünfte kehrtgemacht hatte; um seinem nächsten Gefährten zu Hilfe zu kommen. Die Schlacht war auf weite Entfernung eröffnet, und die Büchsen knallten unaufhörlich. Kurze, kräftige Seen, vom Winde aufgepeitscht, hinderten ein sicheres Schießen, und hin und wieder sahen wir beim Näherkommen die Kugeln von Welle zu Welle tanzen.

Das Boot, das wir verfolgten, hatte sich vor den Wind gelegt und versuchte, uns zu entwischen. Es nahm die Richtung auf die anderen Boote, um ihnen zu helfen, den allgemeinen Angriff zurückzuschlagen.

Da ich Segel und Schoote bediente, blieb mir wenig Zeit zu sehen, was vorging, als ich aber zufällig auf der Achternhütte war, hörte ich, wie Wolf Larsen den beiden fremden Matrosen befahl, sich nach vorn in die Back zu begeben. Sie gingen widerstrebend, aber sie gingen. Dann schickte er Fräulein Brewster hinunter und lächelte, als er den erschrockenen Ausdruck in ihren Augen sah.

»Sie werden nichts Schauerliches unten finden,« sagte er, »nur einen Mann, der sicher am Ringbolzen festgemacht, sonst aber unverletzt ist. Es ist möglich, daß Kugeln an Bord fliegen, und ich möchte nicht, daß Sie getötet werden.«

Er hatte noch nicht ausgesprochen, als eine Kugel zwischen seinen Händen hindurch gegen eine Messingspake des Steuerrades schlug und luvwärts durch die Luft pfiff.

»Da sehen Sie!« sagte er zu ihr, dann wandte er sich zu mir: »Herr van Weyden, wollen Sie das Rad nehmen.«

Maud Brewster war auf die Laufbrücke getreten, so daß nur ihr Kopf ausgesetzt war. Wolf Larsen hatte sich eine Büchse geholt und schob jetzt eine Patrone in den Lauf. Ich bat sie durch einen Blick, nach unten zu gehen, aber sie lächelte und sagte:

»Wir mögen ja schwache Landratten sein, die kaum auf eigenen Füßen zu stehen vermögen, aber wir können Kapitän Larsen wenigstens zeigen, daß wir tapfer sind.«

Er warf ihr einen schnellen bewundernden Blick zu. »Dafür gefallen Sie mir um hundert Prozent besser«, sagte er. »Bücher, Verstand und Mut. Sie sind wirklich vollkommen, trotz Ihrer Gelehrsamkeit, wert, das Weib eines Seeräuberhäuptlings zu sein. Na, darüber werden wir später reden«, lächelte er, als eine Kugel in die Kajütswand schlug.

Ich sah, während er sprach, den goldenen Schimmer in seinen Augen und das Entsetzen in den ihren.

»Wir sind tapfer«, beeilte ich mich zu sagen. »Ich für meinen Teil wenigstens weiß, daß ich tapferer bin als Kapitän Larsen.«

Jetzt beehrte er mich durch einen schnellen Blick. Machte ich mich über ihn lustig? Ich drehte das Rad einige Spaken weiter, um ein Gieren der ›Ghost‹ gegen den Wind zu verhindern, und machte es fest. Wolf Larsen wartete noch auf eine Erklärung von mir, und ich wies auf meine Knie herab.

»Sie werden hier«, sagte ich, »ein leises Zittern bemerken. »Das kommt daher, daß ich mich fürchte, mein Fleisch fürchtet sich, und meine Seele fürchtet sich, weil ich nicht sterben möchte. Aber mein Wille bemeistert das zitternde Fleisch und die ängstliche Seele. Ich bin mehr als tapfer – ich bin ein Held. Ihr Fleisch hingegen fürchtet sich nicht. Sie haben keine Furcht. Nicht nur kostet es Sie nichts, der Gefahr zu begegnen, es macht Ihnen sogar Freude. Ganz sicher sind Sie ein unerschrockener Mann, Herr Larsen, aber Sie müssen mir einräumen, daß ich der Mutigere von uns beiden bin.«

»Sie haben recht«, gab er sofort zu. »Von dieser Seite habe ich es noch nie angesehen. Aber ist dann das Gegenteil richtig? Wenn Sie mutiger sind als ich, bin ich dann feiger als Sie?«

Wir lachten beide über diese Absurdität, und er ließ sich aufs Deck nieder und legte seine Büchse auf die Reling. Die Kugeln, die wir bisher erhielten, hatten fast eine halbe Meile zurückzulegen gehabt, inzwischen hatte sich aber dieser Abstand auf die Hälfte verkürzt. Er zielte sorgsam und schoß dreimal. Der erste Schuß ging fünfzig Fuß in Luv des Bootes vorbei, der zweite dicht daneben, und beim dritten ließ der Bootssteurer das Ruder los und sank auf dem Boden des Bootes zusammen.

»Ich wette, das genügt«, sagte Wolf Larsen, indem er sich erhob. »Ich kann es mir nicht leisten, den Jäger zu treffen, und ich rechne damit, daß der Puller nicht steuern kann. Der Jäger kann nicht steuern und schießen zugleich.«

Seine Berechnung erwies sich als richtig, denn das Boot drehte sich sofort in den Wind, und der Jäger sprang nach achtern, um den Platz am Ruder einzunehmen. Wir merkten nichts mehr von der Schießerei, wenn auch die Büchsen von den andern Booten noch munter knallten.

Es war dem Jäger geglückt, das Boot wieder in den Wind zu bringen, aber wir machten ungefähr doppelt soviel Fahrt. Als wir noch etwa hundert Schritt entfernt waren, sah ich, wie der Puller dem Jäger eine Büchse reichte. Wolf Larsen begab sich mittschiffs und nahm eine Rolle Tauwerk vom Bolzen des Klaufalls. Dann lugte er mit erhobener Büchse über die Reling. Zweimal sah ich den Jäger mit einer Hand das Ruder loslassen und zur Büchse greifen – aber jedesmal bedachte er sich wieder. Dann waren wir neben ihnen und schossen schäumend vorbei.

»Hier!« rief Wolf Larsen plötzlich dem Puller zu. »Fang das Ende!«

Gleichzeitig warf er das Tau. Er traf so gut, daß es den Mann beinahe zu Boden riß, der aber gehorchte nicht, sondern blickte den Jäger an, um dessen Befehle abzuwarten. Der Jäger seinerseits bedachte sich einen Augenblick. Er hatte die Büchse zwischen den Knien, wenn er aber das Ruder losließ, um zu schießen, mußte das Boot herumgeworfen werden und mit dem Schoner zusammenstoßen. Dazu sah er die Büchse Wolf Larsens auf sich gerichtet und wußte, daß jener schießen würde, ehe er selbst auch nur das Gewehr an die Backe gebracht hätte. »Nimm es«, sagte er zu dem Puller.

Der gehorchte, indem er das Tau um die vordere Ducht wand. Es straffte sich, das Boot gierte plötzlich, und der Jäger brachte es, einige zwanzig Fuß entfernt, parallel zur ›Ghost‹.

»Jetzt das Segel 'runter, und dann kommt längsseits!« befahl Wolf Larsen.

Er behielt die Büchse in der Hand und ließ die Takel mit der andern hinab. Als Bug und Steven festgemacht waren, und die beiden Männer sich anschickten, an Bord zu kommen, nahm der Jäger seine Büchse, als ob er sie an einen sichern Platz stellen wollte.

»Fallen lassen!« rief Wolf Larsen, und der Jäger gehorchte, als ob sie glühend wäre.

Einmal an Bord, holten die beiden Gefangenen das Boot ein und trugen auf Wolf Larsens Anweisung den verwundeten Bootssteurer in die Back.

»Wenn unsere fünf Boote ebenso tüchtig sind, wie Sie und ich, werden wir eine hübsche Mannschaft zusammenbekommen«, sagte Wolf Larsen zu mir.

»Der Mann, den Sie getroffen haben – ich hoffe, er ist – –«, sagte Maud Brewster zitternd.

»Schulterschuß!« antwortete er. »Nichts Ernstes. Herr van Weyden wird ihn in drei bis vier Wochen wieder auf die Beine bringen.

Aber die da drüben wird er allem Anschein nach kaum durchbringen«, fügte er hinzu und wies auf das dritte Boot der ›Macedonia‹, auf das ich jetzt lossteuerte, und das sich beinahe in der gleichen Höhe wie wir befand. »Das ist Horners und Smokes Arbeit Ich habe ihnen gesagt, daß ich lebendige Männer brauche und keine Leichen. Aber die Freude am Treffen ist eine zu große Versuchung, wenn man erst einmal Schießen gelernt hat. Haben Sie es je versucht, Herr van Weyden?«

Ich schüttelte den Kopf und betrachtete ihr Werk. Es war in der Tat blutig gewesen, und jetzt waren sie einfach weitergefahren und hatten sich unsern anderen drei Booten bei ihrem Angriff auf die übrigen Feinde angeschlossen. Das sich selbst überlassene Boot lag in einem Wellental und rollte wie trunken über den Schaum, während das lose Sprietsegel im rechten Winkel herausstak und im Winde flatterte. Jäger und Puller lagen hilflos auf dem Boden, der Steurer jedoch lag quer über dem Schandeckel, halb über der Reling, seine Arme schleiften das Wasser, und sein Kopf rollte von einer Seite zur andern.

»Sehen Sie nicht hin, Fräulein Brewster, bitte, sehen Sie nicht hin«, flehte ich sie an und war froh, daß sie mir folgte, und daß ihr dieser Anblick erspart blieb. »Halten Sie gerade auf den Haufen los, Herr van Weyden!« befahl Wolf Larsen.

Als wir näher kamen, hatte das Feuer aufgehört, und wir sahen, daß der Kampf vorbei war. Die beiden letzten Boote waren von unsern fünf erbeutet worden, und alle sieben lagen jetzt zusammengedrängt da und warteten darauf, von uns aufgenommen zu werden.

»Sehen Sie dort!« rief ich unwillkürlich, indem ich nach Nordwest wies.

»Ja, ich hab' es gesehen«, erwiderte Wolf Larsen ruhig. Er maß die Entfernung zur Nebelbank und blieb einen Augenblick stehen, um die Stärke des Windes an seiner Backe zu fühlen. »Ich denke, wir schaffen es. Aber Sie können sich darauf verlassen, daß mein teurer Bruder uns auf die Sprünge gekommen ist und gerade auf uns losgeht. Schauen Sie nur!«

Der Rauchfleck wuchs plötzlich und war sehr schwarz. »Ich werde schon noch mit dir fertig, und wenn du zehnmal mein Bruder bist!« frohlockte er. »Du kannst froh sein, wenn deine alte Maschine nicht in tausend Stücke springt.«

Als wir beilegten, löste sich das scheinbare Wirrwarr. Die Boote verteilten sich auf beide Seiten, und die Leute kamen gleichzeitig an Bord. Sobald die Gefangenen über die Reling geklettert waren, wurden sie von unsern Jägern in die Back geschafft, während unsere Matrosen die Boote einholten, sie in wirrem Durcheinander auf Deck fallen ließen und sich nicht einmal Zeit nahmen, sie festzusurren. Wir waren schon in voller Fahrt; als das letzte Boot aus dem Wasser gehoben wurde und über die Reling schwang, waren bereits alle Segel gesetzt.

Eile tat denn auch not. Die ›Macedonia‹, deren Schlot schwärzesten Rauch ausstieß, kam aus Nordwest herangejagt. Ohne die Boote, die ihr geblieben waren, zu beachten, hatte sie ihren Kurs so gesetzt, daß sie uns überholen mußte. Sie fuhr nicht gerade auf uns los, sondern ihr Kurs bildete einen spitzen Winkel zu dem unseren, und wir mußten uns gerade am Rande der Nebelbank treffen. Dort oder nirgends konnte die ›Macedonia‹ hoffen, uns zu fangen. Die einzige Rettung der ›Ghost‹ wiederum war, diesen Punkt vor der ›Macedonia‹ zu erreichen.

Wolf Larsen steuerte. Seine Augen funkelten und blitzten, während sie von einem zum andern sprangen. Bald durchforschte er die See in Luv nach Anzeichen, ob der Wind sich legte oder auffrischte, bald blickte er nach der ›Macedonia‹ dann wieder schweiften seine Augen über die Segel, und er gab Befehl, hier eine Leine zu lockern, dort eine anzuziehen, bis er aus der ›Ghost‹ alles herausholte, was sie zu leisten vermochte. Aller Streit, aller Groll war vergessen, und ich war erstaunt über die Bereitwilligkeit, mit der die Mannschaft, die so lange seine Brutalität erduldet hatte, jetzt seine Befehle ausführte. Seltsam: ich mußte an den unglücklichen Johnson denken, und als wir uns so über die Wellen hoben und ganz auf die Seite legten, wurde ich mir eines Bedauerns bewußt, daß er jetzt nicht am Leben und mit dabei war. Er hatte die ›Ghost‹ so geliebt, und ihre Manövrierfähigkeit hatte ihn so begeistert.

»Holt lieber eure Gewehre, Jungens«, rief Wolf Larsen unsern Jägern zu, und die fünf Mann stellten sich, die Büchsen in der Hand, an die Leereling und warteten.

Die ›Macedonia‹ war jetzt nur noch eine Meile entfernt, der schwarze Rauch wälzte sich im rechten Winkel aus ihrem Schornstein, so wahnsinnig durchpflügte sie mit ihrer Fahrt von siebzehn Knoten die Wogen. – – »Heulend durchs Meer!« zitierte Wolf Larsen, während er auf sie blickte. Wir schafften nicht mehr als neun Knoten, aber die Nebelbank war jetzt ganz nahe. Ein Rauchballen löste sich vom Deck der ›Macedonia‹. Wir hörten einen schweren Knall, und in unserm Großsegel zeigte sich ein rundes Loch. Sie schossen auf uns mit einer der kleinen Kanonen, die sie dem Gerücht nach an Bord hatten. Unsere Leute, die mittschiffs in einem Haufen zusammenstanden, schwangen die Mützen und erhoben ein Hohngeschrei. Wieder ein großer Rauchballen und ein lauter Knall. Diesmal ging die Kugel nicht mehr als zwanzig Fuß achtern vorbei und tanzte zweimal in Luv von Welle zu Welle, ehe sie versank.

Mit Gewehren wurde nicht geschossen aus dem einfachen Grunde, weil alle Jäger der ›Macedonia‹ entweder in den Booten oder unsere Gefangenen waren. Als der Abstand zwischen den beiden Fahrzeugen noch eine halbe Meile betrug, riß ein dritter Schuß ein zweites Loch in unser Großsegel. Dann verschwanden wir im Nebel. Er legte sich um uns und verbarg uns mit dichten, feuchten Schleiern.

Der plötzliche Übergang wirkte erschreckend. Eben noch waren wir in dem klaren Sonnenschein, mit dem blauen Himmel über uns, gesegelt, während die Wogen weit bis zum Horizont rollten und sich brachen und ein Schiff sich, Rauch, Feuer und eiserne Geschosse speiend, wie toll auf uns losstürzte. Und auf einmal, nur den Bruchteil einer Sekunde später, war die Sonne ausgelöscht, es gab keinen Himmel mehr, selbst unsere Mastspitzen waren dem Blick entzogen, und unser Horizont war so, wie ihn tränenverschleierte Augen sehen mögen. Der graue Nebel trieb wie feiner Sprühregen an uns vorbei. Jedes Wollfäserchen an unsern Kleidern, jedes Härchen auf unserm Kopfe und in unserm Gesicht war mit kristallenen Kügelchen wie mit Juwelen besetzt. Die Wanten troffen vor Nässe; es tropfte von dem Tauwerk über uns, und an der Unterseite der Spieren nahmen die Tropfen die Form langer fließender Reihen an, die sich bei jedem Überholen des Schoners loslösten und wie ein Sturzregen auf das Deck geschleudert wurden. Ich hatte ein Gefühl des Eingesperrtseins und Erstickens. Wie das Geräusch, das das Schiff bei seinem Stampfen durch die Wogen machte, von dem Nebel zurückgeworfen wurde, so auch die Gedanken. Der Geist bebte zurück vor der Betrachtung einer Welt jenseits der Schleier, die uns umschlossen. Dies war die Welt, das Universum selbst, seine Grenzen waren so eng, daß es einem verlangte, beide Arme auszustrecken und sie zurückzustoßen. Alles andere war nur ein Traum, ja nichts als Erinnerung an einen Traum.

Es war unheimlich, geisterhaft. Ich sah Maud Brewster an und fühlte, daß es ihr ähnlich ging. Dann sah ich auf Wolf Larsen, aber auf ihn schien es keinen Eindruck zu machen. Sein ganzes Interesse galt lediglich der Gegenwart und ihren Erfordernissen. Er stand immer noch am Steuerrade, und ich fühlte, daß er die Zeit maß, den Lauf der Minuten nach jeder Bewegung, jedem Überkrengen der ›Ghost‹ nach Lee berechnete. »Gehen Sie nach vorn und halten Sie hart an den Wind, aber ohne Lärm«, sagte er leise zu mir. »Holen Sie zuerst die Toppsegel ein. Stellen Sie an alle Schoote Leute. Aber kein Rasseln von Blöcken und kein lautes Wort. Keinen Lärm, hören Sie, keinen Lärm!«

Als alles bereit war, wurde der Befehl »Hart an den Wind!« von Mann zu Mann weitergegeben, bis er mich erreichte; und die ›Ghost‹ schwang sich wirklich fast geräuschlos um die Backbord-Halsen herum. Das einzige, was man hörte – einige Seisinge, die im Winde flatterten, ein paar Böcke, die knarrten, eine Rolle, die kreischte –, wurde geisterhaft von der schweren Decke, die uns einhüllte, zurückgeworfen.

Wir waren kaum mit dem Manöver fertig, als der Nebel sich plötzlich zu verdünnen schien, wir uns wieder im Sonnenschein befanden, und das Meer bis zum Horizont ausgebreitet vor uns lag. Aber der Ozean war leer. Keine zornige ›Macedonia‹ durchbrach die Fläche oder verdunkelte den Himmel mit ihrem Rauch. Wolf Larsen braßte sofort vierkant und lief am Rande der Nebelbank entlang. Seine Absicht war einleuchtend. Er war in Luv des Dampfers in den Nebel gegangen, und während die ›Macedonia‹ um ihn zu fangen, blind hineingestoßen war, hatte er jetzt sein Versteck verlassen, um es auf der Leeseite wieder aufzusuchen. Glückte sein Plan, so wäre das alte Gleichnis von der Stecknadel im Heuschober schwach gewesen neben der Aussicht seines Bruders, ihn zu finden. Es sollte jedoch nicht lange dauern. Wir hatten Fock und Großsegel gejibbt, jetzt setzten wir die Toppsegel und fuhren wieder in den Nebel hinein. Während wir hineintauchten, hätte ich darauf schwören mögen, in Luv einen schwarzen Rumpf gesehen zu haben. Ich warf einen raschen Blick auf Wolf Larsen. Schon waren wir im Nebel begraben, aber er nickte. Auch er hatte es gesehen – die ›Macedonia‹ hatte sein Manöver erraten, und auf ein Haar hätte sie uns überrumpelt. Es war das Werk eines Augenblicks gewesen, aber kein Zweifel: wir waren ungesehen entwischt.

»Das kann er so nicht weitermachen«, sagte Wolf Larsen. »Er muß umkehren, schon seiner Boote wegen. Schicken Sie einen Mann ans Rad, Herr van Weyden, halten Sie vorläufig diesen Kurs, und dann können Sie die Wachen verteilen. Wir werden uns diese Nacht nicht viel Ruhe gönnen können.

Aber ich hätte doch fünfhundert Dollar gegeben,« fügte er hinzu, »um nur fünf Minuten an Bord der ›Macedonia‹ zu sein und meinen Bruder fluchen zu hören.«

»Und nun, Herr van Weyden,« sagte er zu mir, als er beim Rad abgelöst war, »müssen wir unsere neuen Leute bewillkommnen! Geben Sie den Jägern recht viel Whisky und sorgen Sie dafür, daß auch einige Flaschen nach vorn kommen. Ich möchte wetten, daß morgen alle bis auf den letzten Mann umgestimmt sind und ebenso gern für Wolf Larsen jagen, wie bisher für Tod Larsen.«

»Aber werden sie nicht durchbrennen, wie Wainwright?« fragte ich.

Er lachte verschmitzt. »Nicht, solange unsere alten Jäger ein Wörtchen mitzureden haben. Für jedes Fell, das die neuen Jäger schießen, gebe ich ihnen einen Dollar zur Teilung. Wenigstens die Hälfte ihres Jubels heute morgen ist auf das Konto dieses Versprechens zu schreiben. Oh, wenn es auf sie ankommt, wird niemand durchbrennen. Und nun wäre es am besten, wenn Sie nach vorn gingen und Ihren Lazarettdienst verrichteten. Eine stattliche Anzahl Patienten wartet auf Sie.«

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