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Der Seewolf

Jack London: Der Seewolf - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorJack London
titleDer Seewolf
publisherBüchergilde Gutenberg
editorMax Barthel
year1937
translatorErwin Magnus
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20150116
projectid58d188ea
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Als ich sie auf mich zukommen sah, wußte ich, was sie wollte. Ich hatte sie zehn Minuten lang ernst mit dem Maschinisten sprechen sehen, und jetzt zog ich sie außer Hörweite des Rudergastes, indem ich ihr ein Zeichen machte, zu schweigen. Ihr Antlitz war blaß und entschlossen, ihre großen Augen, die die Entschlossenheit noch größer machte, sahen fest in die meinen. Mir war nicht sehr wohl zumute, denn sie kam, um meine Seele zu erforschen, und ich besaß, seit ich auf die ›Ghost‹ gekommen war, nichts mehr, auf das ich besonders stolz hätte sein können. Wir gingen zum Rande der Achterhütte, wo sie sich umwandte und mir ins Gesicht blickte. Ich sah mich um, um mich zu vergewissern, daß niemand in Hörweite war.

»Was gibt es?« fragte ich sanft, aber der entschlossene Ausdruck wich nicht von ihrem Gesicht.

»Ich kann begreifen, daß das, was heute morgen geschah, in der Hauptsache ein Unglücksfall war, aber ich habe mit Herrn Haskins gesprochen, und er erzählt mir, daß an dem Tage, als wir gerettet wurden, während ich in der Kajüte war, zwei Menschen ertränkt, mit Vorbedacht ertränkt – ermordet wurden.«

In ihrer Stimme lag eine Frage, und sie sah mich anklagend an, als ob ich schuldig oder doch wenigstens mitschuldig an der Tat wäre.

»Das ist ganz richtig«, antwortete ich. »Die beiden Männer wurden ermordet.«

»Und das haben Sie zugelassen?« rief sie.

»Ich war nicht imstande, es zu verhindern, so muß es wohl heißen«, entgegnete ich, immer noch sanft.

»Aber haben Sie wenigstens den Versuch gemacht, es zu verhindern?« Sie legte den Ton auf das Wort ›Versuch‹, und ein flehender Klang war in ihrer Stimme. »Ach, Sie haben es nicht getan«, fuhr sie fort, da sie meine Antwort erriet ... »Aber warum nicht?«

Ich zuckte die Achseln. »Sie dürfen nicht vergessen, Fräulein Brewster, daß Sie ein neuer Bewohner dieser kleinen Welt sind und noch nicht die Gesetze, die hier herrschen, verstehen. Sie haben gewiß edle Begriffe von Menschlichkeit, Männlichkeit, Benehmen und ähnlichem mitgebracht, aber Sie werden bald erkennen, daß das alles hier keine Geltung hat. Mir ging es ebenso«, fügte ich, unwillkürlich seufzend, hinzu. Ungläubig schüttelte sie den Kopf.

»Was würden Sie mir denn raten?« fragte ich. »Soll ich ein Messer, ein Gewehr oder eine Axt nehmen und diesen Mann töten?«

Sie wich zurück. »Nein, das nicht!«

»Was sollte ich sonst tun? Mich selbst töten?«

»Sie betrachten die Dinge von einem rein materiellen Standpunkt«, hielt sie mir entgegen. »Es gibt einen sittlichen Mut, und ein solcher sittlicher Mut ist nie wirkungslos.«

»Ach,« lächelte ich, »ich soll weder ihn noch mich töten, sondern mich von ihm töten lassen.« Sie wollte sprechen, aber ich hob die Hand. »Sittlicher Mut ist etwas ganz Wertloses auf dieser schwimmenden kleinen Welt. Leach, der eine der beiden Ermordeten, besaß sittlichen Mut in außergewöhnlich hohem Maße. Ebenso der andere, Johnson. Er hat ihnen nicht nur nichts genützt, er hat sie sogar vernichtet. Und so würde es mir auch geschehen, wenn ich das bißchen sittlichen Mut, das ich besitze, gebrauchen wollte.

Sie müssen verstehen, Fräulein Brewster, völlig verstehen, daß dieser Mann ein Ungeheuer ist. Er besitzt kein Gewissen. Nichts ist ihm heilig, nichts ist so furchtbar, daß er es nicht täte. Eine Laune von ihm hielt mich an Bord zurück. Eine Laune von ihm hat mich am Leben gelassen. Ich tue nichts, kann nichts tun, denn ich bin der Sklave dieses Ungeheuers, wie Sie jetzt seine Sklavin sind, weil ich leben möchte, wie Sie leben möchten, weil ich nicht kämpfen und ihn überwältigen kann, gerade wie Sie nicht imstande wären, ihn zu bekämpfen und zu überwältigen.«

Sie schwieg, wartete offenbar, daß ich fortfahren sollte.

»Was soll ich noch sagen? Mir ist die Rolle des Schwachen zugeteilt. Ich schweige und erdulde die Schmach, wie auch Sie schweigen und dulden werden. Das ist das Beste, was wir tun können, wenn wir am Leben bleiben wollen. Der Kampf entscheidet sich nicht stets für den Starken. Wir haben nicht die Kraft, mit diesem Manne zu kämpfen. Wir müssen heucheln, und wenn wir gewinnen, tun wir es durch Verschlagenheit Wenn Sie sich von mir raten lassen wollen, so richten Sie sich hiernach. Ich weiß, daß meine Lage gefährlich ist, und die Ihre, das kann ich offen sagen, noch gefährlicher. Wir müssen zusammenhalten, müssen ein geheimes Bündnis schließen, ohne daß jemand es merkt. Mir wird es nicht möglich sein, offen Ihre Partei zu ergreifen, und was Unwürdiges mir auch immer auferlegt wird: Sie müssen schweigen. Wir dürfen es nicht auf einen Streit mit diesem Manne ankommen lassen, und wir dürfen seinen Willen nicht durchkreuzen. Wir müssen lächeln und freundlich zu ihm sein, so widerwärtig es uns auch sein mag.«

Sie strich sich mit der Hand über die Stirn und sagte verwirrt: »Es ist mir immer noch unverständlich.«

»Sie müssen tun, wie ich sage«, unterbrach ich sie gebieterisch, denn ich sah, wie Wolf Larsens Blick uns traf, während er mit Latimer mittschiffs auf und ab wanderte. »Tun Sie, wie ich sage, und Sie werden bald sehen, daß ich recht habe.«

»Was soll ich denn tun?« fragte sie, als sie den ängstlichen Blick bemerkte, den ich auf den Gegenstand unserer Unterhaltung warf, und – so schmeichle ich mir – durchdrungen von dem Ernst meiner Worte. »Lassen Sie alle Ihre Begriffe von sittlichem Mut fahren«, sagte ich rasch. »Reizen Sie nicht den Unwillen dieses Mannes. Seien Sie ganz freundlich zu ihm, sprechen Sie mit ihm, streiten Sie sich mit ihm über Literatur und Kunst – er liebt diese Dinge. Sie werden in ihm einen aufmerksamen, verständnisvollen Zuhörer finden. Und um Ihrer selbst willen vermeiden Sie es, soweit möglich, Zeuge der Brutalitäten zu sein, die auf diesem Schiffe geschehen. Das wird es Ihnen erleichtern, Ihre Rolle zu spielen.«

»Ich soll also lügen«, sagte sie fest und mit Empörung in der Stimme. »Lügen in Wort und Tat.«

Wolf Larsen hatte Latimer stehen lassen und kam auf uns zu. Ich erschrak tief.

»Bitte, bitte, mißverstehen Sie mich nicht«, sagte ich rasch, indem ich die Stimme senkte. »Alle Ihre Menschenkenntnis, alle Ihre Erfahrungen sind hier wertlos. Sie müssen ganz umlernen. Ich weiß – ich kann es sehen: Sie haben in anderen Verhältnissen gelebt, sind gewohnt, Menschen mit Ihren Augen zu beherrschen, durch sie gewissermaßen Ihren sittlichen Mut sprechen zu lassen. Sie haben mich bereits mit Ihren Augen beherrscht, mit ihnen über mich geboten. Aber versuchen Sie es nicht mit Wolf Larsen. Ebenso leicht könnten Sie einen Löwen beherrschen, und er würde sich nur über Sie lustig machen. Er würde – ich bin immer stolz darauf gewesen, daß ich ihn entdeckt habe«, sagte ich, indem ich den Gesprächsstoff wechselte, da Wolf Larsen in diesem Augenblick zu uns auf die Achterhütte trat. »Die Redakteure fürchteten ihn, und die Verleger wollten nichts mit ihm zu schaffen haben. Aber ich hatte ihn erkannt, und sein Genie und meine Urteilskraft wurden gerechtfertigt, als er den fabelhaften Erfolg mit seiner ›Schmiede‹ hatte.«

»Und dabei war es ein Zeitungsgedicht«, sagte sie, ebenfalls im Unterhaltungston.

»Es erschien zufällig in einer Zeitung«, erwiderte ich, »aber es hatte schon manchem Zeitschriftenredakteur vorgelegen.

Wir sprechen von Harris«, sagte ich zu Wolf Larsen. »Ach ja«, stimmte er zu. »Ich entsinne mich gut der ›Schmiede‹. Eine Fülle schöner Gefühle und ein allmächtiger Glaube an menschliche Illusionen. Aber Herr van Weyden, Sie sollten sich lieber nach Köchlein umsehen. Er klagt und ist unruhig.«

So wurde ich auf recht derbe Weise von der Achterhütte weggeschickt, und nur, um Mugridge in tiefem Schlummer zu finden nach dem Morphium, das ich ihm gegeben hatte. Ich beeilte mich nicht, wieder an Deck zu kommen, als ich es aber schließlich tat, sah ich zu meiner Freude Fräulein Brewster in angeregter Unterhaltung mit Wolf Larsen. Wie gesagt, freute ich mich über diesen Anblick. Sie befolgte also meinen Rat. Und doch durchzuckte mich ein leichter Schmerz, als ich sah, daß sie tat, um was ich sie gebeten, und was sie vorhin mit Abscheu von sich gewiesen hatte.

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