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Der Seewolf

Jack London: Der Seewolf - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorJack London
titleDer Seewolf
publisherBüchergilde Gutenberg
editorMax Barthel
year1937
translatorErwin Magnus
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20150116
projectid58d188ea
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Ich kann nicht behaupten, daß die Stellung als Steuermann mir einen andern Vorteil gebracht hätte, als daß ich nicht mehr Geschirr abzuwaschen brauchte. Ich wußte nicht das geringste von den elementarsten Pflichten eines Steuermanns, und es würde mir schlecht ergangen sein, hätte ich nicht die Zuneigung der Matrosen besessen. Ich wußte nichts von Tauen und Takelung, nichts von Segeln und Segelsetzen. Aber die Matrosen bemühten sich, mich anzuweisen – namentlich Louis war ein tüchtiger Lehrer –, und meine Untergebenen machten mir keine Schwierigkeiten.

Anders die Jäger. Mehr oder minder mit dem Leben zur See vertraut, nahmen sie mich für eine Art Spaß. Zwar konnte ich es selbst nicht ernst nehmen, daß ich, die ausgemachteste Landratte, das Amt des Steuermanns bekleiden sollte, wenn aber andere einen nicht ernst nehmen, ist das etwas anderes. Ich beklagte mich nicht, aber Wolf Larsen forderte die pünktlichste Innehaltung der Schiffsetikette in bezug auf mich – in weit höherem Maße, als er es bei dem armen Johansen getan, und nachdem er ein paar von ihnen verprügelt und sie eindringlich ermahnt und bedroht hatte, kamen die Jäger zur Vernunft. Ich war vorn und achtern Herr van Weyden, und nur inoffiziell geschah es wohl, daß Wolf Larsen mich noch Hump nannte.

Es war ganz unterhaltend. Während wir bei Tische saßen, schlug zum Beispiel der Wind um, und wenn ich dann aufstand, sagte er: »Herr van Weyden, würden Sie die Güte haben, nach Backbord umzulegen.« Und ich ging an Deck, rief Louis zu mir und ließ mir von ihm sagen, was zu tun war. Wenn ich dann seine Anweisungen verdaut und das Manöver verstanden hatte, ging ich daran, meine Befehle auszuteilen. Ich erinnere mich eines der ersten Fälle dieser Art. Als ich gerade meine Befehle erteilen wollte, erschien Wolf Larsen auf der Szene. Er rauchte seine Zigarre und schaute ruhig zu, dann kam er nach achtern und stellte sich neben mich an die Ruff. »Hump«, sagte er, »Verzeihung: Herr van Weyden, ich gratuliere. Jetzt können Sie Ihrem Vater die Beine ins Grab zurückschicken. Sie haben Ihre eigenen entdeckt und gelernt, auf ihnen zu stehen. Noch ein bißchen Arbeit in den Tauen, einige Übung im Segelsetzen und etwas Erfahrung bei Sturm, und Sie können am Ende der Reise auf jedem Küstenfahrer anheuern.«

In dieser Zeit, zwischen Johansens Tod und der Ankunft in den Robbengründen, verlebte ich meine angenehmsten Tage auf der ›Ghost‹. Wolf Larsen war ganz rücksichtsvoll, die Matrosen halfen mir, und ich kam nicht in diese aufreizende Berührung mit Thomas Mugridge. Und ich muß offen gestehen, daß ich, wie die Tage schwanden, einen gewissen heimlichen Stolz zu fühlen begann. In dieser phantastischen Lage – eine Landratte als Nächstkommandierender – hielt ich mich doch ganz gut, und ich wurde bald selbstbewußt und gewann das Heben und Senken der ›Ghost‹ lieb, die sich unter meinen Füßen ihren Weg durch die tropische See nach der kleinen Insel in Nordwesten bahnte, wo wir unsere Wasserfässer füllen sollten.

Aber mein Glück war nicht ungemischt. Es war nur eine verhältnismäßig weniger unglückliche Periode, die sich zwischen das große Elend von Vergangenheit und Zukunft eingeschlichen hatte. Denn die ›Ghost‹ war für die Matrosen ein Höllenschiff schlimmster Art. Sie hatten nie einen Augenblick Ruhe oder Frieden. Wolf Larsen bezahlte sie für ihren Überfall und die Prügel, die ihm in der Back zuteil geworden waren. Und morgens, mittags, abends und nachts widmete er sich der Aufgabe, ihnen das Leben unerträglich zu machen.

Er kannte die Psychologie der Kleinigkeiten nur zu gut, und mit Kleinigkeiten trieb er die Mannschaft bis an den Rand des Wahnsinns. Ich war Zeuge, wie Harrison aus der Koje geholt wurde, um einen an den falschen Platz gelegten Pinsel richtig hinzulegen, und zwei von der Wachmannschaft aus dem Schlaf geweckt wurden, um mitzugehen und zu sehen, ob er es richtig machte. Eine Kleinigkeit, wohl wahr, wenn aber ein so erfinderischer Kopf tausenderlei erdenkt, so kann man sich den Geisteszustand der Leute in der Back leicht vorstellen.

Natürlich wurde beständig gemurrt, und immer fanden kleine Ausbrüche statt. Schläge wurden ausgeteilt, und zwei bis drei Mann mußten stets die Verletzungen pflegen, die ihnen von der Hand ihres Herrn, dieser menschlichen Bestie, zugefügt worden waren. Offene Meuterei war nicht möglich angesichts des bedeutenden Waffenarsenals im Zwischendeck und in der Kajüte. Leach und Johnson waren die auserwählten Opfer der teuflischen Einfälle Wolf Larsens, und der Ausdruck tiefster Schwermut, der sich auf Johnsons Gesicht und in seinen Augen zeigte, ließ mein Herz bluten.

Anders Leach. In ihm steckte zuviel von einem kämpfenden Raubtier. Er schien von einer unersättlichen Wut besessen, die ihm nicht Zeit ließ, sich seinem Kummer hinzugeben. Seine Lippen waren zu einem beständigen Knurren verzerrt, das sich beim bloßen Anblick Wolf Larsens zu einem furchtbaren, drohenden und, ich glaube, ihm ganz unbewußten Ton verstärkte. Ich habe beobachtet, wie er Wolf Larsen, wie ein wildes Tier seinem Wächter, mit den Augen folgte, während das tierische Knurren tief aus seiner Kehle kam und zwischen den Zähnen zitterte.

Ich erinnere mich, wie ich einmal an Deck bei helllichtem Tage seine Schulter von hinten berührte, um ihm einen Befehl zu erteilen. Im selben Augenblick sprang er in einem Satz von mir weg, indem er knurrte und im Sprunge den Kopf wandte. Er hatte mich für den Verhaßten gehalten.

Er sowohl wie Johnson würde Wolf Larsen bei der ersten Gelegenheit getötet haben, aber die Gelegenheit kam nie. Wolf Larsen war zu klug, und außerdem hatten sie keine entsprechenden Waffen. Mit ihren Fäusten hatten sie keine Chance. Immer wieder kam es zum Kampf zwischen Wolf Larsen und Leach, der sich stets wie eine Wildkatze mit Zähnen, Nägeln und Fäusten wehrte, bis er erschöpft oder ohnmächtig auf dem Deck lag. Und er war stets zu neuem Kampf bereit. Der Teufel in ihm forderte den Teufel in Wolf Larsen heraus. Sie brauchten nur gleichzeitig an Deck zu erscheinen, so waren sie auch schon fluchend, knurrend und kämpfend aneinander, und ich habe Leach gesehen, wie er sich ohne Warnung und ohne Anlaß auf Wolf Larsen stürzte. Einmal schleuderte er sein schweres griffestes Messer und verfehlte Wolf Larsens Kehle nur um einen Zoll. Ein andermal ließ er einen stählernen Marlpfriem vom Besanbaum herunterfallen, auf einem rollenden Schiffe ein schwerer Wurf, aber die scharfe Spitze, die aus einer Höhe von 75 Fuß durch die Luft sauste, verfehlte den Kopf Wolf Larsens, der gerade von der Kajütstreppe kam, um nur zwei Zoll und bohrte sich tief in die feste Deckplanke ein. Ein drittes Mal stahl er sich ins Zwischendeck, setzte sich in den Besitz eines geladenen Gewehrs und schlich sich damit auf Deck, wurde aber von Kerfoot überrascht und entwaffnet.

Ich wunderte mich oft, daß Wolf Larsen ihn nicht tötete und der Sache damit ein Ende machte. Aber er lachte nur, und es schien ihn zu belustigen.

»Es kitzelt,« erklärte er mir, »wenn das Leben nur an einem Haar hängt. Der Mensch ist von Natur aus Spieler, und das Leben ist der höchste Einsatz, den man hat. Je größer die Gefahr, desto mehr kitzelt es. Warum sollte ich mir die Freude rauben, Leachs Seele bis zur Fieberglut zu erhitzen? Übrigens erweise ich ihm damit einen Freundschaftsdienst. Das Gefühl ist gegenseitig. Er führt ein königlicheres Dasein als irgendeiner von der Mannschaft, wenn er es auch nicht weiß. Denn er hat, was die andern nicht haben, ein Ziel, eine Aufgabe, die ihn ganz erfüllt: den Wunsch, mich zu töten, und die Hoffnung, daß ihm dies glücken werde. Wirklich, Hump, er lebt auf den Höhen des Lebens. Ich zweifle, daß er je so frisch und mutig gelebt hat, und beneide ihn zuweilen ehrlich, wenn ich ihn auf dem Gipfel der Leidenschaft und des Gefühls rasen sehe.«

»Ach, das ist feige, feige«, rief ich. »Sie haben ja das Übergewicht.«

»Wer ist der größere Feigling von uns beiden, Sie oder ich?« fragte er ernsthaft. »Die Situation ist unerfreulich, und da schließen Sie ein Kompromiß mit Ihrem Gewissen. Wenn Sie wirklich groß, wenn Sie wahr gegen sich selbst wären, so würden Sie gemeinsame Sache mit Leach und Johnson machen. Aber Sie fürchten sich. Sie wollen leben. Das Leben in Ihnen schreit heraus, daß es leben muß, koste es, was es wolle. Und daher leben Sie unwürdig, werden Ihren besten Träumen untreu, versündigen sich gegen all Ihre jämmerlichen Lehren und schicken Ihre Seele schnurstracks in die Hölle, falls es eine geben sollte. Pah! Ich spiele ein tapferes Spiel. Ich sündige nicht, denn ich bleibe meinen Lebensanschauungen treu.«

Was er sagte, traf mich. Vielleicht war ich wirklich feige, und je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr erschien es mir als meine Pflicht, zu tun, was er mir geraten hatte: gemeinsame Sache mit Leach und Johnson zu machen, um ihn zu beseitigen. Der Gedanke ließ mich nicht los. Es mußte eine gute Tat sein, die Welt von diesem Ungeheuer zu befreien. Die Menschheit würde besser und glücklicher, das Leben schöner und lieblicher dadurch werden.

Ich erwog es lange, lag wach in meiner Koje und ließ die Tatsachen nochmals in endloser Prozession an mir vorbeiziehen. Während der Nachtwachen, wenn Wolf Larsen unten war, sprach ich mit Johnson und Leach. Beide hatten die Hoffnung aufgegeben – Johnson aus Mutlosigkeit, Leach, weil er sich in dem vergeblichen Ringen erschöpft hatte. Aber eines Nachts ergriff er leidenschaftlich meine Hand und sagte:

»Sie sind rechtschaffen, Herr van Weyden. Aber bleiben Sie, wo Sie sind, und halten Sie den Mund. Wir beide, Johnson und ich, sind verloren, ich weiß es – aber vielleicht wird es Ihnen doch eines Tages möglich sein, uns einen Dienst zu erweisen, wenn wir es verdammt nötig haben.«

Ich hatte die Hoffnung gehegt, daß seine Opfer eine Gelegenheit zur Flucht finden würden, wenn wir die Wasserfässer füllten, aber Wolf Larsen hatte seine Maßregeln getroffen. Die ›Ghost‹ lag eine halbe Meile vor der Brandung, und dahinter war öder Strand, den eine wilde Bergschlucht mit steilen vulkanischen, unersteigbaren Wänden abschloß. Und hier, unter seiner eigenen Aufsicht – denn er ging selbst mit an Land –, füllten Leach und Johnson die kleinen Fässer und rollten sie zum Wasser hinab. Sie hatten keine Gelegenheit, mit Hilfe eines Bootes ihre Freiheit zu gewinnen.

Harrison und Kelly jedoch machten einen Fluchtversuch. Sie befanden sich in einem der Boote und hatten die Aufgabe, mit je einem Faß zwischen Strand und Schoner hin und her zu rudern. Gerade vor dem Mittagessen, als sie mit einem leeren Faß an Land fuhren, änderten sie plötzlich den Kurs nach links, um hinter das Vorgebirge zu kommen, das sich zwischen ihnen und der Freiheit aus dem Meere erhob. Jenseits der schäumenden Fläche lagen die hübschen Dörfer der japanischen Kolonisten und lächelnde Täler, die sich weit ins Innere erstreckten. Waren sie erst dort, so konnte Wolf Larsen sich den Mund nach ihnen wischen.

Ich hatte bemerkt, daß Henderson und Smoke den ganzen Morgen auf Deck herumlungerten, und jetzt erfuhr ich den Zweck. Sie nahmen ihre Büchsen und eröffneten lässig ein Feuer auf die Flüchtlinge. Es war eine kalte Darbietung ihrer Schießkunst. Zuerst hüpften ihre Kugeln harmlos über den Wasserspiegel zu beiden Seiten des Bootes, als aber die Leute weiter ruderten, trafen sie immer näher.

»Paß auf: jetzt nehme ich Kellys rechten Riemen«, sagte Smoke, indem er sorgfältig zielte.

Ich sah durch das Glas, wie das Ruderblatt durch seinen Schuß zersplittert wurde. Henderson wählte sich Harrisons rechten Riemen zum Ziel. Das Boot drehte sich. Einen Augenblick später waren auch die beiden andern Riemen zerschossen. Die Leute versuchten mit den Stümpfen zu rudern, aber sie wurden ihnen aus den Händen geschossen. Kelly brach eine Bodenplanke los und begann damit zu paddeln, ließ sie aber mit einem Schmerzensruf fallen, als die Splitter ihm in die Hand drangen. Jetzt gaben sie es auf und ließen das Boot treiben, bis ein zweites Boot, das Wolf Larsen vom Strande schickte, sie ins Schlepptau nahm und an Bord brachte.

Spät am Nachmittage lichteten wir die Anker und fuhren weiter. Vor uns lagen drei bis vier Monate Jagd in den Robbengründen. Diese Aussicht war in der Tat trübe, und ich ging schweren Herzens an meine Arbeit. Eine Art Grabesstimmung schien sich auf die ›Ghost‹ herabgesenkt zu haben. Wolf Larsen hatte sich, von seinen merkwürdigen, betäubenden Kopfschmerzen gepackt, in seine Koje zurückgezogen. Harrison stand teilnahmslos am Rad, halb darauf gestützt, als drücke ihn sein eigenes Gewicht zu Boden. Die übrige Mannschaft war mürrisch und schweigsam. Ich überraschte Kelly, der, den Kopf auf den Knien und die Arme um den Kopf, in einer Haltung unaussprechlicher Niedergeschlagenheit neben der Achterluke zusammengebrochen war.

Johnson fand ich seiner ganzen Länge nach auf dem äußersten Rande der Back liegend, wo er unverwandt in den aufgewühlten Schaum unter sich starrte. Ich versuchte, die düsteren Gedanken des Mannes abzulenken, indem ich ihn zu mir rief, aber er lächelte mich nur traurig an und weigerte sich, zu gehorchen. Als ich nach achtern ging, näherte sich Leach mir.

»Ich möchte Sie um etwas bitten, Herr van Weyden«, sagte er. »Wollen Sie, wenn Sie je das Glück haben sollten, Frisco wiederzusehen, Matt McCarthy aufsuchen? Er ist mein Vater. Er wohnt auf dem Hügel, gleich hinter der Mayfair-Bäckerei, und betreibt eine Schuhflickerwerkstatt, die jeder kennt, Sie werden ihn ohne Schwierigkeiten finden. Sagen Sie ihm, daß ich lange genug gelebt habe, um all die Sorge zu bereuen, die ich ihm bereitet habe, und – Gott segne ihn.«

Ich nickte, sagte aber: »Wir werden alle nach San Francisco zurückkehren, Leach, und du wirst mit dabei sein, wenn ich Matt MacCarthy besuche.«

»Ich möchte es gern glauben«, antwortete er, indem er mir die Hand schüttelte, »aber ich kann nicht. Wolf Larsen bringt mich um, das weiß ich, und ich hoffe, daß er es schnell tut.«

Und als er mich verließ, spürte ich denselben Wunsch in mir selber. Es geschah ja doch, also dann lieber schnell. Die allgemeine Finsternis hatte auch mich eingehüllt. Das Schlimmste schien unvermeidlich. Und wie ich Stunde auf Stunde an Deck auf und ab schritt, war mir, als hätten mich die abstoßenden Gedanken Wolf Larsens angesteckt. Wozu das alles? Wo war die Größe des Lebens, wenn es eine so maßlose Vernichtung menschlicher Seelen zulassen konnte? Alles in allem war dieses Leben etwas Billiges, Nichtiges, und je eher es vorbei war, desto besser. Auch ich lehnte mich über die Reling und starrte sehnsüchtig ins Meer hinab, sicher, daß ich früher oder später versinken mußte in dieser kühlen, grünen Tiefe der Vergessenheit.

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