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Der Seewolf

Jack London: Der Seewolf - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorJack London
titleDer Seewolf
publisherBüchergilde Gutenberg
editorMax Barthel
year1937
translatorErwin Magnus
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20150116
projectid58d188ea
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Drei Tage lang verrichtete ich neben meiner eigenen Arbeit auch die von Thomas Mugridge, und ich schmeichle mir, daß ich sie gut tat. Ich weiß, daß sie Wolf Larsens Beifall fand, während die Matrosen in der kurzen Zeit meines Regiments vor Zufriedenheit strahlten. »Der erste saubere Bissen, seit ich an Bord bin«, sagte Harrison zu mir, als er mir die Töpfe und Pfannen von der Back wieder an die Kombüsentür brachte. »Tommys Essen schmeckt immer nach ranzigem Fett, und ich wette, er hat, seit wir Frisco verließen, das Hemd nicht gewechselt.«

»Ich weiß, daß er es nicht getan hat«, sagte ich.

»Und ich wette, er schläft sogar damit«, fügte Harrison hinzu.

»Die Wette verlierst du nicht«, stimmte ich ihm lebhaft bei.

»Er hat das Hemd in der ganzen Zeit noch nicht ein einziges Mal vom Leibe gehabt.«

Aber drei Tage waren alles, was Wolf Larsen dem Koch zugestand, um sich von den Wirkungen der erhaltenen Prügel zu erholen. Am vierten wurde er, noch lahm und wund und kaum imstande, die Augen zu öffnen, beim Kragen gepackt und aus seiner Koje zur Arbeit geschleppt. Er jammerte und weinte, aber Wolf Larsen hatte kein Mitleid.

»Und sieh zu, daß du uns keinen solchen Fraß mehr auftischst«, schärfte er ihm zum Schluß ein. »Kein Fett und keinen Dreck, vergiß das nicht, und hin und wieder ein reines Hemd, oder du wirst gekielholt. Verstanden?«

Thomas Mugridge kroch über den Fußboden der Kombüse, und ein kurzer Stoß der ›Ghost‹ brachte ihn aus dem Gleichgewicht. Bei dem Versuch, es wieder zu erlangen, faßte er nach der eisernen Stange um den Herd, die die Töpfe am Herunterrutschen hindern sollte, griff aber daneben, und seine Hand landete mit ihrer ganzen Fläche auf der heißen Herdplatte. Es zischte, der Geruch von verbranntem Fleisch verbreitete sich, und er stieß ein Schmerzensgeheul aus.

»O Gott, o Gott, was hab' ich getan?« wimmerte er, indem er sich auf den Kohlenkasten setzte und vor Schmerz hin und her rückte. »Warum muß ich so schwer geprüft werden, ich, der keiner Fliege je etwas zuleide getan hat?«

Die Tränen rannen über seine geschwollenen, verfärbten Wangen, und sein Gesicht war vor Schmerz verzogen. Ein wilder Ausdruck fuhr darüber hin.

»Oh, wie ich ihn hasse! Wie ich ihn hasse!« knirschte er. »Wen?« fragte ich, aber der arme Wicht weinte wieder über sein Mißgeschick. Es war weniger schwer zu erraten, wen er haßte, als wen er nicht haßte. Denn immer mehr sah ich in ihm einen boshaften Teufel, der die ganze Welt haßte. Und manchmal dachte ich, daß er sogar sich selber haßte, so schrecklich und unnatürlich war das Leben mit ihm umgesprungen. In solchen Augenblicken konnte Mitleid in mir aufsteigen, und ich schämte mich, daß ich mich je über seine Niederlage und seine Schmerzen gefreut hatte. Das Leben hatte ihm einen gemeinen Streich gespielt, als es ihn zu dem machte, der er war, und seither spielte es ihm einen gemeinen Streich nach dem andern. Welche Möglichkeiten hatte er gehabt, anders zu werden, als er geworden war? Und als ob er meine unausgesprochenen Gedanken beantworten wollte, wimmerte er:

»Ich hab' nie Glück gehabt, nie auch nur das kleinste bißchen Glück! Wer war da, um mich in die Schule zu schicken, mir ein Stück Brot in den hungrigen Schnabel zu stecken oder die blutige Nase zu wischen, als ich noch ein kleiner Junge war? Wer hat je was für mich getan, he? Wer, frage ich?«

»Mach' dir nichts daraus, Tommy«, sagte ich und legte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter. »Faß Mut. Am Ende wird noch alles gut. Du hast noch ein langes Leben vor dir und kannst aus dir machen, was du willst.«

»Das ist Lüge! Verdammte Lüge!« schrie er mir ins Gesicht und schleuderte meine Hand fort. »Es ist Lüge, und das weißt du. Ich bin aus Resten und Abfall gemacht. Für dich ist es nicht schwer, Hump. Du bist als feiner Herr geboren. Du hast nie erfahren, was es heißt, sich hungrig in Schlaf zu weinen, während dein Magen knurrt, als ob eine Ratte darin säße. Es kann nicht gut werden. Und wenn ich morgen Präsident der Vereinigten Staaten würde, wie könnte das den Hunger stillen, den ich früher gelitten habe?

Wie könnte es wohl? frage ich. Ich bin für Leiden und Sorgen geboren. Ich habe mehr durchgemacht als zehn andere zusammen, jawohl! Ich habe mein halbes Leben im Krankenhaus gelegen. Ich hatte Fieber in Aspinwall in Havanna, in New Orleans. Ich wäre fast an Skorbut gestorben und faulte sechs Monate daran in Barbados. Pocken in Honolulu, beide Beine gebrochen in Schanghai, Lungenentzündung in Alaska, drei gebrochene Rippen und eine innere Quetschung in Frisco. Und jetzt bin ich hier. Schau mich an! Schau mich an! Meine Rippen wieder vom Rücken losgeprügelt. Ich werde Blut spucken, ehe die Sonne wieder aufgeht. Wie sollte das anders für mich werden? frage ich. Wer sollte es gutmachen? Gott? Ach, Gott muß mich gehaßt haben, als er meinen Heuerkontrakt für die Reise durch seine blühende Welt unterschrieb!«

Dieser Ausbruch wider sein Geschick währte eine Stunde oder noch länger, und dann machte er sich, hinkend und stöhnend, und die Augen von Haß gegen die ganze Welt leuchtend, an die Arbeit.

Seine Diagnose war indessen richtig gewesen, denn er wurde von Anfällen gepackt, in denen er Blut brach und starke Schmerzen hatte. Und er schien recht zu haben: Gott haßte ihn zu sehr, um ihn sterben zu lassen, denn er wurde schließlich wieder gesund und war boshafter als je.

Mehrere Tage vergingen noch, ehe Johnson an Deck kroch und mutlos an seine Arbeit ging. Er war noch krank, und mehr als einmal beobachtete ich, wie schmerzhaft es für ihn war, zu einem Toppsegel hinaufzuklettern, und wie er zusammenfiel, wenn er am Steuerrad stand. Aber das Schlimmste war: Sein Mut schien gebrochen. Er kroch vor Wolf Larsen und lag vor Johansen beinahe auf dem Bauche vor Furcht. Anders Leach. Der ging an Deck umher wie ein Tigerjunges und schleuderte offen seine haßerfüllten Blicke auf Wolf Larsen und Johansen.

»Ich werde schon mit dir fertig werden, du plattfüßiger Schwede!« hörte ich ihn eines Nachts auf Deck zu Johansen sagen.

Der Steuermann verfluchte ihn in der Dunkelheit, und im nächsten Augenblick traf irgendein Wurfgeschoß mit scharfem Stoß die Kombüse. Noch einige Flüche ertönten, ein höhnisches Lachen, dann war alles still. Ich stahl mich hinaus und fand ein schweres Messer, das über einen Zoll tief in dem festen Holze steckte. Einige Minuten später kam der Steuermann, tappte herum und suchte es. Aber ich gab es Leach heimlich am nächsten Tage wieder. Er grinste, als ich es ihm reichte, aber in diesem Grinsen lag mehr wahre Dankbarkeit als in dem ganzen Strom schöner Worte von einem meiner eigenen Klasse.

Als einziger von der ganzen Besatzung lebte ich mit allen auf gutem Fuße und stand in aller Gunst. Die Jäger duldeten mich möglicherweise nur, obgleich mich keiner von ihnen haßte. Smoke und Henderson, die als Genesende in Hängematten unter einem über Deck gespannten Sonnensegel lagen, versicherten mir jedoch, ich sei besser als eine Krankenschwester, und sie würden an mich denken, wenn sie am Ende der Reise ihre Löhnung ausbezahlt erhielten. (Als ob ich ihres Geldes bedurft hätte! Ich, der ich den ganzen Schoner mit allem, was an Bord war, hätte kaufen und zwanzigfach bezahlen können!) Aber mir war die Aufgabe zugefallen, ihre Wunden zu pflegen und sie durchzubringen, und ich tat mein Bestes.

Wolf Larsen hatte wieder einen zweitägigen Anfall von Kopfschmerzen. Er mußte schrecklich leiden, denn er rief mich zu sich und gehorchte meinen Anweisungen wie ein krankes Kind. Aber ich konnte nichts tun, um ihm Erleichterung zu schaffen. Auf meine Ermahnung rauchte und trank er jedoch nicht. Wieso ein so prachtvolles Tier wie er überhaupt Kopfschmerzen haben konnte, war mir rätselhaft.

»Es ist Gottes Hand, sage ich dir.« Das war Louis' Auffassung. »Es ist eine Heimsuchung zur Strafe für seine schwarzen Taten, und es wird noch ganz anders kommen, oder – –«

»Oder – –«, forschte ich.

»Oder Gott schläft und versäumt seine Pflicht – obwohl ich das wohl eigentlich nicht sagen dürfte.«

Wenn ich sagte, daß ich mit allen auf gutem Fuße stand, so war das ein Irrtum. Thomas Mugridge fährt nicht nur fort, mich zu hassen, er hat sogar einen neuen Grund für seinen Haß entdeckt. Es dauerte ziemlich lange, bis ich ihn erkannte, aber schließlich wußte ich ihn: Ich war unter einem glücklicheren Stern als ›feiner Herr‹ geboren, wie er sagte.

»Und immer noch kein Toter wieder?« neckte ich Louis, als Smoke und Henderson Seite an Seite in freundschaftlicher Unterhaltung ihren ersten Gang an Deck machten.

Louis betrachtete mich mit einem prüfenden Blick seiner verschmitzten grauen Augen und schüttelte unheilverkündend den Kopf. »Das kommt schon noch, sag' ich dir, und man wird ein Liedchen davon singen können, wenn's erst losgeht. Ich spüre es die ganze Zeit, und jetzt fühle ich es so deutlich, wie ich die Takelung in dunkler Nacht fühle. Es ist nahe, ganz nahe.«

»Wer wird der erste?« fragte ich.

»Nicht der dicke alte Louis, das verspreche ich dir«, lachte er. Denn es steckt mir in den Knochen, daß ich nächstes Jahr um diese Zeit bestimmt in die alten Augen meiner Mutter schauen werde. Nach den fünf Söhnen, die sie bereits der See geschenkt hat, hat sie sich trübe gestarrt.«

»Was wollte er von dir?« fragte Thomas Mugridge mich gleich darauf.

»Er erzählte mir, daß er nach Hause will, um seine Mutter wiederzusehen«, antwortete ich diplomatisch. »Ich hab' nie eine gehabt«, meinte der Cockney und blickte mit matten, hoffnungslosen Augen in die meinen.

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