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Der Seewolf

Jack London: Der Seewolf - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorJack London
titleDer Seewolf
publisherBüchergilde Gutenberg
editorMax Barthel
year1937
translatorErwin Magnus
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20150116
projectid58d188ea
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Die letzten vierundzwanzig Stunden sind Zeugen eines reinen Karnevals von Roheit gewesen. Von der Kajüte bis zur Back verbreitete es sich wie eine ansteckende Krankheit. Ich weiß kaum, wo beginnen. Wolf Larsen war der eigentliche Urheber. Das Verhältnis zwischen der Besatzung war gespannt und feindselig infolge von Groll und Streitigkeiten. Bis jetzt war das Gleichgewicht gewahrt worden, aber nun flammten die bösen Leidenschaften auf und loderten wie ein Präriebrand.

Thomas Mugridge ist ein Duckmäuser, ein Spion und Hinterträger. Er hat versucht, sich beim Kapitän wieder lieb Kind zu machen, indem er die Mannschaft verklatschte. Ich weiß, daß er Wolf Larsen einige voreilige Worte Johnsons hinterbrachte. Johnson soll sich Ölzeug aus der Schiffskleiderkiste gekauft haben, das von sehr zweifelhafter Güte war. Er hielt mit dieser Tatsache nicht hinter dem Berge. Die Schiffskleiderkiste ist eine Art Miniaturwarenlager, das ein Robbenschoner an Bord hat, und das den Ansprüchen der Matrosen gemäß zusammengestellt ist. Was ein Matrose kauft, wird später von seinem Verdienst am Robbenfang abgezogen, denn Puller und Bootssteurer erhalten, ebenso wie die Jäger, statt der Heuer einen Anteil am Gewinn, nämlich einen gewissen Betrag für jedes von ihrem Boot erbeutete Fell.

Von Johnsons Unzufriedenheit mit dem Ölzeug wußte ich jedoch nichts, und was ich erlebte, kam daher wie ein Blitz aus heiterem Himmel für mich. Ich war gerade mit dem Aufräumen der Kajüte fertig, als Johansen, von Johnson gefolgt, die Kajütstreppe herunterkam. Johnson nahm nach Seemannsart die Mütze ab, stand ehrerbietig, schwer im Rollen des Schoners schwankend, mitten in der Kajüte und blickte dem Kapitän offen in die Augen.

»Schließen Sie die Tür und riegeln Sie ab«, sagte Wolf Larsen zu mir.

Als ich gehorchte, bemerkte ich einen ängstlichen Ausdruck in Johnsons Augen, aber die Ursache ließ ich mir nicht träumen. Ich ahnte nicht, was kommen sollte, bis es geschah, er aber wußte vom ersten Augenblick an, was seiner wartete, und sah seinem Schicksal tapfer in die Augen. Und seine Handlungsweise war für mich die völlige Widerlegung von Wolf Larsens ganzem Materialismus. Der Matrose Johnson war im Recht, und er wußte das und war furchtlos. Er würde im Notfall für dieses Recht gestorben sein. Er blieb sich und seiner Seele treu. Und das kennzeichnete den Sieg des Geistes über das Fleisch, die Unbestechlichkeit und Größe einer Seele, die sich nicht unterjochen ließ, sondern sich über Zeit, Raum und Materie erhob mit einer Sicherheit und Unüberwindlichkeit, die nichts anderm entspringt als Ewigkeit und Unsterblichkeit.

Ich bemerkte zwar den ängstlichen Ausdruck in Johnsons Augen, hielt ihn jedoch irrtümlich für die angeborene Schüchternheit und Verlegenheit des Mannes. Johansen, der Steuermann, stand einige Fuß entfernt neben ihm, und gut drei Yards ihm gegenüber saß Wolf Larsen auf einem Kajütendrehstuhl. Als ich die Tür geschlossen und abgeriegelt hatte, trat eine merkbare Pause ein, eine Pause, die eine ganze Minute dauern mochte. Sie wurde von Wolf Larsen beendet. »Yonson«, begann er.

»Ich heiße Johnson, Käptn«, verbesserte ihn der Matrose kühn.

»Schön, also Johnson, in Teufels Namen! Kannst du erraten, warum ich dich rufen ließ?«

»Ja und nein, Käptn«, antwortete er langsam. »Meine Arbeit tue ich gut. Daß weiß der Steuermann, und das wissen Sie, Käptn. Es kann also keinen Grund zur Klage über mich geben.«

»Und das ist alles?« fragte Wolf Larsen; seine Stimme war sanft und leise, er schnurrte fast wie eine Katze. »Ich weiß, daß Sie es auf mich abgesehen haben«, fuhr Johnson mit unerschütterlicher, schwerfälliger Langsamkeit fort. »Sie können mich nicht leiden. Sie – Sie –«

»Weiter«, trieb ihn Wolf Larsen an. »Hab' nur keine Angst vor meinen Gefühlen.«

»Ich habe keine Angst«, entgegnete der Matrose rasch, und eine leichte Zornesröte wurde unter seiner sonnenverbrannten Haut sichtbar. »Wenn ich langsam spreche, so kommt es daher, daß ich meine Heimat noch nicht so lange verlassen habe wie Sie. Sie können mich nicht leiden, weil ich zu sehr Mann bin, das ist der Grund, Käptn.«

»Du bist zu sehr Mann, um dich der Schiffsdisziplin zu fügen, wenn du das meinst, und wenn du verstehst, was ich meine«, erwiderte Wolf Larsen.

»Ich verstehe englisch, und ich weiß, was Sie meinen, Käptn«, antwortete Johnson und errötete noch mehr bei der Anspielung auf seine Sprachkenntnisse.

»Johnson«, sagte Wolf Larsen mit einem Ausdruck, der erkennen ließ, daß er alles Bisherige nur als Einleitung angesehen hatte und jetzt auf die Hauptsache kommen wollte, »ich höre, daß du nicht zufrieden mit dem Ölzeug bist?«

»Nein, ich bin nicht zufrieden. Es taugt nichts, Käptn.« »Und du hast große Töne darüber geredet.«

»Ich sage, was ich denke, Käptn«, antwortete der Matrose mutig, ohne die an Bord eines Schiffes herrschende Etikette zu vergessen.

In diesem Augenblick fielen meine Augen zufällig auf Johansen. Seine großen Fäuste ballten und öffneten sich wieder, und sein Gesicht hatte einen geradezu teuflischen Ausdruck, so furchtbar blickte er Johnson an. Ich sah, daß Johansen noch ein blaues Auge hatte, ein Denkzettel von den ihm von Johnson vor einigen Nächten erteilten Prügeln. Jetzt erst begann ich zu ahnen, daß sich etwas Schreckliches abspielen sollte, wenn ich mir auch nicht denken konnte, was.

»Weißt du, was dem geschieht, der sagt, was du über mich und meine Waren gesagt hast?« fragte Wolf Larsen.

»Ich weiß es, Käptn.«

»Was denn?« fragte Wolf Larsen scharf und gebieterisch.

»Was Sie und der Steuermann im Begriff sind, mit mir zu tun, Käptn.«

»Sehen Sie ihn sich an, Hump«, sagte Wolf Larsen zu mir. »Sehen Sie sich das bißchen beseelten Staub an, dies Häufchen Materie, das sich bewegt und atmet und mir Trotz zu bieten wagt, und das fest davon überzeugt ist, aus etwas Gutem zu bestehen, das von gewissen menschlichen Phantastereien von Gerechtigkeit und Ehrlichkeit durchdrungen ist und an ihnen festhält trotz aller persönlichen Unannehmlichkeiten und Drohungen. Was halten Sie von ihm, Hump? Nun, was halten Sie von ihm?«

»Ich finde, er ist ein besserer Mensch als Sie«, antwortete ich, wohl von dem Wunsche getrieben, einen Teil des Zornes abzulenken, der sich, wie ich fühlte, über das Haupt des Matrosen entladen mußte. »Seine menschlichen Phantastereien, wie Sie es zu nennen belieben, schaffen Edelmut und Männlichkeit. Sie kennen keine Phantastereien, keine Träume, keine Ideale. Sie sind ein Bettler.«

Er nickte mit wilder Lust. »Ganz recht, Hump, ganz recht. Ich kenne keine Phantastereien, die Edelmut und Männlichkeit schaffen. Mit dem Prediger sage ich, daß ein lebender Hund besser ist als ein toter Löwe. Ich kenne nur eine Lehre: die der Selbstsucht und des Lebenswillens. Dies bißchen Hefe, das sich Johnson nennt, wird, sobald es nicht länger Hefe, sondern nur noch ein Häufchen Staub und Asche ist, nicht mehr Edelmut besitzen als Staub und Asche im allgemeinen – während ich weiter lebe und brülle. – Wissen Sie, was ich tun werde?« fragte er.

Ich schüttelte den Kopf.

»Nun, ich werde Ihnen das Recht des Stärkeren demonstrieren und Ihnen zeigen, wohin Edelmut führt. Passen Sie auf.«

Drei Yards saß er von Johnson entfernt. Neun Fuß! Und doch machte er geradeswegs aus seiner sitzenden Stellung einen Satz wie ein Tiger, und wie ein Tiger durchschoß er den Raum zwischen sich und dem Matrosen. Es war eine Lawine von Wut, die Johnson vergebens abzuwehren versuchte. Mit dem einen Arm suchte er seinen Bauch, mit dem andern das Gesicht zu beschützen. Aber Wolf Larsens Faust traf zwischen beide mit einem zermalmenden, widerhallenden Stoß. Johnson stockte der Atem, dann entwich die Luft pfeifend seiner Lunge. Er fiel beinahe hintenüber und schwankte von einer Seite nach der andern, um das Gleichgewicht wiederzuerlangen.

Ich bin nicht imstande, alle Einzelheiten der grauenvollen Szene, die jetzt folgte, wiederzugeben. Es war empörend. Selbst jetzt noch werde ich krank, wenn ich daran denke. Johnson leistete tapferen Widerstand, aber einem Wolf Larsen war er nicht gewachsen, und noch weniger Wolf Larsen und dem Steuermann zusammen. Es war furchtbar. Ich hatte nie gedacht, daß ein menschliches Wesen soviel ertragen und dabei noch leben und kämpfen könnte. Und Johnson kämpfte. Natürlich hatte er keine Hoffnung, nicht die leiseste Hoffnung, und das wußte er ebensogut wie ich. aber seine Mannhaftigkeit erlaubte ihm nicht, den Kampf aufzugeben.

Es wurde zuviel für mich, ich konnte es nicht mehr mit ansehen. Ich fühlte, daß ich im Begriff war, den Verstand zu verlieren, und stürzte die Kajütstreppe hinauf, um die Tür zu öffnen und an Deck zu fliehen. Aber Wolf Larsen ließ einen Augenblick von seinem Opfer ab, erwischte mich mit einem seiner ungeheuren Sprünge und schleuderte mich zurück in die fernste Ecke der Kajüte.

»Die Lebensphänomene, Hump«, höhnte er. »Bleiben Sie stehen und beobachten Sie sie. Sie können Material über die Unsterblichkeit der Seele sammeln. Im übrigen können wir Johnsons Seele ja gar nicht verletzen. Wir können höchstens ihre vergängliche Form zerstören.«

Jahrhunderte schienen vergangen – wahrscheinlich waren es nicht mehr als zehn Minuten, daß die Mißhandlung dauerte. Wolf Larsen und Johansen waren ganz von ihrem Tun in Anspruch genommen. Sie trafen ihn mit ihren Fäusten, stießen ihn mit ihren schweren Schuhen, schlugen ihn zu Boden und rissen ihn wieder hoch, um ihn von neuem hinzuschleudern. Seine Augen waren geblendet, er konnte nichts sehen. Das Blut rann ihm aus Ohren, Nase und Mund und verwandelte die Kajüte in ein Schlachthaus. Und als er sich nicht mehr erheben konnte, schlugen sie weiter auf den am Boden Liegenden ein.

»Sachte, Johansen, sachte, es ist genug!« sagte Wolf Larsen endlich.

Aber die Bestie war los in dem Steuermann, und Wolf Larsen mußte ihn mit einer Handbewegung beiseitefegen – anscheinend ganz sanft, aber Johansen flog wie ein Kork zurück, und sein Kopf schlug mit einem Knall gegen die Wand. Halb betäubt fiel er zu Boden und blieb einen Augenblick keuchend und blöde blinzelnd liegen.

»Tür auf, Hump!« wurde mir befohlen.

Ich gehorchte, und die beiden Bestien hoben den Ohnmächtigen wie einen Sack Lumpen auf und zwängten ihn die Treppe hinauf und durch die enge Türöffnung an Deck. Das Blut schoß aus seiner Nase in einem scharlachroten Strahl über die Füße des Rudergastes, der kein andrer als Louis, sein Bootssteurer, war. Aber Louis bediente sein Rad und blickte unerschütterlich ins Kompaßhaus.

Anders George Leach, der frühere Kajütsjunge. Auf dem ganzen Schiffe hätte mich nichts so überraschen können wie sein Benehmen. Ohne Befehl kam er nach der Ruff und schleppte Johnson nach vorn, wo er sich mit ihm zu schaffen machte und ihm die Wunden, so gut er konnte, verband. Johnson war nicht mehr als Johnson kenntlich. Und nicht nur das, seine Züge hatten überhaupt jedes menschliche Gepräge verloren, so verzerrt und verschwollen waren sie in der kurzen Zeit, seit er die Kajüte betreten hatte.

Während ich die Kajüte säuberte, hatte Leach sich Johnsons angenommen. Ich kam an Deck, um frische Luft zu schöpfen und zu versuchen, meine erregten Nerven ein wenig zur Ruhe zu bringen. Wolf Larsen rauchte seine Zigarre und untersuchte das Patentlog, das gewöhnlich achtern nachschleppte, aber aus irgendeinem Grunde eingeholt war.

Plötzlich drang Leachs Stimme an mein Ohr. Sie war angestrengt und heiser vor verhaltener Wut. Ich drehte mich um und sah ihn gerade an der Backbordseite der Kombüse neben der Hütte stehen. Sein Gesicht war weiß und verzerrt, seine Augen blitzten, und er hob die geballten Fäuste gegen Wolf Larsen.

»Gott verdamme deine Seele in die Hölle, Wolf Larsen! Die Hölle ist noch zu gut für dich, Feigling, Mörder, Schweinehund!« Mit diesem Gruß begann er. Ich war wie vom Donner gerührt. Ich erwartete seine augenblickliche Vernichtung. Aber Wolf Larsen war nicht in der Laune, ihn zu vernichten. Er schlenderte langsam die Ruff hinab, stützte die Ellbogen auf das Kajütendach und blickte nachdenklich und neugierig den aufgeregten Jungen an.

Und der Junge überschüttete Wolf Larsen mit Anklagen, wie sie ihm noch nie gesagt worden waren. Die Matrosen sammelten sich furchtsam vor der Achterluke, sahen zu und lauschten. Die Jäger drängten sich aus dem ›Zwischendeck‹ heraus, und als Leach auch jetzt noch nicht schwieg, blickten sie besorgt herüber. Selbst sie waren erschrocken, nicht über die furchtbaren Worte des Jungen, sondern über seinen entsetzlichen Wagemut. Es erschien ihnen ganz undenkbar, daß ein lebendes Wesen Wolf Larsen derart Trotz bieten sollte. Ich selbst war erschüttert, so bewunderte ich den Jungen, in dem ich jetzt die herrliche seelische Unüberwindlichkeit sah, die sich über das Fleisch und die Furchtsamkeit des Fleisches erhob, um, wie die alten Propheten, die Ungerechtigkeit zu verfluchen.

Leach wütete wie ein Wahnsinniger. Auf seine Lippen trat seifiger Schaum, und zuweilen ging ihm der Atem aus, daß er nur unartikulierte Laute hervorbringen konnte.

Während dieser ganzen Zeit stand Wolf Larsen ruhig und untätig, auf die Ellbogen gestützt, da und bildete, wie in tiefe Neugier versunken, hinunter.

Jeden Augenblick erwartete ich – und alle mit mir –, daß er sich auf den Jungen stürzen und ihn vernichten würde. Aber in der Laune war er nicht. Seine Zigarre ging aus, und er blickte weiter, stumm und prüfend. Leach hatte sich in eine wahre Ekstase ohnmächtiger Wut verrannt.

»Schwein, Schweinehund! Schweinehund!« wiederholte er immer wieder mit der vollen Kraft seiner Lunge. »Warum kommst du nicht herunter und tötest mich, Mörder? Tu es doch! Ich fürchte mich nicht! Niemand hindert dich! Verdammt, lieber tot als lebendig und in deinen Klauen! Komm doch, Feigling! Töte mich! Töte mich! Töte mich!«

In diesem Augenblick betrat Thomas Mugridge, von seiner ruhelosen Seele getrieben, den Schauplatz. Er hatte an der Kombüsentür gelauscht, kam aber jetzt heraus, vorgeblich, um Abfall über Bord zu werfen, in Wirklichkeit aber, um zu sehen, wie Leach getötet würde, was er bestimmt erwartete. Er schmunzelte in seiner fettigen Art Wolf Larsen zu, der ihn jedoch nicht zu sehen schien. Aber das störte den Cockney nicht. Er wandte sich an Leach:

»Welche Sprache! Pfui Teufel!«

Leachs Wut war nicht mehr ohnmächtig. Hier war ein Gegenstand, an dem er sie auslassen konnte. Und dazu war es das erstemal, daß der Koch ohne sein Messer an Deck erschien, seit er Leach angefallen hatte. Kaum hatte er ausgesprochen, als Leach ihn auch schon zu Boden schlug. Dreimal sprang Mugridge auf und versuchte, die Kombüse zu erreichen, und jedesmal wurde er wieder niedergeschmettert.

»O Gott!« schrie er. »Hilfe! Hilfe! Haltet ihn, hört ihr, haltet ihn!«

Die Jäger lachten aus reiner Erleichterung. Die Tragödie war vorbei, jetzt begann der Schwank. Die Matrosen rotteten sich achtern kühn zusammen, grinsten und schoben sich immer näher, um zu sehen, wie mit dem verhaßten Cockney abgerechnet wurde. Und selbst ich fühlte eine große Freude in mir aufsteigen. Ich gestehe, daß ich mich über die Prügel, die Thomas Mugridge von Leach bekam, freute, obgleich sie schrecklich, fast ebenso schrecklich waren wie die, die Mugridge Johnson verschafft hatte. Aber in Wolf Larsens Gesicht änderte sich nicht eine Miene. Er änderte nicht einmal seine Stellung, sondern blickte weiter mit großer Neugier herab. Trotz all seiner unfehlbaren Gewißheit schien er Spiel und Bewegung des Lebens in der Hoffnung zu beobachten, etwas Neues zu erfahren, in seinen tollsten Zuckungen etwas zu finden, das ihm bisher entgangen war – vielleicht den Schlüssel zu dem Geheimnis, der alles offenbarte. Aber die Prügelei! Sie war ähnlich der, der ich in der Kajüte beigewohnt hatte. Vergebens suchte der Koch sich gegen den rasenden Jungen zu wehren. Und vergebens suchte er die schützende Kombüse zu erreichen. Er rollte, kroch, fiel zu ihr hin, wenn er zu Boden geschlagen wurde. Aber ein Schlag folgte dem andern mit verwirrender Schnelligkeit. Wie ein Federball wurde er hin und her gepufft, bis er endlich, hilflos auf dem Deck liegend, wie Johnson geschlagen und gestoßen wurde. Und keiner legte sich dazwischen. Leach hätte ihn töten können, da aber das Maß seiner Rache offenbar voll war, zog er sich von seinem niedergestreckten Feinde zurück, der winselte und jammerte wie ein Hund, und schritt nach der Back.

Aber diese beiden Scharmützel waren nur die einleitenden Ereignisse des Tagesprogramms. Am Nachmittag fielen Smoke und Henderson über einander her. Schuß auf Schuß knallte im Zwischendeck, gefolgt von einer wilden Flucht der übrigen vier Jäger an Deck. Eine Säule dichten, scharfen Schwarzpulverrauches erhob sich über der Treppe, und hinunter durch sie sprang Wolf Larsen. Beide Männer waren verwundet, und jetzt wurden sie noch dazu von Wolf Larsen verprügelt, weil sie sein Verbot übertreten und sich noch vor Beginn der Jagd kampfunfähig gemacht hatten. Sie waren in der Tat recht erheblich verwundet, und als Wolf Larsen sie verprügelt hatte, ging er als rauher Wundarzt daran, sie zu behandeln und zu verbinden. Ich diente ihm als Assistent, während er die Kugelkanäle sondierte und reinigte, und ich sah, wie die beiden Männer seine rohe Behandlung ohne Betäubungsmittel ertrugen und sich nur durch ein Glas reinen Whiskys aufrecht hielten.

In der ersten Hundewache kam es zu einer Schlägerei im Vorder-Kastel. Ursache war die Angeberei, die die Veranlassung zu Johnsons Schlägen geworden war, und aus dem Lärm, den wir hörten, und den verprügelten Leuten, die wir am nächsten Tage sahen, erkannten wir, daß offenbar die eine Hälfte der Besatzung die andere gründlich vermöbelt hatte.

In der zweiten Hundewache wurde der Tag mit einer Schlacht zwischen Johansen und dem mageren, wie ein Yankee aussehenden Jäger Latimer beendet. Sie wurde herbeigeführt durch einige Bemerkungen Latimers über das Schnarchen des Steuermanns im Schlafe, und obwohl Johansen Prügel bekam, hielt er doch wieder die Back für den Rest der Nacht wach, während er selbst, selig schlummernd, im Traum den Kampf immer wieder ausfocht.

Ich selbst wurde von einem Alp geplagt. Der ganze Tag hatte einem schrecklichen Traum geglichen. Eine Roheit war der andern gefolgt, flammende Leidenschaft und kaltblütige Grausamkeit hatten die Leute getrieben, sie zu Beleidigung, Mord und Totschlag angefacht. Meine Nerven waren zerrüttet, ja, meine Seele war erschüttert. Meine Tage waren vergangen, ohne daß ich etwas von der Bestialität der Menschen geahnt hatte. In der Tat: Ich hatte nur die intellektuellen Seiten des Lebens gekannt. Zwar hatte ich Brutalität gesehen, aber nur die Brutalität des Geistes – Charley Furuseths beißenden Sarkasmus, die grausamen Epigramme und die gelegentlichen rohen Witze der Studenten, wie die boshaften Bemerkungen der Professoren in meiner Studienzeit.

Das war alles. Aber daß ein Mensch seine Wut an einem andern auslassen konnte, indem er ihn zuschanden schlug und ihm das Blut abzapfte, das war etwas seltsam und furchtbar Neues für mich. Und mir schien, daß ich keine Ahnung von dem wirklichen Leben gehabt hatte. Ich lachte bitter und glaubte in Wolf Larsens unheilverkündender Philosophie eine viel treffendere Erklärung für das Leben finden zu können als in meiner eigenen.

Und ich erschrak, als ich mir der Richtung meiner Gedanken bewußt wurde. Die andauernde Roheit in meiner Umgebung hatte eine verderbliche Wirkung. Sie war auf dem besten Wege, das Schönste und Leuchtendste im Leben für mich zu vernichten. Die Vernunft sagte mir, daß die Prügel, die Thomas Mugridge erhalten, etwas Böses waren, und dennoch mußte ich mich bei dem Gedanken daran freuen. Und trotzdem die Ungeheuerlichkeit meiner Sünde mich bedrückte – denn eine Sünde war es –, frohlockte ich in toller Freude. Ich war nicht mehr Humphrey van Weyden. Ich war Hump, der Kajütsjunge, auf dem Schoner ›Ghost‹. Wolf Larsen war mein Kapitän, Thomas Mugridge und die übrigen meine Kameraden, und der Stempel, der ihnen allen aufgeprägt war, hatte auch mich gezeichnet.

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