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Der Seewolf

Jack London: Der Seewolf - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorJack London
titleDer Seewolf
publisherBüchergilde Gutenberg
editorMax Barthel
year1937
translatorErwin Magnus
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20150116
projectid58d188ea
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Die ›Ghost‹ hat den südlichsten Punkt des Bogens erreicht, den sie durch den Stillen Ozean beschreibt, und beginnt jetzt, den Kurs nach Norden, dem Gerücht nach, auf eine einsame Insel zu setzen, um die Wasserfässer zu füllen. Dann geht es die japanische Küste entlang, und die Jagd beginnt. Die Jäger haben ihre Büchsen und Schrotflinten nachgesehen und schießen sich jetzt ein, bis sie mit ihren Leistungen zufrieden sind; Puller und Bootssteurer haben Sprietsegel verfertigt, Riemen und Dollen mit Leder und Strohgeflecht umwunden, damit sie geräuschlos an die Robben herankommen können; die Boote sind gebrauchsfertig.

Nebenbei: Leachs Arm ist gut verheilt, wenn er auch die Narbe sein ganzes Leben behalten wird. Thomas Mugridge lebt in Todesangst vor ihm und wagt kaum, nach Eintritt der Dunkelheit das Deck zu betreten. In der Back geht es recht ungemütlich her. Louis erzählt mir, unter den Matrosen ginge das Gerücht, daß zwei von ihnen, die geschwatzt haben sollen, von ihren Kameraden tüchtig verprügelt worden seien. Er schüttelt bedenklich den Kopf über Johnson, der Puller in seinem Boot ist. Johnson soll sich des Verbrechens schuldig gemacht haben, daß er seine Meinung zu frei geäußert hat und ein paarmal mit Wolf Larsen wegen der Aussprache seines Namens aneinandergeraten ist. Johansen hat er neulich eines Nachts mittschiffs verprügelt, und seitdem nennt der Steuermann ihn bei seinem rechten Namen. Aber es kann natürlich nicht die Rede davon sein, daß Johnson es auch Wolf Larsen auf diese Weise einbläut.

Louis hat mir auch mehr von Tod Larsen berichtet, und was er erzählt, stimmt mit der kurzen Beschreibung des Kapitäns überein. Wir werden Tod Larsen vermutlich an der japanischen Küste treffen. »Und da kannst du dich auf ein Unwetter gefaßt machen,« prophezeit Louis, »denn sie hassen sich wie die Wolfsbrut, die sie ja auch sind.« Tod Larsen befehligt den einzigen Robbendampfer der ganzen Flotte, die ›Macedonia‹, die vierzehn Boote trägt, während die übrigen Fahrzeuge nur je sechs haben. Es heißt, sie habe Kanonen an Bord, und es laufen wilde Gerüchte um über seltsame Beutezüge und Expeditionen des Schiffes, von Opiumschmuggel nach den Staaten und Waffenschmuggel nach China bis zu Sklavenhandel und offener Seeräuberei. Und ich muß Louis glauben, denn ich habe ihn noch nie auf einer Lüge ertappt, und er ist ein lebendiges Lexikon in bezug auf alles, was mit Robbenjagd und Robbenjägern zusammenhängt.

Wie auf dem Vorschiff und in der Kombüse, so geht es auch im ›Zwischendeck‹ und auf dem Achterdeck dieses wahren Höllenschiffes zu. Die Leute kämpfen wie wilde Tiere. Die Jäger erwarten jeden Augenblick eine Schießerei zwischen Smoke und Henderson, deren alter Streit noch nicht beigelegt ist, während Wolf Larsen sagt, daß er, wenn er dazu käme, den Überlebenden töten würde. Er sagt ohne Umschweife, daß seine Stellungnahme in dieser Sache nichts mit Moral zu tun habe, und daß die Jäger sich seinetwegen gern alle gegenseitig totschlagen und auffressen könnten, wenn er sie nicht so nötig zur Jagd brauchte. Wenn sie sich nur ruhig verhalten wollen, bis die Jagd vorbei ist, verspricht er ihnen einen königlichen Karneval. Dann kann sich ihr Groll austoben, die Überlebenden können die Toten ins Meer werfen und sich eine Geschichte ausdenken, wie sie verunglückt sind. Ich glaube, selbst die Jäger entsetzen sich über seine Kaltblütigkeit. So gefährliche Burschen sie auch sind: ihn fürchten sie. Thomas Mugridge bezeigt mir eine hündische Unterwürfigkeit, aber meine geheime Furcht vor ihm schläft nie. Mit meinem Knie geht es viel besser, wenn es auch zuweilen noch längere Zeit schmerzt, und mein Arm, den Wolf Larsen gepackt hatte, wird nach und nach wieder gebrauchsfähig. Im übrigen befinde ich mich in glänzender körperlicher Verfassung und fühle das. Meine Muskeln werden fester und nehmen an Umfang zu. Meine Hände jedoch bieten einen jämmerlichen Anblick. Sie sind mit Brandblasen übersät, Niednägel haben sich gebildet, und die Nägel sind abgebrochen, schmutzig und von wildem Fleisch überwuchert. Dazu leide ich an Furunkeln, wohl eine Folge der Kost, denn ich habe noch nie etwas mit dieser Plage zu tun gehabt. Vor einigen Abenden hatte ich das Vergnügen, Wolf Larsen in der Bibel lesen zu sehen, von der ein Exemplar in der Seemannskiste des toten Steuermanns gefunden worden war. Ich war gespannt, welche Ausbeute der Kapitän von dieser Lektüre haben konnte, und er las mir aus dem Prediger Salomo vor. Ich hätte mir einbilden können, daß er, als er vorlas, seine eigenen Gedanken aussprach, und seine Stimme, die tief und traurig durch die kleine Kajüte hallte, nahm mich gefangen und hielt mich fest. Ungebildet mag er sein, aber sicher weiß er der Bedeutung des geschriebenen Wortes Ausdruck zu verleihen. Ich höre ihn noch, höre die tiefe Schwermut in seiner Stimme vibrieren, als er las:

»Ich sammelte mir auch Silber und Gold und teure Schätze von Königen und den Ländern, ich schaffte mir Sänger und Sängerinnen und, die Lüste der Menschensöhne, viele Frauen.

Und ich ward groß und schaffte mehr als jedweder, der vor mir in Jerusalem gewesen, auch meine Weisheit verblieb bei mir.

Als ich mich aber wandte auf alle meine Werke, die meine Hände geschaffen, und auf die Mühe, die ich aufgewendet, um zu schaffen, siehe: alles nichtig und Haschen nach Wind und kein Erfolg unter der Sonne. Alles wie allen. Ein Begebnis ist dem Gerechten und dem Frevler, dem Guten und Reinen und dem Unreinen, dem, der opfert, und dem. der nicht opfert, wie der Gute, so der Sünder, der leicht schwört wie wer einen Schwur scheut.

Dies ist ein Übel in allem, was unter der Sonne geschieht, daß Ein Begebnis allen ist, und des füllet sich der Menschensöhne Herz mit Bösem, und Wahn ist in ihrem Herzen während ihres Lebens, und nach diesem geht es zu den Toten!

Denn wer ist ausgenommen? Allen Lebenden ist Hoffnung, denn es ist besser um einen lebendigen Hund als um den toten Löwen.

Denn die Lebenden wissen, daß sie sterben werden, aber die Toten wissen nicht das geringste, und ihnen ist kein Lohn mehr, denn ihr Andenken wird vergessen. Sowohl ihre Liebe als ihr Haß als ihr Eifer ist längst verloren, und keinen Anteil haben sie mehr auf immer an allem, was unter der Sonne geschieht.

Da haben Sie's, Hump«, sagte er, schloß das Buch über seinen Fingern und blickte mich an. »Der Prediger, der König über Israel in Jerusalem, dachte wie ich. Sie nennen mich einen Pessimisten. Ist dies nicht der schwärzeste Pessimismus? ›Alles ist nichtig und Haschen nach Wind‹, ›kein Erfolg unter der Sonne‹, ›Ein Begebnis für alle‹, für den Toren wie für den Weisen, für den Reinen wie den Unreinen, den Sünder und den Heiligen, und dies Begebnis ist der Tod, etwas Böses, wie er sagt. Denn der Prediger liebte das Leben und wollte nicht sterben, und so sagte er, daß ein lebendiger Hund besser sei als ein toter Löwe. Er zog Eitelkeit und Qual dem Schweigen und der Unbeweglichkeit des Grabes vor. Und das tue ich auch. Krabbeln ist gemein, aber nicht zu krabbeln, wie Erde und Stein zu sein, ist ein abscheuerregender Gedanke. Abscheuerregend für das Leben in mir, das Leben, dessen Essenz Bewegung, die Fähigkeit, sich zu bewegen, und das Bewußtsein dieser Fähigkeit ist. Das Leben selbst befriedigt nicht, aber vorauszuschauen auf den Tod ist noch unbefriedigender.«

Meine Einwände, mein Widerspruch waren vergebens. Er überschüttete mich förmlich mit Argumenten.

»So ist das Leben nun einmal. Das Leben wird sich stets empören, wenn es spürt, daß es aufhören soll. Der Prediger nannte das Leben und das Lebenswerk eitel und qualvoll, ein Übel; aber den Tod, das Aufhören von Eitelkeit und Qual, nannte er ein noch größeres Übel. Kapitel auf Kapitel klagt er über dies ›Begebnis‹, das allen ohne Ausnahme widerfährt. Und so geht es mir, und so geht es Ihnen, ja, selbst Ihnen, denn Sie empörten sich gegen den Tod, als Köchlein das Messer für Sie wetzte. Sie fürchteten den Tod, und das Leben in Ihnen, aus dem Sie bestehen und das stärker ist als Sie, wollte nicht sterben. Sie haben von dem Instinkt der Unsterblichkeit gesprochen. Ich spreche vom Instinkt des Lebens, der um so stärker wird, je näher der Tod kommt, und der, wenn der Tod vor der Tür steht, den Instinkt der Unsterblichkeit überwältigt. So ist es Ihnen ergangen – das können Sie nicht leugnen –, weil ein verrückter Cockneykoch das Messer wetzte.

Jetzt fürchten Sie ihn. Und Sie fürchten mich. Das können Sie nicht leugnen. Wenn ich Sie bei der Kehle packte, so« – und seine Hand umkrallte meinen Hals, und der Atem stockte mir –, »und begänne, das Leben aus Ihnen herauszupressen, so und so, dann würde Ihr Unsterblichkeitsinstinkt verglimmen, Ihr Lebensinstinkt würde aufflackern, und Sie würden für Ihre Rettung kämpfen. Ich sehe die Todesangst in Ihren Augen. Sie fuchteln mit den Armen in der Luft herum. Sie bieten Ihre ganze winzige Kraft für den Kampf ums Leben auf. Ihre Hand packt meinen Arm – sie fühlt sich so leicht an wie ein ruhender Schmetterling. Ihre Brust keucht, Ihre Zunge streckt sich zum Halse heraus, Ihre Haut wird schwarz, Ihre Augen verschwimmen: ›Leben! Leben! Leben!‹ schreien Sie. Und Sie schreien, weil Sie leben wollen – hier und jetzt, nicht hinterher. Sie zweifeln an Ihrer Unsterblichkeit, nicht wahr? Haha! Sie sind ihrer nicht sicher. Sie wollen es nicht darauf ankommen lassen. Nur dieses Leben ist Ihnen etwas Sicheres. Ach, es wird immer dunkler. Die Finsternis des Todes, das Ende des Seins. des Fühlens, der Bewegung, die sich in Ihnen sammelt, sinkt auf Sie hernieder, erhebt sich um Sie. Ihre Augen werden starr, brechen. Meine Stimme klingt schwach und fern. Sie sehen mein Gesicht nicht. Aber noch kämpfen Sie unter meinem Griff. Sie stoßen mit den Füßen um sich. Ihr Körper krümmt und windet sich wie eine Schlange. Ihre Brust arbeitet und keucht. Leben, leben – –«

Ich hörte nichts mehr. Das Bewußtsein war ausgelöscht durch die Finsternis, die er so anschaulich beschrieben hatte. Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf dem Boden, während er, eine Zigarre rauchend, mich nachdenklich mit dem bekannten forschenden Ausdruck in seinen Augen betrachtete.

»Nun, habe ich Sie überzeugt?« fragte er. »Hier trinken Sie. Ich möchte Sie einiges fragen.«

Ich schüttelte verneinend den Kopf. »Ihre Argumente sind zu zwingend«, brachte ich mit großer Anstrengung aus meiner schmerzenden Kehle heraus.

»In einer halben Stunde wird Ihnen wieder gut sein«, versicherte er mir. »Und ich verspreche Ihnen, daß ich keine handgreiflichen Beweisgründe mehr gebrauchen werde. Stehen Sie auf. Sie können sich auf einen Stuhl setzen.«

Und mit dem Spielzeug, das ich diesem Ungeheuer war, wurde die Unterhaltung über den Prediger und andere Dinge wieder aufgenommen. Die halbe Nacht saßen wir wach.

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