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Der Seelensucher

Georg Groddeck: Der Seelensucher - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Seelensucher
authorGeorg Groddeck
year1971
firstpub1921
publisherLimes Verlag
addressWiesbaden
titleDer Seelensucher
pages377
created20130129
sendergerd.bouillon@t-online.de
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8. Kapitel.

Thomas Weltlein begegnet dem Sein, dem Werden und dem Fittich der Tat.

Der umgetaufte Thomas Weltlein ahnte nichts von der Verwirrung, die er hinter sich gelassen hatte. Barhäuptig, mit geballten Fäusten eilte er die Landstraße entlang. Von Zeit zu Zeit öffnete er die rechte Hand und blickte nachdenklich auf den Gegenstand, der darin verborgen war. Es war das Steinchen, mit dem Alwine ihn unsanft aus dem Schlaf geweckt hatte. Noch ganz befangen von der Erinnerung 37 an das Gespräch über die innere und äußere Ansteckung hatte er seinen neuen Namen gewählt. Die beiden Worte Thomas Weltlein sollten ihn weiter umschaffen, ihn immer und immer an den hohen Beruf erinnern, zu dem er sich berufen glaubte. Man sieht daraus, wie wenig er selbst noch seiner Verwandlung traute. Und jetzt sann er auf ein weiteres Mittel, seinem unsichern Geist von außen nachzuhelfen.

Er wollte sich ein Symbol seines Wesens schaffen, ein Wahrzeichen dessen, wozu ihn das Wanzenwunder rief. Dieser runde Kiesel, über dem sich seine Finger so leicht öffneten und schlossen, konnte die Erde bedeuten. Dieser Gedanke gefiel ihm, und er lachte freudig auf.

War das die Welt, so war er nicht mit der Nase dagegen gerannt. Nein, sie hatte sich ihm als Eigentum entgegengeworfen, hatte wohl gar absichtlich die hervorragende Stelle seines Gesichts getroffen. Warum sollte ein Stein nicht Absichten haben? Warum sollte nicht bewußtes Leben in ihm wohnen? Die Eitelkeit des Menschen hat den Unterschied zwischen Leben und Totsein erdichtet. Gab es einen Gott, so dachte er allein, und der Stein war ebensogut ein Werkzeug seines Willens wie der Verstand eines Genies. Gab es aber denkende Menschen, so war nicht einzusehen, warum es nicht auch denkende Steine geben sollte; dieser Stein hier dachte gewiß. Er hatte sicher selbst den empfindlichen Platz ausgesucht, den er treffen wollte. Er, Thomas, mußte der Nase nachgehen, hieß das, unbekümmert um Menschenlob und Tadel.

Der Schmerz an der Nase erwachte von neuem, und hastig fuhr Weltlein mit der linken Hand empor, um den Schaden zu reiben. Mitten in der Bewegung jedoch hielt er inne, ja es ging eine so plötzliche Wandlung mit ihm vor, daß er eilig stillstand. Etwas Scharfes, Spitzes war ihm über das Gesicht gefahren, und als er die linke Faust öffnete, sah er darin eine halbverdorrte Weinranke. Sie war ihm, als er beim Hinabklettern mit dem Weinspalier zusammenbrach, zwischen den Fingern geblieben, und er hatte sie, ohne darum zu wissen, in der krampfhaft geballten Hand die ganze Zeit über mitgeschleppt.

Wie ein Blitz durchfuhr es ihn: das ist das Symbol; die Rebe, 38 das alte Sinnbild des Wachsens, der Wandlung und der Auferstehung, der Träger heiligen Rausches, das Werkzeug eines welterobernden Gottes. Mit den Blättern des Weinstocks mußte er sich kränzen, sie als mahnenden Schmuck um das Haupt flechten.

Triumphierend hob er den Arm, um die halbwelke Zierde um die Stirn zu legen, da fiel ihm ein Wort ein, das ihm die Stimmung störte. Schade, ewig schade, daß hier kein Spiegel in der Nähe ist, sprach er leise vor sich hin. Dann lachte er gutmütig über sich selbst, streckte die Arme aus und blickte abwechselnd auf den Stein und die Blätter. Ein wehmütiges Gefühl stieg in ihm auf, fast wie die schmerzliche Erkenntnis seines verrückten Zustandes. Aber mit einer starken Anstrengung scheuchte er die Wahrheit davon und immer auf den Stein und die Blätter starrend, steigerte er künstlich seinen Schmerz höher und höher, bis ihn eine krankhafte Frömmigkeit überwältigte.

»Höre mich, Herr, höre mich, dämmernder Himmel, der du der Sonne harrst! Gib mir ein Zeichen, daß ich es trage zu deinen Ehren, zum Ruhm des Lichts! Siehe, in meinen Händen halte ich den Witz der ganzen Menschheit, das Sein und Werden liegt mir zwischen den Fingern, die Enden aller Philosophie aller Jahrtausende. Du weißt es, Himmel: was sie auch ersonnen haben, in der Mitternachtsstille oder bei der schwälenden Lampe, sie sind nie weiter gekommen als bis zum Sein und Werden. Sie haben auch nie zwischen beiden entschieden. So entscheide denn du! Laß mich nicht in Zweifel stehen, ich gleiche sonst zu sehr dem Esel zwischen den Heubündeln. Du hast ja die Helden geliebt und ihnen Adler zur Rechten und Linken gesandt. So gib auch mir ein Zeichen, daß ich das Rätsel löse.«

Er ließ die Arme sinken und fuhr fort: »Hier ist das Sein« – er legte Alwinens Stein sorgfältig auf die Erde – »und hier das Werden,« die Weinranke fand ihren Platz daneben. »Jetzt werde ich zwanzig Schritte zurückgehen und dann mit geschlossenen Augen wiederkommen. Was ich zuerst erblicke, wenn ich die Augen öffne, das soll mir heilig sein.«

Er richtete sich auf und blickte umher. Von dem Hügel, auf dem er stand, blickte er weit in die dämmernden Lande. Beinahe 39 hätte er über den lockenden Anblick seine Absicht vergessen. Rasch aber raffte er sich zusammen, winkte dem Himmel zu und rief: »Paß auf, alter Heidengott, und mach es gut!« Dann ging er langsam seine zwanzig Schritte, schloß die Augen und kehrte laut zählend zurück. Bei zwanzig hob er den Blick. Aber statt des Seins und Werdens sah er am Ende der Welt die Sonne aus der Erde steigen. Mit einem Freudenruf streckte er die Arme aus, warf sich auf die Knie und jubelte dem aufgehenden Gestirn zu.

»Bist du es, große Sonne? Gibst mir dich selbst, mir, deinem Kinde. Bist du das Zeichen, in dem ich siege? Große Sonne, wie liebe ich dich. Du bist heiliges Licht.«

Er kreuzte die Arme über die Brust und beugte den Kopf nieder. Sofort aber fuhr er empor. »Das ist empörend,« rief er. »Ich bete die Sonne an und zum Dank zeigt sie mir Sein und Werden zu gleicher Zeit. Verfluchter Stein, verfluchter Wein! Was soll ich wählen?«

Er raffte wütend die beiden Symbole auf, da sah er halb im Straßenstaub vergraben eine Feder liegen, die irgend eine alte Krähe dort abgeworfen hatte. Mit ernstem Blick betrachtete er sie, hob sie andächtig empor und der Sonne zunickend sagte er freudig: »Du verlässest keines deiner Kinder, alter Weltfahrer. Du lachst über das Sein und Werden und bestrahlst den Fittich der Tat. Und du hast Recht. Fort mit dem Sein« – er steckte den Kiesel in die rechte Hosentasche – »fort mit dem Werden« – die Weinranke verschwand in die linke Hosentasche – »ade, Philosophie der Griechen und Inder; die Tat ist alles, das Denken nichts. Das wußten schon andere vor dir, Thomas. Aber Dank, Sonne, daß du mich's gelehrt!«

Freudig hob er die Krähenfeder vor das Auge und guckte zwischen dem Flaum in die Sonne. »Du sollst mich tragen zu hohen Höhen. Auf Flügeln will ich dir dienen, ewiges Licht. Schön bist du Welt, liebenswert schön.« Die Rührung überwältigte ihn; er fühlte den unwiderstehlichen Drang irgend etwas zu umarmen und im gewaltigen Druck seine gespannte Seele zu befreien. Um die Hände frei zu bekommen, steckte er die Feder in den Mund, breitete die Arme aus und schritt in Verzückung auf den nächsten Baum zu. 40

 


 

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