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Der Seelensucher

Georg Groddeck: Der Seelensucher - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Seelensucher
authorGeorg Groddeck
year1971
firstpub1921
publisherLimes Verlag
addressWiesbaden
titleDer Seelensucher
pages377
created20130129
sendergerd.bouillon@t-online.de
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5. Kapitel.

Die Wanzen werden angesteckt. Augusts Berufung.

Ganz anders ging es am Nachmittag her, als Frau Willen den zweiten Versuch machte, ihren Kranken aus dem Bett zu holen.

»Kommst du endlich,« rief er ihr schon entgegen. »Setz' dich hierher, dicht zu mir; ich habe dir etwas zu sagen.« Im Vertrauen auf ihren bazillensicheren Panzer folgte Agathe seiner Aufforderung, ja sie überließ ihm sogar die gut geschützte Hand, als sie seine Aufregung gewahr wurde.

Mit zitterndem Finger wies er auf das Fußende des Bettes. Dort hatte er mit zwei Stecknadeln den Zettel, Steinschnüfflers Rezept aufgehängt. »Lies,« sagte er ihr. Mit gespanntem Ausdruck verfolgte er, wie sie die Worte entzifferte:

»Unfehlbares Wanzenmittel.
Töte jede Wanze, die du findest. Hast du die letzte getötet, so ist keine mehr da«.

August begann hastig zu sprechen: »Nicht wahr, das ist logisch, das ist einfach und wahr. Das ist unfehlbar. Ich bewundere Steinschnüffler, er ist ein großer Mann. Aber wie, wenn ich noch etwas Besseres wüßte? Etwas, was niemand weiß als ich.«

Agathe drückte schweigend die Hand des Bruders. Sie war wiederum zu dem Glauben geneigt, er fiebere. August aber nahm das für ein Zeichen des Zutrauens. Der Schwester Hand wieder drückend, sagte er: »Ich danke dir. Ich weiß nun, daß du an mich glaubst. Aber ich muß es laut sagen, damit ich es selbst fassen kann. Sie sind alle vernichtet, ich habe zum ersten Mal ruhig geschlafen. Begreifst du? Die Wanzen sind verschwunden. Es fragt sich nun, wie das zugegangen ist. Zwei Möglichkeiten gibt es. 19 Entweder das Viehzeug ist vom Scharlach angesteckt und samt und sonders verreckt. Oder –« er schwieg. Im nächsten Augenblick aber richtete er sich wild im Bett auf und sah die Schwester mit Augen an, als ob er ihr Herz und Nieren prüfen wollte. Agathe wich vor diesem Blick zurück und suchte ihre Hand loszumachen. August aber streckte ihr den Kopf immer näher, bis sein gesträubtes Haar fast die Maske der Schwester berührte. Dann flüsterte er: »Glaubst du an eine Berufung durch höhere Mächte, glaubst du an himmlische Geister, die den Menschen zum Richter und Rächer auf Erden machen?«

Agathe riß sich los und flüchtete in die äußerste Ecke des Zimmers, so sehr war sie überrascht. »Nein,« stammelte sie.

»Nein,« wiederholte er und dehnte das kurze Wort zu einer Ewigkeit voll Entrüstung, »aber du wirst daran glauben, du wirst es mit Augen schauen.« Und die Bettdecke zurückwerfend sprang er mit einem Satz in die Mitte des Zimmers, hob stolz das Haupt und rief: »Sieh mich an!«

Agathe hatte sich gegen die Wand gedreht. »Zieh' dir erst Hosen an,« sagte sie kaltblütig.

August war wie vom Blitz getroffen. »Wie!« schrie er, »in diesem heiligen Moment, wo du einen Blick in die Tiefe der unaussprechlichen Natur tun kannst, denkst du an Hosen? Pfui, du Weib, du!« Voll Verachtung kroch er in sein Bett zurück und zog sich die Decke über die Ohren.

Agathe war über den Auftritt so erschrocken, daß sie nicht wagte, den Kranken allein zu lassen. Mechanisch begann sie das Zimmer noch einmal aufzuräumen. Schließlich trat sie zu dem Bruder. »Willst du nicht aufstehen, August? Ich möchte dein Bett machen.« An der hastigen Bewegung, mit der er ihre Hand zurückstieß, merkte sie seinen Zorn und in der Angst, Aufregung könne ihm schaden, suchte sie ihn zu beruhigen. »Ich habe es nicht bös gemeint,« sagte sie. »Du kennst mich ja, ich glaube alles, was du sagst. Aber vorhin sahst du so furchtbar aus, daß ich nicht wußte, wohin ich die Augen wenden sollte.«

August fuhr herum. »Ich sah furchtbar aus?« fragte er. »Ja, das ist möglich, das glaube ich. Ich strahlte Ehrfurcht aus, ich weiß es.« 20 Als er das fragende Auge Agathes sah, wurde er wieder gereizt. »Nun ja, man kann von einem Frauenzimmer nicht verlangen, daß es an Größe ohne Hosen glaubt. Lassen wir das!« Er drehte sich wieder gegen die Wand. »Übrigens bin ich mir selbst noch nicht klar. Vielleicht habe ich magnetische Kräfte, vielleicht auch nicht. Dann sind die Bestien wie ich am Scharlachfieber erkrankt. Welch ein Labsal, daß sie sich selbst den Tod getrunken haben? Das wäre eine Entdeckung, die die Welt mit einem Schlage fördern würde. Gegen Mäuse braucht man schon Seuchengifte. Nun komme ich mit der Tatsache, daß Wanzen durch Scharlachfieber vernichtet werden. Ich muß das verfolgen, wissenschaftlich ergründen. Ein Arzt muß damit experimentieren. Dem Lachmann werde ich diesen Gedanken vortragen. Er soll in seinem Laboratorium Versuche machen. Und einen Maler brauche ich dabei. Bedenke, welch eine Umwälzung es in allen ästhetischen Anschauungen geben wird, wenn man das neue Farbenspiel des Scharlachs auf dem Wanzenrot erst kennt. Eine neue Technik der Farbenbereitung kann entstehen. Denn gewiß wird man, wie man durch die Seuche bei Wanzen fabelhafte Roterscheinungen hervorruft, bei anderen Objekten durch geeignete Übertragungen blaue, grüne, gelbe Farbentöne erreichen. Ja, vielleicht gelingt es sogar, das Schillern der Giftfliegen oder der Libellen, den Zauber der Schmetterlingsfarben durch Ansteckung neu zu gestalten und praktisch zu verwerten; nationalökonomisch allein schon erstaunlich. Denn was bedeutet alles künstliche Indigo gegen diese zukünftige Pracht. Und wenn jetzt Tausende vom Anilin leben, so werden später Zehntausende vom Scharlachwanzenrot ihr Brot haben. Steinschnüffler muß auch heran, es ist nicht ausgeschlossen, daß er hier die Lösung findet, wie frühere Maler ihre unverwüstlichen Farben herstellten. Ungeziefer gab es damals genug und Seuchen erst recht. Unzählige Versuche, unzählige Erfolge werden sich anschließen. Alles was beißt und zwickt wird man zähmen, in den Dienst der Menschheit stellen. Der Mensch wird den Teufel austreiben, er, der Herr des Herrn der Ratten und der Mäuse. Zähle die Augenblicke zusammen, die täglich unnütz im Kampf mit Küchenschaben und Blattläusen verloren gehen; du gewinnst eine Ewigkeit, verwendbar für hohe Ziele. Eine unberechenbare Masse von Denkkraft wird 21 jetzt zum Töten von Raupen, Mücken, Wespen verschwendet, Millionen für Mäusefallen, Insektenpulver, Fliegengifte ausgegeben, die wertvollsten Gedanken können über dem plötzlichen Biß eines Flohs verloren gehen, ja die heiligsten Momente des Lebens, der Liebe werden dadurch zerstört, Ehen gesprengt. Eine neue Welt wird sich aufbauen, eine Welt, erhaben über alles Jucken und Kratzen, über alle Niedrigkeiten des Lebens.«

Er schwieg einen Moment, um Atem zu schöpfen, Agathe benutzte die Pause und entfloh. Ihr Herz war zum Springen voll, und die Tränen stürzten ihr aus den Augen, sobald sie die Tür hinter sich geschlossen hatte.

 


 

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