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Der Seelensucher

Georg Groddeck: Der Seelensucher - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Seelensucher
authorGeorg Groddeck
year1971
firstpub1921
publisherLimes Verlag
addressWiesbaden
titleDer Seelensucher
pages377
created20130129
sendergerd.bouillon@t-online.de
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3. Kapitel.

Ein Scharlachfall. Dr. Vorbeuger. Ein Fluchtversuch.

Matt und müde trat er seiner Schwester, die sich rasch erhoben hatte, gegenüber, klagte über Abspannung und Hitzegefühl und wies alle Fragen nach seinen Erlebnissen kurz ab. Die Schwester war durch sein kränkliches Aussehen und seine Weigerung, irgend etwas zu genießen, arg erschreckt. Sie hatte in seiner Abwesenheit wieder sein früheres Schlafzimmer für ihn einrichten lassen. Aber August blieb hartnäckig dabei, er müsse noch heute die Wanzen vertilgen. Der Professor Steinschnüffler, Lachmanns Freund, habe ihm sein Mittel gegeben. Es stamme aus der Gesetzsammlung des Königs Hamurabi. Tausende von Jahren sei diese ewige Wahrheit, die von dem großen König in Keilschrift der Welt kundgetan wurde, im Staube vergraben gewesen und erst Steinschnüfflers Scharfblick habe sie wieder entdeckt. Dabei lachte August pfiffig, zog einen zusammengeknüllten Zettel aus der Tasche und spielte damit wie mit einem Ball.

10 Endlich gelang es der Schwester ihn zu Bett zu schaffen. Sie ließ Glühwein für ihn kochen, holte Wärmeflaschen und nasse Umschläge herbei, und als er zuletzt selbst erklärte, das Fieber schüttle ihn, brachte sie aus ihrer wohlversehenen Apotheke Antipyrin. Mit der größten Genugtuung sah sie zu, wie er es verschluckte, dann ging sie, und ganz beruhigt durch die eigene Vielgeschäftigkeit, begann sie ihre Morgentoilette. Sie war eben dabei, ihre Haare aufzustecken, als sich die Türe öffnete und ihr Bruder eintrat. Er war nur halb angezogen, das Hemd war aufgerissen und ließ seine haarige Brust sehen. In der Hand hielt er den unvermeidlichen Feind, den er hingerichtet hatte.

Agathe fuhr vom Stuhl auf und flüchtete sich in die äußerste Ecke des Zimmers. »Mein Gott, was hast du gemacht,« schrie sie, »wie siehst du aus.«

»Rot, auf dem ganzen Körper scharlachrot,« erwiderte August und betrachtete aufmerksam seine fleckigen Hände. Agathe starrte ihn immer noch entsetzt an. Sie hatte den Handspiegel ergriffen und hielt ihn wie einen Schild vor sich. Als der Bruder jedoch auf sie zuschritt, um sein rotgesprenkeltes Gesicht in dem Glase zu prüfen, schrie sie: »Scharlach! Du hast das Scharlachfieber. Rühr' mich nicht an! Mein armes Kind! Du wirst uns alle anstecken. Bei dem Lachmann hast du es dir geholt. Man soll Ärzte nicht zu Freunden haben. Geh, geh, augenblicklich. Du wirst uns alle töten. Niemand darf dir begegnen. Rasch in dein Zimmer! Ach, meine arme Alwine, die liegt nun auch bald auf dem Kirchhof.«

Sie griff zum Staubwedel und ihn als Waffe schwingend, den Spiegel vorgestreckt, trieb sie den Bruder vor sich her. Vergeblich beteuerte der Unglückliche, er fühle sich ganz wohl. Vor den entsetzensprühenden Augen dieser wunderlich ausgerüsteten Schlachtenjungfrau mußte er weichen, bis er schließlich in sein Wanzenzimmer gedrängt war. Krachend schlug hinter ihm die Tür zu, der Schlüssel drehte sich im Schloß, und August war gefangen. »Du kommst nicht eher heraus, als bis der Arzt hier war,« tönte es noch, dann hörte er, wie die Fenster auf dem Korridor aufgerissen wurden, die Mägde herbei eilten, und bald darauf klatschten Wasserströme auf dem Boden, Eimer klapperten und Schrubberbesen kratzten die Dielen.

11 Eine Weile blieb der Eingesperrte betäubt von der Überraschung an der Tür stehen, dann drückte er auf die Klinke. »Agathe!« Keine Antwort. »Agathe!« wiederholte er. Nichts erfolgte. Nur die eifrigen Besen hörte er den Gang auf und ab fahren. Plötzlich übermannte ihn die Wut. Wie!? Sein ganzes Leben war er der ehrbare Herr Müller gewesen, das Muster eines feinen, ordnungsliebenden Bürgers, der Stolz des Hauses und der Stadt, und nun fegten die Mägde hinter ihm her, als ob er den Schmutz des Augiasstalles an seinen Füßen eingeschleppt hätte. Mit beiden Fäusten gegen die Tür schlagend, schrie er wie ein Besessener nach seiner Schwester. Als das nichts half, rief er sämtliche Insassen des Hauses bei Namen und schickte jeden Einzelnen mit den wildesten Flüchen zur Hölle. Er ließ sich keine Zeit Atem zu schöpfen. Immer drohender wurden die Schläge seiner Fäuste, immer lauter und gellender seine Rufe, bis sie schließlich in ein unartikuliertes Wutgeheul übergingen. Entsetzt über das Geschrei, flüchteten die Mägde zur Herrin, die selbst von der Angst erfaßt, der Verpestete könne, vom Fieberwahn ergriffen, die Tür einschlagen, ihre Herde zu beruhigen suchte. Ihre Besorgnis war ganz unnötig. So sehr das Vorbild aller Bürgertugend auch von dem Grimm verstört war, die Schwester hatte ihn viel zu wohl erzogen, als daß ihm der Gedanke, die Kerkertür zu sprengen, in den Sinn gekommen wäre. Nur tobend und tobend erschütterte er eine Stunde lang das Haus mit seinem Brüllen.

Plötzlich verstummte er. Der Schlüssel hatte sich gedreht und durch die schmale Spalte der Tür zwängte sich die hagere Gestalt des Kreisphysikus Dr. Vorbeuger hinein.

Ich bin nicht befugt in dieser wahrhaftigen Geschichte zu irgend jemandes Gunsten etwas zu verschweigen und muß zu meiner Beschämung eingestehen, daß Agathe Willen, als sie den Arzt in das Gefängnis ihres Bruders eingelassen hatte, horchend ihr Ohr an die Tür legte. Vorbeugers Worte konnte sie nicht verstehen, er sprach wie gewöhnlich sehr leise und behutsam. Dagegen wurde des Bruders Stimme schon nach den ersten Minuten heftig. »Wozu denn untersuchen? Der ganze Körper sieht aus wie das Gesicht. Mein Hals ist rot? Kein Wunder. Schreien Sie zwei Stunden, so geht es Ihnen ebenso. – Scharlach! Scharlach! Aber ich fühle mich 12 ganz wohl, ganz und gar. Ich fange Wanzen. Wissen Sie auch wie schwer das ist? Wer das kann, ist nicht krank. – So! Vorsicht! und Rücksicht auch, Rücksicht auf meine Schwester, die mich wie eine Maus gefangen hält? Und wie lange, wenn ich fragen darf, soll die Absperrung dauern?«

Fast hätte Agathe die Sublimatflasche fallen lassen, die ihr Vorbeuger beim Eintreten in die Hand gedrückt hatte, so schrie der wackre Müller jetzt auf. »Was? Sechs Wochen? Herr, sind Sie verrückt? Nicht eine Minute länger bleibe ich.« Die Tür wurde gewaltsam aufgerissen, so daß Frau Willen gegen die Wand geschleudert wurde, und der Bruder stürzte hinaus, rannte mit einem vernichtenden Blick auf seine Schwester den Korridor entlang, riß den Hut vom Haken und war im nächsten Augenblick im Freien.

Verlegen sah Agathe den Doktor an, der mit sauersüßem Lächeln sich die Hände rieb. »Scharlach,« sagte er, »ein leichter Fall, aber immerhin Scharlach, da ist kein Zweifel.«

Agathe seufzte. Rote Gespenster tanzten vor ihren Augen, und in stummer Angst faltete sie die Hände über der Sublimatflasche.

Vorbeuger wusch sich wichtig in dem Waschbecken, das man ihm hingestellt hatte. »Sehr merkwürdig, dieses Benehmen des Herrn Müller,« sagte er dabei. »Ich will annehmen, daß er durch die Krankheit überreizt ist, wahrscheinlich auch fiebert. Daß er fortläuft, geht aber nicht. Er schleppt mir die Seuche in die Stadt, und ich werde dann verantwortlich gemacht.«

Agathe goß dem Arzt den Inhalt der Flasche über die ausgebreiteten Hände, voll Andacht zuhörend. Als er nicht weitersprach, sondern nur sorgfältig die Hände abtrocknete, bat sie schüchtern: »Helfen Sie, Herr Doktor, helfen Sie.«

Vorbeuger suchte noch die letzte Feuchtigkeit fortzureiben. Er zog wichtig die Augenbrauen in die Höhe, räusperte sich und sprach: »Als Arzt habe ich hier im Hause nichts mehr zu tun, das versteht sich von selbst. Aber als Staatsbeamter muß ich dafür sorgen, daß Herr Müller isoliert wird; wenn es nicht anders geht, mit Hilfe der Polizei.«

Frau Willen setzte die Sublimatflasche beiseite. Sie mußte die Hände ringen. Frostschauer jagten ihr durch die Glieder. August Müller und die Polizei. Es war fürchterlich. »Was wollen Sie tun,« fragte sie.

13 »Den Kranken festnehmen und in das Spital bringen lassen.«

»Oh, das wird ein Skandal,« jammerte Agathe. »Nein, um Gottes willen, nein. Sie kennen meinen Bruder nicht. Das gibt ein Unglück, nur das nicht.«

Dr. Vorbeuger zuckte abwehrend die Achseln und griff nach Hut und Stock. »Ich bin Beamter und kann auf Privatwünsche keine Rücksicht nehmen. Ich habe Pflichten gegen das Allgemeinwohl.

Scharlachkranke sind gemeingefährlich. Fügt sich Herr Müller nicht gutwillig den Gesetzen, so muß ich die Hilfe der Staatsgewalt in Anspruch nehmen.«

Frau Willen raffte sich zusammen. »Er wird sich fügen,« sagte sie, »ich stehe dafür.«

Vorbeuger lächelte milde. »Sie versprechen viel. Ihr Herr Bruder muß so lange abgesperrt bleiben, bis die Gefahr der Ansteckung vorüber ist. Wie wollen Sie das bei einem Manne bewerkstelligen, der so rücksichtslos selbst gegen Menschen vorgeht, die das Recht haben, ihn einzusperren?«

Agathe streckte dem Doktor zuversichtlich die Hand entgegen. »Verlassen Sie sich darauf, Herr Kreisphysikus,« sagte sie. »Sobald August zurückkehrt, sperre ich ihn ein, und er wird nicht eher das Zimmer verlassen, als bis Sie es selbst erlauben.«

»Nun, wenn Sie das fertig bringen, alle Achtung. Bitte schicken Sie zu mir, wenn Sie den Herrn Bruder festgesetzt haben. Ich werde unterdessen an den Kollegen Lachmann telegraphieren, ob er etwas über die Ansteckung weiß.« Damit empfahl er sich und ging hocherhobenen Hauptes davon.

 


 

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