Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Georg Groddeck >

Der Seelensucher

Georg Groddeck: Der Seelensucher - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Seelensucher
authorGeorg Groddeck
year1971
firstpub1921
publisherLimes Verlag
addressWiesbaden
titleDer Seelensucher
pages377
created20130129
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

34. Kapitel.

Mathematik als reine Wissenschaft. Kinderverse und das Rätsel der Brustwarzen.

Als die beiden Freunde mitsamt Agathe am Nachmittag zu Frau Nolde kamen, fanden sie die Empfangsräume schon voller Menschen. Der Geheimrat selbst war wie üblich bei den Festen seiner Frau nicht da. Frau Klara aber nickte, sobald sie die große Gestalt Weltleins an der Tür erblickte, ihm lebhaft zu und ging ihm, als ob sie es nicht erwarten könne, ein paar Schritte entgegen. Sie wechselte die vorgeschriebenen Höflichkeiten mit Agathe, begrüßte Lachmann freundlich und zog dann Thomas mit sich zu der Gruppe von Herren und Damen, die sie eben verlassen hatte.

»Sie haben es nicht glauben wollen, Exzellenz,« wandte sie sich an einen hageren Herrn im schwarzen Gehrock, der etwas gelangweilt auf die fetten Vorgebirge einer neben ihm sitzenden alten Jüdin sah und zuhörte, wie sie ihm – während sie gleichzeitig einen Teller Hummermayonnaise genießlich leerte – die verschiedenen Heiratsanträge ihrer Tochter vorzählte. » Aber da ist Herr Weltlein selbst, der ihnen bestätigen kann, daß mein Mann wirklich und wahrhaftig gestern verlegen gewesen ist.«

Die Exzellenz lächelte ungläubig. »Der Geheimrat Nolde und verlegen, das ist eine wunderbare Mär, für die mir der Glaube in den langen Jahren, die ich ihn kenne, verloren gegangen ist.«

»Wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte,« erwiderte Frau Nolde eifrig,« würde ich es nicht für möglich halten, aber hier,« sie zerrte Thomas am Rockärmel näher heran, »der hat es fertig gebracht, und die Wirkung ist so stark gewesen, daß der blutige Kasimir Nolde zum erstenmal in seinem Leben schlecht geschlafen hat.«

»Da bin ich nun wirklich neugierig,« ließ sich die fette Stimme der Jüdin vernehmen, und daß ihr Erstaunen echt war, zeigte sich daran, daß sie den Weg der Gabel mit dem Stück Hummer dicht vor ihren dicken Lippen unterbrach, »erzählen Sie doch, Herr Weltlein.«

283 »Ja, erzählen Sie,« bat ihre Nachbarin ebenfalls, eine vornehm aussehende Dame in weißem Haare, deren Aussprache, Anzug und Haltung ihre englische Abkunft erkennen ließ. Sie hatte als einzige aller anwesenden Damen eine Handarbeit mit, an der sie eifrig stichelte.

»Die Sache war ganz einfach,« begann Thomas, »ich habe mir nur die Nase zugehalten.«

Ein breitschultriger Husarenrittmeister, der etwas hinter Thomas stand, prustete bei diesen Worten, die er sich offenbar in eigene Erlebnisse übersetzte, los, so daß die Lady Friedländer sich tief auf ihr Nähzeug herabbeugte, während Klara Nolde sich erschrocken umdrehte und sagte: »Nein, so nicht!«

Thomas begann zu erzählen. »Ich habe meinem alten Freund Nolde auseinanderzusetzen versucht, daß jede Erkrankung einen Zweck hat, daß sie von irgend welchen Kräften mit ganz bestimmten Absichten geschaffen wird und das hat er natürlich als Arzt nicht geglaubt, weil es viel zu einfach ist. Da in demselben Augenblick mein Freund Lachmann nieste, fragte er mich, was der Zweck eines Schnupfens sei, und ich habe ihm die Gegenfrage gestellt, welche Folgen ein Schnupfen für die Nase hat. Nun geschah etwas sehr Wunderbares. Nolde ist, wie Sie wissen, Geheimer Medizinalrat und ein Stern erster Größe in der Wissenschaft und trotzdem hat er mir eine richtige Antwort gegeben.« Thomas unterbrach sich einen Augenblick und sah gespannt seine Zuhörer an. »Ja, Sie scheinen das nicht erstaunlich zu finden,« sagte er, »aber dann weiß ich wirklich nicht, ob ich weiter erzählen soll.«

»Doch,« sagte die Lady, »erzählen Sie ruhig weiter, es ist erstaunlich.«

»Die Nase sei verstopft, hat Kasimir Nolde gesagt, darauf habe ich mir die Nase zugehalten, ihn scharf angesehen und gesagt: ›Wer ihn zuerst gerochen, aus dem ist er gekrochen‹.«

Mitten in das verlegene Schweigen klang Frau Noldes helles Lachen hinein. »Ist er nicht köstlich, Landauerchen,« sagte sie zu der Jüdin, die hilfeflehend zu der Exzellenz aufblickte, um auf seinem Gesicht zu lesen, ob sie empört oder vergnügt sein solle.

»Nolde hat allerdings geleugnet, aber ich bin überzeugt, daß er schuldbewußt war.«

284 »Ich habe nicht ganz verstanden,« mischte sich ein kleines eisgraues Männchen mit hellen blauen Kinderaugen und weicher Stimme, der Professor Labri genannt wurde, ein, »was die Entstehung des Schnupfens mit diesem Vers zu tun haben soll, der mir übrigens in allen möglichen Varianten beim italienischen Volk, speziell in Sizilien und an der dalmatischen Küste begegnet ist.«

»Da ist also der Mediziner dem Mathematiker überlegen,« sagte die Exzellenz trocken; wenn er sprach, klang es so einförmig, wie wenn ein Löffel gegen die Wände eines Blechtopfs geschlagen würde, »und selbst die dumpfe Luft des Ministeriums scheint noch mehr Phantasie übrig zu lassen, als die Beschäftigung mit der reinsten aller Wissenschaften.«

Labri schoß einen wütenden Seitenblick auf den Minister, legte die flache Hand auf die linke Brust, als ob er ins innerste Herz getroffen wäre, und begann kurz zu atmen.

»Wenn Sie einem Unglücklichen, der nie etwas anderes als eine glatte Fünf auf seiner Mathematikzensur hatte,« mischte sich der Rittmeister ein, »ein Wort über diese reine Wissenschaft, der ich übrigens meine Laufbahn als Soldat verdanke, da man mich schon aus der Obersekunda wegen absoluter Unfähigkeit, ein Dreieck zu konstruieren, vom Gymnasium wegjagte, erlauben wollen, so ist es der Ausdruck meines Erstaunens, wie es ein Mensch ertragen kann, täglich Mathematik zu treiben. Alle halbe Jahre mal träume ich davon, daß ich vor an die Tafel muß, um irgend eine verzwickte Aufgabe zu lösen, und dieser kurze Traum genügt, um mir den Angstschweiß auf die Stirn zu treiben.«

Wahrend die Lady dem Offizier freundlich zunickte und dann aus irgend welchen Gründen sich in das Zählen der Stiche vertiefte, erklärte Frau Landauer, wahrscheinlich um den Verdacht von sich abzulenken, daß sie irgend etwas mit dem stadtbekannten Genie ihres Mannes im Ausstellen hoher Rechnungen zu tun haben könne: »Rechnen ist für mich einfach geisttötend, für das Zuzählen und Vervielfältigen reicht es noch, aber Abziehen und gar Teilen.«

»Sie gehen eben immer aufs Ganze,« sagte der Rittmeister und nahm ihr dienstbeflissen den leeren Teller ab.

285 Und der Professor flüsterte leise der Wirtin zu: »Teilen ist nicht ihre Sache, sie behält alles lieber für sich.«

»Dafür addiert sie,« gab Frau Klara lachend zurück, »jährlich ein paar Pfund zum Speckbestand und das muß man ihr lassen, vervielfältigt hat sie sich in zehn Kindern, dafür kann man ihr manches verzeihen.«

Frau Landauer hatte sich in dem Gefühl, daß über sie gesprochen werde, wieder an den Minister gewandt und versuchte aus ihm politische Geheimnisse herauszulocken.

»Wie aber ist es mit dem Abziehen?« fragte die Lady.

»Das weiß ich nicht.«

Klara Nolde wandte sich zum Gehen. »Vorwärts, Thomas, gib die Erklärung.« Sie zwickte ihm ein wenig den Arm und eilte zu den anderen Gästen.

»Abziehen, Abzapfen,« begann Thomas, »das Faß zum Laufen bringen, damit kann sich nicht jede Frau so ohneweiters abfinden. Die Abneigung gegen das Subtrahieren ist ein Beweis für die inneren Seelenkämpfe, die Frau Landauer mit sich geführt hat.«

Der Minister, dem politische Gespräche ein Greuel waren und der aus Labris Handbewegung schloß, daß der Professor seinen Groll über den Angriff auf die reine Wissenschaft in seine Brust geschlossen hatte, um ihn dort bis zur nächsten Etatsberatung des Kultusministeriums groß zu füttern, legte die Hand auf seines Gegners Schulter und sagte: »Glauben Sie mir, Herr Professor, niemand kann mehr von der Großartigkeit Ihrer Wissenschaft überzeugt sein als ich, und daß sie den Geist nicht tötet, sondern belebt, beweisen uns ja täglich die Errungenschaften der Neuzeit.«

»Meinerseits hoffe ich, Exzellenz,« erwiderte der kleine Mann und neigte das Haupt, als ob er die gekränkte Würde einer Königin auf dem Theater zu mimen hätte, »den mathematischen Beweis dafür zu liefern, früher,« er sah dem Minister gerade ins Gesicht, »oder später, daß auf Zahlen und logischen Schlußfolgerungen das Gedeihen des Staates und unserer Kultur beruht.«

Die Lady stichelte heftig in ihrem Weißzeug herum, sie liebte es nicht, wenn der Kampf der Meinungen in persönlichen Hader ausartete und suchte beizulegen. »Es läßt sich eben nicht bestreiten, 286 daß die Mathematik, die Zahl, der Urgrund aller Dinge ist, weil in ihr die Möglichkeit der geordneten Phantasie liegt.«

Der Professor legte wieder, diesmal mit einem schmachtenden Blick, seine Hand aufs Herz: »Sie wissen nicht, Mylady, wie dankbar ich Ihnen bin. Es ist ja so selten, daß jemand Verständnis dafür hat, wie gerade Mathematik und Kunst die höchste Blüte menschlicher Phantasie sind, wie rein in der Zahl und Konstruktion sich der Adel menschlichen Denkens betätigt. Die Mathematik ist in Wahrheit die unbefleckte Wissenschaft.«

Thomas war in Aufregung geraten. »Ach bitte,« rief er und fuhr in allen Taschen herum, während er unruhig von einem Bein aufs andere trat, »hat jemand etwas Papier. Ich muß notwendig – Ich danke sehr.« Er nahm den Bleistift, der an seiner Uhrkette hing und von dem er zu behaupten pflegte, daß in seiner Hülle das Symbol alles Lebens sei, heraus, schrieb eine große Null auf das Papier und hielt es dem Professor unter die Nase. »Ist das nun reine Wissenschaft?« fragte er.

Labri sah ihn erschrocken an, schüttelte den Kopf und sagte: »Ich verstehe nicht ganz. Mathematik ist reines Denken –.«

Thomas malte dicht neben die erste Null eine zweite, so daß sich die Kreislinien berührten. »Und jetzt?« fragte er, den Professor scharf ansehend.

Der Professor wurde mißtrauisch; während der ganze Kreis der Zuhörer auf einmal gespannt lauschte, da niemand begriff, was Weltlein vor hatte; er sagte langsam und zögernd: »Jetzt sind es zwei Nullen.«

»Jawohl, Nummer 00.« Thomas' Gesicht hatte einen Ausdruck wilden Triumphes angenommen, als ob er endlich nach langem Harren seinen Todfeind in die Hände bekommen hätte. Mit einer teuflischen Freude, eingedenk aller Qualen seiner Gymnasialzeit, drehte er das Blatt um einen rechten Winkel. »Und so wird es eine 8, das Warnungszeichen ›habt acht‹, und –« er drehte das Blatt wieder so, daß die 8 lag und zog einige Striche daran, »jetzt sehen Sie, wovor man sich in acht nehmen soll, und was es mit der Reinheit der Wissenschaft auf sich hat.«

Der Rittmeister war der erste, der sich faßte, laut lachend nahm er das Papier aus Weltleins Hand, beugte sich nieder zu Lady 287 Friedländer und wies ihr die Zeichnung, während Thomas, freudestrahlend mit dem Finger auf die straff gespannt entgegengereckte Sitzgelegenheit des Husaren hindeutend, rief: »Und der Herr Rittmeister übersetzt meine Theorie ins Praktische.«

Lady Friedländer sah ihn mit blitzenden Augen an, mit der Nadel hatte sie schnell eine mächtige 1 neben die Acht mit den Tangenten geritzt. »Und das gehört Ihnen, Herr Weltlein, auf Ihre Acht,« rief sie.

»Fehlt nur die praktische Nutzanwendung,« blecherte die Exzellenz und warf Labri einen Blick zu, als ob er ihn zur Tat auffordern wolle.

Thomas lachte laut und stolz. »Es steckt noch mehr drin,« sagte er, »denn die Null ist der Kreis und der Kreis ist das Weib. Sehen Sie so,« er hatte ein zweites Stück Papier ergriffen und malte hastig einen Kreis darauf. »Verstehen Sie? Nein? Ach so, ich muß es deutlicher machen; erst ist man Mädchen,« er zeichnete einen zweiten Kreis konzentrisch in den ersten, »dann erst Weib,« ein dritter Kreis mit ausgezacktem Rand entstand. »Dazu verhilft der Lady die eins, die doch wohl männlich ist; zusammen ist es eins und null, die Zehn, die Mondmonate der Schwangerschaft, und das wird drei, das dritte im Familienkreis, das Kind, und nun wird aus Mädchen Frau, aus Weib der reine Kreis, die Mutter, eine Null.« Nochmals malte er stolz eine große Null hin, setzte einen dicken Punkt in die Mitte, daneben einen zweiten Kreis mit Punkt, zog zwei Tangenten, schwenkte das Papier hoch und gab es der Lady: »Die nährende Mutter.«

Er steckte die eine Hand in die Brust, die andere hinter den Rücken und wartete in Siegerstellung den Triumph seiner Zeichnung ab.

Lady Friedländer betrachtete lächelnd Weltleins Machwerk. »Für mich sind es zwei Ringe, also das Symbol einer Ehe.«

»Was also, falls man Herrn Weltleins Deutung der Acht annehmen will, bedeuten würde: drum prüfe, wer sich ewig bindet,« fiel der Minister ein.

Der alte Mathematiker hatte während dessen das erste Blatt mit den Kreisen nachdenklich betrachtet: »Ihre Deutungen geben zu denken,« sagte er, »aber Sie wollen doch nicht im Ernst behaupten –«

288 »Im Gegenteil, ich behaupte noch viel mehr,« unterbrach ihn Thomas heftig. »Ich behaupte, daß die Mathematik, wie übrigens alles –« er unterbrach sich plötzlich, – »sehen Sie zum Beispiel, wie Lady Friedländer die Nadel führt, ebenso wie alle Frauen, mit einer seltsamen graziösen Bewegung des Armes von unten nach oben, echt weiblich, genau angepaßt der Bestimmung des Weibes, jedes weibliche Wesen wird ebenso nähen, ebenso in die Höhe streben, der Mann aber näht ganz anders, er führt die Nadel im flachen Bogen vorwärts. Bis in die kleinsten Einzelheiten ist das Leben des Menschen vom Eros bestimmt. Es sind da irgend welche seelischen Stoffe vorhanden.« Er unterbrach sich wieder, alle sahen ihn aufmerksam an, der Rittmeister versuchte sich handgreiflich zu vergegenwärtigen, wie ein Schneider verfahre, Labri hatte ein Notizbuch vorgezogen und schrieb, der Minister trommelte auf der Stuhllehne und pfiff den Dessauer-Marsch leise vor sich hin und Frau Landauer hielt wieder ihre Gabel, diesmal mit einem Stück belegten Brotes zwischen Teller und Mund. Nur die Lady arbeitete ruhig weiter. Plötzlich brach der Strom bei Thomas wieder los.

»Es ist alles dasselbe. Der Faden wird in das Öhr gesteckt. Sie kennen die Geschichte von dem Richter und seinem Versuch, eine Frau von der Unmöglichkeit der Vergewaltigung zu überzeugen. Sie soll den Faden ins Öhr stecken, er aber bewegt die Nadel, bis sich die Frau liebkosend auf seinen Schoß setzt und das Nadelöhr willig wird. Die Nadel bohrt ein Loch in das Zeug, der Degen des Offiziers in den Leib des Menschen, die Feder des Ministers taucht in das Tintenfaß und die Gabel der Frau Geheimrat Landauer wird zu der Öffnung des Mundes geführt. Der Mensch geht aufrecht –« Ein Diener mit Kaffee trat auf ihn zu. Thomas griff zerstreut nach einer Tasse und redete emsig weiter, die Obertasse in der rechten, die Untertasse in der linken Hand. »Schließlich wird er matt und setzt sich, sinkt zusammen, wird schlapp, liegt mit gelösten Gliedern. Der Mann hascht sitzend den Ball mit geschlossenen Knien, die Frau öffnet sie weit, um ihn zu empfangen. Das Gehen, das Sprechen, das Essen. – Und die Mathematik –« er richtete sich auf und streckte den Arm mit der Kaffeetasse stolz nach Labri hin. – »Ohne Nabel wäre kein Punkt, ohne Beine keine Linie, kein Winkel ohne 289 Schenkel, kein Dreieck ohne das Dreieck der Venus. Die Schwangerschaft, das Weib ist die Hyperbel, dem Manne aber schießt der Strahl in parabolischem Bogen.«

Ein Schrei ertönte und die Lady fuhr entsetzt vom Stuhl auf. Thomas hatte im Eifer der Rede die Parabel mit der Kaffeetasse demonstriert, ward jedoch das leidvolle Gesicht seiner Schwester gewahr und mitten in der Bewegung aufgehalten, schwappte die Tasse über; der Versuch, den Guß von seinem Weg auf das weiße Kleid der Dame abzulenken, führte nur dazu, daß sich die Flut auch über seine Brust ergoß und nun stand er da, braun gefleckt, und starrte verwirrt auf das Unheil, das er angerichtet hatte. Im nächsten Moment schon fühlte er sich sanft von seiner Schwester fortgeführt. Er kroch in sich zusammen und suchte vergeblich den Smoking über die braune Brust zu ziehen. An der Tür trat Frau Klara Nolde zu ihnen und wies sie in das Kinderzimmer, den einzigen Raum, der von der Gesellschaft nicht besetzt war. Wenige Augenblicke darauf, ehe noch Agathe Zeit gehabt hatte, den verwirrten Bruder so weit in Ordnung zu bringen, daß er ihre ununterbrochen prasselnde Strafpredigt anhören, geschweige denn würdigen konnte, trat Klara ein, auf dem Arm eines ihrer Kleider und begleitet von der Lady Friedländer.

Thomas machte sich von der Schwester, die auf den Zehen stehend, eifrig an seinem Smoking herumbürstete und ihren Ärger hervorsprudelte, als wenn sie einen kleinen Jungen vor sich hätte, mit den Worten los: »Laß das Mutter und Kindspielen,« und schritt der Lady entgegen. Sie hob lächelnd den Finger und drohte damit, während Thomas sich niederbeugte, ihr die Hand küßte und um Verzeihung bat.

»Es war nicht nett von Ihnen, Herr Weltlein, und ich hätte nicht gedacht, daß Sie so bösartig sein könnten.«

Thomas hielt ihre Hand fest und streichelte sie leise. »Bös bin ich gewesen und artig werde ich sein, vielleicht werden wir Freunde und sind dann dankbar, daß ich einmal bös – artig war.«

»Nein, so leicht soll es dir doch nicht gemacht werden,« mischte sich Klara ein und zog ihn mit einem ärgerlichen Seitenblick auf die Lady fort. »Böse Kinder kommen in die Ecke, ehe sie wieder von artig sein sprechen dürfen. Da, mit dem Gesicht gegen die Wand, 290 bleibst du stehen, bis Mylady sich umgezogen hat. Ja, ja, so geht's einem, wenn man ungezogen ist,« rief sie den beiden Kindern zu, die schon dreiviertel ausgezogen mit großen Augen auf die seltsame Szene starrten, wie der lustige große Onkel, der gestern mit ihnen getollt hatte wie niemand zuvor, in die Ecke gestellt wurde.

»Kriegt er auch Haue«, fragte der Junge begierig, während die kleine dreijährige Liesbeth straks auf ihn zuging, sich auf die Zehen stellte und ihn mit ihren Händchen klapste, was Thomas mit lautem Geheul beantwortete.

Unterdessen hatte Agathe die Rolle der Kammerjungfrau übernommen und die Lady ausgekleidet. »Es ist unerhört, wie er Sie zugerichtet hat, Mylady, du solltest dich schämen, Thomas. So ein großer Mensch wie du. Aber er hat es gewiß nicht mit Absicht getan. Er ist nur ungeschickt. Und« – sie eilte zum Licht, um die Taille zu prüfen – »ich glaube, der Schaden wird sich reparieren lassen. Erlauben Sie mir, daß ich es versuche –. Hör doch endlich auf mit deinen Albernheiten, Thomas, man versteht doch sein eigenes Wort nicht. – Ja, und der Rock wird auch wieder in Ordnung kommen. Aber es ist ganz gut, wenn er einmal einsieht, wie er es tut. Bei diesem scheußlichen Jagen nach den roten Feinden ist er ganz verschlampt. Aber ich versichere Sie, Lady Friedländer, er ist der beste Mensch unter der Sonne.«

»So,« rief jetzt Klara, die die Lady angekleidet hatte, und mit einem lauten »Huh« drehte sich Thomas plötzlich um, so daß die kleine Liesbeth erschrocken zurücktaumelte und unfehlbar gefallen wäre, wenn Thomas sie nicht rasch aufgefangen hätte. Der Schreck genügte aber, sie laut aufheulen zu lassen.

Mit einem raschen Ruck hob er sie hoch und wiegte sie ein wenig hin und her, während Agathe mit ihren Fingern über das Köpfchen fuhr und dazu summte:

»Heile, Kätzchen, heile,
Kätzchen hat vier Beine,
Kätzchen hat 'nen langen Schwanz,
Bis du heiratest, ist alles wieder ganz.«

291 Thomas streckte ihr die Zunge aus und ließ das Kind durch die Luft fliegen, so daß es jubelnd laut aufkreischte, setzte es auf die Schulter und jagte mit ihr, die vor Vergnügen in die Hände klatschte, durchs Zimmer, wie ein Pferd prustend, machte Sprünge und bockte und ließ schließlich die Kleine sacht in ihr Bett gleiten.

»Ich auch, ich auch,« schrie der Junge verlangend, und ohne sich um die lebhaften Proteste der Mutter zu kümmern, die ihre Kinder rasch beten lassen wollte, ließ Thomas den kleinen Mann reiten.

»Du sollst doch hören, Thomas,« rief Agathe höchst erzürnt dazwischen, »Frau Nolde will doch zur Gesellschaft zurück. So sei doch endlich still und lass den Jungen herunter.«

»Ach, die Klara, die kann ruhig hier bleiben,« entgegnete Thomas. »Die Mama gehört überhaupt mir, nicht wahr, Junge?«

»Nein, nein, sie gehört mir,« zeterte der Junge los, »es ist meine Mama, sie gehört mir ganz allein, nicht dir und nicht der garstigen Liesbeth und nicht dem Papa, sie gehört mir, nur mir allein.«

»Da, fang dein Früchtchen,« lachte Thomas zu Klara hinüber und warf ihn der Mutter in die Arme.

»Aber, Thomas,« Agathe war ganz blaß geworden, »wenn das Kind nun gefallen wäre.«

»Dann sänge ich auch den Vers, mit dem sich die Mütter über den Fall aller Fälle trösten: bis du heiratest, ist alles wieder gut.« Und dicht an die Schwester herantretend und sich, die Hände in den Hosentaschen, auf den Beinen wiegend, sagte er mit bezeichnendem Blick:

»Heile, Mädchen, heile,
Dein Kätzchen hatte vier Beine,
Das Kätzchen hatte einen langen Schwanz,
Bis du heiratest, ist's Kätzchen wieder ganz.«

»Du bist doch ein ekliger Schweinpelz,« lachte Klara, während die Lady fragend sich an Agathe wandte, die nur verächtlich mit den Achseln zuckte.

292 Frau Nolde war dabei, ihren Jungen zu waschen. Die Lady hatte sich in einen Sessel niedergelassen, neben dem Thomas stand, während Agathe das kleine Mädchen auf dem Schoß hielt und langsam auszog.

»Merkwürdig,« sagte Klara, »sonst heult der Bengel und wehrt sich, als ob es ihm ans Leben ginge, und heute ist er ganz artig.«

»Er präsentiert sich,« erwiderte Thomas, und wie um diese etwas unverständlichen Worte zu verdeutlichen, drehte sich der Junge im selben Moment um, lächelte schalkhaft, und sagte: »Tante Friedländer, hast du da noch ein Zipfelchen?« Und als er ringsum die mühsam ernsten Gesichter mit den lachenden Augen sah, und Frau Claras Worte, »aber Heinrich,!« ihm bestätigten, daß er etwas für Erwachsene gesagt hatte, suchte er seinen Erfolg zu befestigen. »Die Liesbeth hat keins und die Mama auch nicht, aber der Papa hat ein ganz –« Klara suchte ihm den Mund zuzuhalten und das Wort »großes« kam nur noch halb erstickt hervor.

»Pfui,« sagte die Mutter, »schäme dich, so etwas sagt man doch nicht.« Sie ärgerte sich und brauchte das Handtuch unsanft, was der Junge sofort mit einem gellenden Heulen beantwortete, in das Liesbeth nach ihrem Gesicht zu urteilen, einzustimmen Lust hatte. Obwohl die Mutter die Kraft von dem Organ ihres Sprößlings kannte und ganz genau wußte, daß sämtliche Räume der Etage jetzt hörten, was vorging, suchte sie doch den Jungen mit Hilfe der mütterlichen Handflächen zu beschwichtigen, was natürlich vollkommen mißlang. Der Junge riß sich los und flüchtete zur Tante Friedländer, in deren Schoß er seinen Kopf verbarg. Die alte Dame streichelte ihm die Haare und redete ihm gut zu, während Thomas feixend zu seiner Schwester hinüberwies, die gleichfalls alle Verführungskünste anwandte, um das andere Heulmaul zu stopfen.

Frau Klara stand ratlos da, hatte das Töpfchen in der einen Hand, um die Vorbereitungen zum Schlafen bei ihrem Ältesten endgültig zu erledigen, mit der anderen hatte sie seinen Arm gepackt und zerrte daran, was ihn aber nicht im mindesten rührte. In dieser kläglichen Situation wurde ein Bonbon zur Rettung, das Lady Friedländer aus ihrem Täschchen hervorzauberte, und mit dem erst Heinrich, dann Liesbeth der Mund gestopft wurde.

293 »Jetzt also kommt das höchste der Muttergefühle, das Fest des Strahles,« sagte Thomas lachend und wies auf Klara, die, mit dem Rücken dem Publikum zugekehrt und möglichst breit sich stellend, ihrem Jungen das Töpfchen vorhielt.

Das aufregende Geräusch des Wassers war für Agathe zu viel, sie beschloß es zu überschelten. »Du benimmst dich wieder einmal unglaublich, Thomas.« Sie rutschte mit dem Stuhl hin und her, aber das Plätschern klang weiter.

»Wieso?« erwiderte der, »ich nehme nur teil an dem großen Phänomen der Mutterliebe und suche die Ursachen des Weltverlaufes zu ergründen. Ich finde es einfach bewundernswert, daß den Knaben dieses unentbehrliche Geschäft durch die unvermeidliche Beteiligung der Mutterhand zur Quelle der Freude wird. Ich bin überzeugt, daß auf diesem alltäglichen Ereignis das Bestehen der Menschheit beruht.«

»Schwatze nicht,« sagte Agathe ärgerlich und suchte ihr Kleid gegen die klebrigen Finger Liesbeths zu schützen, was nur zur Folge hatte, daß ihre Backe gestreichelt wurde und eine Kruste von kindlicher Spucke und Zucker erhielt.

Thomas zuckte die Achseln mit dem Ausdruck tiefster Verachtung. »Du verstehst natürlich nichts davon,« sagte er, »aber es liegt ein tiefer Sinn darin, daß der Dreck am Liebesorgan sich sammelt und daß es die Mutter ist, die da reinigen muß. Du verstehst überhaupt nichts, weißt nicht einmal, warum du aus Bäuchlingen ausgerissen bist.«

Agathe hielt jetzt beide Händchen des Kindes und klappte sie zusammen. »Rat wollte ich mir bei dir holen, weil es doch unmöglich ist, Brautleute allein im Walde spazieren gehen zu lassen, aber du, du, –« Sie konnte vor Zorn nicht Worte finden.

»Rat? ha!« Er trat auf seine Schwester zu und sah sie scharf an. »Dieser Spaziergang im Walde, mit Händedruck, mit leisem Kuß und verstohlenem Reiben an Brust und Leib, mit seliger Versuchung und unseliger Qual ist der Traum aller Frauen und weil du das, was dir nach den Kosthäppchen mit andern beim besten Willen versagt war, Alwine nicht gönnst –«

Agathe setzte die Kleine so heftig auf die Erde, daß sie unfehlbar wieder geheult hätte, wenn ihre Mutter sie nicht zum Waschen 294 geholt hätte. »Du bist – « und plötzlich sanft werdend, sagte sie: »Vielleicht hast du Recht. Ich habe das noch gar nicht überlegt.«

»Am Hochzeitstage werden dir noch ganz andere Lichter über dein Mutterherz aufgehen,« sagte Thomas selbstgefällig und beugte sich zu dem Jungen herab, der ihm Gute Nacht sagen wollte, »sei nur ehrlich.«

Lady Friedländer lachte und sah verständnisvoll zu Klara hin, während Agathe verstimmt ihre Tasche auf und zu knipste. Der Junge trabte vergnügt lachend durch das Zimmer, lief nochmals zur Lady, präsentierte und fragte wieder: »Hast du keins, Tante?«

Thomas hob den laut lachenden Bengel hoch und über die Schulter weg der verzweifelten Klara zunickend, sang er:

Stock und Hut
Steht ihm gut,
Hat auch frohen Mut
Aber Mutter weinet sehr –

Es steckt viel Sinn im kind'schen Spiel.« Mit einem Ruck warf er den Jungen ins Bett und lachte, daß es schallte.

Die Gesellschaft gruppierte sich jetzt um Liesbeth herum, die, auf der Wickelkommode sitzend, von der Mutter abgetrocknet wurde. Sie sah ernsthaft von einem zum andern und nahm würdig die Huldigungen ihres Hofstaates entgegen. Plötzlich hob sie ihr Hemdchen und mit den Worten: »Da hat mich was gestochen und da hat mich was gestochen,« tippte sie erst auf ihre rechte, dann auf ihre linke Brustwarze.

Alles lachte, aber sofort verstummte die Freude und jeder sah besorgt auf Thomas, der leichenblaß schwankte, während ihm der kalte Schweiß auf die Stirn trat.

Agathe flog zu ihm hin und fing den halb Ohnmächtigen in ihren Armen auf. »Was ist dir?« fragte sie zitternd vor Angst.

Er sah sie geistesabwesend an, stieß das Wort: »Alwine,« hervor und ließ sich willig zu einem Stuhl führen. Die Fragen und Hilfeleistungen wehrte er ungeduldig ab. »Nur einen Augenblick,« bat er. Er saß eine ganze Weile und starrte vor sich hin.

295 »Sind es die Wanzen?« fragte Agathe, die beim Nachdenken über die Ursache des Unfalles auf das Wort Stechen gestoßen war.

Thomas schüttelte den Kopf, dann hob er den Arm, deutete langsam auf der Schwester Brust und sagte: »Da, du weißt ja.« Und nach einer Weile fragte er eindringlich: »Besinnst du dich noch auf Mama? Ich sehe sie deutlich vor mir, wie sie dich nährte. Ich war sehr neidisch damals und ich rieche noch den eigentümlichen Geruch der Milch. Und später du, besinnst du dich? An dem Rhododendrongebüsch? Und Alwine.« Er brach plötzlich ab, erhob sich und verabschiedete sich, ohne ein weiteres Wort. Man hat nie erfahren, was es für eine Bewandtnis mit Alwine und ihm hatte.

 


 

 << Kapitel 34  Kapitel 36 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.