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Der Seelensucher

Georg Groddeck: Der Seelensucher - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Seelensucher
authorGeorg Groddeck
year1971
firstpub1921
publisherLimes Verlag
addressWiesbaden
titleDer Seelensucher
pages377
created20130129
sendergerd.bouillon@t-online.de
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32. Kapitel.

Ein Verbrechen? Der Gruß des Kaisers und die Resultate des Studiums.

Am 21. September desselben Jahres erhielt Dr. Lachmann, als er gerade im Begriff war, nach Bäuchlingen zu reisen, um dort seiner Cousine Agathe in den Wirren beizustehen, die im Anschluß an Alwines Verlobung mit dem Vikar Ende entstanden waren, einen Brief aus Berlin, der ihn veranlaßte, seine Reise nach Bäuchlingen aufzugeben und mit dem nächsten Zuge nach Berlin zu fahren. Der Besitzer des Hotels, in dem er seit vielen Jahren beim Aufenthalt in der Hauptstadt abzusteigen pflegte, und mit dem er diese und jene Beziehungen angeknüpft hatte, schrieb ihm: 255

»Verehrter Herr Dr. Lachmann,

wie Sie wissen werden, wohnt seit längerer Zeit bei mir Ihr Freund August Müller unter dem Namen Thomas Weltlein. Ich muß Ihnen nun leider mitteilen, daß Herr Müller seit vierzehn Tagen unter Zurücklassung seines Gepäcks spurlos verschwunden ist. Ich habe unter der Hand vorsichtig hie und da Erkundigungen eingezogen, aber niemand kann Aufschluß geben. Wenn mir und anderen nicht das seltsame Wesen Herrn Müller's schon längst aufgefallen wäre, würde ich der Sache kein Gewicht beilegen. Ich kann mich aber nicht der Befürchtung erwehren, daß irgend etwas Besonderes vor sich gegangen ist. Herr Müller ist allerdings nach Aussage des Zimmermädchens ab und zu eine Nacht fortgeblieben, aber die lange Zeit, die jetzt verstrichen ist, ohne daß er wiederkommt, veranlaßt mich, Sie als den einzigen mir bekannten Freund des Herrn Müller zu benachrichtigen, ehe ich bei der Polizei Nachforschungen anstellen lasse oder seine Schwester in Bäuchlingen beunruhige.

Mit den besten Empfehlungen bin ich Ihr ergebener

Nathanael Peter.«

Im Hotel konnte Lachmann nichts weiter erfahren, als daß Thomas am 7. September in Begleitung eines etwas seltsam aussehenden Mannes, der eine schwarze Binde über dem einen Auge getragen habe und der schon öfter mit Herrn Weltlein zusammengetroffen sei, gegen Abend ausgegangen und nicht wieder gekommen sei. Der Portier wußte noch zu berichten, daß Herr Weltlein unstandesgemäß angezogen gewesen sei. Das sei jedoch öfter vorgekommen und er, der Portier, habe dem keine Bedeutung beigelegt.

Lachmann wandte sich an die Polizei. Der Beamte, der derlei Anfragen schon zur Genüge kannte, ließ sich durch Lachmanns Erregung nicht irre machen, notierte sich den Sachverhalt und versprach, Nachforschungen anzustellen. Das Wahrscheinlichste sei, daß der Herr mit irgend einer Dame Flitterwochen feiere, vielleicht ließe sich auch im Leichenschauhaus irgend etwas finden. In die Krankenhäuser würden ebenfalls alle Tage Leute bewußtlos 256 eingeliefert, allerdings, da die Sache schon vierzehn Tage her sei, käme das wohl nicht in Betracht.

Von diesen drei Möglichkeiten hielt Lachmann die letzte für die wahrscheinlichste. Er fuhr daher zum Charitékrankenhause, um dort Erkundigungen einzuziehen. Die hagere Aufnahmeschwester, die gerade im Begriff war, eine hochschwangere Frau nach der geburtshilflichen Station zu dirigieren, während sie gleichzeitig einem schreienden Kinde einen Schutzverband über eine ziemlich breite Kopfwunde legte und einem alten Weiblein, das neben der Leiche ihres auf dem Transport gestorbenen Sohnes kniete, gut zuredete, musterte ihn mit scharfem Blick und wies ihn an das Bureau, besann sich dann aber, als sie Lachmanns Eigenschaft als Arzt erfuhr, und bat ihn zu warten, da der Unterarzt du jour sofort kommen werde. Gleich darauf trat der blutjunge Doktor ein, rief der Schwester ein Scherzwort zu, kniff das Kind freundschaftlich in die Backen und streckte ihm, wie eine erfahrene Kinderfrau du, du, du, du, du rufend, unter fortwährendem Schütteln den Kopf hin, damit es ihm in die Haare greifen könne, schrie die Frau, deren Wehen schon vorgeschritten waren und die es infolgedessen für nötig hielt, durch Gackern auf ihr Eierlegen aufmerksam zu machen, an, sie solle sich nicht haben, und wandte sich dann, vor dem Toten und seiner Mutter scheu ausweichend, zu Lachmann. Ja, auf der äußeren Station befinde sich ein Mann, der vor etwa 14 Tagen bewußtlos mit einem jetzt fast geheilten Bruch des linken Schlüsselbeines eingeliefert worden sei, auf den passe Lachmanns Beschreibung. Der Herr Kollege möge ihn sich doch einmal ansehen. Der Unterarzt gab noch ein paar Anweisungen und begleitete dann Lachmann zur chirurgischen Station.

»Wir wissen nichts Näheres über diesen Mann,« erzählte er, »er hat keine Papiere und wir kennen nicht einmal seinen Namen; aber er macht durchaus nicht den Eindruck, als ob er unseren Kreisen angehöre. Wir haben ihn, da er ein unerträglicher Schwätzer ist und den Krankensaal in Aufregung brachte, zu beschäftigen gesucht und da hat sich herausgestellt, daß er große Geschicklichkeit im Vertilgen von Ungeziefer besitzt. Er scheint mir also eher eine Art Kammerjäger zu sein oder wie man diese Leute nennt.«

257 Lachmann nickte ernsthaft und meinte, das könne wohl stimmen. »Vorläufig verstehe ich nur nicht,« sagte er, »wieso Sie seinen Namen nicht kennen. Heißt er nicht Thomas Weltlein? Oder August Müller?« fügte er hinzu, als sein Begleiter achselzuckend weiterging.

Der Unterarzt blieb stehen und sah Lachmann mißtrauisch an.

»Wenn Sie schon Bescheid über den Mann wissen, hätten Sie mir die Mühe des Erzählens ersparen können.«

»Wieso? Ich weiß nichts anderes, als was Sie mir mitteilen.«

Der Unterarzt sah nochmals prüfend in Lachmanns Gesicht und fuhr fort: »Ich habe doch recht verstanden, Medizinalrat Lachmann?«

Lachmann verbeugte sich: »Ja, das ist mein Name.«

»Verzeihen Sie meine Frage,« fuhr der Unterarzt fort, »die Angelegenheit dieses Mannes ist so rätselhaft, daß es mir verdächtig vorkam, als Sie den Namen August Müller nannten. Wie gesagt, wir wissen nichts von ihm, auch nicht wie er heißt. Aber die Kranken haben ihn, seiner clownhaften Geschwätzigkeit wegen, August getauft und der Ordnung halber hat die Saalschwester den Namen Müller hinzugefügt.« Der Unterarzt steckte die Hände in die Hosentaschen, wie es sein Chef bei den besonders interessanten Stellen seines klinischen Vortrages zu tun pflegte, schob das Kinn nach oben, als ob er dadurch seinen erhabenen Standpunkt, die Dinge von oben herab zu betrachten, anzeigen wollte, und begann zu dozieren: »Es handelt sich da um einen außerordentlich interessanten Fall, so daß sich der Geheimrat veranlaßt gesehen hat, ihn gestern den Studenten vorzustellen. Dieser Mann, der, wie gesagt, völlig bewußtlos und mit gebrochenem Schlüsselbein auf der Straße gefunden worden ist, leidet an einer totalen Amnesie. Offenbar hat er auf irgend eine Weise eine Gehirnerschütterung erlitten. Jedenfalls ist sein Gedächtnis für alles, was vor seinem Erwachen aus der Bewußtlosigkeit liegt, gänzlich geschwunden, gänzlich. Er weiß nicht, wo er herstammt, wo er wohnt, wer er ist und er weiß auch nicht seinen Namen. Mir ist etwas derartiges noch nicht in meiner –« Der Unterarzt wurde plötzlich blutrot, zog die Hände aus den Taschen und sagte mit verändertem, natürlichem Ton: »Der Geheimrat meint, daß solche lang andauernden 258 Amnesieen außerordentlich selten sind. Er interessiert sich infolgedessen für unseren August besonders. Es wäre eine feine Sache, wenn Sie das aufklären könnten.«

Lachmann stellte, während er die Wege und Stege des Charitégartens, die er so oft gegangen war, musterte, stillvergnügt fest, daß die studierende Jugend noch immer so gernegroß war wie zu seiner Zeit. »Vielleicht kann ich Ihnen wirklich behilflich sein,« sagte er. »Ist der Mann mein Freund Weltlein, so könnte die Überraschung, mich zu sehen, ihm wieder zu seinem Gedächtnis verhelfen.«

Der Unterarzt nickte zum Zeichen seines Einverständnisses, und beide traten in den Krankensaal ein.

»Du, August,« tönte eben eine Stimme aus einem Bett in der Mitte des Saales, dessen Insasse, nach einem Streckverbandsgestell zu urteilen, eine Fracktur des Oberschenkels hatte, »gib man Achtung, daß du nichts von dem kostbaren Gut verschüttest.« Er drehte von seiner Rückenlage gehindert mit vieler Mühe den Kopf herum, um einen auffallend großen Mann zu beobachten, der, umgeben von einer Reihe von Uringläsern, eifrig mit Röhrchen und Reagentien hantierte.

»Du sollst sehen,« rief ein anderer mit einem Verband um den Kopf, der gerade mit dem Besen die Überbleibsel von einem Verbandswechsel zusammenkehrte, »er gießt noch eine von den Bowlen hinter die Binde, die Nase hat er schon beinahe drin.«

»Ihr seid Banausen,« sagte jetzt der Mann an dem Untersuchungstisch, ohne sich umzudrehen.

Lachmann erkannte sofort Weltleins Stimme.

»Aus solchem Stoff ist das Colosseum in Rom gebaut und Deutschlands Einheit kam nur zustande, weil Eugenie nicht genug Wert auf dergleichen Untersuchungen legte. Da habt ihr's besser; dreimal im Tage notiere ich eure Pulszahl und einmal koche ich hier die Suppe. Euch kann nichts passieren. Aber ihr solltet um meine Gunst werben, daß ich ein milder Richter sei, wenn ich euch Herz und Nieren prüfe.«

»Laban, alter Junge,« rief jetzt Lachmann.

Thomas drehte langsam den Kopf und ohne sich im Kochen seines Reagensgläschens stören zu lassen, nickte er nur dem Freunde 259 zu und sagte: »Das ist nett, Lachmann, daß du mich besuchst. Du kannst den Leuten hier besser als ich die Wichtigkeit der Urinuntersuchung klar machen. Aber zum Teufel,« er warf plötzlich das Röhrchen auf den Tisch, so daß es auf den Boden rollend zerbrach, »ich habe die Schweinerei satt und die Amnesie dazu.« Er eilte mit langen Schritten durch den Saal, so daß sein Krankenmantel wie ein schlaffes Segel hinter ihm herflatterte. Dabei hob er seinen linken Arm aus der Schlinge, in der er hing, und begann noch im Laufen die Knöpfe seines Krankenanzugs aufzuknöpfen.

Der Unterarzt starrte fassungslos auf die lange Gestalt, die da angerannt kam. »Aber Ihr Arm ist doch noch nicht heil. Nehmen Sie sich doch in acht, hören sie doch, Müller.«

»Ach was, Müller. Weltlein ist mein Name, Thomas Weltlein, und der hier,« er klopfte Lachmann auf die Schulter, »ist mein alter Freund, Vetter und Saufkumpan Lachmann. Und mein Arm –« er hob ihn in die Höhe und wollte ihn durch die Luft sausen lassen, ließ ihn aber sofort mit einem Schmerzensgesicht sinken – »na ja, gut ist er noch nicht; aber für meine Bedürfnisse langt es. Und hier aus diesem Stall will ich heraus, sofort.«

»Das geht nicht.« Der Unterarzt wurde ganz Obrigkeit. »Sie müssen hier bleiben, und wir werden entscheiden, wann Sie entlassungsfähig sind.«

Thomas lachte ihm gerade ins Gesicht. »Das geht nicht? Und ich muß hier bleiben? Komm, Lachmann!« Er faßte den Freund unter dem Arm und drängte zur Tür.

Der Unterarzt vertrat ihm den Weg. Er war wütend und wurde es immer mehr, weil er sah, daß Thomas einen Heiterkeitserfolg im Saal hatte. »In diesen Kleidern –«

»Denke ich durchaus nicht zu bleiben, man wird mir die meinen wohl bringen.«

»Der Herr Geheimrat –«

»Ist ein alter Bekannter von mir aus der Universitätszeit und war damals schon kein Licht. Grüßen Sie ihn von mir und sagen Sie ihm, ich hätte mich gefreut, daß er sich so vorzüglich geistig und körperlich konserviert hätte.« Er hatte den Unterarzt beiseite gedrängt und war schon auf dem Korridor. Lachmann zog den 260 Unterarzt, der sich vor Wut die Lippen zerbiß, weil er voraussah, wie schlecht ihm die Flucht des interessanten Amnesiefalles bekommen werde, mit sich.

»Es ist Tatsache,« sagte er, »daß Herr Müller oder Herr Weltlein, denn er führt beide Namen, ein alter Bekannter des Geheimrats ist, ebenso wie ich. Ich werde die Sache in Ordnung bringen. Sie sehen ja, der Kranke ist rabiat und wenn Sie einen Skandal vermeiden wollen,« – man hörte bis auf den Korridor den Lärm und das Gelächter, womit die Kranken den Vorfall erörterten – »lassen Sie ihn ruhig laufen. Ich bringe die Sache noch heute für Sie in Ordnung.«

Eine Stunde später klopfte Thomas, wieder ganz Gentleman, an Lachmanns Tür im Hotel. Lachmann wollte, wie er es versprochen hatte, den Geheimrat aufsuchen, um ihm die Angelegenheit des Amnesie-Müller aufzuklären und Thomas benutzte die Gelegenheit, um seinen Freund durch den Tiergarten zu begleiten und ihm die Geschichte der letzten vierzehn Tage zu erzählen.

»Wie es zugegangen ist? Sehr einfach. Als ich seinerzeit nach Berlin fuhr, wurde mir bei einem Streit in der vierten Wagenklasse meine Brieftasche gestohlen, ich bemerkte es aber zu spät, um noch an Ort und Stelle nachzuforschen. Mein Verdacht fiel sofort auf einen Mann mit einer schwarzen Binde über dem linken Auge, einem Apfelsinenhändler, der eine verteufelte Ähnlichkeit mit dem Weinbergskarl hatte. Du weißt, wer der Weinbergskarl ist?«

»Woher sollte ich es wissen,« versetzte Lachmann und zog die Mundwinkel spöttisch herunter. »Du tust mit deinen Erlebnissen wie eine alte Jungfer, die Andeutungen über ihre Liebesaffären macht.«

»Wenn du so gering von den Ereignissen denkst, die mit mir vorgehen,« erwiderte Thomas verstimmt, »daß du sie durch so niedrige Vergleiche entwürdigst, lohnt es sich nicht, das weitere mitzuteilen. Übrigens tut es nichts zur Sache, wer der Weinbergskarl ist. Genug, er hat mich in den Zustand versetzt, denn unser geheimer Universitätsfreund Amnesie zu nennen beliebt.«

Lachmann schritt mit den Händen auf dem Rücken weiter. »Der Geheimrat muß dich doch wieder erkannt haben.«

»Es scheint nicht so.«

261 »Du sahst nicht so aus, daß man Sehnsucht gehabt hätte, alte Beziehungen zu dir wieder anzuknüpfen. Vielleicht war der gute Mann besorgt, du würdest ihn anpumpen.«

Thomas steckte die Hand vorn in die Brust, hob den Kopf und streckte den Bauch vor. »Du weißt wohl nicht, mein Freund, wie grob du bist. Man denkt so etwas nicht von Thomas Weltlein. Nein, er hat mich tatsächlich nicht wiedererkannt. Und das ist der Beweis dafür, daß er selber an Amnesie leidet, der arme Kerl.«

Der Vetter hob die Stirn in die Höhe. »Und deshalb –«

»Natürlich deshalb. Ich konnte doch den alten Kameraden nicht vor seinem Assistenten und seinem Personal dadurch bloßstellen, daß ich seinen Gedächtnisschwund aufdeckte. Zumal mir noch auffiel, daß sich allerhand Größenideen bei ihm äußerten, die mir den Verdacht einer Gehirnerweichung nahe legten. Der Mann hat Weib und Kind und eine große Stellung, hat also viel zu verlieren, wenn es heraus kommt, daß er Paralytiker ist. Ich habe mich also geopfert und ihm sein schlechtes Gedächtnis abgenommen.«

»Und hast dich den Studenten als höchst interessanten Fall von totaler Amnesie nach Gehirnerschütterung vorstellen lassen. Das finde ich köstlich.« Der kleine Mann lachte, daß ihm der Bauch schütterte.

»Dein Lachen ist unangebracht,« sagte Thomas voll Würde. »Ich fühlte mich verpflichtet festzustellen, auf welche Gebiete sich die Verblödung dieses Mannes erstreckt, da er ja von Berufs wegen dazu da ist, junge Leute in die Geheimnisse der Wissenschaft einzuweihen. Zu meiner Beruhigung ergab sich, daß er nur seinen gesunden Menschenverstand verloren hat. Das wissenschaftliche Gedächtnis scheint völlig intakt geblieben zu sein. Der Staat hat also kein Interesse daran, gegen den Mann einzuschreiten, da er seiner Pflicht, gegen die Übervölkerung zu wirken, nachkommt.«

»Du scheinst dir in Bäuchlingen eine nette Meinung über die Ärzte gebildet zu haben. Aber wir sind doch nicht alle Vorbeuger.« Sie waren aus dem Brandenburger Tor getreten und Lachmann hielt, sorglich nach rechts und links schauend, seinen Freund am Rockärmel fest, damit er nicht unter die Räder käme.

262 »Ihr werdet alle,« erwiderte Thomas ernsthaft, »in derselben Weise und zu demselben Ziele ausgebildet. Die Beschäftigung mit der Medizin scheint außerdem im Menschen eine spezifische Reaktion hervorzurufen, gewissermaßen psychische Fermente zu schaffen, die von Arzt auf Arzt übertragbar sind und sich in dem Einzelarzt weiter verstärken. Es gibt offenbar eine Art Seuche, für die nur Arztbeflissene empfindlich sind, die, ohne abzubrechen, durch die Jahrtausende wandelt und verhindert, daß der Arzt im Besitze seiner vollen Geisteskräfte bleibt.«

Lachmanns ruhige Gangart wurde zapplig, er fing wieder einmal an, mit dem Stock nach Grashalmen der Tiergartenanlagen zu schlagen und seine Mundwinkel hingen so weit herab, daß Thomas sich veranlaßt sah, in seiner Brieftasche nach Heftpflaster zu suchen, um sie von den Ohren her wieder nach oben zu ziehen.

»Es ist ein billiger Spaß, sich über die Ärzte lustig zu machen,« sagte er. »Letzten Endes spricht sich darin der Groll der Menschen aus, daß sie den Arzt bezahlen müssen.«

»Und daß sie ihn niemals vollwertig bezahlen können, da seine Leistungen stets über dem Entgelt stehen, da hast du ganz recht,« sagte Thomas. »Darin geht es dem Arzt wie der Mutter. Aber mir lag es ganz fern über den Arzt zu spotten, du hast mich nur nicht verstanden. Lassen wir das.«

Die beiden schritten eine Weile schweigend dahin, dann begann Thomas wieder: »Der Geheimrat wohnt ja wohl in der Hohenzollernstraße?«

»Ja, warum fragst du?«

»Weil ich mit zu ihm hineingehen will, weil ich dir vorher noch einiges mitteilen will und weil dort der Kaiser angefahren kommt.«

Wirklich hörte man das charakteristische Huppensignal des Kaisers. Sein Wagen bog eben um die Ecke der Tiergartenstraße, um in die Siegesallee einzufahren. Zu beiden Seiten der Straße sah man die Leute stillstehen und grüßen. Die beiden Freunde traten an den Rand des Fahrdammes, wo ein hochgewachsener schlanker alter Herr mit gezogenem Hut stand, dessen ganze Haltung den früheren Offizier kund gab. Der Kaiser schien ihn zu kennen, wenigstens winkte er ihm im Vorbeifahren freundlich zu.

263 Kaum war der kaiserliche Wagen vorüber, so setzte der alte Herr seinen Zylinder auf und wandte sich entrüstet zu Thomas, der, während Lachmann Front gemacht hatte, unbekümmert mit dem Hut auf dem Kopf und der einen Hand in der Hosentasche, den Kaiser ohne Gruß hatte vorbeisausen lassen.

»Warum grüßen Sie nicht,« fuhr er los.

Thomas zog den Hut, verbeugte sich verbindlich und sagte: »Weltlein ist mein Name.«

Der alte Herr hob schon den Arm, um den Gruß zu erwidern, besann sich aber und wiederholte nochmals: »Warum grüßen Sie nicht?«

»Nach meiner Meinung war ich Ihnen noch nicht vorgestellt. Das habe ich nun nachgeholt und Sie dann auch gegrüßt, wozu ich vorher keine Veranlassung hatte. Aber ich verstehe nicht, warum Sie nicht grüßen, da Sie doch meine Bekanntschaft zu suchen scheinen.«

Der Herr griff wieder nach dem Hut, unterbrach wieder seine Bewegung und sagte ärgerlich mit dem Stock auf die Erde stoßend: »Ich frage, warum Sie Majestät nicht grüßen, Sie haben doch gesehen, daß er vorbeifuhr?«

»Gewiß, aber ich bin ihm ebenso wenig vorgestellt wie Ihnen und ich halte es nicht für richtig, Leute mit meinem Gruß zu belästigen, die ich nicht kenne.« Damit wandte sich Thomas zum Gehen.

Der andere vertrat ihm den Weg: »Jeder Patriot grüßt seinen Kaiser,« sagte er.

Thomas sah seinen Gegner überrascht an, als ob der ihn vor ganz neue Ansichten gestellt hätte. »Verzeihen Sie, ich hatte bisher noch keine Zeit, mich mit der Frage zu beschäftigen, ob ich Patriot bin, werde aber darüber nachdenken. Bitte, erinnere mich doch gelegentlich daran, Lachmann.«

Der Vetter stand halb abgewendet da und hatte die Unterlippe weit vorgeschoben, die Sache paßte ihm nicht.

»Ich wiederhole Ihnen,« fing der alte Herr, der sich durch Heftigkeit aus der Verlegenheit zu helfen suchte, wieder an: »Jeder Deutsche grüßt seinen Kaiser, es sei denn, daß er ein Revolutionär ist.«

»Ja, dann habe ich ja ganz recht getan nicht zu grüßen,« sagte Thomas naiv, »ich bin Revolutionär, das wissen Sie doch. Hören Sie doch, Thomas Weltlein, ich nannte Ihnen schon meinen Namen, 264 da liegt die Weltrevolution, der Zweifel drin. Und rot. – Ich bin Ihnen wirklich dankbar für das Wort. Rot – Wanze – natürlich, Sie haben mir ein Rätsel gelöst. Ich danke Ihnen vielmals.« Er grüßte wieder, nahm Lachmanns Arm und ließ den Herrn stehen, der ihm verblüfft nachschaute, hinter dem Rücken der beiden kurz den Hut lüftete und davon ging.

»Ich hätte nicht gedacht,« sagte Thomas im Weiterschreiten und machte dabei ein Gesicht wie ein Junge, der zum erstenmal lange Hosen anhat, »daß ich so bekannt bin.«

»Bekannt? Ja weiß Gott, wenn du noch ein paar solche Dummheiten machst, wirst du bald wie ein bunter Hund bekannt sein.«

»Nicht wahr? Es war eigentlich nett von dem alten Herrn, daß er so diskret mit dem Wort roter Revolutionär auf das anspielte, was man von mir erwartet, besonders im Vergleich zu der lumpigen Vertraulichkeit, mit der S. M. sich bei mir anzubiedern suchte. Na, ich habe ihn ja auch abfallen lassen.«

Lachmann sah seinen Vetter von der Seite an. War das Verrücktheit oder war es Absicht? Ablenkend sagte er: »Du wolltest mir noch irgend etwas erzählen, ehe ich zum Geheimrat Nolde gehe.«

»Ja richtig. Mir fiel vorhin bei unserem Gespräch über Noldes Gedächtnisschwund etwas ein, was meine Theorie von der Ansteckung glänzend bestätigt, und ich möchte das unserem Freund persönlich mitteilen. Er hat nämlich sowohl im Krankensaal bei seinen Besuchen, wie namentlich, als er mich im Hörsaal den Studenten vorstellte, geradezu erstaunlich gut über diesen Gegenstand gesprochen, und ich bin der Ansicht, daß sich dadurch, ich meine, durch das intensive Zuhören meinerseits in meiner Seele Gifte gebildet haben, die dann meine totale Amnesie herbeiführten.«

Lachmann blieb erstaunt stehen: »Was denn? Hast du denn wirklich dein Gedächtnis verloren gehabt?«

»Keine Spur. Aber es paßt doch sehr schön in die Theorie.«

Lachmann lüftete spöttisch ehrfürchtig den Hut. »Du hast den Witz aus der Geschichte raus. Man sollte dich eigentlich zum Professor machen.«

»Nicht wahr? Aber schließlich ist es doch besser so. Ich bin so freier.«

265 Sie waren an der Hohenzollernstraße angelangt und Lachmann wurde ungeduldig. »Du tätest mir einen Gefallen, wenn du mir endlich etwas darüber mitteiltest, wie du in die Charité geraten bist. Sonst hat doch der ganze Besuch bei Nolde keinen Sinn.«

»Du hast recht. Also ich erzählte dir ja vom Weinbergskarl. Ich habe ganz Berlin nach dem Kerl durchsucht und schließlich habe ich ihn gefunden.« Thomas verstummte plötzlich, und als ihn Lachmann mit einem ungeduldigen: »Na also, du hast ihn gefunden,« aufschreckte, sagte er: »Ist es nicht merkwürdig, daß man, sobald das Wort suchen fällt, an das Wort finden denkt?« Er sah geistesabwesend Lachmann gerade ins Gesicht, und da der nur mit einem kurzen Nein antwortete, fuhr er fort: »Mir ist das sehr merkwürdig, namentlich weil man beim Wort finden selten an das Wort suchen denkt. Der Mensch ist eben auf Gegenwart und Zukunft eingestellt und das ganze Geschwätz von der Bedingtheit menschlichen Denkens durch ursächliche Vorstellungen ist eitel Schwindel, erfunden von Heuchlern, die sich nicht eingestehen wollen, daß der Mensch absolut egoistisch ist und infolgedessen nur nach Zwecken denkt und handelt. Verstehst du, was ich meine?«

»Nein, aber bitte erzähle –.«

»Ich fürchte, ganz verstehe ich es auch nicht.«

Sie waren jetzt vor dem Noldeschen Hause angelangt. Lachmann stand still, packte seinen Vetter am Arm und schüttelte ihn. »Du sollst mir die Geschichte vom Weinbergskarl erzählen,« schrie er in voller Wut und stampfte mit dem Bein auf.

»Na, du brauchst mich nicht gleich zu treten; also ich habe ihn gefunden, bin mehrfach mit ihm aus gewesen und habe ihn mit Hilfe von Schnäpsen zutraulich gemacht und schließlich habe ich ihn hereingelegt.«

Lachmann war im Begriff den Kampf aufzugeben und hob schon die Hand, um auf die Klingel von Noldes Villa zu drücken, als ihm plötzlich eine neue Idee kam. »Du gibst doch vor, für das Wohl deiner Mitmenschen zu sorgen?«

Thomas sah ihn treuherzig an: »Ja. Das heißt –«

»Jedenfalls verträgt es sich nicht mit deinen Ideen, daß du einen andern absichtlich hereinlegst.«

266 Thomas wurde nachdenklich. »Vielleicht hast du recht. Es ist nicht nett von mir gewesen. Warte noch einen Augenblick; ich werde dir die Sache erzählen. Aber nimm erst die Hand von dem Klingelknopf weg. Das ist zu spannend für mich.«

Lachmann ließ lächelnd wie eine Mutter, die ihrem Kinde irgend eine törichte Bitte gewährt, die Hand sinken.

»Ja, für dich ist es natürlich nichts,« fuhr Thomas eifrig fort: »aber vor meinen Augen wird der Knopf zum Mittelpunkt des Weibes und ich warte auf den Moment, wo der elektrische Strom durch den Körper hindurch rieselt. Es ist manchmal nicht leicht, sehend zu sein.«

Lachmann wurde sich für einen Augenblick über das Schicksal seines Freundes klar. Diese Einsicht war ihm aber unerträglich und er warf sie mit dem Wort »verrückt« beiseite.

»Mag sein. Ich glaube es aber nicht. Also ich hatte mir den Weinbergskarl oder Apfelsinenmann auf den Abend des 7. September bestellt, um mit ihm in einen der Berliner Verbrecherkeller zu gehen. Ich hatte, als der Kerl kam, meine Geldtasche, in der ein Tausendmarkschein so steckte, daß er zu sehen war, offen auf dem Schreibtisch liegen, stopfte noch ein paar kleine Scheine hinein und tat sie in meine Brusttasche. Wir sind dann zusammen fortgegangen, haben verschiedene Kneipen besucht, in denen ich allerlei interessante Schufte kennen gelernt habe. Zuletzt waren wir in einem rauchigen Loch irgendwo im Norden Berlins. Ich muß von dem vielen Fusel schon ziemlich besoffen gewesen sein, wenigstens entsinne ich mich nur undeutlich des Raumes, eines sehr blassen dicken Wirtes und daß der Apfelsinenmann mir gegenüber saß und mich ansah. Was dann passiert ist, ob sie mir irgend ein Gift eingetrichtert oder mir einfach eins auf den Deetz geschlagen haben, weiß ich nicht. Genug, als ich wieder zur Besinnung kam, war ich in der Charité.«

Thomas schwieg und sah gespannt seinen Zuhörer an, als ob er erwartete, daß seine Erzählung irgend eine erstaunliche Wirkung auf Lachmann haben werde, als ob er zum mindesten die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn nicht gar in die Erde versinken werde. Als von alledem nichts geschah, der Vetter vielmehr mit einem verdutzt dummen Gesicht dastand, weil er ganz etwas 267 anderes zu hören gedacht hatte, fuhr er fort: »Ich glaube gar, du verstehst nicht, was ich erzähle.«

»Doch, doch,« beeilte sich Lachmann zu sagen. »Ich weiß nur nicht, du behauptetest doch, du hättest den Kerl reingelegt. Doch nicht dadurch, daß du ihn um tausend Mark bereichert hast, denn die wird er dir doch wohl weggenommen haben.«

»Ganz richtig. Die hat er mir weggenommen, und das war der Sinn meines ganzen Unternehmens, denn dafür sitzt er nun.«

»Wer? Der Weinbergskarl?«

»Ja. Es kann auch der Apfelsinenmann gewesen sein. Genug, er sitzt. Es ist ja sicher Eitelkeit dabei im Spiel, daß ich ihn wieder eingefangen habe, vielleicht lockten mich auch die 200 Mark Belohnung, die auf seine Festnahme gesetzt sind, aber hältst du es wirklich für meiner unwürdig, wenn ich einen Gewohnheitsverbrecher der Polizei ausliefere?«

»Nein, sicher nicht.« Lachmann war neugierig geworden. Er trat an seinen Freund heran und schüttelte ihm die Hand. »Im Gegenteil, ich finde das ganz famos, hätte dir so viel Courage nicht zugetraut, denn immerhin – einen gewiegten Verbrecher, wie den Weinbergskarl –«

»Es kann auch der Apfelsinenmann gewesen sein,« schaltete Thomas ein. Dabei trat er von einem Bein auf das andere und sah sehr unbehaglich aus.

»– mitten unter seinen Kumpanen verhaften zu lassen, dazu gehört etwas. Famos, ganz famos. Aber nun erzähle mal. Wie hast du's angefangen? Ist dir ein Detektiv heimlich nachgefolgt oder –«

»Lachmann, du bist der größte Esel dieses und des folgenden Jahrhunderts,« unterbrach ihn Thomas, ging auf das Haus zu und klingelte. Die Tür öffnete sich sofort, und ehe noch Lachmann Zeit gehabt hatte, seinen kurzen Leib die zwei Stufen zum Eingang hochzuwälzen, hatte sich Thomas schon der Situation bemächtigt.

»Melden Sie uns dem Herrn Geheimrat,« sagte er, gab dem Diener würdevoll ein Goldstück und schritt an ihm vorbei, ehe der noch seine glattrasierten Lippen öffnen konnte, um sein ewiges Sprüchlein, daß der Herr Geheimrat um diese Stunde nicht empfange, herzusagen.

268 Thomas hatte seinen Überzieher schon halb ausgezogen, sah den Diener streng an, so daß dieser eingeschüchtert ihm Hilfe leistete, und sagte: »Sagen Sie dem Herrn Geheimrat, der Laban und der dicke Bautz seien da, um den frommen Holder zu begrüßen, und führen Sie uns ins Empfangszimmer. Hast du eine Karte da, Lachmann? Also gib sie her.«

Der Diener sah, mit etwas geknickten Knien dastehend, zweifelnd herunter auf die Karte und wieder hinauf zu dem langen Herrn, der so wenig Umstände machte.

»Haben Sie mich verstanden?« fuhr er den Diener an, während er sich vor dem Spiegel die Haare bürstete.

»Ja, aber –«

»Melden Sie uns,« mischte sich nun auch Lachmann ein. »Ich danke schön, ich werde schon allein fertig.« Er schälte sich langsam aus seinem Überzieher heraus. »Melden Sie uns: den Laban und den dicken Bautz.«

Der Geheimrat kam ihnen mit ausgebreiteten Armen entgegen und zog den langen Thomas an sich, als ob er, vor Rührung ganz überwältigt, seinen von gefahrvoller Reise zurückkehrenden Sohn begrüße.

»Na, ich habe schon von Dr. Hübner gehört, daß du wieder bei dir bist, alter Laban.« Er klopfte Thomas, ihn immer noch umschlungen haltend, auf den Rücken. »Das war ein böses Abenteuer. Wunderst dich wohl, daß ich dir das Gedächtnis nicht gleich aufgefrischt habe. Es war ja auch nicht nett von dir. Aber erstens war es mir doch fraglich, ob es geholfen hätte, und dann ging eben das wissenschaftliche Interesse mit mir durch. Totale Amnesie bei völlig intaktem Intellekt, so total, daß man seine besten Freunde nicht wiedererkennt, so etwas sieht man nicht alle Tage. Und weißt du, Bautz,« er wandte sich an Lachmann, der sprachlos die Gewandtheit bewunderte, mit der sich Nolde aus der Affäre zog, »die Idee, ihm so unter der Hand, gewissermaßen als frei erfundenen Spitznamen, seinen eigenen Namen August Müller aufzuschmuggeln, die war nicht schlecht.« Er trat einen Schritt zurück, senkte die Hände in die Hosentaschen, hob das Kinn hoch und strich den schönen, langen, blonden Vollbart. »Man kann wohl annehmen, daß der 269 Mann durch diesen Kunstgriff der psychischen Therapie zum mindesten für die Heilung sozusagen prädestiniert war, wenn man auch vielleicht nicht so weit gehen darf, ihn für das entscheidende Moment zu halten. Aber ich glaube,« Nolde faltete die Hände in stolzer Freude über sich selbst, »ich glaube, dein Einschreiten, lieber Kollege Lachmann, wäre nicht gelungen, wenn die Sache nicht schon vorher von mir vorbereitet gewesen wäre.«

Ehe Lachmann noch mit dem Neidgefühl fertig geworden war, das die Gewandtheit der Universitätsleuchte in Lügen bei ihm erweckt hatte, nahm Thomas das Wort.

»Nein, es hätte ganz gewiß nichts geholfen. Lachmanns Erscheinen hat mit meiner Genesung nichts zu tun, aber auch deine feine Therapie, Nolde, war überflüssig. Das Gedächtnis,« er setzte sich auf einen Stuhl und zündete sich die Zigarre an, die Nolde ihm anbot, »war mir von einem Hauptgauner, der mich bestehlen wollte und mich zu diesem Zweck hypnotisiert hat, wegsuggeriert worden, posthypnotisch für 14 Tage jede Erinnerung verboten worden. Das ist des Rätsels Lösung.« Er sah mißbilligend auf Lachmann, der weit vorgebeugt mit aufgerissenen Augen die Hände auf die Knie gestemmt dasaß und ein Gesicht machte, als ob er demnächst platzen werde. »Ich weiß nicht, ob der Fall dadurch nicht noch interessanter wird.«

Lachmann lehnte sich im Stuhl zurück, schlug die Beine übereinander und schnippte die Zigarrenasche auf den Teppich.

»Holder,« sagte er, triumphierend lächelnd, »der Laban ist dir über.«

Nolde sah ungewiß und mißtrauisch nach Thomas, dann Lachmann an und sagte schließlich. »Ja, ja, es ist wirklich interessant. Aber wir wollen uns doch freuen, daß es so abgelaufen ist. Wie wohl du wieder aussiehst, Laban, und dein Schlüsselbein? Ist's wieder ganz heil? Keine Schmerzen mehr? Laß mal sehen!« Er wollte gerade Thomas Arm prüfend heben, als der Diener erschien und ihm etwas zuflüsterte.

»Was ist los?« schrie er ihn an. »Das ist nun schon das zweitemal heute, daß Sie mir solch Gesindel hereinlassen, das nicht lesen kann, wann ich Sprechstunde habe.« Er nahm die Visitenkarte und sein Gesicht leuchtete plötzlich, während sich seine Lippen spitzten. 270 »Ah, die Frau von Lengsdorf, und die kleine Helene ist auch mit. Das ist was anderes. Führen Sie sie in mein kleines Sprechzimmer. Ach, ihr entschuldigt wohl einen Augenblick.«

Thomas winkte gnädig mit der Hand und der Geheimrat verschwand eiligst, im Laufen noch vorn den Verschluß der Hose prüfend.

»Lengsdorf?« fragte Lachmann, »sind das –«

Thomas nickte. Er hatte die Hände hinter dem Kopf gekreuzt und die Beine weit von sich gestreckt und schaute mit zusammengekniffenen Augen listig drein. »Ich möchte wohl mit ansehen, wie die Hure und das Hürchen ihn vornehmen,« sagte er.

»Wo kennst du sie denn her,« fragte Lachmann interessiert. Er hatte die Hand auf den Rauchtisch gelegt und spielte mit den Fingern auf einem kleinen Aschenbecher Klavier.

»So weit, wie du, bin ich mit ihr nicht gegangen,« erwiderte Thomas,« immerhin war es ganz nett.«

Lachmann zog verärgert die Hand zurück und steckte sie in die Tasche. »Du bist mir noch immer die Erklärung schuldig, wie du den Weinbergskarl –«

»Es kann auch der Apfelsinenmann gewesen sein. Vielleicht war es auch keiner von beiden.«

»Himmel Herrgott Sakrament. Das weißt du auch nicht?« schrie Lachmann wütend. »Ich dachte, beide wären eine und dieselbe Person.«

»Kann sein, kann auch nicht sein. – So genau weiß ich das nicht.«

»Du hast eine verdammte Manier –«

»Dir in dein Spiel mit Helenchen zu gucken und das ärgert dich. Aber warum fingerst du auch gerade, wenn von ihr die Rede ist, an dem Loch da herum?«

Lachmann schlug sich mit der Faust auf das Knie. »Jetzt hab ich es satt. Entweder du erzählst oder ich lasse dich hier allein mit dem frommen Holder.«

»Was willst du eigentlich wissen?« fragte Thomas unschuldig.

»Ich will wissen,« Lachmann betonte jedes einzelne Wort mit einem Schlag auf sein Knie, »wie du den Kerl, mit dem du in 271 der Verbrecherkneipe warst und der dir deinen Tausendmarkschein gestohlen hat, der Polizei ausgeliefert hast; du bist doch die ganze Zeit im Krankenhaus gewesen.«

Thomas sah ihn belustigt an. Er war in diesem Augenblick ganz Eitelkeit. »Der Tausendmarkschein war falsch.« Er schwieg eine Zeitlang, sich an seiner eigenen Vollkommenheit in dem gegenüberhängenden Spiegel weidend, dann begann er hastig zu erzählen. »Also der Tausendmarkschein ist sehr geschickt gefälscht. Ich habe, als ich meinen Plan gefaßt hatte, Mühe genug gehabt, ihn aufzutreiben; habe ihn schließlich bei einem Sammler von Merkwürdigkeiten gefunden, dem ich dafür meinen Seelensucher geschenkt habe.«

Lachmann sprang auf. »Du bist verrückt!« Der Seelensucher, der Goethesche Schattenriß, dessen Entfernung Agathe seinerzeit bei ihrem Einzug in das Haus des Bruders durchgesetzt hatte, war immer ein Gegenstand seiner Sehnsucht gewesen. »Also erzähle,« fuhr er resigniert fort.

»Diesen falschen Tausendmarkschein hat der Apfelsinenmann an einem der nächsten Tage auf der Deutschen Bank wechseln wollen. Der Mann an der Kassa hat den Braten gerochen und mein Weinbergskarl ist verhaftet worden und alles ist ans Tageslicht gekommen.«

»Ja, bist du denn als Zeuge vernommen worden?«

Thomas sah ihn verwundert an: »Nein.«

»Ja, woher weißt du denn, daß er verhaftet ist?«

»Wissen? Ja, wissen tue ich es nicht.«

»Du weißt es nicht? Es ist also gar nicht passiert?«

»Vielleicht doch, oder wenigstens könnte es passiert sein.«

»Du hast dir also die ganze Geschichte aus den Fingern gesogen. Das ist ja skandalös.« Lachmann schäumte vor Wut.

»Bitte sehr,« sagte Thomas gereizt, »ich habe ebenso viel Recht wie du oder der Holder da –« Nolde war eben wieder eingetreten, – »mir etwas aus den Fingern zu saugen.«

»Weil ihr Ärzte seid, bildet ihr euch ein, ihr hättet allein das Recht, aufzuschneiden. Aber da seid ihr gewaltig im Irrtum.« Er unterbrach sich und wies auf Nolde. »Sieh mal, was der Holder Helenchen zuliebe für einen großen Mund hat.«

272 Der Geheimrat, der Weltleins Bemerkung nicht verstand, fuhr auf: »Ich finde es geschmacklos, so auf die Ärzte zu schimpfen. Und daß du mich mit der Hypnosengeschichte zum Besten gehabt hast, habe ich wohl gemerkt.« Er strich sich stolz den Vollbart, drehte aber gleich darauf verlegen den Kopf beiseite. »Was siehst du mich so an,« fragte er.

»Mich interessiert es,« sagte Thomas ernsthaft, »daß du genau derselbe bleibst, wenn du eine falsche Diagnose stellst. Die Würde als ordentlicher Professor und Geheimrat ändert also nichts an der Arztseele. Du bist darin ganz wie Dr. Vorbeuger, nur daß der immer falsche Diagnosen stellt.«

»Wieso falsche Diagnose?« fragte Nolde.

»Weil es wahr ist, was ich dir von der Hypnose erzählt habe. Ich verstehe auch gar nicht, wie du mit deinem Scharfblick nicht gleich erkannt hast, daß mein zerbrochenes Schlüsselbein die Wahrheit meiner Aussage unerschütterlich bestätigt.«

Der Geheimrat faltete die Hände über dem Bauch, wie er es zu tun pflegte, wenn einer der Kandidaten im Examen eine dumme Antwort gab. »Bestätigt? Der Bruch beweist doch, daß du irgendwie gewaltsam betäubt worden bist.«

Thomas erhob sich und ging zu Lachmann. »Komm Dicker,« sagte er, »es hat keinen Zweck mehr länger zu bleiben, unser guter, alter, armer Holder ist wirklich vollständig reif für die Universität.«

Lachmann blieb ruhig sitzen. Er weidete sich an der Ratlosigkeit Noldes, der nicht wußte, was er aus Thomas machen sollte. »Du bist uns eine Erklärung darüber schuldig, wieso dein Schlüsselbeinbruch beweist, daß du hypnotisiert worden bist.«

Thomas zuckte die Achseln. »Für den Weinbergskarl oder wer es sonst gewesen sein mag, war es wünschenswert, daß ich eine Zeitlang aus dem Wege geräumt wurde. Diesen Wunsch hat er mit der Hypnose wie ein Serum in meine Seele gespritzt und dieses Seelengift hat dann durch innere Ansteckung mein Gehirn erschüttert und mein Schlüsselbein zerbrochen. Wie wäre es sonst zu erklären, daß ich keine schwereren Verletzungen habe? Die innere Ansteckung wirkt immer nur, so weit sie für den bestimmten Zweck 273 unbedingt erforderlich ist; man nennt das, wie dir der Herr Geheimrat da bestätigen kann, das Gesetz von der Sparsamkeit der Natur, die stets mit den geringsten Mitteln das größtmögliche Resultat erzielt.«

»Das ist der reine Blödsinn,« fuhr der Geheimrat los.

»Nein, das ist die reine Theorie und die reine Theorie ist immer richtig.«

»Aber du bist ja ganz verdreht, Laban,« dozierte der Geheimrat. »Eine Theorie kann doch nur richtig sein, wenn die Prämissen richtig sind und man kann doch nicht sagen, der liebe Gott sitzt im Himmel, folglich muß der Himmel fest sein.«

»Warum soll man denn das nicht sagen können? Jahrtausende lang hat man es gesagt und wenn ich Lust habe, es wieder zu sagen, so ist es eben wieder richtig.«

Lachmann beobachtete belustigt den Geheimrat, der wieder den Bart strich, weil er nicht aus noch ein wußte. Daß Thomas übergeschnappt war, wurde ihm allmählich klar, aber er fand nicht den richtigen Dreh, um das Gespräch, in das er sich eingelassen hatte, harmlos zu gestalten.

»Der Mensch als Maß aller Dinge,« er zog den Mund krampfhaft in die Breite, was ein vergnügtes Lächeln bedeuten sollte. »Aber darüber sind wir doch hinaus. Die Wissenschaft ist erst fortgeschritten, seitdem sie objektiv geworden ist.«

»Das heißt, seitdem der Universitätsprofessor das Maß aller Dinge geworden ist,« sagte Thomas in dem verbindlichsten Ton, der ihm zur Verfügung stand. »Aber nun paß einmal auf. Die Universität ist die Quintessenz alles Wissens. Das ist die Theorie. Folglich sind alle Universitätsprofessoren kluge Leute, sogar du.« Thomas lächelte triumphierend, während Lachmann ihm einen freundschaftlichen Stoß gab.

»Das ist eine Unverschämtheit,« brüllte Nolde.

»Nein, das ist eine Theorie,« ließ sich jetzt Lachmann vernehmen, »sogar eine, an die du glaubst. Laban hat ganz recht. Im übrigen wollen wir uns doch vertragen.«

»Ich zanke mich gar nicht,« eiferte Thomas, »ich führe nur aus, was ich dir vorhin über die ansteckende Verstandesseuche der Ärzte 274 sagte, was übrigens von allen gelehrten Berufen gilt. Das Studium ist an sich ein Gift, das bestimmte wohl erkennbare Folgen herbeiführt. Nimm nur die Theologen. Seit 2000 Jahren zerbrechen sie sich die Köpfe darüber, was in der Bibel steht. Dabei nennen sie es Gottes Wort, wollen uns also weismachen, der liebe Gott habe so verworrenes Zeug gesprochen, daß es erst durch ihre Interpretation verständlich würde. Das ist doch Geistesverkrüppelung und Größenwahnsinn dazu.«

Nolde war auf einmal heiter geworden. Da er selbst ein furchtsamer Hase und Teufelsanbeter war, gab es für ihn nichts Schöneres, als einen tüchtigen Hieb gegen alles, was Religion hieß. »Ja,« rief er, griff unter seinen langen Bart und hob ihn hoch, als ob er durch dieses Sträuben seinen Abscheu bezeugen wollte, »und dabei hat doch der Herr Jesus zu einfachen Fischern gesprochen. Da muß er sich doch deutlich ausgedrückt haben . . .«

»Und der Jurist,« fiel Lachmann ein, der plötzlich an seinen eben verlorenen Prozeß mit dem Justizrat Warnemann denken mußte, »stellt seine Schutzgöttin blind dar, wahrscheinlich um anzudeuten, wie völlig außerstande er ist, rechts von links, Recht von Unrecht zu unterscheiden.«

»Die Sache ist doch ganz klar,« begann Thomas wieder. »Wenn man immer auf einen Punkt stiert, sieht man zuletzt gar nichts mehr. Je eifriger man also studiert, desto dümmer wird man, auch für den Gegenstand des Studiums. Und daher kommt es –«

»Daß die Juristen nichts vom Recht verstehen,« unterbrach Nolde und bog sich vor Lachen.

»Und die Theologen nichts von der Theologie,« fügte Lachmann hinzu.

»Und ihr beide nichts von der Medizin,« schloß Thomas, packte den Geheimrat mit dem rechten und Lachmann mit dem linken Arm und beugte sich nieder, sie mit sanftem Druck mit sich ziehend, und rief: »Auf dem Kopf muß man stehen, wenn man richtig urteilen will. Sonst kriegt man nur eine Masse Hintere zu sehen, da ja alles heutzutage auf dem Kopf steht.«

»Aber Hugo, was machst du denn da,« ließ sich eine weibliche Stimme vernehmen.

275 »Ich lerne die Welt richtig beurteilen,« klang es aus der Tiefe. »Übrigens gestatte, daß ich dir meine Freunde vorstelle. Da links, das dicke Hinterteil ist Lachmann, der Bautz, von vorn kennst du ihn ja schon, in der Mitte, der Hintere mit den langen Beinen dran, ist Laban, August Müller.«

Thomas ließ plötzlich die beiden Freunde los. Ohne ein Wort zu sagen, ging er zur Tür, öffnete sie, schloß sie wieder und sagte: »So, nun ist August Müller fort und wir sind unter uns. Bitte, willst du mich richtig vorstellen, Lachmann.«

»Aber Kinder,« sagte Lachmann und prustete, als ob er sich entsetzlich anstrengen müßte, »so ohne weiteres kann ich die Vorstellung nicht übernehmen, dazu brauche ich Zeit. Kannst du uns nicht zum Abendessen da behalten, Holder? Geht es nicht, gnädige Frau, die ich noch gar nicht Holde zu nennen wage.«

Nolde sah seine Frau verlegen an; als er sie nicken sah, atmete er auf und sagte: »Dann müssen wir aber erst die Kinder um Erlaubnis fragen.«

Der Abend verlief glänzend, und als Thomas spät in der Nacht an Lachmanns Arm nach Hause schwankte, sagte er: »Weißt du, wenn er nicht so ein furchtbarer Dummkopf wäre, möchte ich schon mal in seiner Haut stecken. Die Klara ist nicht ohne. Na, morgen gehen wir zu ihrem Rout.«

Lachmann nickte, antwortete aber nichts.

Kurz vor dem Hotel blieb Thomas stehen: »So alte Jugendfreunde wieder zu sehen, ist doch netter als ich dachte. Meinst du nicht, daß wir den Prinzen Viktor mal aufsuchen könnten?«

Lachmann schlief schon halb, er brummte ein Ja, war aber am anderen Morgen sehr erstaunt, als ihn Thomas veranlaßte, mit ihm zum Palais des roten Prinzen zu fahren, um sich einzuschreiben. Nach wenigen Stunden erhielten sie eine Einladung vom Prinzen zu einem Herrendiner am folgenden Tage auf dem Schlosse Belvedere bei Eberswalde. 276

 


 

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