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Der Seelensucher

Georg Groddeck: Der Seelensucher - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Seelensucher
authorGeorg Groddeck
year1971
firstpub1921
publisherLimes Verlag
addressWiesbaden
titleDer Seelensucher
pages377
created20130129
sendergerd.bouillon@t-online.de
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19. Kapitel.

Die Idee des Pferdes und der Wettkampf mit dem Löwen.

Von dem Studenten, der bei der Fahrt in der vierten Klasse erwähnt worden ist, ist ein Gang in den Zoologischen Garten und das Aquarium überliefert. Thomas hatte sich mit dem gescheiten und wohlunterrichteten jungen Mann hauptsächlich deshalb angefreundet, weil ihm seine spottende Art, die Dinge zu besprechen, gefiel. Leider kam Thomas auf die unglückliche Idee, den hoffnungsvollen Jüngling zu unterstützen, nicht direkt, sondern durch Vermittlung von allerlei Arbeiten, die er überreichlich bezahlte. Mit der besseren Lebenslage hob sich die Laune des Studenten, er wurde milder in seinen Urteilen und dadurch für Thomas langweilig. Hierzu kam, daß Seebach, trotz aller Vorsicht, die Wohltätigkeit Weltleins merkte und sich infolgedessen bemüßigt sah, sich dafür durch hochmütiges Hofmeistern zu rächen. Das gelang ihm umso leichter, als er bald hinter die Verrücktheiten Weltleins kam und Gelegenheiten zum Spotten sich geradezu aufdrängten. Thomas blieb daher hauptsächlich auf Keller-Capreses Gesellschaft angewiesen, die ihm von Tag zu Tag unangenehmer wurde. So verlegte er sich darauf, allein umherzustreifen, was ihn schließlich in allerlei Verlegenheiten brachte.

An jenem Nachmittag, von dem ich erzählen will, schritt Thomas die verschiedenen Abteilungen der Tiere ab und ließ sich von Seebach Vortrag halten. Schließlich blieb er vor dem Hundezwinger stehen und sagte: »Ich komme mir vor wie jemand, der einen guten Kalbsbraten mit Kartoffelsalat und Preißelbeeren und einen guten Wein zuhause auf dem Tisch stehen hat, sich aber von irgend jemanden beschwatzen läßt, in ein modisches Restaurant zu gehen, wo er ein mäßiges Mittagessen, ebenso mäßige Getränke und entsetzlich viel Gestank teuer bezahlen muß. Was habe ich mit all den fremden Biestern zu tun. Ein Droschkengaul ist zehnmal interessanter für mich.«

Der Student war gekränkt. »Ich habe Sie nicht hierher geschleppt,« sagte er.

213 Thomas, der sich seit einiger Zeit eine Brille zugelegt hatte, neigte den Kopf und blickte seinen Begleiter über den Brillenrand weg prüfend an. »Sie können sich darauf verlassen, daß ich Ihnen sagen werde; wenn ich Sie satt habe,« sagte er, »Mißtrauen ist eine böse Sache und läßt Schlußfolgerungen auf die Vergangenheit zu. Ich meinte vorhin, daß die Dinge mich stören, daß die Sinneseindrücke für meinen gegenwärtigen Zustand des unaufhörlichen Gedankengebärens hinderlich sind. Wenn ich einen einzelnen Hund sehe, wie jetzt zum Beispiel den Neufundländer da drüben, verschwindet die reine Idee des Hundes und alles, was sich für mich damit verbindet, sie gerinnt gewissermaßen, wird fest, körperlich. Aber grade das sollte man vermeiden. Man soll denken, und denken kann man nicht, wenn man sieht. Meine besten Spekulationen, die mit vollkommener Logik aufgebaut sind, stürzen zusammen, sobald ich die Wirklichkeit ins Auge fasse.«

»Mit anderen Worten,« sagte der Student und streckte die Nase in die Höhe, wie um zu zeigen, daß er weit über Weltleins Fehlern stehe, »die Dinge sollen nicht so sein, wie sie sind, sondern so, wie Sie sie haben wollen, so daß sie in Ihren Gedankenkram hineinpassen, und damit das geht, betrachten Sie alles durch Ihre Brille.«

Thomas nahm die Brille ab und sah sie nachdenklich an. »Sie haben das Geheimnis dieses Instruments entdeckt,« sagte er. »Aus Ihnen wird etwas werden, vorausgesetzt, daß Sie die Gewohnheit beibehalten, ab und zu die naturwissenschaftliche Brille abzusetzen. Sehen Sie, es gibt empfindliche Naturen, denen die genaue Wahrnehmung der umgebenden Welt unerträglich ist; solche Leute werden kurzsichtig. Die Augenärzte sind ja dumme Kerle, die behaupten in ihrem Dünkel, Kurzsichtigkeit entsteht durch Überanstrengung des Auges beim Lesen, durch schlechte Körperhaltung etc. und erfinden alle möglichen Druckarten, Schriftformen und Schulbänke. So ist die Geschichte aber gar nicht; das Leben ist witziger. Kurzsichtige stehen unter der Herrschaft ihres Hodensackes – oder Eierstockes, das kommt auf eins heraus – und das ist ein empfindlicher und gewaltsamer Herr; wenn der moralische Anwandlungen bekommt, gern länger schlafen will, während ihn irgend eine Weckuhr zum Aufstehen mahnt, dann läßt er in einer der vielen Küchen, die er 214 im Körper hat, ein Gift kochen, schickt es hinauf zu den Augen und befiehlt denen: schluckt's runter und die Kurzsichtigkeit ist fertig.«

»Abderhalden,« schaltete der Naturbeflissene ein, »ich verstehe.«

»Ja, ja, Abdera halt den Lauf an und betrachte die Narrheit. Von uns Abderiten läßt sich viel lernen. Wir kennen das Geheimnis der inneren Ansteckung, über das mich die Wanzen aufgeklärt haben.«

Der Student kratzte sich am Arm. »Die verdammten Köter setzen einem Flöhe an,« sagte er unwirsch.

»Flöhe? Unsinn! Das Wort Wanze juckt Sie. Projektion des Gehörseindruckes auf die äußere Haut.« Thomas hatte die Brille sorgfältig geputzt, und setzte sie wieder auf die Nase. »Ich hätte mich beinahe durch Ihre Zwischenbemerkung über die Flöhe stören lassen, aber Gott sei Dank habe ich meine Brille, die mein Schirm und Schild ist, wenn die boshafte Welt mein Wanzengeheimnis entschleiern will. Mit der Brille sehe ich richtig und verdecke die Pforten meiner Seele, so daß niemand hineinsehen kann. Brillenträger haben etwas zu verbergen. Seien Sie mißtrauisch gegen jeden, der solch ein Ding auf der Nase hat. Es sind alle fakultative Verbrecher, Heuchler und Hodensacksklaven.«

Der Student warf einem hungrig fiebernden Jagdhund ein Stück Brot ins Maul und sagte mit einem spöttischen Seitenblick auf Thomas: »Dieser Tyrann ist doch nicht so übel. Abgesehen von dem vielen Vergnügen, das er harmlosen Leuten schafft, hat er also, durch Ihre Brille besehen, die Kurzsichtigkeit eingeführt und auf der Kurzsichtigkeit basiert die Erfindung der Brille, des geschliffenen Glases, des Fernrohres, des Mikroskops.«

Thomas riß sich die Brille von der Nase und setzte sie dem Jünger auf. »Tragen Sie sie,« rief er strahlend vor Freude. »Sie sind ihrer würdig. Alle Geheimnisse der Welt entschleiern sich Ihnen.«

Seebach hatte die Brille wieder abgenommen, betrachtete sie staunend, hielt sie nochmals vors Auge und sagte dann ganz verwirrt: »Aber das ist ja Fensterglas.«

»Selbstverständlich,« erwiderte Thomas, »denken Sie, ich bin so dumm, meine guten Augen mit geschliffenen Gläsern zu verderben. Ich trage die Brille als Ermahnung meiner selbst, damit ich nie 215 vergesse, daß ich eine hohe Mission habe, daß alles in mir dieser Mission dienstbar sein soll; daß ich eher erblinden muß, als irgend etwas sehen, was meinen Gedanken widerspricht. Neulich, als ich in einem alten Jahrgang des Daheim Bilder von dem Untergang der ›Titanic‹ sah, begann ich zu zweifeln, ob wirklich alle Menschen freiwillig sterben; das ärgerte mich. Da fiel mir das Wort der heiligen Schrift ein: So dich dein rechtes Auge ärgert, so reiße es aus. Ich überlegte mir, daß diese Prozedur mit einer Pinzette leichter auszuführen sei als mit den Fingern und da ich keine zur Hand hatte, ging ich in das nächste Bandagengeschäft, eine zu kaufen. Im Schaufenster stand eine Puppe, kreuz und quer von Bandagen überzogen. Über dem einen Auge hing eine schwarze Binde. Ich kaufte mir solch ein Ding, da ich begriff, daß ich mir das immerhin etwas schmerzhafte Ausreißen des Auges ersparen konnte, wenn ich es zuband. Anfangs war ich auch mit dem Erfolg sehr zufrieden, aber bald fiel mir auf, daß ich die schwarze Hülle häufig vergaß. Ich sann auf einen Ersatz und verfiel auf die Brille. Natürlich wählte ich eine mit Fenstergläsern, da geschliffene Gläser mich im Sehen behindert hätten.«

Seebach warf dem Pintscher wieder einen Brocken hin. »Ihre Idee ist gut,« sagte er. »Sie ist klug und dumm zugleich, und in gleichem Grade, und alles was die Gegensätze richtig im Gleichgewicht hält, ist genial. Ihre Hodensacktheorien von der Kurzsichtigkeit finde ich aber großartig. Wenn ich recht verstanden habe, ist es so: Wer Schmerzen im Arm hat, ist vom unterleiblichen Tyrannen vergiftet; damit er nicht hauen kann. Der Schmerz im Arm kennzeichnet also den Sadisten.«

»Das schlechte Gewissen gehört noch dazu,« ergänzte Thomas. »Sie haben den Satz vollständig begriffen. Als Ersatz der Armschmerzen, die ich nicht brauchen konnte, habe ich mir einen Anzug bauen lassen, der oben in den Ärmeln zu eng war und die Bewegung behinderte, aber später habe ich ihn verändert, weil ich doch meine Arme brauchen will, das heißt ich habe unter den Achseln ein Stück herausgeschnitten. Ich will das modern machen. Ich halte das mit den Ärmeln« – Thomas sah seinen Begleiter herausfordernd an – »für so dumm, daß es viel eher die Bezeichnung genial verdient, wie der Fensterglasversuch.« Er nickte 216 befriedigt, als er sah, daß der Student keine Neigung hatte zu widersprechen, und fuhr fort: »Sie können sich denken, daß ich mich mit ähnlichen Vorsichtsmaßregeln über und über gespickt habe, an Ohren und Nase, an Beinen und Haaren. Auf diese Weise habe ich es erreicht, wirklich rein denken zu können, ohne durch das rohe Objekt meiner Gedanken abgelenkt zu werden. Wenn ich jetzt ein Pferd sehe, so sehe ich das Pferd, die Idee des Pferdes.«

Seebach lächelte überlegen. Er dachte daran, daß er vorhin zum erstenmale in seinem Leben in einer selbst bezahlten Droschke gesessen hatte, und diese Erinnerung machte ihn geneigt, sich erhaben vorzukommen. »Und was ist diese Idee des Pferdes, wenn ich fragen darf? Läßt sie sich mitteilen, oder reiten nur Sie persönlich darauf rum?«

»Die Idee des Pferdes? Das kommt darauf an, ob Sie von Idee oder Pferd ausgehen. Aber warten sie einmal!« Thomas schloß die Augen, steckte den Spazierstock zwischen die Beine und hopste ein paarmal in die Höhe, warf den Kopf hoch, pustete und schlug aus. »So ist es,« begann er dann und strich sich zufrieden das Kinn. »Idee bringt mich zunächst auf Ida, und Ida hieß ein kleines Mädchen, das ich huckepack zu tragen pflegte. Diese Ida schleppe ich immer noch mit mir herum, wenigstens ihren Geruch, der sicher mehr zur Entwicklung meines Wesens beigetragen hat, als alle meine Lehrer. Pferd führt mich zu fährt, und es fällt mir ein, daß ich diese Ida neulich gesehen habe, wie sie ihr Jüngstes im Kinderwagen Parade schob. Die Idee des Pferdes würde also das Weib sein und damit stimmt überein, daß man das Pferd wie das Weib reitet. Sie sieht weiß aus, diese Idee, muß also ein Schimmel sein und tatsächlich war mein Schaukelpferd ein Schimmel. Nein, Verzeihung.« Thomas sah angestrengt durch seine Fenstergläser ins Weite, »es war ein Apfelschimmel. Die Idee enthält auch Schwarz und da erinnere ich mich, daß mein Vater einen langen schwarzen Rock trug, zu der Zeit, als er mich auf den Knien reiten ließ, und: Hopp, hopp, hopp, Pferdchen lauf Galopp, dazu sang. Ein weißer Frauenbauch und schwarze Löckchen daran in schönem Ansatz, das ist doch eine Idee. Ida ist schwarz und in solchem Frauenbauche schaukeln wir uns als Embryonen, reiten im Mutterleibe. 217 Schwarzweiß, das sind dann auch die preußischen Farben. Setzen wir Deutschland in den Sattel, sagte Bismarck, reiten wird es schon können. Reiten tun wir auch auf unseren Steckenpferden, unseren Ansichten, das deuteten Sie vorhin an, und haben damit ganz recht. Und auch auf einem Ast reiten wir, oder einem Treppengeländer. Nebenbei, Treppengeländer: Das Herunterrutschen ist die eigentliche Schule des Lebens. Es erregt Lust, direkt himmlische Wollust der Unterwelt und daneben gähnt der Abgrund zur Warnung vor dem Fall. Der dunkle Treppenschacht führt nun wieder zur Hölle, während das rasche Gleiten durch die Luft zum Fliegen überleitet, zur Phantasie, zum Himmel. Und damit kommen wir wieder zum Weibe, das Himmel und Hölle in sich birgt. Wenigstens behaupten das Leute, die Erfahrung haben. Übrigens ist es auch rein physiologisch richtig. Der schwangere Leib ist der eigentliche Himmel, das Kindchen darin der Herrgott, dessen leisester Wunsch allmächtig ist.« Thomas geriet in eine solche Aufregung, daß ihm der Schweiß in hellen Perlen auf die Stirn trat. Er merkte gar nicht, daß Seebach ihm schon längst nicht mehr zuhörte, sondern ein paar Kindern beim Spielen zusah. »Die Idee des Pferdes ist also allumfassend, nicht auszudenken. Ja, ja, sie ist schwarzweiß, Nacht und Tag, Entstehung des Menschen in der nächtlichen Umarmung des Ehebettes und das Grab, das Grab mit der weißen Schneedecke darauf. Schwarz, weiß, Preußen dicht vorm To–«

Der Student zerriß das Wort durch einen Rippenstoß. »Sehen Sie,« rief er und wies auf die Kinder. »Da ist Ihre Idee des Pferdes.« Der Junge hatte die beiden Zöpfe des Mädchens gefaßt, schrie hüh und schlug sie mit einer Gerte. Die beiden Männer sahen lachend zu, und Thomas rief voll Begeisterung: »Feste, Junge, immer drauf los.« Seebach hatte ihn, ohne es zu wissen, hinten am Rockschoß gepackt und wippte mit dem Knie, als ob er mitrennen wollte.

Plötzlich riß sich das Mädchen los und lief davon, der Junge hinter ihr drein.

»Haben Sie bemerkt,« wendete sich Seebach zu seinem Freund, »wie das Mädchen läuft. Sie ist mit ihren zehn, elf Jahren schon Weib, hält beim Rennen den Oberkörper gerade, macht kleine, rasche 218 Schritte und schlägt nach hinten aus. Sie schützt so doppelt und dreifach ihr Heiligtum. Es wäre zu leicht zu stürmen, wollte sie den Hintern so herausrecken, wie es der Junge tut, der greift mit den Beinen weit aus, und seine Haltung entspricht dem gespannten Bogen, auf dessen Sehne der Pfeil liegt, längst ehe der Knabe reif zum Schuß ist. Ein sicheres Beispiel des Atavismus, ein Erbe aus der Zeit, wo man das Weib jagte.«

Thomas lachte gutmütig. »Atavismus, da ist schon wieder Ihre wissenschaftliche Brille. Merken Sie denn nicht, daß es Eierstockszwang ist, innere Ansteckung. Sie sehen eben bloß die Schutzmaßregel und vergessen, daß mit der aufrechten Haltung eine Mahnung an den Verfolger gerichtet wird, steif zu werden, daß das Ausschlagen Stöße andeutet, und daß die raschen kleinen Schritte das Tempo der Lust angeben. Da, sehen Sie hin!«

Das Mädchen rannte eben an einem Kinderspielplatz vorbei. Zwei kleine Mädchen bauten mit ihren Brüderchen an einem Sandhaufen, das eine wurde überrannt und setzte sich prompt auf den Hintern, während der Knabe bei dem Versuch, der wilden Jagd auszuweichen, nach vorne fiel.

»Sie haben recht,« rief der Student vergnügt. »Beide Geschlechter üben schon im Fallen ihre spätere Liebesstellung ein.«

»Und es ist Gesetz, daß kleine Mädchen nach hinten, Knaben nach vorn fallen. Sie werden es kaum je anderes sehen. Übrigens haben Sie ja wohl Romeo und Julia gelesen,« ergänzte Thomas und verdeutlichte seine Worte durch rasches Zurück- und Vorwerfen des Oberkörpers und der Arme, so daß es aussah, als ob er einen Bauchtanz aufführen wollte. Ein Spitz, der an das Gitter gelaufen war, um einen Brotbrocken aus des Studenten Vorrat zu erschnappen, nahm das übel, zeigte die Zähne und blaffte ein paarmal, beruhigte sich aber, als ihm Seebach ein Stück Brot zuwarf.

»Und die Idee des Hundes,« fragte der Student und tätschelte einen Schäferhund, der seinen Kopf zärtlich in seine Hand schmiegte.

Statt jeder Antwort fing Thomas an, so naturgetreu und täuschend zu bellen, daß sich ein ältlicher Herr, der eben vorbeigegangen war und mürrisch bei sich einen siegreichen Wortwechsel mit seinem Prinzipal über sein Anrecht auf einen Fensterplatz im 219 Bureau dramatisierte, erschrocken umdrehte, gleichsam unter dem Eindruck, daß der Chef seine logischen Auseinandersetzungen durch ein plötzliches Donnerwetter unterbräche. Gleichzeitig begannen, angeregt durch die verwandten Laute, sämtliche Köter des Zwingers zu bellen, so daß ein wahrer Höllenlärm entstand.

Ein Mann in einer Art Uniform von grauem Stoff kam angerannt und machte mit bullernden Worten von seinem Rechte als Aufsichtsbeamter Gebrauch: Wer sich unterstände, die Tiere zu necken? Dabei sah er mit Blicken, um die ihn ein Mathematiklehrer der Obertertia hätte beneiden können, bald den ältlichen Herrn, bald den Studenten, bald den ihm freundlich zunickenden Thomas an. Der Herr, immer noch halb von der Idee benommen, daß es sich um einen Streit mit seinem Chef handle, wies mit einer anklagenden Gebärde auf die beiden anderen, und sagte mit dem Tone tiefster Empörung, als ob ihm persönlich das schwerste Unrecht angetan sei: »Die sind es gewesen.«

»Können Sie nicht lesen,« schrie der Wärter sie an und wies auf eine Tafel, die am Gitter des Zwingers hing. Thomas ging langsam darauf zu, während der Aufseher seine Lippen ärgerlich nach vorn schob, so daß sich sein hellblonder Schnauzbart wie bei einem kläffenden Pintscher sträubte.

»Es ist verboten, die Tiere zu necken,« las Thomas mit lauter Stimme und wandte sich dann fragend an den Beamten: »Nun, und – « Der Mann wendete, durch Weltleins Ruhe aus der Fassung gebracht, den Blick ab und murrte, auf Seebach weisend: »Der Herr da –«

»Füttert, wie Sie sehen, die Tiere, was ihnen wohl zu behagen scheint.«

Der Schnauzbart wurde immer verlegener, zumal er sah, daß alle Hunde friedlich waren und selbst der wachsam mißtrauische Schäferhund sich mit den Besuchern angefreundet hatte. Er drehte sich nach dem ältlichen Herrn um und begann wieder: »Der Herr da –«

»Hat erst recht nichts getan, um die Tiere zu necken,« unterbrach ihn Thomas. »Es scheint Ihnen Vergnügen zu machen, die Besucher des Gartens zu tyrannisieren. Aber dazu sind Sie nicht da. Wie heißen Sie?«

220 Der Aufseher wurde bei der Frage nach seinem Namen ganz klein. Der Schnauzbart sank ihm herab und er nagte daran. Einen scheuen Blick auf Thomas Uhrkette werfend, die das Imponierende seines Bauches nachdrücklich betonte, stammelte er einen Namen, den man nicht verstehen konnte, bückte sich, um einen dürren Zweig aufzuheben, und trollte sich fort. Einen Augenblick später hörte man ihn doppelt laut auf dem Kinderspielplatz schelten, wo zwei Jungen damit beschäftigt waren, die Puppe ihrer laut zeternden Schwester dem Wolf als Futter hinzuhalten, der übrigens gleichgültig und ohne Appetit seinen ruhelosen Gang fortsetzte.

Thomas wandte sich zum Weitergehen. »Wissen Sie nun Bescheid mit der Idee des Hundes?« fragte er.

Seebach verneinte es, überlegen lächelnd. »Sie haben nicht das Geringste darüber gesagt.«

»Gesagt, gesagt! Ich habe sie Ihnen doch gezeigt. Haben Sie denn nicht gesehen, wie sie angerannt kam, bellte, scheu wegblickte, wenn man sie ansah, den Schwanz – hier war es ein Schnauzbart – einzog, sich wegdrückte, um auf die Kinder los zu fahren, nachdem es ihr mit Erwachsenen so schlecht gegangen war.«

»Der Wärter?«

»Heilige Einfalt! Sie sind wirklich schwer von Begriff. Der Wärter ist symbolisch, steht da für alles, was Autorität ist. Alle Autorität ist hündisch, sie bellt, beißt sogar, klemmt aber den Schwanz ein, wenn sie die Peitsche sieht. Wer spielt den Wau-wau mit dem Kinde? Wer ist der große Wau-wau, mit dem ihm bange gemacht wird, sobald es der Frau Mama paßt? Der Vater schwingt den Rohrstock, so lange der Junge willig den Hintern hinhält. Wehrt er sich erst, dann ist's mit dem selbstherrlich scharfen Bellen vorbei und Väterchen schielt nach der Ofenecke, in die ihm bald der stärkere Sohn den Freßnapf stellen wird. Siehe Hebels Schatzkästlein.«

Thomas ging hastig und ungleichmäßigen Schritts weiter. Das V des Wortes Vater pfiff langgedehnt von seinen Lippen. »Er kuscht, dieser Vater, so wütend er auch auf die Hosenbeine des Lausbuben losfährt. Die Frau Mama gibt ihm Futter, wenn er brav ist und das Haus schützt. Wenn er wegläuft, zeigt sie ihm 221 die Peitsche, dann kriecht er auf dem Bauch und leckt ihr die Hände. Den Schwanz aber, den er noch eben vor anderen Hundedirnen fröhlich in die Luft reckte und wedeln ließ, läßt er zwischen den Beinen hängen. Der Hund von Mann hebt kühn das Bein auf gegen den stummen, duldenden Stein, selbst wenn es der Eckstein des Menschheitsgebäudes ist, aber er retiriert feige, wenn ein Maulheld schimpfend nach dem Stein sich bückt, ihn zu werfen.«

Der Student unterbrach ihn hier, weil er Lust verspürte, die stille Klause des Gartens aufzusuchen, was Thomas lächelnd als einen Erfolg seiner Worte vom Beinaufheben des Hundes bei sich registrierte, ebenso wie er wohlgefällig bei sich selbst den gleichen Drang erwachen fühlte. »Wenn eine Kuh schifft, schifft die andere,« belehrte er den Jüngeren, als sie nebeneinander standen, dann fragte er ihn, ob er wisse, woher die Bezeichnung Brille für das Loch im Abtritt käme.

Da der Student eifrig an seinen Kleidern ordnete, während er schon hinausschritt, fuhr er fort: »Ich habe schon eine Menge Deutungen versucht, komme aber nicht dahinter. Eine Zeit lang glaubte ich in dem Worte brüllen die Lösung zu haben, wegen der Donnerlaute, mit denen das Geschäft häufig verbunden ist. Dann kam die Idee, es von brilliant abzuleiten. Auf Grund der Befriedigung, die man dabei empfindet; man sagt ja ein brilliantes Geschäft. Aber ich sehe ein, daß diese Gedankenverbindungen zu gekünstelt sind. Es muß etwas mit dem Sehen zu tun haben, mit dem Auge.«

»Vielleicht hilft es Ihnen weiter,« sagte Seebach, »daß die Siebenbürger Bauern ein Rätsel haben, in dem der After Einauge genannt wird. Allerdings würde das nur zu der Bezeichnung Monokel ausreichen, aber man könnte ja denken, daß der Ausdruck zunächst für die Familienabtritte gebraucht wurde. Früher baute man die Dinger zweisitzig, um nicht zu sagen zweischläfrig, um gleichsam die große Intimität der Ehe zu betonen, und noch jetzt beweist die Neigung der Kinder zu zweit den Lokus zu besuchen, wie geselligkeitfördernd diese Angelegenheit ist.«

»Mag sein,« erwiderte Thomas nachdenklich, »obwohl ich glaube, daß die Erklärung mit dem Einauge völlig genügt, da ja vermutlich das Einglas früher erfunden wurde, als das Zweiglas. Was mich 222 jetzt beschäftigt, ist aber ganz etwas anderes. Aber man kommt bei Ihrem endlosen Geschwätz nicht zu Wort. Einauge – einäugig – Cyklop – Polyphem. Wenn das Einauge der After ist, so ist Odysseus der Erfinder des Klystiers.«

Seebach war so überrascht, daß er stehen blieb, während Thomas laut redend weiter eilte.

»Ja, ja, so ist es. Ich muß das Lachmann schreiben. Kennen Sie Lachmann?« wandte er sich zu dem nachlaufenden Seebach. »Nein. Ist auch nicht nötig. Vielleicht wäre es auch etwas für den Vikar Ende.« Er schwieg und brütete an seinen verdrehten Ideen weiter.

Seebach war begierig, diesen neuen Spaß seines Hofnarren kennen zu lernen, und nach einer Weile fragte er: »Wie meinen Sie das mit Odysseus und der Klystierspritze?«

Thomas fuhr aus seinem dämmernden Träumen auf. »Klystier? Ach so. Ja, das ist doch einfach genug. In das Auge des Cyklopen, das also der After ist, wird ein spitzer Pfahl hineingesteckt, die Klystierspritze. Das Zischen des Auges symbolisiert das Einspritzen der Flüßigkeit. Die Höhle ist der Bauch. Aus dem kommen die Kotmassen in Gestalt der Schafe heraus, Schafe, um zu bezeichnen, daß zunächst einzelne harte Stücke abgehen wie Schafküttel; dann kommt die Wassermasse, dargestellt durch das Meer; dazwischen große Klumpen, das sind die Steine, die Polyphem dem fortrudernden Schiffe des Odysseus nachschleudert. Polyphem, nun ja, man kann gut vom After sagen, daß er viel spricht und daß auch viel über ihn gesprochen wird. Alle Mütter bewillkommnen ihre Kinder mittags mit dem Gruß: Hast du etwas gemacht? Polyphem – Po – Popo; ly – lyly, vermutlich eine Abweichung des griechischen von unserem Lulumachen; phem? phem? Ach so, schäm dich, schäm dich; fem ist auch das schwedische fünf. Fünf Finger, also der Klaps, der auf das unangebrachte Lulu des Popos erfolgt.« Thomas warf die Erörterung mit einer Handbewegung hinter seine Füße. »Die Sache ist ganz klar. Man braucht sich nicht weiter damit aufzuhalten.«

Sie waren vor dem Affenhause angelangt und freuten sich beide an den drolligen Tieren. Thomas war im Begriff sich über sein Lieblingsthema, die Onanie, zu verbreiten, die hier von den Tieren offenkundig betrieben wurde. Schon hatte er die Hand zwischen die 223 Brustknöpfe geschoben und die andere auf den Rücken gelegt; da stieß ihn der Student an, zeigte auf eine Affenmutter, die ihr Kind flöhte und sagte:

»Sehen Sie, die Reinlichkeit ist Naturtrieb.«

Augusts Gesicht war plötzlich erstarrt. »Wanzen,« sagte er vor sich hin, dann fuhr er auf. »Gibt es in diesem erbärmlichen Garten keine Käfige mit Insekten. Sie müssen mir sofort die Abteilung der Insekten zeigen. Im Aquarium, sagen Sie?« Er war schon eine Strecke vorwärts gerannt. »Also, rasch, rasch!« rief er und raste weiter.

Seebach hatte noch nicht den Eingang des Aquariums passiert, als Weltlein schon wieder herausgestürmt kam. »Humbug,« schrie er, »ein rechtes Schwindelunternehmen, dieses Aquarium und der zoologische Garten dazu. Fische haben sie darin und Krebse und Schildkröten, aber das nützt doch mir nichts, wenigstens jetzt nichts.« Sein Blick irrte ab und seine Sprache stockte. »Aber merken Sie es sich, Seebach, das mit den Fischen, den kleinen Kindern und der Religion. Zum Donnerwetter, schreiben Sie es sich doch auf. Fische, Christus, Embryo, Badewanne. So, das genügt. Also der Fisch zappelt, das tut das Kind auch; er schwimmt im Wasser, das tut das Kind auch, es hüpft unter ihrem Herzen, heißt es. Der Fisch ist das Symbol der Urchristen, aber das Kindchen, das im Stall geboren wurde, hat sich die Welt unterworfen. Der Fisch –« Sie gingen gerade am Weiher vorüber und Thomas unterbrach sich, um auf einen Storch zu weisen, der zum Gaudium der umherstehenden Kinder langsam einen Frosch verspeiste. »Auch der Frosch hätte als Symbol gebraucht werden können; meine Kommilitonen der medizinischen Fakultät nannten den Kindersaal der Charité den Froschteich. Täglich fand da der bethlehemitische Kindermord wieder statt. Warum wählte wohl die fromme Schar der christlichen Brüdergemeinde den Fisch, nicht den Frosch?«

Der Student, der nur unwillig das Geschwätz mit anhörte, zuckte die Achseln. »Es ist ein altes phallisches Symbol,« erwiderte er.

Thomas sah ihn scharf an und fuhr fort: »So, so, Sie wissen das. Nun also, der Fisch ist das Kind und das Kind ist der Heiland, der nach dreimal drei Monden aus dem Grabe der Mutter aufersteht. 224 Geburt und Grab, es ist dasselbe, alles ist geheimnisvoll ineinandergeschlungen. Das All, die Welt, ein Ring, eine Kugel. Und die Kugel ist wiederum die schwangere Mutter. Die aber birgt in sich das Meer, die salzige Flut, die das Feste des Kindesleibes umspült.« Thomas blieb keuchend stehen und legte sich die Hand auf den Bauch. »Niemals,« sagte er, »niemals, niemals. Ich werde es nie erreichen.« Rasch wieder ausschreitend und die Sorgen durch einen plötzlichen Ruck der Schultern abschüttelnd, fuhr er fort. »Allnächtlich im Traume allmächtig, schafft sich das Kind von neuem das Meer zum Schwimmen, das heilige Bad, das Urbad und Weltall. Der Erwachsene, der sich des Nachttopfes bedient, ist ein erbärmlicher Pfuscher, gemessen am göttlichen Schaffen des Kindes, und sein Neid wird nicht besser dadurch, daß er das Kind unter dem Vorwande der Reinlichkeit um seine Schöpfung betrügt und auf das Töpfchen zwingt. Freilich,« sein Gesicht war so starr und seine Augen flogen so unstät hin und her, daß ein aufmerksamerer Beobachter, als es der Student war, gemerkt hätte, wie wenig der Mann bei der Sache war, »das Töpfchen ist ja auch ein symbolischer Erdball, der braune Kontinent mitten im gelben Okeanos. Und als Überleitung zur Badewanne ein Wegweiser. Fragt sich nur, was früher erfunden ward, der Topf oder die Wanne. Beide aber wurden erzwungen von dem Gestank, der wohl der Vater der Reinlichkeit ist, oder war es die Klebrigkeit, oder gar das Jucken, das Insekt, die Wanze.« Weltleins Gesicht verzerrte sich, wurde belebt und klar. »Im sogenannten Insektarium bin ich gewesen. Es ist eine Schande, dieser zoologische Garten, das richtige Machwerk einer Aktiengesellschaft, die auf Gewinn arbeitet. Alles mögliche Getier haben sie dort: Schmetterlinge, Käfer, tot und lebendig, wandelnde Blätter und was des Unsinns mehr ist. Sogar Bienen; aber anständige, richtige Insekten, deren Wichtigkeit durch die Tatsache des Insektenpulvers erwiesen ist, haben sie nicht. Jeder lumpige Jahrmarkt eines kleinen Drecknestes hat seinen Flohzirkus, aber hier in dieser vermutlich vom Staat subventionierten Anhäufung von naturwissenschaftlichem Protzentum, das so tut, als ob es belehren wollte, kriegt man diese merkwürdigen Tiere nicht zu sehen. Dabei wimmelt jede Berliner Wohnung davon. Es ist ganz echt modern. Unsere Kinder lernen schon in der Klippschule, daß sie 225 im Zickzack laufen müssen, wenn ein Krokodil sie fressen will, aber wie die Mama abends Springerles fängt, lernen sie nicht, kriegen noch obendrein Schelte, wenn sie wißbegierig dabei zusehen wollen. Das braune Jahrmarktsvolk fährt auch nur von Stadt zu Stadt, um die sorgfältig im eigenen Haar und Leib gehegten Läuse zu verbreiten, ja selbst die Dirnen beschäftigen sich damit, die unentbehrliche Kenntnis der Filzläuse weiteren Kreisen zu übermitteln, aber unsere Millionen verschlingenden zoologischen Gärten vernichten diese Tiere, statt sie zu pflegen, sie überlassen sie, horribile dictu, den Affen zum Fraß.«

Dem Studenten war unheimlich zumute, das laute Sprechen Weltleins erregte die Aufmerksamkeit der Menschen, die sich eben vor dem Käfig des Löwen drängten, um zuzusehen, wie er seine Fleischfetzen herunterschlang. In dem unbestimmten Vorgefühl, daß bald irgend etwas Unglaubliches geschehen würde, trat er beobachtend zur Seite. Thomas bemerkte gar nicht, daß er keinen Begleiter mehr hatte. Heftig gestikulierend, fuhr er fort zu sprechen: »Das nennt sich König der Tiere, dieses stinkige Vieh. Warum? Mit welchem Recht? Setzt ihm einen Floh ins Fell und seine starken Pranken nützen ihm nichts, seine mächtigen Kinnladen sind zu nichts gut. Während er mit dem Kopf herumfährt oder mit dem Schweif nach der juckenden Stelle schlägt, hat sich der Meister Floh schon sein Quantum Blut ausgesogen, hüpft fröhlich davon und kümmert sich nicht um den Zorn König Nobels.«

Der Löwe hatte seinen Fraß beendet, legte sich blinzend nieder und gähnte.

»Reiß nur deinen Rachen auf, Großmaul,« schrie Thomas, »mich schreckst du nicht und den Floh noch weniger. Oder gähnst du, um mir zu zeigen, wie langweilig ich bin? Bist du schon so vermenscht, daß du feige versteckt beleidigst?« Er hatte den Stock erhoben und drohte damit. Ein dicker, kurz gewachsener Herr mit zornrotem Gesicht, den seine noch etwas dickere Frau vergeblich zu beruhigen suchte, schlug nach dem Stock, was unseren Helden gar nicht weiter anfocht. Er nahm den Stock in die andere Hand und schalt von neuem darauf los. »Närrisch eitel ist die Welt, der größte Narr aber ist der Mensch, die Krone der Schöpfung. Schau 226 dir die Leute nur an, Löwe, so sehen sie aus, die sich rühmen, die Erde sei ihnen untertan, die ein dickes Buch schrieben; das Buch, das Buch der Bücher, in dem sie ihrem Gott die Blasphemie unterschieben, er habe Tiere und Pflanzen ihretwegen geschaffen, demselben Gott, der heute oder morgen ihnen einen Tuberkelbazillus in die Lunge schickt; dann ist's aus mit dem dicken Wanst, freilich nicht mit der Großschnäuzigkeit, mit der sie, schon halb aufgefresssen von solch winzigen Tieren, breit dasitzend die Erfindungen ihres Geistes anpreisen.«

Der Löwe hatte sich umgedreht und ließ die Beschauer seine mächtige Kehrseite sehen. Thomas trat dicht an den Käfig heran.

»Ein Raubtier nennst du dich, prahlst mit deiner Stärke und mußt doch froh sein, mal heimlich verstohlen eine Kuh zu schlagen oder aus dem Hinterhalte heraus ein harmloses Menschenkind anzuspringen. Ich kenne Raubtiere, wirkliche furchtlose, die heldenhaft den Feind angreifen, winzige Zwerge, nicht wie du vergilbt vor Neid, sondern rot brennend von Blutdurst.« Er bog sich weit über die eiserne Barriere, die das Publikum von dem Käfig trennt, so daß sein Kopf fast die Gitterstäbe berührte. Die Menge begann sich zu verlaufen, nur der oder jener warf noch einen Blick zurück. Ein kleiner Junge, offenbar der Sohn des dicken Ehepaares, stand an der anderen Seite des Löwenzwingers, er konnte sich trotz des Scheltens und Rufens der Mutter nicht von dem Tier trennen, weil er durchaus den Löwen brüllen hören wollte.

»Peitsche und glühendes Eisen,« fuhr Thomas fort, »schrecken dich elenden Wicht. Die Wanze aber fürchtet nicht Peitsche, nicht Eisen, sie beißt und saugt und stirbt, wenn es sein muß, lautlos und klaglos, heldenhaft. Die Wanze ist König der Tiere, nicht du. Ich habe die Wanzen besiegt, nenne mich stolz Wanzentod. Dich aber verachte –«

Das »ich« wurde durch einen mächtigen Guß erstickt, mit dem ihn der Löwe von oben bis unten bespritzte. »Mama,« schrie der Junge und rannte hinter seiner Mutter her, »Mama, der Löwe hat den Mann vollgeschullt, Mama –« Weiter kam er nicht, er blieb erstarrt stehen. Thomas hatte, ohne sich um den Löwendreck zu kümmern, als echter Held die Hosen aufgerissen und »Was du 227 kannst, kann ich auch,« rief er und lachte siegesfroh, als der Löwe sich dem hohen Bogen des Strahles zu entziehen suchte.

Der Junge raste halb toll vor Vergnügen zu seinen Eltern und erzählte, auf einem Bein um die Eltern herumhüpfend, den Finger im Munde, was die Verständlichkeit seiner Mitteilungen nicht erleichterte, den Vorgang. Der dicke Vater, der zunächst in Wut geriet, weil er nichts verstehen konnte, dann aber, als seine Gattin mit einer energischen Handbewegung den Saugefinger aus dem schwatzenden Munde zum Vorschein gebracht und geklapst hatte, aufmerksam zuhörte, schien noch einmal so fett zu werden, so blies ihn die Entrüstung auf. Gewaltigen Ganges, als ob er selbst der beleidigte Löwe sei und Vergeltung übe, schritt er auf Thomas los, nach dem Löwenwärter rufend und faßte den ruhig seine Kleider reinigenden Mann, den der Student von der anderen Seite fortzuziehen suchte, am Arm.

Wenige Minuten später stand Thomas, begleitet von dem dicken Mann und dem Wärter und gefolgt von dem Studenten und dem Knaben im Wachtlokal des Direktionsgebäudes. Der diensthabende Polizeisergeant, ein magerer, knochiger Mann mit schwerem Dienst, großem Appetit und geringem Gehalt, musterte die beiden Bäuche, die sich ihm entgegenwölbten, den Anklagenden und den Angeklagten mit mürrischen Blicken, und da er fand, daß Weltleins Leibesumfang in einem besseren Verhältnis zu seiner Körperlänge stand als der des schwitzenden Vaters, war er geneigt, gegen den letzteren Partei zu nehmen. Zumal der Junge, der einzige Zeuge des Vorfalles, unter den drohenden Blicken Seebachs zu stottern begann.

Der Student, als er das Schwanken der Obrigkeit sah, benützte den Ausweg, der sich bot. »Ich habe Herrn Weltlein,« sagte er, »die ganze Zeit nicht aus den Augen gelassen, schon deshalb, weil er krank ist,« er machte eine verstohlene Bewegung nach der Stirne – »und weil ich mich als sein Freund für ihn verantwortlich fühle, und ich kann bestimmt erklären, daß der Junge dort seine Erzählung glatt erfunden hat.«

Damit wäre die Sache erledigt gewesen, wenn nicht Thomas, wütend über die Bewegung Seebachs nach der Stirn, selbst Zeugnis wider sich selbst abgelegt hätte. Das Resultat war schließlich, daß 228 Name und Adresse des Verbrechers aufgeschrieben und er selbst mit dem Hinweis entlassen wurde, daß er weiteres hören werde. Einige Zeit darauf erhielt Thomas eine Vorladung vor das Polizeiamt. Warum er dieser Vorladung nicht folgte, ergibt sich aus dem weiteren Verlauf der Geschichte.

 


 

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