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Der Seelensucher

Georg Groddeck: Der Seelensucher - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Seelensucher
authorGeorg Groddeck
year1971
firstpub1921
publisherLimes Verlag
addressWiesbaden
titleDer Seelensucher
pages377
created20130129
sendergerd.bouillon@t-online.de
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2. Kapitel.

Die Wanzen kriechen hervor.

Die gemächliche Ruhe, in der August lebte, wurde schrecklich gestört als die Schwestertochter Alwine eingesegnet wurde. Frau Agathe hatte ihr zum Zeichen, daß sie nun erwachsen sei, das Schlafzimmer zum Wohnstübchen einrichten lassen und ihr zum Schlafen eine Kammer angewiesen, in der bisher die alte Trude gehaust hatte. Trude schob höhnisch grinsend die dicke Zunge zwischen die Lippen, so daß sie von dem einsamen Zahn doppelt geteilt war, und eilte zu ihrem jungen Herrn, sich zu beschweren, daß sie der Gans weichen solle. August aber, der olympische, entschied, wie von jeher alle Väter der Götter und Menschen, gegen die Alte für das jungblühende Mägdelein, und schmunzelnd freute er sich an dem Knallen der Türen, wenn Schön Rottraut ihren Kram zur neuen Behausung trug. Er ahnte nichts von der fürchterlichen Rache auf die sie sann.

Am Morgen nach diesem Tage erschien Agathe in großer Aufregung bei dem Bruder. In der weit abgespreitzten Hand hielt sie mit den äußersten Spitzen der Finger einen weißen zusammengefalteten Bogen Papier. Den schob sie schweigend August unter die Nase, gerade auf seine schöne Ausgabe des Don Quixote. Ihre Miene drückte dabei so viel Abscheu und Eckel aus, daß der also aus seiner Lieblingslektüre Aufgescheuchte nicht zu schelten wagte, sondern geduldig den Bogen entfaltete. Aufmerksam betrachtete er den kleinen Gegenstand, der darin eingewickelt war, untersuchte ihn gründlich mit der Lupe und sagte dann zu der Schwester aufblickend: »Es ist eine Wanze.«

»Das weiß ich allein. Brauchst du dazu erst ein Vergrößerungsglas? Fortschaffen sollst du sie.«

Mit einer großartigen Bewegung knüllte August das Papier zusammen und warf es aus dem offenstehenden Fenster. »So,« sagte er und sich über das Buch beugend, suchte er die Stelle, bei der er unterbrochen worden war.

»So?« wiederholte die Schwester und ihre Stimme zitterte. »Nein, 5 so nicht,« und plötzlich in Tränen ausbrechend, rief sie: »Begreifst du nicht, was das bedeutet? Wir haben Wanzen im Hause, in deinem Hause Wanzen. Bedenke doch, was das heißt. Und noch dazu in deiner Nichte Bett hat sie das Zimmermädchen gefunden. Sie ist ein schmutziges Ding, die Emilie, gestern noch habe ich sie ausgezankt, weil sie Alwines Bett nicht überzogen hatte, und heute findet sie das, das, und sagt mir: für Wanzen brauche sie keine Betten zu überziehen und in der Schmutzwirtschaft bleibe sie nicht. Ich habe ihr mit einer festen Maulschelle den Dienst quittiert. Aber nun geht sie hin und schreit es in der Stadt aus und ich bin um meinen guten Ruf. Wo eine sei, seien noch mehr, hat sie gesagt. Und sie hat Recht. Wo eine ist, da sind auch mehr. Man wird bald mit Fingern auf mich zeigen, und eine wird der andern zuzischeln, ich hätte das Haus verunreinigt.«

August lachte laut auf, nahm sich aber sofort zusammen, als er die Verzweiflung Agathes sah. »Laß nur gut sein, Schwesterherz,« sagte er, »das ist nicht so schlimm, damit wollen wir schon fertig werden.«

Die kleine Frau blickte mit einem Ausdruck größten Vertrauens zu ihrem Bruder hinüber. »Ja, du wirst meine Ehre retten,« sagte sie, »ich weiß es. Aber leicht ist es nicht. Wanzen sind unausrottbar, mußt du wissen.«

August lächelte überlegen. »Beruhige dich nur. Das werde ich schon machen,« erwiderte er. Dabei lehnte er sich im Stuhl zurück und dachte nach. Eine ganze Weile schaute Agathe ihn voll Bewunderung an. Dann ging sie leise hinaus.

Von dieser Stunde an war es mit der Ruhe August Müllers aus. All ihr Lebtag hatte Agathe in stummer Andacht zu dem vielbelesenen Bruder aufgesehen, ohne einen Beweis seiner Überlegenheit zu verlangen. Jetzt zum ersten Mal war sein Wissen und Können von ihr auf die Probe gestellt worden, und gerade jetzt, bei dieser lächerlich geringfügigen Aufgabe versagte er. Er hatte sich die Sache leicht gedacht und, siehe da, er kam nicht einen Schritt weiter.

Anfangs ging es sehr einfach zu. Von der hilfreichen Schwester angestaunt, begann August sein Werk gründlich, wie er immer war. 6 Die Bettstelle wurde auseinander genommen, jede Fuge geprüft, die Matratze nachgesehen, die Holzteile der Wände abgesucht. Nirgends fand sich auch nur die leiseste Spur. Nun wurde Petroleum und Salzsäure in reichlicher Menge verwendet, und alles schien gut. Befriedigt, siegesgewiß, von Arbeit müde, ruhte das Geschwisterpaar von der Mühe aus. Aber schon am zweiten Morgen fand das Nichtchen ein neues Exemplar des Wanzengeschlechts.

Jetzt geriet das Haus in Aufregung. Alles wurde aufgeboten und mit der gesamten Dienerschaft, mit Schwester und Nichte die Jagd erneuert. Es half nichts. Ein frischer Gast erschien und zerstach die gute Alwine in ihrem harmlosen Mädchenschlaf. Mit großem Kraftaufwand wurde der Feldzug zum dritten Mal versucht. Der Tapezierer erschien, die Dielen wurden gedichtet, die Holzverkleidung abgerissen, die Tapete erneuert, alle Möbel gesäubert und mit unglaublichen Säuren und Giften durchtränkt. Der Meister Thugut schwur bei Himmel und Erde, nicht ein Floh könne mehr durch die Fugen eindringen, viel weniger eine Wanze.

Sie kam doch. Nicht gleich, aber nach wenigen Tagen war sie da, wieder eine einzige, diese eine aber genügte, um der Schwester Mut zu brechen. Tief seufzend gestand sie sich die Ohnmacht des Bruders ein, der Zweifel erwachte und untergrub das Vertrauen. Ohne ein Wort gegen den Bruder zu verlieren, gab Agathe den Kampf auf. Sie quartierte die Tochter mitleidig um, begnügte sich jedoch im übrigen, mit haßerfüllten Augen an der Kammer vorüber zu gehen.

August dachte anders. Seine Ehre stand auf dem Spiel, er gelobte sich selber, nicht eher zu ruhen, als bis er seine Unfehlbarkeit bewiesen hätte. Er zog selber in das verwunschene Gelaß und lag nun Nacht für Nacht auf der Lauer schlaflos dem Getier nachstellend. Von Zeit zu Zeit erwischte er eins von den roten Ungeheuern. Dann richtete er mit geheimer Wonne den Blutsauger hin und begann am nächsten Morgen eine neue Hetze.

Agathe geriet in Verzweiflung. Sie sah den stillen ehrbaren Bruder in wildeste Aufregung geraten, blutgierig und grausam werden. Denn allmählich gewann er Geschmack daran, seine Feinde vor versammeltem Hause feierlich mit ausgesuchten Qualen zu Tode 7 zu martern. Er wartete nicht mehr bis zum Morgen mit Suchen und Jagen, sondern er, der Rücksichtsvolle, schreckte mitten in der Nacht Verwandte und Gesinde mit dem Schlachtruf: »Wanzen!« auf, um die schlaftrunkenen Hausgenossen zum Kampf zu verwenden. Seine Lieblingsbücher verstaubten, er stöberte in alten Scharteken herum, um wirksame Mittel zu finden, sein Studierzimmer füllte sich mit Laugen und Säuren, rote, grüne und gelbe Flüssigkeiten standen in Flaschen und Fläschchen umher. Spritzen, Pinsel, Bürsten aller Art sammelten sich an, kurz, Augusts Leben war nur noch ein Kampf mit den Wanzen. Agathe wagte es schüchtern, ihn auf die wunderbaren Helfer der leidenden Welt, die Kammerjäger aufmerksam zu machen. Das nahm er übel. Er werde allein damit fertig. Aber er traute sich zu viel zu und schließlich war er froh, als der staatlich geprüfte Kammerjäger Lauscher zu Hilfe kam.

Ach, es war keine Hilfe. Die Not blieb, wie sie gewesen war; alle zwei, drei Tage erschien die eine einzige Wanze, biß den unglücklichen Müller, starb dafür und fand nach kurzer Zeit ihre Nachfolgerin. Ein anderer Jäger kam, ein dritter, vierter. Es war alles umsonst.

August ging mit rollenden Augen umher, ein anderer Mensch, verwildert und ganz verwandelt, und scheu wich ihm aus, wer ihm im Hause begegnete. Er las den Anzeigeteil aller Zeitungen andächtig, schrieb um jedes Mittel, das er angepriesen fand und stand im Briefwechsel mit einem Dutzend Menschen gleichen Schlages, wie der staatlich geprüfte Lauscher einer gewesen war.

Schließlich in voller Verzweiflung setzte er in den Zeitungen eine Belohnung von 100 Mark aus für den, der ihm ein unfehlbares Mittel angäbe, um Wanzen zu vertilgen. Zu Hunderten kamen die Briefe. August las sie mit Verachtung. Was man ihm empfahl, hatte er längst als nutzlos verworfen.

Eines Morgens aber kam er aufgeregt zu seiner Schwester. »Lies,« sagte er und reichte ihr einen Brief hin.

Agathe erschrak. Sie kannte die Handschrift, »Von Lachmann,« sagte sie und ließ das Blatt sinken.

»Ja, ja. Von deinem alten Verehrer. Hör' nur.« Er riß ihr den Brief fort und las. 8

»Alter Knabe.

Ich habe deine Anzeige gelesen und will versuchen, dir das unfehlbare Wanzenmittel zu verschaffen. Aber du mußt hierher kommen. Ich besitze das Mittel nicht selbst, kenne nur die Wirkung. Ein alter Sonderling, seines Zeichens Archäologe, hat es gefunden, geizt jedoch damit, weil er behauptet, die Welt verdiene so große Wohltaten nicht. Mit Geld ist bei ihm nichts zu erreichen. Aber ich habe ihm einmal eine Gräte herausgeholt, die ihm im Halse stecken geblieben war, als er mir während des Essens den Grundriß des Delphischen Tempels mit Hilfe von Heringsschwänzen und Kartoffelschalen vorbaute und plötzlich bemerkte, daß er das Grab des Dionysos an einer falschen Stelle angebracht hatte. Seitdem bin ich sehr gut bei ihm angeschrieben und wenn wir es klug anfangen, luchsen wir dem dreimal Weisen sein Geheimnis ab. Nur mußt du, wie gesagt, herkommen. Ich werde dich bei ihm einführen. Bleibe einige Tage hier. Soweit es mein männermordendes Geschäft als Arzt erlaubt, stelle ich mich dir zu jedem dummen Streich zur Verfügung. Empfiehl mich der gestrengen Frau Schwester als ihren vielgetreuen Vetter

Lachmann.«

Agathe sagte kein Wort. Der Name Lachmann, die wohlbekannte Art seines Schreibens hatten alte Erinnerungen geweckt.

»Was meinst du,« fragte August, »soll ich reisen?«

»Gewiß sollst du reisen, gewiß.«

»Ja, so ganz sicher bin ich dabei nicht. Lachmann ist ein Hanswurst, dem es Spaß macht, die Menschen zu Narren zu haben. Mit mir ist er freilich immer vernünftig gewesen.«

»Immer,« bestätigte Agathe. »Er behandelt Narren als Narren, mit vernünftigen Leuten war er vernünftig. Außerdem, wenn er wirklich einen Streich spielen wollte, so würde er mich doch nicht grüßen lassen. Das täte er mir nicht an.« Dabei errötete das alte Weiblein wie ein junges Mädchen.

August wog das Blatt zweifelnd in der Hand.

»Und wenn es nichts mit seinem Mittel ist, du bist wenigstens ein paar Tage aus dieser Unglückskammer heraus. Vielleicht vergißt du dann die ganze Geschichte.«

9 August warf ihr einen wütenden Blick zu. »Ich will sie nicht vergessen,« sagte er, schob den Brief in seine Tasche und ging nachdenklich davon.

Wahrscheinlich war August Müllers Geist damals schon durch Nachtwachen und Wanzenkampf zerrüttet. Sonst hätte er, der seinen Vetter gut kannte, sich doch gehütet, in die plumpe Falle zu gehen. Denn der Schwester Zureden achtete er für nichts. Er wußte, daß Lachmann ihre alte Liebe war. Sei dem wie ihm wolle, er reiste am nächsten Tage ab. Was er bei seinem Freunde erlebte, läßt sich nicht sicher feststellen. Seine eigenen Erzählungen davon tragen den Charakter der Geistesüberschwemmung, die während seiner Krankheit seine Reden verwässerte. Das wenige, was Agathe selbst feststellte, wird der Leser seinerzeit erfahren. Genug, eines Tages früh am Morgen langte August in ziemlich elendem Zustand wieder zu Hause an.

 


 

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