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Der Seelensucher

Georg Groddeck: Der Seelensucher - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Seelensucher
authorGeorg Groddeck
year1971
firstpub1921
publisherLimes Verlag
addressWiesbaden
titleDer Seelensucher
pages377
created20130129
sendergerd.bouillon@t-online.de
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28. Kapitel.

Noch ein Museumsbesuch, ebenso langweilig wie der vorige.

Einige Zeit darauf trafen sich die beiden wieder im Museum. Thomas schien einen schweigsamen Tag zu haben und Keller-Caprese strengte infolgedessen seine Erfindungsgabe an, um die Unterhaltung in Gang zu bringen. Er war eben dabei, sich über den Goldton Tizians zu verbreiten und ihn in Gegensatz zu dem Silbergrunde Morettoscher Gemälde zu bringen, als ihn Thomas ungeduldig unterbrach.

»Das sind selbstverständliche Dinge. Tizian wußte zu leben, und da er nie genug Geld hatte, malte er sich welches. Mich interessiert das nicht. Ich habe so ziemlich alle öffentlichen Galerien der Welt gesehen und das Resultat ist, daß ich vollständig verdummt bin und das Wesentliche an einem Bilde nicht mehr sehe. Das Wesentliche ist der Rahmen. So Ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet Ihr nicht in das Himmelreich kommen, steht in der Bibel, und für Kinder ist der Rahmen viel anziehender als das Bild selbst. Ich bin auch überzeugt, daß das Kind recht damit hat, denn was hat man vom schönsten Tizian, wenn er aufgerollt in irgend einer Ecke steht. Aber ich mag mir Mühe geben, so viel ich will, ich kann die nötige Freude am Rahmen nicht mehr 200 aufbringen. Die Aufmachung ist das Wesentliche an den Dingen. Ich weiß das ganz genau, aber ärgere mich darüber, statt mich daran zu freuen. Die Art, wie die Menschheit dazu gebracht wird, dieses oder jenes für schön zu halten, für edel, für gut, ist mir interessant, wenn ich mich in großen Zusammenhängen damit beschäftige, wenn ich sozusagen einen großen, riesigen, grellbunten Rahmen ansehe. Das Wesentliche des einzelnen Ereignisses, das sehe ich gar nicht. Infolgedessen werde ich betrogen und ausgelacht. Und das kommt nur daher, weil ich von Kindheit auf ein Gernegroß gewesen bin, Erwachsensein gespielt habe. Nichts war für mich erhaben genug, groß genug, weit genug. Deshalb bin ich so lang geworden und so dick und so dumm.« Er seufzte schwer und verfiel in ein dumpfes Brüten.

Keller-Caprese zerrte ungeduldig an seinem Knebelbart. Ihm waren solche Stimmungen seines Ernährers höchst unbequem, er wußte, daß knappe Zeiten für ihn kamen, wenn Thomas schweigsam wurde. Er beschloß, den dicken Narren durch Widerspruch zu reizen.

»Das ist eine phänomenale Dummheit, was Sie da sagen. Der Kern, der Inhalt, das Bild selbst ist das Beachtenswerte. Der Rahmen ist vielleicht notwendig, aber unwesentlich. Oder wollen Sie wirklich behaupten, daß es auf den Rahmen der Sixtina, auf die Sie neulich solch einen Hymnus gesungen haben, mehr ankommt als auf das Bild?«

Thomas geriet so in Wut, daß ihm der Geifer wie ein Sprühregen von den Lippen spritzte. »Gebe ich mir dazu seit Wochen mit Ihnen Mühe, damit Sie mir hier das Kakangelium der Philister vorsingen. Gehen Sie hinüber in die Nationalgalerie und sehen Sie sich dort an, was für Schinken vor 20, 30 Jahren Meisterwerke waren, bloß weil die Zeitungen und der Kunstklüngel, das heißt die Rahmen, Aufsehen erregten. Der wurde berühmt, weil er eine Locke in die Stirne fallend trug, jener, weil er die Weiber wie Huren behandelte, wieder ein anderer, weil er gute Soupers gab und wieder einer, weil er Zoten riß, und daneben finden Sie ein unvergleichliches Gemälde, das angestaunt wurde, weil der Maler rot malte, was grün aussieht, oder gar, weil er überhaupt gar nicht malte, sondern mit Kohle Kartons entwarf. Und mit den alten 201 Bildern ist es doch nicht anders. Die Sixtina? Vor anderthalb Jahrhunderten ist sie für einen Spottpreis verkauft worden. Niemand kümmerte sich um das Bild, und selbst ein leidlich gescheiter Mensch wie Goethe hielt es nicht für der Mühe wert, sie auch nur zu erwähnen. Damals war sie noch wirklich Raffaels Werk. Dann aber hat man sie restauriert und übermalt, so daß kein einziger Pinselstrich darauf mehr von Raffael herrührt, und nun ist sie berühmt geworden, die Perle der Malerei. Das Geschwätz unserer Kunsthistoriker und Ästheten, deren Beruf es ist, die Wahrheit zu fälschen, genau so wie es bei den Geschichtsschreibern ist, das ist das Wesentliche an der Sixtina, an Michelangelo, Rembrandt, Rubens. Wenn wir nicht alle an ästhetischen Blähungen litten, würde sich kein Mensch nach den Ölabsonderungen dieser Maler umdrehen, außer ein paar Sammlern, für die sie etwa denselben Tollheitswert hätten, wie jetzt ein Unikum für die Briefmarkensammler. Die Größe des Menschen wird erst durch Geschrei geschaffen, durch Geschrei von Menschen, die selbst zu impotent sind, um zu zeugen, aber erwachsen und vollsaftig tun, wie die Jungens, die künstlich im tiefsten Baß sprechen. Im Grunde ist an den großen Menschen nichts anderes, als bei den Durchschnittsleuten. Die eigentliche Größe des Menschen beruht gar nicht auf seinen Leistungen, sondern auf der Art, wie er über seine Leistungen denkt. Wer wie ein Huhn, das ein Ei gelegt hat, gackert, hat seinen Lohn dahin. Und daß ich das immer wieder vergesse, daß ich auf dieses Erwachsentun der kindischen Menschen hereinfalle, ärgert mich. Ein Bilderbuch wie der Struwwelpeter ist zehnmal mehr wert, als das ganze Museum hier und tausendmal tiefsinniger als der ganze Rembrandtschwindel, tausendmal wichtiger auch. Aus dem Struwwelpeter strömt eine Fülle von Weisheit.«

Keller-Caprese fand es rätlich, Öl in das Feuer zu gießen. »Ich denke eben darüber nach,« sagte er, und ließ sich auf einen der Sitze nieder, »warum mir das Stehen so schwer fällt und nach der Erwähnung des Struwwelpeters erkenne ich plötzlich, woran das liegt. Mir kam nämlich sofort Buschs Max und Moritz in den Sinn. Das Bild, wo der Schneider von den Gänsen aus dem Wasser gezogen wird, und dann wurde mir klar, daß ich die ganze Zeit, 202 während Sie sprachen, auf Correggios Leda mit dem Schwan gestiert hatte. Gänse und Schwäne gehören zusammen. Vor dem Bilde standen vorher zwei Gymnasiasten und man sah ihren Gesichtern an, was in ihnen vorging. Das hat Erinnerungen in mir geweckt, die schwer lasten.«

Thomas war wie elektrisiert. Er setzte sich neben den Maler, hakte bei ihm ein und lachte vergnügt. »Sehen Sie, wie es auf mich wirkt. Ich muß gleich meinen Arm in den Kreis zwischen den Ihren und Ihren Körper schieben. – Da haben Sie wieder ein Stück des Rahmens, der die Maler berühmt macht, die Gegenstände, die sie malen. Alle unsere Begriffe von Schönheit sind abgeleitet von der Sehnsucht, eine Öffnung zu finden, in die wir uns einschieben können. Mann und Weib, gestreckte Form und runde Form, da haben Sie alles. Nehmen Sie noch das Dreieck hinzu, das ja den Mann bedeutet, so ist klar, was schön ist. Die Dreizahl; da haben Sie es. Ich sprach Ihnen ja neulich davon. Übrigens Testikel: testis zeugen, bezeugen, erzeugen. Besinnen Sie sich an das Sprichwort: Durch zweier Zeugen Mund wird die Wahrheit kund. Diese Zeugen, das Latein beweist es ebenso wie das Deutsch, sind die Samenbehälter, und was ihr Mund ist, wissen Sie wohl. Wer die Wahrheit erforschen will, der befrage seine Wünschelrute. Dort wird er sie finden. Mysterium.«

Der Narr nahm seinen Arm aus dem seines Nachbarn und faltete andächtig die Hände.

Der Maler merkte, daß er Oberwasser bekam, und fuhr fort, sein Korn zu mahlen. »Es ist kein Zweifel, die Justiz mit allem, was drum und dran hängt, stammt her von der Begierde. Cherchez la femme

Eben trat ein elegant gekleidetes Pärchen in den Saal, ein hübsches, ganz junges Weib, das gelangweilt und schlaff neben ihrem kräftig gewachsenen Begleiter einherging, der seinerseits mit mürrischem Gesichtsausdruck einen Schritt vor ihr und halb abgewendet an den Bildern sich entlang schob. Keller-Caprese verfolgte sie mit begehrlichen Augen. »Es ist ein guter Witz, daß man das Recht als Göttin darstellt, da ja ein jeder weiß, wie parteiisch die Weiber sind.«

203 »Wenn die Wahrheit der Geschlechtsapparat des Mannes ist, konnte man das Forschen nach der Wahrheit nicht besser symbolisieren als durch das Weib,« erwiderte Thomas und bewegte leise schaukelnd den Oberkörper hin und her, unwillkürlich das Forschen nach der Wahrheit darstellend. »Wer weiß so gut mit der Wahrheit Bescheid als die Frau? Und daß sie die Binde über den Augen trägt –« Er vollendete den Satz nicht. Der Apfelsinenmann von der Herfahrt nach Berlin fiel ihm ein und er hielt krampfhaft seine Taschen zu.

»Mach die Augen zu, mach' die Augen zu, dann siehste nichts, dann hörste nichts, dann weißte nichts davon,« trällerte der Maler vor sich hin.

»Ja,« sagte Thomas, »die Gründlichkeit der Forschung wird durch die Intensität des Genusses verstärkt. Die Binde ist wohl als das Schließen der Augen im höchsten Moment –«

»Sehen Sie nur,« der Maler wies aufgeregt nach dem Paar. »Das ist interessant. Ich bin neugierig, wie es ablaufen wird.«

Der Herr war vor dem Bilde der Leda stehen geblieben und hatte es eine Weile eingehend betrachtet. Eine kaum erkennbare Unruhe sprach sich darin aus, daß er den Hut ein wenig lüftete und zurechtsetzte. Dann wandte er sich zum erstenmal zu seiner Frau, die so tat, als ob sie sich für einen Tintoretto interessierte. Er winkte ihr und rief sie schließlich bei Namen. Mit absichtlichem Widerstreben trat sie neben ihn und warf einen affektiert gleichgültigen Blick auf das Bild, steckte die Hände in den Hermelinmuff, den sie der Mode folgend trotz des Sommers trug und wandte sich zum Weitergehen. Ihr Mann hielt sie am Arm und flüsterte ihr irgend etwas zu. Darauf trat sie näher an das Bild heran. Nach einer Weile zog sie die Hand aus dem Muff, faßte ihren Mann unter und schmiegte sich an ihn.

»Schau, schau,« meinte der Maler und kniff das eine Auge zu, »die sind noch empfänglich für die Werke der Kunst. Ich möchte wetten, daß die beiden in fünf Minuten ins Bett kriechen.«

»Wenn sie nicht vorher Gelegenheit finden,« sagte Thomas nachdenklich. »Es ist etwas Merkwürdiges mit der Liebe. Da bilden sich die Menschen ein, sie liebten einander und in Wahrheit lieben sie die Leda oder den Schwan.«

204 »Im Resultat bleibt es dasselbe,« schob Keller-Caprese ein.

»Gewiß,« bestätigte Thomas, »aber darum betrügen sie sich nicht minder. Und was wir eben sahen, geschieht in jedem Theater, in jeder Gesellschaft, auf jeder Straße, auf Schritt und Tritt. Das junge Liebesglück zankt sich noch auf der Fahrt zum Ball und mit Hilfe der straff gespannten Hosen über einen Husarenleutnantshintern oder des tiefen Ausschnittes einer Ballschönheit wird der Haß in so heiße Liebe verwandelt, daß schon auf der Rückfahrt noch in der Equipage das Kleid verschoben wird. Was wir Liebe nennen, bei Männlein oder Weiblein ist gleich, das ist nur die Übertragung einer wollüstigen Erregung durch diesen oder jenen Schauspieler, durch dieses oder jenes Buch, auf das Objekt, das uns der Pfaffe angetraut hat. Es ist wie bei den Kaiserkrönungen. Ein Brunnen fließenden Weins ist auf dem Markt aufgebaut, ein jeder fängt ihn auf in sein Gefäß. Die Liebeskraft und Fülle ist kaiserlich reich, aber sie wird nicht besser dadurch, daß der Metzger des Kaisers Wein seinen eigenen Wein nennt, und nicht edler dadurch, daß wir Worte, wie unverbrüchliche Treue, ewige Liebe hinzufügen. Ein Begriff, wie der Treue, ist der reine Blödsinn, eine Erfindung der Weiber, um ihre Männer niederzuhalten, während sie selbst ungestört ihren Gedankensünden nachgehen können. Der Ehebruch ist permanent, die Liebe eine ununterbrochene Kette dicht aneinandergereihter Treulosigkeiten und das Treuegelübde ein von menschlicher Tücke ersonnenes Mittel, um jederzeit als Vorwand für die Entladung schlechter Launen und eigenen Schuldbewußtseins zu dienen.«

Keller-Caprese bog sich vor Lachen und klatschte mit den Händen auf die Kniee.

Thomas geriet durch den Erfolg seines Geschwätzes noch mehr ins Feuer. »Du sollst nicht ehebrechen! Man kann gar nicht existieren, ohne stündlich die Ehe zu brechen. Du sollst nicht töten! Wir töten mit jedem Atemzug Lebewesen. Wir brechen Blumen, schlachten Vieh, eine großartige Illustration zu dem fünften Gebot. Und Menschen töten? Jedes Mädchen wird mit 20.000 Eiern geboren, ehe es noch die Geschlechtsreife erlangt hat, sind schon 19.000 von diesen Kinderchen ermordet, und der Mann schlachtet fortwährend 205 tausende seiner Kinder, die er mit sich im Sack herumträgt. Du sollst den Namen deines Gottes nicht unnützlich führen – daher der Gruß Adieu. Ich möchte auch wissen, was wir anderes tun als lästern, wenn wir ihn für alles Gute verantwortlich machen, das sogenannte Schlechte aber seiner Machtvollkommenheit entziehen und dem Teufel vorbehalten. Der Begriff der Sünde ist ja schon eine Gotteslästerung.«

Keller-Caprese fing wieder an, sich zu bekreuzen, diesmal heimlich, da er den Zorn seines Gönners fürchtete.

»Die ganze Gesetzgeberei auf dem Sinai ist eben ein Witz des alten Moses und er hatte guten Grund, sein Haupt zu verhüllen, als er die berühmten Tafeln herbeischleppte. Sein Lachen hätte ihn verraten.«

Dem Maler wurde unheimlich zumute, mit einem gewaltsamen Ruck steuerte er die Unterhaltung in ein anderes Fahrwasser. »Ihre Reden erinnern mich an den Struwwelpeter, von dem Sie vorhin sprachen. Erinnern Sie sich an das letzte Blatt, wo Robert von seinem eigenen Regenschirm in die Luft geführt wird? So kommen Sie mir vor.«

Thomas runzelte die Stirne und sagte mürrisch: »Sie verstehen von diesem wunderbaren Buche scheint's nicht viel. Ich deutete Ihnen schon vorhin an, daß Weltweisheit im Struwwelpeter verkündigt wird. Wenn es auch angängig ist, allumfassende Wahrheiten auf irgend eine einzelne Person anzuwenden, so ist es doch, da das Gewand für individuelle Verhältnisse viel zu weit ist, schleppt und schlottert, geschmacklos, so etwas zu tun. Der fliegende Robert, der von seinem Regenschirm in die Lüfte gehoben wird, steht in Parallele zu Paulinchen mit den Streichhölzern. Sie wissen doch, was das Aufspannen eines Schirmes zu bedeuten hat?«

Keller-Caprese beging die Dummheit zu nicken und mit der Hand eine beruhigende Gebärde zu machen, ganz überzeugt davon, daß er wisse, was ein Regenschirm sei. Dadurch ist der Gedankengang Weltleins nicht klar zum Ausdruck gekommen.

»Nun also,« fuhr Thomas fort, »der Maler-Dichter wollte damit sagen, daß das Aufspannen des Schirmes im unreifen Alter die Schwindsucht herbeiführe, eine Ansicht, die zur Zeit dieses genialen 206 Irrenarztes gang und gäbe war; er deutet es dadurch an, daß der Knabe Robert getragen von dem roten Schirm – beachten Sie das Rot und auch die Form der Wolke ist bezeichnend – daß er also immer kleiner wird. Das Genie aber, das seine Hand führte, legte hinter diese absichtliche Symbolisierung eine tiefere. Robert fliegt in die Höhe, dem Himmel, der Vollkommenheit näher und näher. Ohne daß der Künstler in seiner beschränkten Berufsnarrheit es ahnt, spricht er die tiefste Weisheit aus, daß dieses angebliche Laster Bedingung und Wurzel alles Fortschrittes ist, daß es die Menschheit emporreißt in die Welt des Ideals.«

Thomas schwieg und Keller-Caprese, der im Begriff war einzunicken, fuhr aus dem Halbschlaf auf und rieb sich die Augen. »Und Paulinchen?« sagte er.

Thomas lachte. »Paulinchen? sie tut dasselbe wie Sie; sie reibt. Reibt an der Zündholzschachtel, bis die Flammen emporschlagen und sie verzehren. Auge und Schachtel, beides sind ja Symbole des Mädchengeheimnisses. Auch hier steht hinter der Warnung, den Finger nicht zu mißbrauchen, eine tiefsinnige Verherrlichung dieses ersten primitiven Menschentriebes, der Selbstliebe. Die Erfindung des Lichtes und des Feuers tritt uns entgegen mit dem tragischen Schmerz des echten Dichters vorgetragen, der seine Heldin in der Vollendung, im unbewußten Dienste der Menschheit sich verzehren läßt. Und wie nett ist es, daß er die Katzen dabei anbringt, diese Sinnbilder aller Sprachen für das Weibliche, diese chats und cats. Der Entladungstraum, das Feuer der Erregung erlischt. Ein Bächlein in den Wiesen, wie hübsch ist das gesagt, harmlos für die Ungeweihten, tief für den Wissenden.«

»Ich hör' ein Bächlein rauschen,« summte Keller-Caprese vor sich hin.

Thomas sah ihn streng an. »Ich sprach das letzte Wort mit einem W nicht mit einem P. Ihre Anspielung ist ungehörig.« Er erhob sich und schritt dem Ausgang zu.

Der Maler schnitt eine Grimasse hinter Weltleins Rücken und folgte ihm langsam. Er überlegte, wie er die Stimmung dieser vor ihm wandelnden goldhaltigen Hosentasche noch einmal umwandeln könne. Schließlich blieb er vor einem riesigen Gemälde des Veronese 207 stehen, hielt die Hand wie ein Fernrohr vor das linke Auge und rief: »Weltlein, kommen Sie mal, hier diese Beleuchtung und dieses Farbenspiel müssen Sie sehen.«

Thomas drehte sich nicht einmal um, irgend etwas mußte ihn arg verstimmt haben. Vor dem Ausgang holte ihn der Maler ein.

»Was ist mit Ihnen los, Weltlein?« fragte er, ernstlich besorgt, da ihm die gute Laune seines Opfers als einzig sichere Garantie eines reichlichen Mittagessens galt.

»Haben Sie denn oben das Wickelkind nicht gesehen? Auch nicht schreien hören?« fragte Thomas dagegen.

»Ein Wickelkind? Nein. Wo war denn eins?« Keller-Caprese sah sich um, als ob er hoffte, durch die Gebäudemauern hindurch die Existenz des schreienden Kindes festzustellen.

»Uns gegenüber hing ein Bild, ein Bild – aber Sie sind so stumpf, daß es einem ekeln kann. Sie sehen nichts und hören nichts, hören es nicht, dieses fürchterliche Schreien des gequälten Gottessohnes, der halberwürgt von Wickeln in den Armen der Mutter ruht. Er schreit, er schreit,« Thomas hielt sich die Ohren zu, »und niemand außer mir scheint es zu hören.«

Bei dem Maler begann es zu dämmern. »Meinen Sie das Christuskind auf der Mantegnaschen Madonna?«

»Er fragt, er fragt!« Thomas brüllte es förmlich in die Welt hinaus und lief mit langen Schritten weiter, beide Finger in die Ohren steckend. »Unseliger, es ist doch ein Symbol, oder eine Satire,« er wurde plötzlich ruhig und ließ die Hände sinken. »Eine Satire, natürlich. Wie konnte ich nur so dumm sein zu erschrecken.« Er blieb stehen, faßte den Maler vorn am Rockknopf und setzte ihm den Zeigefinger der anderen Hand auf die Brust. »Sehen Sie, hinter diesem Wickelkind, das stumm schreit, weil es weder Arm noch Bein rühren kann, stecken all die kleinen Kinder, die von ihren Müttern unter dem Vorwand der Liebe und Fürsorge mißhandelt werden. Mutter und Kind, das ist ein seltsames Kapitel. Erst schmeißen die Frauen solch ein armes hilfloses Wesen aus ihrem Bauch, in dem es hübsch warm und ruhig gelegen hat, heraus, so brutal heraus, daß der robuste Rauswerfer eines Nachtcafés bei ihnen lernen könnte.«

208 Keller-Caprese sah sein lebendiges Portemonnaie so zornig an, daß Thomas belustigt ihm den Knopf abdrehte, den er gefaßt hielt. Er sah ihn an, hielt ihn dem Maler unter die Nase und fuhr fort: »Knopf, Nabel, es ist schon viel, wenn solch ein unfertig fabriziertes Mensch das Kind nicht an der Nabelschnur aufzuhängen sucht, aber ohne ein schief gedrücktes Gesicht und ein verschwollenes Auge für das Kind pflegt es nicht abzugehen. Also aus dieser Tatsache des Mißhandelns leitet die Frau dann das Recht ab, bis an ihr Lebensende das Kind mit dem Wickel: Ich bin deine Mutter, zu lähmen. Sie behauptet ganz frisch drauf los, daß niemand dem Sohn oder der Tochter so nahe steht wie sie: Ich werde doch wohl mein eigenes Kind kennen, –: so etwas tut mein Sohn nicht. Aha,« fuhr er triumphierend fort, als Keller-Caprese fröstelnd den Kopf senkte. »Sie kennen die Melodie, sind auch unter Schmerzen geboren worden und haben das einige tausendmal vorgehalten bekommen. Als ob man vorher befragt würde und als ob es ein Vergnügen wäre, mit dem Kopf vornweg eine Treppe hinunter an die Luft gesetzt zu werden. Aber so sind die Frauen: Denk immer daran, was deine Mutter dazu sagen würde, wenn du etwas Böses tun willst, kennen Sie das Wickelband auch?« Er hatte sein Gegenüber losgelassen und wickelte mit wahrer Wut mit der rechten Hand einen Säugling ein, den er auf dem linken Arm getragen darstellte, wickelte so fest, daß kein Zweifel daran aufkommen konnte, wie überzeugt diese Mutter in Hosen von ihrem Mutterrechte war. »Und der alte Esel von Vater,« Weltleins Augen leuchteten einen Moment im Haß auf und diese Empfindung steckte anscheinend seinen Zuhörer an, wenigstens ballte der die Faust – »steht dabei und bewundert den heiligen Mutterberuf. Kein Wunder, denn das Weibchen läßt ihm die Ohren von reizenden Eroten vollsingen – sie nennt sie Engel und bläst ihnen eine wunderbare Himmelsmusik vor, – rings umrahmen sie ihn, die vielen Liebesstunden, und niemand hört das lautlose Schreien des Kindes, niemand, außer mir. Und diesen schlauen Trick der Frauen, zu mißhandeln und daraus ein heiliges Recht abzuleiten, den haben alle anderen Bestien ihr abgelauscht. Da kommt die Schule und behauptet, Rechte auf den Fleiß des Kindes zu haben, und der Beruf kommt und redet von 209 Pflichten und der Staat kommt, verlangt mit Pauken und Trompeten Vaterlandsliebe, währenddeß er die Taschen leert, uns als Kanonenfutter verwertet, und schließlich predigt die Kirche, die den bekannten großen Magen hat, ihr heiliges Öl von Gott und Sünde. Aber sie kommen alle nicht gegen die Weiber auf. Keiner von ihnen kann sagen: ich habe dich unter dem Herzen getragen – unter dem Herzen, das wagen sie auch noch zu sagen, rühmen sich dessen, daß sie ihre Kinder nicht im Herzen, sondern darunter tragen – keine hat so ein schönes Schlagwort, wie: Du bist mein Fleisch und mein Blut. Sie bilden sich wahrhaftig ein, sie hätten das Kind gemacht, während es ihnen doch gemacht worden ist. Sie kennen doch Agathe? Nein, nicht? Na also, Agathe ist meine Schwester. Übrigens geht Sie das ja gar nichts an. Sie ist aber auch ein Wickelband, eines mit einer Schleife, mit einer Hutschleife, einer violetten Hutschleife; wahrscheinlich, um, wie das Veilchen, mit ihrer Bescheidenheit zu protzen. Aber Veilchen sind aufdringlich durch ihren Geruch und wachsen in solchen Massen – na ja, meine Schwester –« Der Gedanke an Agathe verwirrte die Logik des armen Narren so, daß er den Faden verlor. »Wo war ich stehen geblieben! Richtig, beim violett. Sie haben ja vorher etwas von der Farbe geredet; was war das doch?«

»Ein Veronese,« erwiderte Keller-Caprese.

Thomas sah voll Mißtrauen, wie der Maler sich die Lippen leckte, die ihm im starren Schrecken über den bizarren Ausfall gegen die Mütter ausgetrocknet waren.

»Sie haben wohl an Veroneses Gastmahl des reichen Mannes gedacht, alter Freund, aber zur Strafe für Ihre Gier sollen Sie erst noch eine Abhandlung über die Farben mit anhören.« Er nötigte seinen Genossen auf eine Bank, stellte sich vor ihm auf, die eine Hand auf dem Rücken, die andere vorn in der Brust. »Also beginnen wir zunächst mit dem Rot, der Farbe der Liebe. Sie sehen da gleich eine Reihe von Zusammenhängen. Rot sind die Lippen, mit denen man Worte der Liebe stammelt und mit denen man küßt. Rot ist aber auch das, was Lippen schamhaft verschließen, der Schoß des Weibes. Rot ist auch der Liebesschlüssel, der diesen Schoß öffnet, und rot ist das Blut, das dabei fließt. Rot ist ferner die 210 Nase des vornehmen Mannes, wie Sie an der meinen sehen können. Lachen Sie nicht, Keller-Caprese, sonst lasse ich Sie nachsitzen. – Wir haben also im Rot vereint: die Liebe, das Blut und den –«

»Suff!« ergänzte der Schüler.

»Rotwein, sehr richtig. Gut. Sie können, wenn Sie wollen, Keller-Caprese, aber Sie wollen nicht. Widersprechen Sie nicht, ich kenne Sie. Sie sind ein durchaus unbrauchbarer Mensch. Aus Ihnen wird nichts. Gehen Sie auf die Straße und werden Sie Steinklopfer. Wir haben also hier, um nochmals zu rekapitulieren, die Liebe, den Mord und den –«

»Rotwein,« ergänzte der Schüler.

»Suff, sehr richtig, gut. Keller-Caprese, Sie können und so weiter. Wir gehen nun zum Grün über, genau wie in der Physik. Hat man eine Weile auf Rot gesehen, so sieht man auf einer weißen Fläche Grün erscheinen. Man nennt das in Ihrem Jargon Komplementärfarben. Also Grün. Das ist die Farbe der Treue. Immergrün. Merkwürdigerweise behaupten alle Weiber, die Treue sähe blau aus, was doch die Farbe der Hoffnung ist, denn der Himmel ist blau. Aber da das einzige, dem sie Treue bewahren, das Instrument ist, auf das sie hoffen und durch das sie in Hoffnung kommen, und da sie sich gar nichts aus dem Himmel machen, sondern die heiße, feuchte und dunkle Hölle allein lieben und mit sich herumtragen, so verwechseln sie Hoffnung und Treue, und nennen Blau Grün. Vielleicht spricht hier noch der mütterliche Trieb mit. Der Junge hat blaue Schleifen an dem Steckkissen und ist selbst ein grüner, hoffnungsvoller Knabe. – Der Teufel finde sich da heraus, noch dazu, wenn Sie grinsen. Der Teufel weiß allein bei den Weibern Bescheid. Na, Sie wissen schon, Boccaccios Teufel – oder wissen Sie es wieder einmal nicht? Ich hätte mir das denken können, aber ich habe keine Zeit, mich mit Ihrer Faulheit herumzuschlagen. Lesen Sie es nach im Dekamerone, die Erzählung von dem Mädchen in der thebaischen Wüste. Also nun zu der Mischung der Farben, zu dem Weiß. Das ist die Farbe der Unschuld und der Reinheit, wahrscheinlich, weil es so gemischt ist. Weiß ist auch das Symbol der Unschuld und der Reinheit: Die Taube, die bekanntlich das geilste Tier ist und das 211 dreckigste Tier, wogegen das Schwein, das immer schmutzig genannt wird, so reinlich ist, daß es sogar sich ein eigenes Klosett im Stall einrichtet. So spricht man auch von kindlicher Reinheit und kindlicher Unschuld, obwohl man ganz gut weiß, daß Kinder Schweine sind, physisch und psychisch. Der Teufel hole die Sprache. Sie ist eine ganz dumme Erfindung. Wer kann sich denn da herausfinden: Taube, Kind, Schwein. Und dabei nennt die Mutter so und so oft ihr Kind kleines Ferkel, was natürlich den Rückschluß herausfordert, daß sie selber eine große Sau ist. Dies nebenbei. Weiß ist ferner der Schnee, das Leichentuch der Natur. Es liegt der Gedanke nahe, daß die Menschen Weiß als Farbe der Unschuld gewählt haben, weil sie oft in Gedanken morden, gewöhnlich die Leute, die sie zu lieben vorgeben, ihre Ehegatten, Kinder und Eltern. Das Waschen in unschuldigem Weiß hat dann den Vorteil, daß sie ihren verbrecherischen Gedanken mit dem Schein der Reinheit weiter nachhängen können. Weiß ist ferner der –«

»Weißwein.« Der Maler war aufgesprungen und sprach heftig weiter. »Sehr richtig, gut, Keller-Caprese. Sie können, wenn Sie wollen, aber mir klebt die Zunge im Halse vom Zuhören Ihres Geschwätzes, und Sie plappern weiter, ohne die Ausgedörrtheit Ihres Innern zu bemerken.«

»Gelb ist die Farbe des Neides, Sie sind neidisch, lieber Freund. Im übrigen haben Sie recht; wir wollen essen gehen. Ich kenne an der Herkulesbrücke eine nette Kneipe –«

»Um Gottes Willen,« stöhnte der Maler, »es gibt doch Restaurants hier in der Nähe. Ich verhungere, ich verdurste.«

Thomas griff in die Tasche: »Hier,« sagte er und gab ihm das übliche Goldstück. »Sie können in der Nähe sich etwas suchen. Ich gehe zur Herkulesbrücke.«

Keller-Caprese ließ das Geld in der Westentasche verschwinden. »Ich esse lieber in Gesellschaft,« sagte er, »es ist unterhaltsamer und –«

»Billiger,« lachte Thomas und zog ihn mit sich fort.

Man weiß von dem Ausgang dieses Museumsbesuches nichts weiter, als daß am folgenden Tage Keller-Caprese halb bekleidet in Weltleins Badewanne aufwachte, als Thomas gerade über ihm den Hahn für das heiße Wasser öffnete. 212

 


 

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