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Der Seelensucher

Georg Groddeck: Der Seelensucher - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Seelensucher
authorGeorg Groddeck
year1971
firstpub1921
publisherLimes Verlag
addressWiesbaden
titleDer Seelensucher
pages377
created20130129
sendergerd.bouillon@t-online.de
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23. Kapitel.

Von der inneren Ansteckung, dem Artikel, Held Onan und der Entrüstung des Lesers.

Thomas hatte gerade die Suppe gegessen und war dabei, ein Glas Rotwein zu trinken, als die drei eintraten. »Da hinten ist noch ein Tischchen für die Damen,« rief er, »Kellner, zeigen Sie den Damen den leeren Tisch, und Sie, Keller-Caprese, kommen hierher. Ich habe Ihnen zu erzählen.« Und dem Maler ein Glas Wein einschenkend, begann er: »Sie haben es nicht glauben wollen, daß ich besonders vom Schicksal geleitet werde, daß ich berufen bin und daß heimliche Kräfte über mir walten. Aber hier haben Sie den handgreiflichen Beweis.« Er streckte dem Maler seine geschundene rechte Hand hin. »Alles, was ich sage und tue, geschieht ohne meine Absicht; ich werde im wahrsten Sinne des Wortes gelebt, ja mir ist zweifelhaft, ob ich von einem Ich bei mir überhaupt reden darf.«

Der eine der Fremden am Tische, der Thomas schräg gegenüber saß, ein älterer Herr mit einer Brille, dünnen, glattrasierten Lippen und grauem, kurzem Backenbart, wurde auf das Gespräch aufmerksam, fing an zögernd und dann endlich hastig zu essen und schien nicht übel Lust zu haben, an der Unterhaltung teilzunehmen.

»Die Betonung des Ichs ist etwas, was überwunden werden muß,« sagte Keller-Caprese und wählte sorgfältig unter den Fischstücken aus, auf daß ihm nicht das beste entginge, »egoistische Naturen sind mir ekelhaft.«

Thomas nahm wie gewöhnlich keine Notiz von dem, was sein Gegenüber sagte. »Als vorhin das Blendwerk der Hölle in Gestalt der beiden Damen in das Coupé trat und ich von dem Mutterschoß der Kunst aufsprang, klirrte das Geld in meiner Tasche, es warnte mich und jedesmal, wenn es gefährlich wurde, beim Evasapfel und dem Paradies des Mädchens, regte sichs in der Gegend meiner Hosentasche und klopfte gegen das Gold; sei sparsam mit deinem Vermögen. Und vorhin ging ich von euch mit dem Vorsatz, in Berlin die Bekanntschaft wieder anzuknüpfen. Aber das Endaimonion hat 150 mich gerettet. Gerade als ich mir vorstellte, wie ich die jungfräuliche Türe sprengen werde und, um es mir deutlich zu vergegenwärtigen, die Gangtüre öffnete und nun den engen Korridor, der zum Speisewagen, als dem Bauch des Zuges führt, vor mir sah, strauchelte ich und fiel, so symbolisch den Sündenfall vorwegnehmend, der ja für mich nicht mehr in Frage kommt. Und meine Hand, die schon deutlich im Geist die prallen Äpfel der sündigen Freude griff, wurde gequetscht. Oh, ihr Ärzte, Forscher und Weisen,« fuhr er in Ekstase fort, »seht ihr es denn nicht, daß der Geist sich die Form schafft, daß der innere Gott Hephästos lahm werden ließ, um ihn der Aphrodite widerlich zu machen und ihn so der Schmiedekunst zu erhalten; daß Beethoven taub war, damit er nichts hörte als den singenden Dämon im Innern; daß Homer blind war, weil er nichts sehen sollte, was außer ihm vorging?«

Der graubärtige Herr rutschte schon eine Weile auf seinem Stuhl hin und her, jetzt rückte er die Brille zurecht und unterbrach Thomas. »Was Sie da sagen, ist absolut nicht neu. Sie haben es buddhistischen Schriften entnommen und es ist in der Wissenschaft üblich, die Quellen anzugeben, aus denen man schöpft. Wer das nicht tut, begeht ein Plagiat, verstehen Sie, ein Plagiat. Sie sind ein Plagiator.« Er stieß die Worte mit solcher Wut hervor, daß es aussah, als ob er einen schweren Verbrecher vor sich hätte und im Begriff wäre, ihn zu überführen.

»Wissenschaft, Wissen und Schaft,« nahm Thomas in seiner Weise die Entgegnung auf. »Dieser Schaft da,« er klopfte sich gegen die Nase, »ist ein ausgezeichneter Beweis dafür, daß der innere Mensch den äußeren schafft und wer von diesem Schaffen weiß, gehört gewiß zur Zunft der Wissenschaft, selbst wenn er ein Plagiator ist. Sehen Sie, der gebildete Sterbliche nennt so ein Ding Nase, noch dazu die Nase, während der Franzose wenigstens le nez sagt, mit Recht, denn solch ein Schaft ist männlich, absolut männlich. Das Weib entbehrt des ragenden Gliedes. Diese phallische Natur der Nase nun bedingt es, daß in ihrer Form sich die Triebe und innersten Seelenregungen des Menschen kenntlich machen. Die lange Nase verkündet die starke, erwachsene Seele, während die Stumpfnasigen auf dem Alter von 15 bis 17 Jahren stehen bleiben, an 151 den Lüsten der Übergangszeit Gefallen finden und selbst die Liebe spielerig betreiben. Die Kartoffelnase ist eine Flucht ins Weibliche aus innerer Angst vor der eigenen Kraft. Und nun bei mir. Mein Naser – es widerstrebt mir, die weibliche Form zu brauchen – ist rot, steht also unter dem Zeichen der Liebe, aber damit ich nicht zu oft zum Herkules der Omphale werde, erheben sich ringsum gelbe Pickel, bestimmt, die Weiber fort zu scheuchen. Denn letzten Endes brauche ich das Weib nicht, bin selbst Weib genug« – er schlug sich stolz auf den Bauch »bin schwanger und überschwanger. Aber die Versuchung ist groß und – mögen Sie es glauben oder nicht – jedesmal, wo ich der Eva begegne, sprießt meinem Adam am Naser ein neuer Pickel. Ich möchte doch wissen –« er holte einen Taschenspiegel hervor und betrachtete sich – »Wahrhaftig, Helenchen hat mir einen neuen verschafft. So soll er denn auch spritzen, auf daß der Zauber gelöst, die Erregung abreagiert wird.« Er drückte den Pickel auf.

»Diese Verschiedenheiten beim Gebrauch des Artikels in den verschiedenen Sprachen,« schob der Herr mit der Brille ein und schaute dabei sein Weinglas an, in dem das Licht spielte, als ob dort irgend eine Lösung seiner Frage zu finden wäre, »haben mir schon viel Kopfzerbrechen gemacht. Wir sagen die Sonne, aber der Grieche brauchte das Wort Helios und der Lateiner soll –«

»Le soleil« ergänzte in diesem Augenblick der vierte bisher eifrig essende Tischgenosse.

Der Graubart nickte gnädig. »Ganz richtig, le soleil, sehr gut und il sole, wenn man es weiter führen will. Um aber zum Schluß zu kommen, vermutlich stellten sich die Alten, oder um mich präziser auszudrücken, die heißer temperierten Völker, den Sonnenball als männliche Gottheit vor, weil sie mehr die vernichtenden Kräfte der ausdörrenden Hitze sahen; die Pestpfeile des Apollo, der ja vielfach mit Helios zusammenfällt, könnten die Strahlen sein –«

»Hohoho«, lachte Thomas dumpf, »Strahlen, da haben Sie es doch. Seit wann kann denn das Weib einen Strahl hervorbringen, es spritzt bei ihr nach allen Seiten.«

»Hohoho,« erklang es im Chor; Keller-Caprese hieb sich mit der flachen Hand auf das Knie und rief wiehernd: »Ja, und die 152 Griechen waren Seefahrer, Schiffer und hatten als solche Interesse für salzige Flüssigkeiten, für –«

»Schiffen,« schnitt ihm Thomas das Wort ab.

Der Herr mit der Brille schob die Unterlippe mißbilligend vor. »Wie dem auch sei, ich wollte nur darauf aufmerksam machen, daß es Sprachen gibt, die die Kraft der Helden im Bilde der Sonne verehren, vielleicht ließe sich auch sagen, das Zeugende, während wir mehr das Fruchtbare, das Mütterliche in ihr sehen, und –« er lächelte äußerst wohlwollend, »man geht wohl nicht zu weit anzunehmen, daß wir Deutsche mit unserm unseligen Nebelklima, unter dem der große Goethe so litt, auch die Launen des Weibes durch den femininen Artikel der Sonne andeuten wollen. Aber was sich auch immer darüber sagen läßt, für andere Gegenstände trifft es nicht zu. Was soll man beispielsweise dazu sagen, daß wir von dem Baum sprechen, aber dann wieder sagen die Birke.«

Thomas erhob sich halb vom Sitz: »Buddha« rief er, »das Wirken des inneren Zwangs. Sie sind Lehrer und diese Beschäftigung mit dem erzieherischen, strafenden, schlagenden Beruf zwang Sie, das Beispiel der Birke zu wählen, oder besser, weil Sie die Rute lieben, wurden Sie Lehrer.«

Der Herr hatte sich zurück gelehnt und lächelte so, als ob er eben in einen unreifen Apfel gebissen hätte. Als er gar sah, wie Keller-Caprese ihm einen Pfirsich so entgegen hielt, daß aus der Hand die roten Bäckchen geteilt vom Einschnitt hervorleuchteten, schlug er danach, faßte sich jedoch und erhob sich.

Thomas drückte ihn wieder auf den Stuhl. »Nein, nein, Herr Professor,« bat er, »Ihre Mitteilungen sind zu interessant, Sie sind gewissermaßen Sachverständiger, lassen Sie uns doch plaudern und achten Sie nicht auf die dummen Streiche dieses albernen Jünglings. Wir sind beide noch nicht mit unserem Erguß fertig und solches Unterbrechen ist schädlich. Ich habe nur in diese Dinge ein wenig die Nase hinein – und es heißt doch der Naser, es muß der Naser heißen. Hineinstecken, das ist doch männlich, und einen langen Naser machen, dem Weib gelingt solch Langwerden nicht.«

Wieder mischte sich der Vierte ein, während er, hingerissen vom Vergnügen, ohne hinzusehen aus seiner Zigarrentasche eine 153 Zigarre herauszuholen suchte. »Eine lange Nase drehen, nein, das kann das Weib nicht, wenigstens nicht bei sich, um so öfter bei uns.« Er hatte endlich die Zigarre vorgeholt und schnitt die Spitze ab. Thomas sah gespannt zu, dann wandte er sich ab mit dem einen Wort: »Kastration.«

»Wir haben,« begann der Professor von neuem, »mannigfache Zeichen des weiblich abgestimmten Tones unserer Sprache. So ist es auffallend, daß für den Lateiner Mensch und Mann dasselbe ist, homo, l'homme bei den Franzosen, das Weib ist für sie kein voller Mensch.«

»Abdesnitten,« fiel Caprese ein.

»Nein, immer so dewesen,« warf der Vierte ein.

Der Professor ließ sich nicht beirren. »Ihnen ist die Frau eine Sache. Ma chose, sagt der Franzose vom Weibe.«

»Das Mensch,« fügte Keller-Caprese wieder ein, er sah dabei auf die vorübergehende Frau von Lengsdorf, die ihm einen vernichtenden Blick zuwarf, während Thomas im stillen wieder den Zwang feststellte, der den Maler gerade in diesem Augenblick zu seinem Ausdruck nötigte.

»Weiblich?« ergriff Thomas das Wort. »Kennen Sie irgend ein Volk, wo der dicke Bauch so Männermode ist, wie bei den Deutschen? Ist es da nicht selbstverständlich, daß wir eine Muttersprache haben, wenn selbst die Männer guter Hoffnung sind? Und diese Muttersprache ist die schlaueste, die es gibt. Doppelzüngig, versteckt wie jede Frau. Der ehrliche Franzose, der wahrheitsliebende Engländer haben keine Möglichkeit zu lügen, wie wir. Gleich im Beginn des Satzes müssen sie die Entscheidung über ja und nein geben, ne pas und not, sie lassen sich nicht wie bei uns an das Ende einer langen Periode stellen. Wir können uns überlegen, ob wir positiv oder negativ enden wollen, ja wir können eine Mitteilung mit der Absicht beginnen, ja zu sagen, und wenn es uns dann anders paßt, ist es uns möglich, ohne den Schein des Betruges zu verneinen. Wir sind reich gegen die anderen Völker, denn die Fähigkeit zur Lüge, zur wohlüberlegten, sinnvollen zweckmäßigen Lüge ist die Grundlage der Ehrlichkeit, Relativität, meine Herren, nicht absolut sein, darauf kommt es an. Im Sommer ist es kühl 154 bei 15 Grad Reaumur, im Winter nennen wir es warm. Und so ist es in allen Dingen. Wenn ich den Bart des Herrn Professors ansehe, ist er ein älterer Mann, wenn ich aber sehe, wie er eben Brotkugeln formt, ist er ein Kind.«

Der Professor war zusammengefahren und hatte eiligst die Brotkügelchen mit der hohlen Hand bedeckt. »In gewissem Sinne bleiben wir ja wohl immer Kinder,« sagte er, »aber Sie dürfen doch nicht so weit gehen, das schlimmste Laster, das es gibt, die Lüge mit der Relativität aller Dinge zu verwechseln. Die Wahrheit ist relativ, zugegeben, aber Sie dürfen doch nicht –«

Thomas wurde plötzlich braunrot vor Wut. »Ich darf nicht? Ich darf nicht? Gewiß darf ich. Und was wollen Sie überhaupt mit Ihren Lastern. Nächstens bringen Sie auch noch das geheime Laster zur Sprache und reden davon ebenso unbedacht wie vom Lügen.«

»Sie sind reichlich grob, Herr –«

»Weltlein, Thomas Weltlein. Ich bitte um Verzeihung, und bleiben Sie doch sitzen. Ich habe solch Vergnügen an Ihrer Unterhaltung. Aber sehen Sie, mit der Lüge habe ich doch recht. Alles, die ganze Kultur ruht auf ihr, ja ohne sie wäre die Menschheit gar nicht denkbar. Nehmen Sie nur eine so wichtige Sache wie den Stuhlgang – wir sind ja bei Tische und zu einer ordentlichen Mahlzeit gehört das Gespräch über diese unentbehrlichste Gewohnheit sich zu entleeren. Schon Luther stellt im Katechismus Nahrung und Notdurft zusammen, es ist eben eine Notwendigkeit, das Gefäß leer zu machen, wenn es wieder gefüllt werden soll, und infolge der geistigen Ansteckung muß beim Füllen an die Entleerung zum mindesten gedacht werden.«

In diesem Moment erhob sich Keller-Caprese, der schon eine ganze Weile wippend auf dem Stuhl gesessen hatte.

»Exemplum docet,« lachte der Professor, »gehen Sie nur,« fügte er aus alter Gewohnheit hinzu, als ob er von irgend einem bedrängten Schüler um Erlaubnis zum Austreten gebeten worden wäre.

»Also,« nahm Thomas wieder das Wort, »was würde wohl aus der Welt geworden sein, wenn die Mütter den Kindern nicht beibrächten, das Aa sei dreckig, stänke, sei ekelhaft. Das ist doch eine grobe Lüge. Denn in Wahrheit finden wir unseren eigenen 155 Dreck nicht dreckig, können es gar nicht, da wir ihn in unserem Bauch herumtragen, da wir die verwandelten Kuhfladen als Brot essen – wenn Sie noch einmal Brotkügelchen formen, kriegen Sie was auf die Finger – er stinkt uns auch nicht, oder kriechen Sie etwa nicht unter die Bettdecke, um recht intensiv im Geist zu genießen, was aus Ihnen herausblies; er ist uns auch nicht ekelhaft, denn ein jeder besieht es und freut sich an seiner rundlichen Wurst. Aber –«

»Was würde aus der Welt werden, wenn den Kindern nicht abgewöhnt würde, sich in die Hosen zu machen,« grinste der schweigsame Vierte, der bisher mit dicken Lippen an seiner Zigarre gesogen hatte.

»Oder wenn ihnen das Abwischen nicht angewöhnt würde,« fügte Thomas hinzu, und warf einen fragenden Blick auf den zurückkehrenden Keller-Caprese, »oder wenn die Erwachsenen gar noch wie die kleinen Kinder ihre Liebe durch Bescheißen der geliebten Persönlichkeit kundgäben? Nein, nein, die Lüge ist edel, ist erhaben, eine sittliche Forderung. Übrigens bescheißen, gäbe es denn Handel und Wandel, wenn diese überaus sittliche Gewohnheit nicht durch den Kaufmann lebendig erhalten würde? Unser freundlich schweigsamer Tischgenosse wird uns da Auskunft geben können. Sie sind doch Kaufmann, oder irre ich mich?«

Der also Angeredete nickte. »Reisender der Firma Löwe und Sohn, Weinhandlung en gros und en detail.«

»Dachte ich's doch. Wozu hätten Sie sonst so lange die Weinkarte studiert und dann den Kellner nach Weinen aus Ihrer Firma gefragt? Außerdem –« Thomas klopfte wieder an seine Nase » übrigens stehen Sie noch nicht auf der Höhe. Sie genierten sich, als ich vorhin vom roten Naser sprach. Der Ihre hat noch dazu einen Stich ins Blaue, die Sehnsucht nach dem Himmel spricht sich darin aus, der Zug ins Hohe, Überirdische. Und wo wäre das zu finden, wenn nicht im Wein.«

Thomas wendete sich dem Zahlkellner zu und beglich seine beiden Rechnungen.

»Der Wein an sich,« sagte der Reisende und kratzte nachdenklich an seiner Glatze, »wäre schon gut. Wohlgemerkt, wenn er gut ist. 156 Aber das Proben und Durcheinandertrinken mit den Kunden, dazu gehört ein Pferdemagen.«

»Und sie müssen noch dazu Ihre eigenen Fabrikate vertilgen,« spottete Keller-Caprese.

»Bitte sehr, die Firma Löwe und Sohn –«

»Verwandelt nie Wasser in Wein,« fiel Thomas ein. »Aber nehmen wir an, daß wirklich aus dem Keller des Löwen nie mehr hervorgeholt wird, als eingefahren wurde, deshalb bleibt doch Wein ein heiliger Saft, schon die Bibel lehrt es. Nur die Sünder trinken sich selber zum Verderben. Wein und Religion gehören zusammen, bei uns wie bei den dionysischen Kulten der Griechen. So dient denn Löwe und auch sein Sohn der ewigen Kirche en gros und en detail; selbst wenn der Wein am Altare kein Lacrimae Christi und keine Milch unserer lieben Frau ist.«

»Sie arbeiten in Blasphemieen, Herr Weltlein,« rief Keller-Caprese und bekreuzte sich als guter Katholik. »Das sind schon Todsünden, Sünden wider den heiligen Geist.«

»Nicht ich gab den Weinen Namen,« erwiderte Thomas lächelnd, »und nicht ich habe das Abendmahl eingesetzt.«

Der Professor, als kühner Atheist und Ecraseur de l'infame superstition, schmunzelte, während dem Reisenden vor Schrecken die Zigarre ausgegangen war. Er sah sehr nachdenklich aus, während er das Streichholz anzündete und ohne die Zigarre in Brand zu stecken, fragte er:

»Was ist eigentlich die Sünde wider den heiligen Geist?«

»Ananias,« rief Thomas ganz laut und lachte, als der Frager zusammenzuckte und sein brennendes Streichholz fallen ließ. Am ganzen Tisch herrschte verlegenes Schweigen. Der Reisende hatte ein neues Hölzchen vorgeholt, vergaß aber, es anzuzünden. Eine ganze Weile starrte er Thomas an, dann schlug er die Augen nieder, steckte die Zigarre in den Mund, hielt das tote Streichholz daran und sog, als wollte er den Stengel ohne Feuer in Brand setzen.

»Gehören Sie auch zu den Leuten,« fragte Thomas und hielt ihm ein brennendes Streichholz hin, »die sich an der Vorstellung zu weiden suchen, weil sie den Reibungsakt für gesundheitsschädlich 157 halten? Und sollten doch wissen, daß es ohne Reibung kein Feuer gibt, daß die Selbstliebe den Funken des Prometheus schuf. Sonnenfeuer im hohlen Stab, verstehen Sie denn das nicht? Wir haben es doch alle nicht anders gemacht.«

»Erlauben Sie,« rief der Professor. Und Keller-Caprese sekundierte: »Ich wüßte nicht.«

»Aber ich weiß,« fuhr Thomas unbeirrt fort, »Sie mit Ihrem Pinsel sollten doch schweigen und weiter Landschaften mit Ihrem Öl produzieren, und der Herr Professor, die Art, wie er die Banane vorhin ablehnte – haben Sie schon einmal bemerkt, wie seltsam die halbgeschälte Banane gestaltet ist – und gar der Name: Banane – Ananas – Ananias – da ist doch kein Zweifel. Dieser Abscheu brachte mich ja auf den Gedanken, daß Sie auch Ihre Schüler vor geheimen Lastern warnen. Aber lesen Sie doch die Bibel. Es ist eine grobe Irreführung der Menschheit aus Geschäftsrücksichten, denn diese warnenden Büchlein sind verbreitet wie die Tuberkelbazillen. Es ist alles Schwindel. Lesen Sie nur nach: Held Onan –«

In diesem Augenblick trat der Oberkellner an den Tisch. »Ich muß die Herren bitten, den Speisewagen zu verlassen, da sich die anderen Gäste über die Art des Gesprächs beschweren.« Thomas sah den Kellner mit weit aufgerissenen Augen an.

»Beschweren, warum denn?«

Der Professor hatte sich sofort erhoben und eilte davon, ebenso floh Keller-Caprese vor dem drohenden Gewitter.

»Man findet,« sagte der Oberkellner, »daß Ihre Worte den Anstand verletzen.«

»Ja, sind denn die Leute unsere Gouvernanten?« fragte der Handlungsreisende giftig, stemmte den Ellenbogen auf den Tisch und schob die Zigarre in den Mundwinkel.

»Die Herren drohten mit der Polizei und sie haben recht. Den Ausdruck ›Verletzung des Anstandes‹ habe ich nur mildernd gebraucht, es fielen ganz andere Worte.«

Thomas hatte sich umgedreht und begaffte die anderen. »Und dabei haben diese Kerle samt und sonders Zigarren im Munde. Phanerophallen!«

Der Weinreisende war jetzt die vollkommene brutale Renitenz.

158 »Es fällt mir gar nicht ein, den Speisewagen zu räumen.« Er lehnte sich zurück und steckte die Hände in die Hosentaschen.

Thomas ahmte jede Bewegung nach. »Mir fällt es auch nicht im Traume ein,« pflichtete er bei.

»Wenn die Herren –«

»Ich werde bis zur nächsten Station, an der ich aussteige, hierbleiben.«

»Und ich auch,« sagte Thomas und gab sich Mühe, auszusehen wie ein Dorfheld aus Oberbayern kurz vorm Raufen.

»Dann muß ich den Zugführer –«

»Ist nicht nötig«, unterbrach Löwe und Sohn. »Der Zug fährt gleich in die Station ein. Ich steige hier aus.«

»Und ich auch.« Beide erhoben sich, setzen die Hüte in den Nacken und marschierten im Gänsemarsch, der Reisende wie eine Lokomotive Dampf blasend, Thomas in Ermanglung einer Zigarre pustend aus dem Wagen.

 


 

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