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Der Seelensucher

Georg Groddeck: Der Seelensucher - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Seelensucher
authorGeorg Groddeck
year1971
firstpub1921
publisherLimes Verlag
addressWiesbaden
titleDer Seelensucher
pages377
created20130129
sendergerd.bouillon@t-online.de
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19. Kapitel.

Vom Nutzen der Krankheit.

Jetzt hielt Lachmann die Zeit für gekommen, um mit seinem Plan zu Tage zu treten. »Ich habe mich,« begann er, »im Laufe des gestrigen Tages noch viel mit deinen sogenannten Entdeckungen beschäftigt. Aber ich muß dir leider sagen, daß deine Entdeckung uralt, daß sie eine gewöhnliche Binsenwahrheit ist.«

»Oho!«

»Gewiß, eine Binsenwahrheit. Und ich kann dir sogar die Quelle nennen, aus der du geschöpft hast.«

Die erwartete Wirkung trat nicht ein. Nichts weniger als erstaunt, blieb Thomas ganz ruhig und sagte nur. »Nun, da bin ich neugierig.«

»Du hast deine Idee von der inneren und äußeren Ansteckung aus dem Don Quixote, der von den Ritterbüchern infiziert wird, gestohlen.«

Statt jeder Antwort lächelte Thomas, aber sein Gesicht gewann dadurch einen überzeugenden Ausdruck, so daß Agathe unwillkürlich in die Worte ausbrach. »Wenn man ihn so sieht, sollte man wirklich glauben, er wisse alles besser und sei der Klügste von uns.«

Thomas bewegte gut gelaunt die Hand gegen seine Schwester. »Bei dir beginnt es zu tagen,« sagte er, »Diesem Neider hier aber muß ich noch ein Wort sagen. Gewiß, Lachmann, die Fabel des Don Quixote ruht auf dem Problem der Ansteckung; wie alles, einfach alles in der Welt damit zusammenhängt. Das Buch ist ein treffliches Beispiel für die Gültigkeit meines Satzes, und ich will nicht bestreiten, daß mich das Studium dieser Meisterschrift auf meinen Beruf vorbereitet hat, ohne daß ich es selber merkte. Mit der Entdeckung selbst hat es gar nichts zu tun. Das siehst du schon daraus, daß der Verfasser, obwohl er der Wahrheit so nahe war, doch nicht die Folgerung gezogen hat. Die Erleuchtung ist wie jede Wahrheit plötzlich über mich gekommen. Und wenn du es eine Binsenwahrheit nennst, so hast du damit vollkommen recht. Wohin 108 du auch blickst, überall wirst du mein Gesetz bestätigt finden. Das gerade beweist die Bedeutung meiner Mission. Du mußt dir auch nicht einbilden, daß diese meine Anschauung vom Wesen der Krankheit das Ende aller Wandlungen sei, die von mir ausgehen werden.«

Der ruhige Ton unerschütterlicher Sicherheit, mit dem Weltlein seine Rede hielt, reizte den Arzt, er ging schneller vor, als klug war. »Du sprichst von deiner Entdeckung. Schon als wir zuerst davon redeten, fiel mir ein, daß im vorigen Jahr auf der Naturforscherversammlung eine Rede gehalten worden ist, die ähnliche Gedanken entwickelt. Ich habe mir die Mühe gemacht, sie gestern auf der Bibliothek unseres Vereins abzuschreiben, und will sie, weil ich deinen Starrsinn kenne, dir vorlesen. Du wirst sehen, daß nichts, gar nichts Neues an deinen Ideen ist, daß die Wissenschaft sie längst kennt und damit arbeitet.« Damit entfaltete Lachmann sein Manuskript mit der sonderbaren Wichtigkeit, die ihm von seiner ärztlichen Tätigkeit her geläufig war.

Thomas rückte mit offenkundiger Freude seinen Stuhl näher. »Ich hatte dich schon bitten wollen, mir das Schriftstück zu leihen, dessen Titel einen merkwürdigen Inhalt verspricht. Nun freue ich mich, daß du es lesen willst. Wir können dann gleich daran anknüpfend weiter verhandeln. Denn ich zweifle nicht, daß wir wertvolles Material darin finden werden.«

Lachmann hob das Papier, und als er den fragenden Blick Agathens sah, zuckte er hinter dem vorgehaltenen Bogen die Achseln. Die Sache nahm einen anderen Verlauf, als er gedacht hatte. Mit wenig Zuversicht las er sein Machwerk herunter.

Als er geendet hatte, sah er, wie sein Zuhörer in sich zusammengesunken dasaß und mit der Hand sein Gesicht beschattete, als ob er den Ausdruck seiner Züge verbergen wollte. Die Hoffnung auf einen Erfolg erwachte wieder. Und mit forschenden Augen seinen Vetter anschauend sagte Lachmann: »Du siehst, die Mission, zu der du dich berufen glaubst, ist schon von einem Anderen erfüllt. Du machst dich lächerlich, wenn du damit hervortrittst. Du bist auch nicht dazu geschaffen, das Geschick zu lenken und wenn du, wie wir alle, ein Werkzeug des ewigen Willens bist, so bist du doch ein sehr 109 geringfügiges. Schicke dich darein. Ein Irrtum ist keine Schande, aber man muß ihn frei bekennen. Und ich weiß, daß du das tun wirst.«

Thomas hörte diese Ermahnung an, ohne eine Miene zu verziehen. Dann streckte er die Hand aus, nahm das Manuskript und steckte es zu sich. »Die Rede hat mich, wie du dir denken kannst, außerordentlich gefesselt, ja ich kann sagen, mein Innerstes bewegt. Ich möchte sie noch einmal für mich lesen, da sie wirklich Grundwahrheiten enthält, und mir eine Menge Anregungen bietet. Was sie aber mit meinem Beruf zu tun haben soll, weiß ich nicht. Der Unterschied springt in die Augen. Dieser Mann ist auf Grund von Nachdenken zu seinen Schlüssen gekommen. Er besitzt also einen hervorragenden Verstand. Von mir weißt du aber ganz gut, daß ich nicht mit großen Geistesgaben ausgestattet war, sondern mich mit einem harmlosen Ideenkreis begnügte. Mit mir ist ein Wunder geschehen; denn ich bin verwandelt, so sehr, daß ich sogar einen neuen Namen trage. Dieses Wunder, das aus mir einen Weisen machte, liegt ganz außerhalb meines Wollens. Ich kann nichts dafür und habe kein Recht, darauf stolz zu sein. Aber es beweist mir, daß das Schicksal mich berufen hat, und wo eine Berufung ist, da ist auch ein Beruf. Deshalb kann ich dir nicht beistimmen, wenn du mich für ein geringes Werkzeug hältst.«

Lachmann wollte einfallen, aber mit einer abwehrenden Handbewegung schnitt ihm Thomas die Zwischenrede ab. »Ich spreche nicht von meinen seltsamen Erlebnissen im Krankenzimmer und Polizeigefängnis, nicht von den Symbolen und dem Weg der Schmerzen; auch das mag ein eigentümlicher Zufall sein, daß mein Geist plötzlich, nachdem er über ein Menschenalter geruht hat, zu gähren beginnt. Aber daß in mir, der ich ein nichtsnutziger Egoist hinter den Büchern hockte, der Trieb erwacht ist Großes zu leisten, daß der ganze Mensch hier, den du vor dir siehst, nichts anderes ist, als der lebendige Wunsch, gut zu werden und dem All mit ganzem Herzen zu dienen, daß ist ein Wunder. Ich lebe unter einem Zwang, der mich heiligt, und wenn ich mich dagegen stemmen wollte, so würde mich doch die Hand Gottes vorwärts stoßen und es gäbe kein Entrinnen. Mein Fuß tastet mitten in Finsternis und weiß nicht, ob er recht oder falsch tritt, aber vor mir leuchtet ein 110 Licht, dem mich unaufhaltsam ein Dämon zuführt. Ich suche den Weg, ich suche, suche.«

Als Thomas diese pathetischen Worte gesprochen hatte, sank er in sich zusammen. Agathe trat zu ihm und fuhr ihm leise tröstend mit der Hand über den Kopf, während Lachmann verstimmt an den Lippen nagte, und mit der Gabel in das Tischtuch bohrte. Nach einer Weile erhob sich Thomas. »Ich gehe in das Hotel zurück,« sagte er, »werde Besserwissers Rede noch einmal studieren und mich auf heute Nachmittag vorbereiten. Nicht wahr, wir treffen uns zu Mittag im Löwen?« Ohne eine Antwort abzuwarten schritt er davon.

Agathe sah ihm bekümmert nach, dann wendete sie sich zu Lachmann, nahm ihm mit einem vorwurfsvollen Blick die verwüstende Gabel aus der Hand und setzte sich ihm gegenüber. »Nun,« fragte sie.

»Nun,« wiederholte der Vetter, »die Sache ist mißglückt,« und dabei ballte er seine Serviette zu einem Klumpen zusammen und warf sie unter den Tisch. Dann sprang er auf und ging erregt im Zimmer auf und ab. Agathe folgte ihm mit den Augen, als ob von ihrem Freunde alles Gute und Böse abhinge. »Ich habe mich wie ein Dummkopf betragen,« begann er nach einer Weile, »nicht wie ein verständiger Mann. Es durfte nicht so überstürzt werden. Man muß es auf einem anderen Wege versuchen.« Er trat an das Fenster und sah, mit den Händen auf dem Rücken, auf die Straße.

 


 

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