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Der Seelensucher

Georg Groddeck: Der Seelensucher - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Seelensucher
authorGeorg Groddeck
year1971
firstpub1921
publisherLimes Verlag
addressWiesbaden
titleDer Seelensucher
pages377
created20130129
sendergerd.bouillon@t-online.de
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16. Kapitel.

Eine Wanze, die mit Gedanken und Goldwasser malt.

Thomas war zu dem Maler getreten, der mit einem raschen Blick den Anzug seines neuen Zuhörers musterte, dann aber zu den beiden Offizieren gewendet fortfuhr zu sprechen.

»Ja, meine Herren, ich wiederhole es Ihnen ins Gesicht: Der ewige Friede muß kommen, wird kommen. Sie wollen es nicht glauben, nein, Sie können es nicht glauben. Denn Sie sind mit Blut genährt, Sie leben vom Mord, ebenso gedankenlos wie die Tausende und Millionen um Sie herum. Menschen, die Fleisch essen, müssen blutdürstig denken und handeln. Aber nicht hinter uns, vor uns liegt das Paradies. Jehovah verwarf Kains Opfer der Feldfrüchte und sah wohlgefällig auf das blutige Abels. Der Brudermord war die Folge davon. In der Zukunft aber ruht eine Welt, in der der Mensch den Krieg verabscheuen wird, weil er aus den Halmen des Bodens und dem Saft der Beeren, die er verzehrt, sich ein milderes Herz aufbauen wird. Der Krieg und damit Ihr Beruf, meine Herren, verschwindet mit der Fleischnahrung.«

»Danach müßten also unsere Kerls viel Rindfleisch fressen, damit sie Courage in die klappernden Gebeine kriegen,« sagte der Hauptmann lachend.

Der Maler drehte sich nach Thomas um, der an ihm vorbei zu 86 einem leeren Stuhl zu gelangen suchte. Er schob den Sessel herbei und lud mit einer großen Bewegung den Gast zum Sitzen ein, als ob er ihm ein Herzogtum schenkte. »Bitte sehr. Ich freue mich, wenn Sie zuhören, denn ich weiß, daß ich die Wahrheit spreche.« Damit wandte er sich wieder an den Hauptmann und sagte mit Würde: »Äße der Mensch kein Fleisch, so gäbe es keine Soldaten.«

»Also Lord,« rief der Hauptmann nach dem Wirt, der eben im Hintergrund dabei war, seine Nase aufzufärben, »opfern Sie mir mal wie der selige Abel ein Stück Roastbeef, aber recht blutig muß es sein. Ich will die Sache ausprobieren. Die Kerls haben mir heute den Parademarsch verhunzt, da soll mir das Rinderblut die nötige Kraft zur Kriegerrauheit geben.«

»Mir auch, mir auch,« schrie der Leutnant und paukte vor Vergnügen auf seine Beine los, als ob er sie zu Braten zurecht klopfen müßte.

»Nun sagen Sie mal, Sie Friedensengel,« begann der Hauptmann von neuem, »wie steht es mit Ihnen selber? Wenn ich nicht irre, habe ich Sie neulich beim Kommerzienrat Leiner Austern essen sehen. Wie stimmt das nun mit Ihrer Theorie? Sie sind ja abtrünnig.«

Der Maler hob bedeutsam die Hand. »Denken Sie doch, bitte, nicht, daß ich Fanatiker, Glaubensheld sei. Ich will erforschen, wissen, beweisen. Und dazu brauche ich das Experiment. Von Zeit zu Zeit, wenn sich der Zweifel an meiner Lehre in mir regt, esse ich Fleisch. Und gerade dann merke ich an meinem eigenen Körper und Geist, daß ich recht habe. Alle tierischen Triebe wachen beim ersten Bissen auf und wochenlang muß ich mit meinem Innern kämpfen, um wieder alles Grausame in mir zu überwinden. Meine Hand zuckt dann nach den Fliegen, die auf meinen Bildern schmausen, und ich habe neulich nach den Austern sogar eine Mücke getötet, die mich stach. Aber das ist ja gerade das Beweisende, diese Erfahrung am eigenen Leibe. Sie gibt mir die Zuversicht, sie leitet meine Visionen. O Sie wissen nicht, wie das ist. Ich sehe ein Bild vor mir, wie der grimmige Löwe, keusche Nahrung der Erde suchend, zu Füßen des heiligen Menschen ruht, beide gezähmt von der milden Güte der Natur, beide über das Tierische erhoben und mit dem Himmel versöhnt. Wenn ich es 87 vollenden könnte! Wenn ich Zeit gewönne, all die Gestalten zu beseelen, die in mir leben! Aber ich bin ein schwacher Mensch im Banne der Stunde. In tausend herrlichen Bildern würde ich der Menschheit das Paradies vor Augen stellen, den Frieden auf Erden.«

»Mit dem grasfressenden Löwen,« höhnte der Leutnant, »und daneben malen Sie unsern Oberst, der saure Gurken futtert und seinem Burschen voll Demut die Stiefel wichst.«

Thomas faßte den Maler am Arm. »Verzeihung, eine Frage. Die Sache interessiert mich, leuchtet mir ein. Innere Ansteckung, das kenne ich. Aber wie denken Sie sich die Ernährung der Wanzen und die Umbildung ihres Charakters?«

Der Leutnant schlug mit Messer und Gabel einen Marsch vor Ausgelassenheit. »Bravo, bravo! Wie denken Sie sich's mit Flöhen und Wanzen, Sie Gedankenmaler?«

»Das gibt es dann nicht mehr. Sie gehen bloß an fleischfressende Wesen. Sie werden aussterben.«

Thomas nickte tiefsinnig mit dem Kopf. Die Erklärung gefiel ihm.

»Übrigens bin ich kein Prophet. Ich weiß nicht, wie dieses oder jenes sich gestalten wird, aber der große Zug der Zukunft malt sich vor mir, ich sehe das Bild des Friedens deutlich. Es wird kommen, wenn der Mensch dem Fleisch und Alkohol entsagt.«

Erstaunt blickte Thomas auf das Gläschen, das der Maler eben zum Munde führte. »Aber Sie trinken ja selbst Schnaps. Machen Sie damit auch Versuche oder brauchen Sie es zu Ihrer Erleuchtung?«

Der Hauptmann zischelte seinem Nachbar zu: »Hören Sie nur, Waschersleben, der Zivilist nimmt den Farbenkleckser ernst.« Beide folgten nun gespannt dem Weiteren.

Der Maler aber trank sein Glas aus und sagte dann mit großer Ruhe: »Das ist kein Schnaps. Das ist Danziger Goldwasser. Und ich brauche es nicht zur Erleuchtung, wohl aber zur Beleuchtung. Ich studiere an dem Farbenspiel der Sonne in dieser Flüssigkeit den tizianischen Goldton, und dadurch, daß ich sie trinke, wird dieser köstliche Ton mein Eigen. Das aber bin ich mir schuldig, denn ich bin Maler.«

Thomas hörte weder das belustigte Lachen der beiden Krieger, noch sah er das Augenblinzeln, mit dem der Maler seinen 88 Kneipkumpanen Zeichen gab. Langsam, fast zärtlich strich er mit der Hand über den fadenscheinigen Samtrock des Künstlers hinweg. »Sie haben tiefe Einsicht in das Wesen der Dinge,« begann er, »und es würde mich freuen, wenn Sie mir Näheres über Ihre Methode der Farbenbereitung mitteilten. Vielleicht könnte ich Ihnen behilflich sein. Aber eines ist mir doch wunderlich. Sie tragen abgeschabte Kleider und sollten doch wissen, daß nichts der hellen Künstlerseele so gefährlich ist, wie schlechtes Gewand. Schönheit gebiert Schönheit. Man kann in Lumpen gehüllt nicht schön malen.«

Keller-Caprese musterte noch einmal seinen Mann. Trotz aller Narrheit bemerkte Thomas recht wohl, wie ähnlich der Künstler jetzt dem Schneider wurde, dessen Blick er gestern gesehen hatte. Er fuhr mit der Hand in die Luft, als ob er eine Mücke fortjagen wollte.

»Ich bin dabei, ein Gemälde des Elends auszudenken, dazu muß ich mich selbst in den elenden Stoff hüllen,« erwiderte der Maler.

Thomas zog die Brauen in die Höhe. »Die Kunst sollte sich mit dem Elend gar nicht abgeben. Schönheit, Glanz ist ihr Gegenstand. Das tägliche Leben hat der liebe Gott packend genug geschaffen. Die Kunst aber lebt ein Stockwerk darüber. Menschenwerk steht über Gotteswerk.«

Der Leutnant rückte sich in der Uniform zurecht. Aber ehe er noch einschreiten konnte, hob der Hauptmann Barnow beschwichtigend die Hand. »Lassen wir den lieben Gott aus dem Spiele, er hält uns ja doch alle an der Strippe.«

Thomas hörte gar nicht zu. »Der Dichter darf allenfalls das Häßliche verwenden, um dem Adel seines Helden eine Folie zu geben. Ein Maler aber macht seinen Untergrund mit der Farbe, der Gegensatz der Farbe sollte bei ihm wirken, nicht der von häßlich und schön. Man braucht bloß einmal eine Darstellung des jüngsten Gerichts gesehen zu haben, um zu wissen, wie verfehlt es ist, neben liebliche Engel scheußliche Teufel zu stellen.«

»Na ja, so was wie Engel und Teufel,« fiel der Hauptmann ein, »das malt doch ein anständiger Christenmensch überhaupt nicht. Ist ja alles Aberglaube und geht gegen den Katechismus. Aber wenn ich nun jetzt ein Schlachtenbild male, so ganz echt, daß es 89 nach Schweiß und Pulver, Blut und Dreck stinkt, dann ist das auch nicht recht?«

Thomas lehnte sich, vergnügt über die Wendung des Gesprächs, im Stuhl zurück. Er hatte ein Gefühl, als ob seine Stunde endlich schlüge. »Die Antwort darauf hat ein Mann gegeben, der von der blinden Welt für einen Maler gehalten wird. Rembrandt hat seine Auferweckung des Lazarus so wahrheitsgetreu gemacht, daß er selber bei dem Gestank erschrak und einen Kerl in das Bild einfügte, der sich die Nase zuhält.«

Der gelehrte Hauptmann fuhr auf den Köder los, als ob er einen Rekruten mit krummen Knien entdeckt hätte. » Also Rembrandt, da haben wir doch den großen Propheten des Elends.«

»Den Propheten gewiß, aber nicht den Maler. Rembrandt war gar kein Maler.«

Keller-Caprese hob sein Schnapsglas zum Munde. »Der Kerl konnte nichts.«

»Doch, er konnte schon etwas, aber nicht malen. Er trieb praktische Ästhetik, zeigte den Menschen, wie man es nicht machen soll. Jedes seiner Bilder predigt über den Text: Du magst noch so viel Genie besitzen, frevelst du gegen die heiligste Pflicht des Menschen, edel zu sein, so taugt dein Werk nichts. Man hat diese Lehre, die er in tausenden von Satiren immer von neuem wiederholt hat, leider nicht verstanden und so ist er aus Versehen nicht nur ein Verderber der Kunst geworden, er ist auch der Vater der schändlichen Gesinnung, mit der man das Elend verhätschelt, statt es zu verachten. In gewissem Sinne ist er selbst für die zweijährige Dienstzeit und die Abschaffung der Prügelstrafe verantwortlich.«

Der Leutnant lachte hell auf; es klang so herzerfreuend frisch, daß selbst der schäbige Maler etwas wie warmen Sonnenschein in seinem Innern zu fühlen glaubte. »Sie haben Einfälle wie ein Haus. Famos. Woher haben Sie nur das alles.«

Thomas verbeugte sich lächelnd. »Docendo discimus

Der Hauptmann hatte sich erhoben. Er war verstimmt; denn der heißeste Wunsch seiner Seele war, ein Schlachtenbild zu malen, daß es stinke. Er sehnte den Feldzug herbei, um Studien nach der Natur zu machen. Aber dies herrliche Ideal verbarg er tief im Innern 90 und jetzt brachte er es fertig, ruhig zu sagen: »Mir kann es wurscht sein. Ich male nur Pferde, und die sind immer schön.«

»Aber Herr Hauptmann malen Sie auch nicht, wenn sie äppeln,« triumphierte der Leutnant und nickte dem biedern Thomas zu, der halb abwesend ins Blaue starrte, und den Kunsttheorien nachsann, die in ihm erwachten.

Der Hauptmann klopfte dem jungen Offizier auf die Schulter. »Kommen Sie mit, wir wollen bummeln.« Und während er dem Wirt zurief, anzuschreiben, ging er mit seinem Kameraden davon.

»Warten Sie doch, Herr Hauptmann,« rief der Maler, »wir kommen mit,« und eifrig in seinen Taschen herumsuchend, stotterte er etwas vor sich hin, was wie Geld vergessen klang.

Thomas sah ihn schweigend an. Plötzlich leuchteten seine Augen auf und er sagte laut und deutlich: »Wanze.« Dann rief er den Wirt und zahlte, ohne eine Miene zu verziehen, für sich und den Künstler, der schnellfüßig hinter den Offizieren hereilte. Keller-Caprese kam gerade dazu, als der Hauptmann die Worte sagte: »Solch einen Verrückten läßt man nun frei herumlaufen. Der Kerl gehört in ein Irrenhaus. Und Sie, Waschersleben, machen sich mit dem Tollen gemein und ziehen mich auf.«

Waschersleben blieb vor Überraschung stehen. »Verrückt,« sagte er. »Ja um Gottes willen, hat denn der Mann im Ernst gesprochen?«

»Natürlich hat er das,« und den harmlosen Jungen seinem Nachdenken überlassend, wandte sich der Ältere zu dem Maler. »Wenn Sie uns von diesem Herrn Weltlein befreien, der keine Schlachtenbilder mag, so gebe ich Ihnen morgen ein Glas guten Rotwein.«

«Und ich den Kaviar dazu, wenn Sie ihm einen Schabernack spielen,« stimmte der Leutnant ein, dessen Erstaunen allmählich in Entrüstung überging, daß er Narrheit für Spaß genommen hatte.

»Werde es besorgen, meine Herren,« erwiderte der Gedankenmaler, lüftete den Hut und schritt auf Weltlein zu, der eben aus der Tür trat.

»Ich bin froh, Sie allein zu haben,« rief er und streckte Thomas die Hand hin. »Ihre Worte haben bei mir mächtigen Widerhall gefunden. Es war, als ob Sie meine tiefsten Gedanken erraten 91 hätten. Ja, ja, so ist es: Rembrandt ein Ästhet, ein Satiriker der Kunst, ein weitsehender Lehrer, ein Prophet des ja sagenden Pessimismus, ein Reformator, der abschrecken wollte und anlockte. Er ist wie eine Tollkirsche, die rings um die Früchte drohend Dornen aufsteckt, um zu mahnen: Schein ist nicht Schönheit; meine Beeren glänzen, sind aber Gift. Sie droht und warnt, und doch lockt die falsche Schönheit Kinder und Narren und macht sie toll. Wahrhaftig, ich fühle die tiefe Verwandtschaft unserer Seelen.« Thomas zog seine Hand zurück und schnitt eine Grimasse. »Ich wüßte nicht,« sagte er hochmütig.

»Doch, doch. Sie fühlen es wie ich, daß uns beide dasselbe Leben beseelt. Hören Sie nur!« er ergriff Weltlein am Arm und zog ihn mit sich fort. »Rembrandt kannte die hohe Kunst. Wenn er sein Narrengewand abwarf, in dem er die Welt ungestraft züchtigte, wenn er in großen Augenblicken dem inneren Malerberuf folgte, verschwand das Elend vor ihm, und er malte schwelgende Schönheit, Perlen und Edelsteine. Wie gern hat er das gemalt. Das ist das Gesetz des Gegensatzes. Gott weiß, warum er den großen Künstler arm schafft. Je häßlicher sein Leben ist, um so heißer fühlt er die glühende Sehnsucht nach Prunk und Glanz. Nur der Arme kann wirklich Schönes schaffen. Oh, ich verstehe Sie. Sie sind der Mensch, den ich mir gewünscht habe, ich will mich vollsaugen mit Ihren Ideen, will von Ihnen zehren wie eine –«

Thomas blieb stehen, riß den Arm los und hob ihn drohend. »Lauert Ihr überall auf mich? Versteckt Euch unter tausend Masken, erscheint im Helm, Lumpenkittel und in Malpekesche?« Dann wandelte sich der Abscheu in seinem Gesicht und verzückt eine Brennessel betrachtend, die üppig in einem Zaun ihre Blätter spreizte, sprach er: »Heil dir, Erde, die du tausendfach Böses mit deinen Säften nährst. Du weckst auch tausendfach Gutes. So will ich sie an meinem Blute saugen lassen. Der lautere Quell in mir vertilgt sie, und aus den Wunden des Körpers und der Seele sprießt endlich die nährende Saat der Vollendung.«

Er nahm ruhig wieder den Arm des Malers und schritt mit ihm davon, Vetter, Schwester und alles vergessend. 92

 


 

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