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Der Seelensucher

Georg Groddeck: Der Seelensucher - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Seelensucher
authorGeorg Groddeck
year1971
firstpub1921
publisherLimes Verlag
addressWiesbaden
titleDer Seelensucher
pages377
created20130129
sendergerd.bouillon@t-online.de
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15. Kapitel.

Docendo discimus.

Als die Männer in den kleinen Vorraum der angeräucherten Weinstube kamen, tönte ihnen ein lebhaftes Stimmengewirr entgegen. Laut und scharf erklangen einzelne Worte, eine giftige, schrille Stimme eiferte dagegen und schallendes Gelächter mischte sich darein.

»Das ist der Hauptmann Barnow, er hänselt den Lord,« erklärte Lachmann.

»Wer ist der Lord?«

»Der Wirt, du wirst gleich sehen.« Er öffnete die Tür und zog seinen Freund mit sich in das dunkle Gemach, um dessen runden Tisch eine bunte Gesellschaft saß. Lachmann stellte flüchtig seinen Genossen als Herrn Thomas Weltlein vor und beide setzten sich schweigend an den Tisch. Thomas kam neben ein hageres, altes Männchen zu sitzen, den Justizrat Warnemann, der ihm schlau mit den kleinen Augen zuplinkerte, als wollte er sagen: Famoser Spaß das.

»Schlecht ist der Rotwein, Lord,« schrie der Hauptmann, der 80 breitbeinig vor dem Fenster stand und sein Glas gegen das Licht hielt. »Galläpfel und Zuckerwasser haben Sie zusammengemischt und dann haben Sie Ihre rote Nase hineingesteckt; davon hat er die Farbe bekommen.«

Thomas stieß den Freund an. »An der Nase hast du ein Beispiel. Innere Ansteckung.«

»Suff ist es,« erwiderte Lachmann und der Justizrat nickte dazu und rieb sich die Hände. »Da, beim Justizrat kannst du von Ansteckung reden. Der Mann hat das Recht schon so oft zwischen den Händen zerrieben, daß er sie selbst bei der Unterhaltung in Unschuld waschen muß.«

Der Justizrat lachte. Es klang wie das Schütteln von Geld in einer Blechbüchse. »Ihren Prozeß verlieren Sie doch, Sie Menschheitsretter.«

Der Wirt hatte eben den Klemmer von der Nase gerissen und trat vor Wut mit dem Fuß darauf.

»Der Herr Hauptmann tun dem Lord unrecht,« mischte sich ein junger Offizier ein und liebäugelte dabei mit seinen blanken Stiefelspitzen. »Der Wein färbt ab. Jedesmal, wenn der Lord seine Nase dort hinten in der Ecke in sein Glas gesteckt hat, wird sie röter und röter.«

»Eine saubere Wirtschaft! Was denken Sie sich dabei, hier in Pantoffeln herumzuschlürfen? Schickt sich das wohl für eure Lordschaft?« rief jetzt der Professor Kietz dazwischen und warf einen höhnischen Blick auf den Offizier mit den Lackstiefeln. »Kleider machen Leute.«

Thomas rückte auf dem Stuhl und öffnete den Mund schon zum Sprechen. Da scholl die tiefe Bauchstimme eines dicken, breitschultrigen Herrn am oberen Ende der Tafel. »Herren, Herren! Wir sind doch hier, um vergnügt zu sein. Vergnügt sein ist alles. Bringen Sie Wein, Lord! Nicht wahr, Oberst Wachter, meinen Sie nicht auch?« Dabei hob er sein Glas und trank dem neben ihm sitzenden Manne zu, der seine Nase mit dem Wrangelbärtchen und den kriegerischen, herabhängenden Mundwinkeln in die Höhe streckte und mit den Fingern einen Marsch auf dem Tisch trommelte, als ginge ihn die Geschichte nichts an.

81 »Der alte Oberförster Lange ist immer vergnügt, solange sein Taschengeld reicht. Einen Taler täglich darf er verspielen, mehr rückt die Alte nicht heraus,« erklärte Lachmann. »Warum schnappst du übrigens immer nach Luft wie ein Fisch, der am Lande liegt? Gefällt es dir nicht?«

Thomas schüttelte den Kopf. »Sie sprechen hier immer von Freude und Vergnügen. Darüber kann ich mitreden, Bedeutendes sagen. Aber man läßt mich nicht einmal anfangen, viel weniger ausreden.«

»Gott sei Dank, hier mußt du stillhalten. Aber das Mundaufsperren laß! Man könnte dich sonst arg hänseln. Sieh lieber, was der Eisenfresser, der Oberst a. D. Wachter, für ein Gesicht macht. Er berechnet schon, wie er dem gutmütigen Dickwanst an seiner Seite den Taler aus der Tasche ziehen kann; der geschickteste Kartengucker der Welt. Ich werde mich übrigens an dem Raubzug beteiligen.«

Lachmann erhob sich und nach wenigen Augenblicken saß er abseits mit den beiden alten Herren über den Karten.

»Nur bis ein Uhr,« brüllte der Oberförster und setzte seinen Klemmer ganz vorn auf die Nasenspitze, »dann kommt die Alte und das Kind mich zum Rundgang abholen.«

»Das Kind zählt 39 Jahre,« zischelte der Justizrat boshaft.

Thomas hob ärgerlich die Hand. Von drüben tönten Worte, die ihn interessierten.

»Docendo discimus,« hörte er einen Mann mit glattrasiertem Gesicht sagen, er wußte nicht, war es ein Geistlicher oder ein Schauspieler. »Nichts Höheres, als die Jugend unterrichten, Herr Professor.«

Der Professor Kietz schlug die Beine übereinander und schob das Weinglas beiseite, um seine Arme auf den Tisch zu legen. »So,« rief er höhnisch. »Nun, ich habe noch nichts weiter dabei gelernt, als daß der Staat uns Lehrer schlecht bezahlt. Lieber eine Schar Hämmel hüten als Obertertianer unterrichten. Wenn man die Bengel wenigstens hauen dürfte.«

Endlich gelang es Thomas, ein Wort dazwischen zu werfen. »Schwielen auf dem Hintern, gibt Schwielen in der Seele.«

82 Der Geistliche hob das Glas und trank Thomas freundlich zu. »Ganz recht, ganz recht. Mit Güte erreicht man alles und niemand soll strafen als Gott.«

»Und seine Stellvertreterin, die Kirche,« höhnte der Professor. »Natürlich, Sie haben es leicht, Herr Pfarrer. Die Kanzel streicht kein Lausbub mit Kreide und Tinte an. Wenn Sie im Ornat erscheinen, ist alles still und im Beichtstuhl sprechen Sie wie der Herrgott selber. Ihre Worte sind Offenbarungen, Gesetze. Sie lehren gar nicht, wissen also auch nicht, ob man dabei lernt.«

Thomas sprang fast vor Aufregung vom Stuhl. Das Lernen im Lehren traf ihn in der innersten Seele. Da war ein neuer Weg, falls der Höhenflug der Freude versagte.

»Sie vergessen, daß ich auch in der Beichte manches lerne, vielleicht mehr als irgend ein andrer Mensch. Und unser Amt als Seelsorger, das Trösten der Kranken, der Gefangenen, das Leiten und Führen der Menschen, das Ringen mit Zweifel und Gewissen, in dem wir immer von neuem Schüler werden. Jede Stunde offenbart uns neue Geheimnisse, neue Wunder Gottes.«

»Ich wollte, ich hätte es so bequem,« murrte der Professor.

»Sie denken gering von unserm Beruf, das ist nicht recht, aber daß Sie den eigenen mißachten, ist schade.«

»Der geistliche Beruf ist der höchste Grad der –« begann Thomas, aber er wurde durch ein lautes Gelächter unterbrochen, in das die beiden Offiziere ausbrachen. Zwischen ihnen saß ein Mann mit scharfen Gesichtszügen, Knebelbart und einer gewaltigen Habichtsnase, der lebhaft sprechend mit den Händen und Gesichtszügen den Inhalt seiner Worte eindringlicher gestaltete und seine beiden Zuhörer zeitweise zu wahren Stürmen der Heiterkeit verführte.

»Dieser Don Quixote schneidet wieder auf,« stieß der Professor hervor.

Thomas konnte nicht mehr schweigen. »Erlauben Sie,« rief er, »Don Quixote war kein Schwindler. Sie verwechseln ihn mit Münchhausen. Don Quixote log nicht absichtlich.«

Kietz drehte sich zu Thomas um und bog sich weit über den Tisch. Sein ganzes Gesicht hatte sich verändert, ein angenehmes Lächeln trat darauf hervor. »Sie haben ganz recht. Verzeihen Sie den lapsus 83 linguae! Wie gut, daß Sie mich daran erinnerten. Aber Sie können sich nicht denken, wie sehr ich mich freue, bei Ihnen Verständnis für die Perle der Ritterschaft zu finden. Je mehr man sich in diesen Charakter vertieft, umso größer wird die Hochachtung vor dieser reinen Seele.«

Thomas hob das Glas gegen den Sprecher. »Docendo discimus, Herr Professor. Eben noch hielt ich Sie für einen Nörgler und nun lehrt mich mein wohlweises Verbessern in Ihnen einen Verehrer des Hohen kennen.«

»Wir Lehrer sind alle Nörgler, Herr Weltlein. Das bringt der Beruf mit sich. Was tun wir anderes als tadeln. Es wird uns zur zweiten Natur.«

Weltleins Augen glänzten. »Ansteckung durch den Beruf; ich kenne das. Aber sagen Sie, wer ist der Münchhausen da drüben, von dem Sie sprachen?«

»Er behauptet Maler zu sein, Keller-Caprese nennt er sich und Tatsache ist, daß er auf der Berliner Akademie eine Zeitlang zugebracht hat. Ob er jemals ein Bild gemalt hat, steht dahin. In seiner Wohnung hängt ein Bild, das er jedem Besucher als sein Werk vorzeigt. Aber die böse Welt will wissen, ein junger Künstler habe ihm das Porträt bei seinem Tode vermacht zum Dank dafür, daß er dem armen, hungernden Teufel Brot gab um zu essen und ein Bett um darin zu sterben.«

Thomas hob feierlich die Hand. »Das ist mehr wert als zehn Bilder. Das regt mich an. Dafür verzeihe ich ihm sogar seinen Doppelnamen.«

»Ich traue dem Gerücht nicht«, fuhr der Professor fort. »Der Held dieses Märchens soll von der Akademie wegen mangelnden Talentes fortgejagt worden und dann elend zugrunde gegangen sein. Nun ist das Porträt wirklich ein Meisterwerk oder wenigstens ein Bild, das in jedem Pinselstrich den werdenden Meister zeigt. Einen Menschen, der das malen konnte, schickt man nicht fort. Denn schließlich sind auch an der Akademie noch Leute, die etwas von Kunst verstehen. Ich bin überzeugt, der Kerl drüben hat die Geschichte selber erfunden und in Umlauf gesetzt.«

»Wahr oder nicht wahr,« fiel Thomas ein, »Keller-Caprese gefällt mir. Auf Ideen kommt es an und das ist eine Idee.«

84 Der Professor lachte verächtlich auf. »Ideen? Ideen hat der Kerl so viele, wie eine Heuschrecke Eier.«

Thomas hörte schon nicht mehr. »Das ist mehr als eine Idee, das ist ein Symbol, ein lebendiges Symbol. Keller-Caprese: am Namen hätte ich es schon hören müssen. Das Finstere und Lichte vereint, das ist tiefsinnig. Und gar für einen Maler. Der feuchte kalte Keller als Wasser, das trocken-warm-lebendige Capri als Farbe. Er selbst der echte Pinsel, der beides zusammenbringt. Sehen Sie nur, er trägt die Haare wie Borsten, er ist ein Pinsel. Oder so: der Keller die Wirklichkeit in scheußlicher Gestalt, mit Ratten und Mäusen, Capri das Ideal mit leuchtender Sonne und farbiger Pracht, der Mensch dazwischen als Künstler.«

Der Professor starrte mit weit aufgerissenen Augen auf den Redner, der ihm immer näher rückte und lebhaft weiter sprach.

»Tiefer graben, Thomas! Du bist oberflächlich. Denke nur nach Ideal und Wirklichkeit, hier hast du es vor dir, in einem Menschen vor dir. Der sterbende Maler ist das Schöne, der Himmel, die Akademie das Irdische, das Gemeine, und dazwischen Keller-Caprese das Symbol des Menschengeistes, der Himmel und Erde zusammenzwingt und dem dabei das Kunstwerk in den Schoß fällt. Folge der Stimme in dir, Thomas. Der Mensch dort ist die Nächstenliebe, der Träger des Christentums, ein Bild des Gedankens von Jahrtausenden.« Er hielt inne, um von neuem zu beginnen. »Tiefer, Thomas, tiefer: Was ist denn Größe, Heldentum gegen das reine Menschsein. Hier ist es ein Bild der Unsterblichkeit. Das Einfache, das Menschliche ist unsterblich.«

»Hören Sie auf,« rief der Professor, »ich werde verrückt, wenn ich das mit anhören muß.«

»So sind die Menschen, sie sehen das Symbol nicht und wenn es ihnen auf die Nase fällt.« Thomas erhob sich und sah stolz auf den Professor herab. »Ich will Ihnen zum Dank für Ihre Geschichte die Moral davon geben. Es ist die Lehre von dem Überwinden des Todes. Verstehen Sie? Nicht die große Tat, sondern das einfache Menschsein überwindet den Tod. Daß Keller-Caprese dem Sterbenden ein Bett gab und dafür ein Bild erhielt, das er mit Recht sein eigenes Werk nennt, ist symbolisch. Es stirbt etwas, 85 um neues Leben zu fördern, ein Sinnbild der Ewigkeit. Ihre Geschichte bedeutet die Ehe zweier Welten, des Himmels und der Erde und die Geburt der Kunst. Das ist ein Gedanke, der Sie freilich verrückt machen kann. Ihre Geschichte lehrt, daß in dem Allermenschlichsten, dem tierisch göttlichen Akt der Begattung die Ewigkeit liegt und daß alles Geschehen darin gipfelt. Handeln Sie danach! Der Trauring lehrt mich, daß Sie es dürfen. Ich aber will dem Propheten Keller-Caprese huldigen.«

»Halten Sie Ihre Taschen zu,« schrie der Professor ihm nach. »Er pumpt Sie an.«

 


 

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