Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Georg Groddeck >

Der Seelensucher

Georg Groddeck: Der Seelensucher - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Seelensucher
authorGeorg Groddeck
year1971
firstpub1921
publisherLimes Verlag
addressWiesbaden
titleDer Seelensucher
pages377
created20130129
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

13. Kapitel.

Verrückt oder boshaft?

Sobald Frau Willen aus ihrer Ohnmacht erwacht war, ging sie ohne Zögern daran, den entsprungenen Bruder wieder einzufangen. Der reuige Vikar wurde beauftragt, bei den Behörden der umliegenden Ortschaften Erkundigungen einzuziehen. Alwine erhielt den Oberbefehl über Haus und Küche mit der strengen Weisung, den Doktor Vorbeuger mit List und Klugheit von dem Besuch des Kranken abzuhalten. Agathe aber ging straks auf den Bahnhof und setzte sich in den nächsten Zug, der sie nach dem Wohnort Lachmanns bringen sollte. Sie mußte wissen, ob der Bruder gemeingefährlich sei oder nicht. War er vom Scharlach angesteckt, so wollte sie ihn dem wohlbestallten Henker, dem Dr. Vorbeuger überantworten.

Der lustige Vetter saß gerade vor seinem Frühstückstisch und war dabei, ein Gänsebein mundgerecht zu zerlegen, als seine Cousine eintrat. Das dienstbare Wesen, das sie anmelden wollte, hatte sie ohne weiteres beiseite geschoben, und jetzt stand sie ernst und aufrecht in der Tür. Lachmann war aufgesprungen, hatte den rechten Arm, der mit dem Messer bewaffnet war, um seine alte Freundin geschlungen und riß sie mit einem hellen Jauchzen der Freude in das Zimmer, wobei er die linke Hand mit dem Gänsebein wie ein Kriegsgott sein Schwert gen Himmel schwang.

Mit einer kräftigen Armbewegung stieß ihn Agathe zurück. »Laß den Unsinn, Ernst,« herrschte sie ihn an. »Ich dächte, du wärest alt genug, um vernünftig zu werden.«

Der Vetter trat rasch zurück. »Vernünftig werde ich wohl nie werden. Aber eine Lehre von dir habe ich mir gemerkt. Essen ist besser als lieben. Also komm, es ist genug für uns beide da. Nachher erzählst du mir dann, was dich hergeführt hat.« Er setzte sich nieder und schob ihr einen Teller hin.

Ohne ein Wort zu erwidern, wandte Agathe sich um und schritt zur Tür. Als sie die Hand auf die Klinke legte, brach ihre Kraft. Mit dem Gesicht gegen die Wand gekehrt blieb sie stehen und wartete.

Eine ganze Weile hielt Lachmann stand. Dann aber warf er 68 die Gabel hin und rief: »Entweder man ißt oder man liebt. Eines von beiden geht nur!« Dann erhob er sich und küßte der alten Freundin die Hand. »Du weißt, ich bin immer erst zufrieden, wenn ich dir etwas abzubitten habe.« Er führte sie zum Tisch, nahm ihre Hand und sagte: »Erzähle! Ich werde dir helfen.«

Agathe berichtete. Schon nach den ersten Worten wurde ihr leichter zu Mut, sie wußte nicht, war es eine Folge ihrer Beichte, oder ging von der Arzteshand, die sie hielt, eine Beruhigung aus.

Lachmann hörte schweigend zu, nur von Zeit zu Zeit zuckte es spöttisch um seinen Mund. Als sie von ihrer Scharlachangst und dem Dr. Vorbeuger erzählte, brach er gar in ein schallendes Gelächter aus.

Agathe entzog ihm verstimmt die Hand. »Du lachst über alles, was mich ängstigt. Aber damit hilfst du mir nicht.«

»Verzeih, Cousine, ich kann nichts dafür, daß ich Sinn für Komik habe. Dieser Vorbeuger – ich kenne ihn von der Universität her – verdient seinen Namen. Er ist die verkörperte Furcht, und wenn ich von ihm höre, muß ich lachen. Nun gar diese feine Scharlachdiagnose.«

Agathe sah zweifelnd zu ihrem Vetter hinüber, der sich wieder seinem Frühstück zugewandt hatte. »Glaubst du nicht daran?«

Lachmann schüttelte den Kopf. »Dein Bruder hat ebensowenig Scharlach, wie du oder ich. Erstlich hat er es längst gehabt. Immerhin wäre ja eine zweite Ansteckung möglich; aber hier? nein.«

»Wie kannst du das mit solcher Bestimmtheit behaupten?«

»Weil August Euer Scharlachfieber während seines Aufenthalts hier dreimal hintereinander gehabt hat. Ich habe ihn aufzuheitern gesucht und ich kann dir sagen, er hat getrunken wie ein Mann. Nachts war er regelmäßig hinüber und morgens hatte er das graue Elend. Am zweiten Tage hatte ich Mitleid mit ihm und gab ihm Antipyrin. Ein paar Stunden darauf war er rot wie ein gesottener Krebs. Das kommt ab und zu bei Leuten mit erregbarem Gefäßsystem vor, und ich habe mich weiter nicht darüber gewundert. Aber deinem Bruder, der sich während der ganzen Zeit wie ein ausgelassenes Kind benahm, das aus strenger Zucht in die Freiheit kommt, machte seine gesprenkelte Haut Spaß. Das eine Mal behauptete 69 er, das sei ein schönes Mittel, bei dem man den Erfolg mit den Augen sähe. Der Rotwein werde durch das Pulver sichtbarlich aus der Haut herausgetrieben mitsamt Kopfschmerzen und Übelkeit. Und ein andermal – sage mal ist dein Bruder boshaft? Hat er etwas gegen dich?«

»August? nein, sicher nicht. Wir leben im besten Einvernehmen. Warum fragst du das?«

»Nun, urteile selbst. Das zweite Mal, als der Ausschlag nach dem Antipyrin auftrat, kam er zu mir und sagte: »Meinst du, das ist ein feines Mittel, Agathe zu ärgern. Wenn sie mich wieder hofmeistert, nehme ich das Zeug und mache ihr weis, ich hätte Scharlach.«

Agathe fuhr auf. »Lachmann!«

»Es ist buchstäblich wahr.«

»Aber dann ist er ja gar nicht verrückt, dann ist er ja – oh, das ist boshaft, das ist niederträchtig.« Sie legte den Arm auf den Tisch und vergrub den Kopf darin.

Dem Vetter wurde unbehaglich zu Mut. Seinen alten Schatz weinen zu sehen, ging ihm ans Herz. Mit beiden Händen suchte er das Gesicht der Frau hochzuzerren. »Um Gotteswillen, weine nicht,« sagte er.

Agathe schüttelte den Kopf, den sie immer noch in den Armen verborgen hatte. »Ich weine nicht. Ich freue mich so, ich freue mich riesig.« Plötzlich hob sie das Gesicht und stützte es auf die eine Hand. »Wenn es wirklich nur ein Geniestreich meines Bruders ist, um mich zu ärgern, wahrhaftig, ich wüßte nicht, was ich darum gäbe. Unmöglich ist es nicht. Die ganze letzte Zeit habe ich im Kampf mit ihm gelebt. Die roten Krieger haben uns entzweit und ich kann nicht leugnen, daß ich ihm manche Predigt gehalten habe. Ich traue ihm auch ganz gut eine solche schnöde Rache zu.«

Lachmann wiegte zweifelnd den Kopf hin und her. »Dazu ist er nicht mehr Mann genug. Früher ja, aber du hast ihn zu arg untergekriegt. Das getraut er sich nicht.«

Sofort geriet Agathe in Zorn. »Er getraut es sich nicht? Warum nicht, wenn ich fragen darf? Weil du es ihm nicht zutraust. Als ob du ihn je richtig beurteilt hättest. Du hast immer an ihm herumgetadelt, du hast ihn immer unterschätzt.«

70 »Aber, beste Agathe, du weißt doch ebenso gut wie ich, daß August das reine Lamm ist, seitdem du deine schützende Hand über ihm hältst.«

»So? Hätte ich ihn etwa so lassen sollen, wie du ihn mir seinerzeit überantwortet hast, als wir zusammenzogen? Mein Gott, wenn ich an das erste Jahr denke, wie er da war. Jeden Abend aus, nie vor ein, zwei Uhr nach Hause, immer und überall mit dem Munde voran und nichts als Politik und Zeitungsgewäsch im Kopf. Nein, nein. Das mag für dich ganz gut sein. Aber August war dafür zu schade und ich habe recht getan, ihm die liederlichen Gewohnheiten auszutreiben.«

»Und der Erfolg deiner Erziehung ist schließlich, daß du ihn verrückt gemacht hast.«

»Ach was! er ist gar nicht verrückt.«

»Wir werden ja sehen, wir werden ja sehen.« Lachmann kam ebenso in Eifer, wie seine Cousine. Er sprang auf und lief im Zimmer umher. »Und wenn du ihn eingefangen hast, dann wirst du ihn wieder in derselben Weise zum Guten anhalten?«

Agathe sah ihn erstaunt an. »Selbstverständlich werde ich das. Glaubst du, ich dulde leichtsinnige Menschen in meiner Umgebung, das solltest du doch wissen.«

Lachmann blieb vor ihr stehen und sah sie böse an. »Ich weiß es ganz gut, du brauchst mich nicht daran zu erinnern.«

Agathes Blick wurde unsicher. Sie drehte sich um und schänkte sich ein Glas Wein ein. »Jetzt ist mir die Sache klar. Es ist einfach ein Spaß von dem Jungen.« Sie lachte und hob das Glas. »Komm, Ernst! Wir wollen Frieden mit einander halten, wir sind doch schließlich zu alt, um uns immer zu zanken.«

Lachmann stieß mit ihr an. »Da hast du recht.« Er setzte sich nieder und ging zum dritten Mal seiner Gans zu Leibe.

»Jetzt kannst du mir etwas abgeben,« meinte Agathe und schob ihm den Teller hin.

Während er ihr vorlegte, begann er von neuem. »Das ist alles gut und schön und es freut mich, daß der Appetit bei dir kommt. Aber mit all dem weißt du noch nicht, wo dein Bruder steckt.«

Agathe ließ sich nicht stören. »Er wird sich schon melden, du 71 sollst sehen, er kommt hierher. Ach, wie gut war es doch, daß ich gleich zu dir gereist bin. Du glaubst gar nicht, wie sehr du mich getröstet hast.«

»Du, Agathe, ganz richtig steht es mit deinem Bruder nicht, sicher nicht. Er hat hier Dummheiten über Dummheiten gemacht.«

»Ein Schwarzseher bist du, Ernst. Warum soll er nicht Dummheiten machen, wenn er einmal der Zucht entronnen ist? Machst du etwa nie welche?«

»Selten, ich würde an deiner Stelle nicht allzu zuversichtlich sein.«

Agathe stemmte beide Ellenbogen auf den Tisch. »Nun höre einmal zu. Wie ich meinen Bruder kenne, ist er einfach von deinen schlechten Grundsätzen wieder angesteckt worden und hat einen Rückfall in seine liederliche Zeit. Ist das der Fall, so wette ich zehn gegen eins, daß er noch heute hier eintrifft, um mit dir zu bummeln. Und wenn jemand so klar ist, daß er sich den besten Zecher aussucht, um mit ihm zu kneipen, dann ist er nicht verrückt.«

»Und wenn er nicht kommt?«

»Er kommt, verlaß dich darauf! Wollen wir wetten?«

»Gut, gewinne ich, so bezahlst du einen Korb Champagner und trinkst ihn mit aus.«

»Einverstanden; und ich bekomme meine –«

»Nein, die Briefe bekommst du nicht. Aber ich werde dir 100 Mark für deine Suppenanstalt schenken.«

Agathe gewann ihre Wette. Als die beiden von einem Spaziergang zurückkehrten, fanden Sie ein Telegramm vom Vikar, daß August Müller auf dem Wege zu Lachmann sei. Der Vetter bezahlte schweigend sein Geld. Am Abend saßen sie friedlich beisammen und warteten. Agathe hatte versprochen, sich willig der Führung Lachmanns anzuvertrauen, und sich nach ihm zu richten.

Als Thomas beim Eintreten seine Schwester sah, runzelte er ein wenig die Stirn, dann aber begrüßte er sie freundlich. »Das ist Recht, daß du auch hierher gekommen bist, Schwesterherz. Nun wollen wir eine vergnügte Zeit miteinander verleben. Nicht wahr, alter Lachmann? Aber vor allem, gebt mir etwas zu essen, ich sterbe vor Hunger.«

Während für ihn aufgetragen wurde, sprach er von dem und 72 jenem, fragte nach Alwine und dem Hause, nach Lachmanns Praxis, nach den Neuigkeiten des Tages. Agathe, die ihn verstohlen beobachtete, schüttelte mehrmals verwundert den Kopf und blickte zu Lachmann hinüber. Der Bruder war wieder ganz wie früher, heiter, liebenswürdig, als sei nichts vorgefallen. Sie atmete auf. Aber gar zu gern hätte sie gewußt, was in dieser Menschenseele in den letzten Tagen vor sich gegangen war. Hätte Lachmann es nicht so streng verboten gehabt, sie wäre mit der Frage nach des Bruders Erlebnissen vorgerückt.

Während des Essens fragte der Ankömmling unvermittelt: »Wie lange willst du denn hier bleiben, Agathe?«

Agathe warf einen fragenden Blick auf Lachmann, der warnend den Finger hob. »Oh, das hat keine Eile,« sagte sie dann, »Alwine wird alles gut besorgen. Wir können ruhig einige Tage hier beim Vetter bleiben und fahren dann zusammen zurück.«

Ihr Bruder beugte den Kopf tiefer und erwiderte nichts. Kurz darauf aber begann er von neuem zu plaudern. Er erkundigte sich nach Theater und Konzerten, nach dem Zirkus, und als Lachmann vorschlug, zusammen in das Schauspielhaus zu gehen, nahm er es mit Freuden an. Er wolle nur erst in das Hotel fahren, um sich umzukleiden.

»So, du hast schon Quartier gemacht,« sagte Lachmann. »Wo bist du abgestiegen?«

»Im Löwen wie gewöhnlich. Auf Wiedersehen.«

»Halt, halt! ich fahre mit,« rief Agathe. »Hoffentlich ist noch ein Zimmer für mich frei.«

Der Bruder stand schon auf dem Korridor. »So viel ich weiß, ist das ganze Haus besetzt.«

»Ach was«, rief Agathe, stellte sich vor den Spiegel und band sorgfältig die Schleife ihrer Hutbänder, auf die sie besonders stolz war. »Für mich findet sich schon noch ein Plätzchen. August, so warte doch, August!« rief sie dem Davoneilenden nach, mußte sich aber entschließen, ihr Kunstwerk halb vollendet zu lassen, wenn sie den kaum Eingefangenen nicht wieder verlieren wollte.

»Wir treffen uns vor dem Theater,« rief Lachmann, der oben am Treppenabsatz stand und ihnen hinableuchtete.

73 »Du könntest eine Loge nehmen,« tönte es von unten zurück.

»Eine Loge?« mischte sich Agathe ein. »Warum nicht gar, August. Das ist viel zu teuer.«

Lachmann schnitt ihr das Wort ab. »Ja, ja, gewiß. Dann ist es gemütlicher. Ich werde alles besorgen, Vetter.«

Agathe ärgerte sich über den höhnischen Blick, mit dem der brüderliche Verschwender ihr beim Einsteigen zusah, sie sagte jedoch nichts, ja sie brachte es über sich, seine offene Ungezogenheit in dem Hotel schweigend zu erdulden. Er ließ sich nämlich den Plan des Gebäudes geben und unter dem Vorwand, seine Schwester könne aus Angst vor Feuersgefahr nicht hoch wohnen, suchte er ihr das teuerste Zimmer in dem ganzen Hause aus. Der Zufall wollte es, daß es gerade unter seinem eigenen Quartier lag.

»Es ist dir doch recht so?« wandte er sich höflich an die kleine Frau, und sie verschluckte tapfer das: nein, gar nicht. Denn sie sah, wie sich plötzlich das Gesicht ihres Bruders verzerrte und der furchtbar dumme Kalbsblick bei ihm zum Vorschein kam, vor dem sie schon einmal so erschrocken war.

»Also führen Sie die Dame nach Nr. 10,« sagte Thomas und schritt pfeifend davon.

Im übrigen verlief der Abend ruhig. Die Drei nahmen in harmloser Fröhlichkeit das Schauspiel hin und speisten dann sehr vergnügt miteinander im Löwen. Für den nächsten Morgen verabredete man ein gemeinsames Frühstück bei Lachmann. Dann wollten die beiden Männer zum Frühschoppen in die Weinstube des Lord gehen, wo sie ein paar Freunde zu treffen hofften.

 


 

 << Kapitel 13  Kapitel 15 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.